systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Adventskalender 2019

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Auch in diesem Jahr gibt es wieder den systemagazin-Adventskalender, ein Raum für Geschichten, Einfälle, Erinnerungen und Assoziationen, die dieses Mal mit dem Mauerfall vor 30 Jahren verbunden sein sollen. Wie immer ist der Kalender zu Beginn noch längst nicht gefüllt, daher hier noch einmal die Einladung an alle Leserinnen und Leser, sich mit ihren eigenen Überlegungen und Erzählungen zu beteiligen. Welche Dynamiken hat die Vereinigung zweier so unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und kultureller Systeme in Gang gebracht? Was verbindet, was trennt bis heute? Welche Symmetrien und Asymmetrien, Macht- und Größendifferenzen, Konfliktlagen und Mentalitätsunterschiede haben diese Dynamiken geprägt und sind von ihnen geprägt worden? Was war das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten?

Die Beiträge sollen sich an folgenden Fragen orientieren: Wie haben Sie diesen Tag und das, was danach folgte, erlebt? Welche persönlichen und professionellen Begegnungen haben sich für Sie aus der Wiedervereinigung ergeben? Welche Unterschiede haben sich für Sie aufgelöst, welche erhalten oder sogar verstärkt? Welche erlebten und erleben Sie als produktiv und spannend, welche als problematisch und besorgniserregend? Wie hat sich die Wiedervereinigung in der Entwicklung der systemischen Szene in Deutschland bemerkbar gemacht? Was bedeutet es, aus einer systemischen Perspektive auf diese Geschichte zu schauen – und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?

Ich freue mich, wenn Sie sich beteiligen wollen und mir Ihre Reflexionen an tom@levold.de zuschicken mögen.

Den Anfang macht heute Thomas Keller, für den der 9.11.1989 der Beginn einer freundschaftlichen Zusammenarbeit wurde.

Thomas Keller: Überraschung in der Pizzeria

Seit 1985 war ich Chefarzt an einem großen psychiatrischen Krankenhaus in Langenfeld. Von Anfang an arbeiteten wir daran, systemische Arbeitsformen im Alltag der psychiatrischen Klinik zu entwickeln, dabei wurden wir von unserem externen Supervisor Klaus Deissler unterstützt, dem Gründer und Leiter des Marburger Instituts. Unsere Arbeitsgruppe traf sich mehrmals im Jahr an Wochenenden. 1989 hatten wir bereits ein brauchbares Modell für Kooperation im Netzwerk von Patient*in, Angehörigen und beteiligten Fachleuten entwickelt. Am 9. November dieses Jahres hatten wir einen ganz besonderen Gast: Ulrike Jänicke aus Halle. Wir erfuhren, dass sie – seinerzeit Oberärztin in der Psychiatrie der dortigen Universität – eine Pionierin des Systemischen Ansatzes in der DDR war und von den dortigen Behörden die Genehmigung hatte, in den Westen zu reisen, um unterschiedliche systemische Arbeitsgruppen zu besuchen. Sie kam auch zu uns, weil sie gehört hatte, dass wir im psychiatrischen Alltag systemisch arbeiteten.

Abends gingen wir in eine Pizzeria. Wir hatten kaum bestellt, da ging die Tür auf, Leute kamen herein und sagten: „Im Fernsehen haben sie gerade gesagt, dass in Berlin die Mauer aufgemacht wird.“ Wir waren wie vom Donner gerührt, besonders aber natürlich Ulrike. Sie musste erst mal rausgehen, um diese epochale Nachricht für sich zu verarbeiten. Dann versuchte sie, mit ihrer Familie zu Hause zu telefonieren.

Es wurde der Beginn einer langen und freundschaftlichen Zusammenarbeit. Das Marburger Institut bot ihr eine Weiterbildung an, später kam es zu gemeinsamen Projekten in Halle und Leipzig. Ulrike Jaenicke wollte aber keine Ostfiliale eines Westinstituts aufmachen, sondern sie gründete  ihr eigenes Institut in Halle, das später nach Leipzig umzog. Sie wurde Vorstandsmitglied der Systemischen Gesellschaft und machte sich schließlich noch einen Namen in der systemischen Organisationsentwicklung. Ihr Mann wurde mit einem Software-Unternehmen erfolgreich.

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Ein Kommentar

  1. Danke, lieber Thomas, für diese Erinnerung und zugleich herzliche Grüße an Ulrike, die ich in meiner (kurzen) Zeit in Jena (ein halbes Jahr Lehrstuhlvertretung) mehrere Male in Halle besucht habe. Viele schöne Erinnerungen!

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