systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

8. Oktober 2018
von Tom Levold
Keine Kommentare

Bruno Hildenbrand wird 70!

Bruno Hildenbrand

systemagazin gratuliert Bruno Hildenbrand ganz herzlich zum 70. Geburtstag, den er heute feiert. In der systemischen Szene ist er vor allem durch seine Zusammenarbeit und die gemeinsamen Veröffentlichungen mit Rosmarie Welter-Enderlin („Systemische Therapie als Begegnung“), durch die Schriftleitung von „System Familie“ und durch seine Arbeiten zur Genogrammanalyse bekannt geworden. Von 1994 bis 2014 war er Professor für Sozialisationstheorie und Mikrosoziologie am Institut für Soziologie der Friedrich-Schiller-Universität Jena. Nach seinem Studium der Soziologie, der Politischen Wissenschaften und der Psychologie an der Universität Konstanz arbeitete er von 1979 bis 1984 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Psychiatrischen Klinik der Philipps-Universität Marburg und war anschließend Hochschulassistent an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt am Main von 1984 bis 1989, wo er sich 1991 habilitierte. Von 1989 bis 1994 arbeitete er als Fachleiter für Arbeit mit psychisch Kranken und Suchtkranken an der Berufsakademie Villingen-Schwenningen. Als „Klinischer Soziologe“ entwickelte er eine besondere Perspektive auf die Arbeit mit psychiatrischen Patienten wie auch auf die beraterische Arbeit mit Familien, vor allem mit Familien in ländlichen Regionen. Dieser Arbeit galt auch immer wieder sein Forschungsinteresse, dass u.a. auf Transformationsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe in ländlichen Regionen Ost- und Westdeutschlands, Sozialisationsprozesse in der Pflegefamilie, Verfachlichung alltäglicher Lebenspraxis und die fallrekonstruktiven Verfahren in den Sozialwissenschaften gerichtet war.

1996-2000 war er Schriftleiter der letzten Jahrgänge der Zeitschrift „System Familie“, die 2000 vom Springer-Verlag eingestellt wurde. Die letzten drei Jahre machten wir das gemeinsam, in dieser Zeit lernten wir uns intensiver kennen und schätzen, eine freundschaftliche Verbindung, die bis heute anhält. Im Zuge seiner eher untypischen wissenschaftlichen und praktischen Karriere hat sich Bruno Hildenbrand eine Unabhängigkeit sowohl in der Hochschullandschaft als auch im systemischen Feld erhalten, die seine kritischen (und oft durchaus polemischen) Perspektiven auf die systemischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte umso wertvoller machen, auch wenn seine Lust an der Provokation nicht jedermanns Sache ist. Die Folgen eines Schlaganfalls im Jahre 2012, zwei Jahre vor seinem Ruhestand, hat er – mit großer Unterstützung seiner Frau Astrid – bravourös gemeistert, die daraus resultierende Lähmung verunmöglichte ihm, zu schreiben, weshalb er seine immense Textproduktion auf Spracherkennung am Computer umstellte. Sein unglaublich breites Hintergrundwissen, seine Gründlichkeit und Strenge bei der editorischen Arbeit und seine Unerschrockenheit in inhaltlichen Auseinandersetzungen habe ich immer bewundert und geschätzt. Pünktlich zum 70. Geburtstag ist in der aktuellen Ausgabe des Kontext ein ausführliches Interview mit Bruno Hildenbrand erschienen, das Petra Bauer und ich mit ihm im vergangenen Jahr über sein Leben und seine professionelle Entwicklung geführt haben.

Lieber Bruno, ganz herzliche Glückwünsche zum runden Geburtstag und alles Gute für die kommenden Lebensjahre. Ich wünsche dir und uns, dass deine Energie und Schaffenskraft trotz aller Einschränkungen auch in Zukunft erhalten bleiben und wir noch viele interessante An- und Einsichten von dir bekommen werden! Aber da bin ich ganz zuversichtlich!

Herzliche Grüße, Tom

25. September 2018
von Tom Levold
Keine Kommentare

Begegnungen im Reich der Mitte

Ulrich Sollmann: „Begegnungen im Reich der Mitte – Mit psychologischem Blick unterwegs in ChinaUlrich Sollmann, Körper und Gestaltpsychotherapeut, ist in der systemischen Szene vor allem durch seinen Blog „Der Körperleser“ bei carl-auer.de bekannt. Seit einigen Jahren reist er regelmäßig nach China und führt dort als Mitglied der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie Weiterbildungskurse und Workshops durch. Seine Faszination für China war der Grund für sein Buch Begegnungen im Reich der Mitte – Mit psychologischem Blick unterwegs in China,  das Anfang des Jahres im Psychosozial-Verlag in Gießen erschienen ist. Jens Tasche aus Berlin, selbst Bioenergetiker, hat das Buch gelesen. Seine Rezension wird 2019 auch im Forum für Bioenergetische Analyse erscheinen.

Jens Tasche, Berlin:

Keine Frage, Ulrich Sollmann hat sich in das Land China verliebt. Versehen mit einem durchaus kritischen, psychologischen Blick und seiner Kompetenz als Körperpsychotherapeut möchte er mit diesem Buch Verständnis für das Land und dessen Bewohner wecken. Nach Aussage eines mit ihm befreundeten chinesischen Personalberaters sind 80 Prozent der in China arbeitenden Deutschen am Ende ihres Aufenthaltes froh, das Land endlich verlassen zu können. Während der chinesische Freund möchte, „dass nur solche Menschen kommen mögen, die das Land lieben“, will Sollmann durch sein Buch dazu beitragen, dass eine solche Liebe – getragen durch einfühlendes kulturelles Verstehen – gelingen kann.

Ulrich Sollmann ist seit längerer Zeit mit China vertraut. Als Mitglied der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie (DCAP) – einem Zusammenschluss von ärztlichen und psychotherapeutischen Kollegen aus China und Deutschland – führt er dort unter anderem Weiterbildungen durch. Seit 2013 besucht er das Land regelmäßig für sechs Wochen im Jahr, hält Vorträge, leitet Workshops und produziert Lehrvideos. Sein Buch „Einführung in die Körpersprache und nonverbale Kommunikation“ wurde ins Chinesische übersetzt.

Das hier besprochene Buch handelt von den Erfahrungen, die Sollmann in China machen durfte. Er will – und das gelingt ihm hervorragend – dem Leser einen Einblick in die Lebenswirklichkeit des Landes vermitteln. Dabei versteht er sich als ethnologischer Wanderer, als Flaneur, der die Menschen und ihren Alltag erforscht und erlebt. Sollmann beobachtet und begegnet Menschen, um seine Erlebnisse dann auf der Basis seiner psychologischen und körperpsychotherapeutischen Erfahrungen zu reflektieren. So ist er stets gleichzeitig Handelnder und Erkennender. Sollmanns privater Forschungsansatz ist wohl irgendwo zwischen Margaret Mead und der Ethnopsychoanalyse zu verorten und stark von einem hermeneutischen Wissenschaftsverständnis geprägt. Weiterlesen →

14. September 2018
von Tom Levold
3 Kommentare

Humberto Maturana wird 90!

Humberto R. Maturana

Heute feiert Humberto R. Maturana seinen 90. Geburtstag. Der chilenische Biologe und Philosoph wurde am 14. September 1928 in Santiago de Chile geboren und gilt als ein wichtiger Wegbereiter der konstruktivistischen Erkenntnistheorie. Er studierte ab 1948 Medizin an der Universidad de Chile und ging 1954 mit einem Stipendium der Rockefeller-Stiftung an das University College in London. Dort entwickelte er erstmals eine Theorie zur Existenz lebender Systeme als autonome dynamische Einheiten. Ab 1956 lebte er in Harvard, USA, wo er 1958 das Doktorat in Biologie abschloss, und arbeitete bis 1960 am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge (Massachusetts), USA. 1960 erhielt er den Ruf auf den Lehrstuhl für Biologie an der Fakultät für Medizin der Universidad de Chile, Santiago de Chile. Dort spezialisierte er sich auf Untersuchungen zur visuellen Perzeption, insbesondere der Farbwahrnehmung, und auf die Grundlagen zur Unterscheidung lebender Systeme und nicht-lebender Systeme. 1968 reiste er auf Einladung Heinz von Foersters nach Urbana und nahm von 1969 bis 1970 eine Gastprofessur an der University of Illinois wahr.Von 1970 bis 1973 arbeitete er in enger Kooperation mit Francisco J. Varela in Santiago de Chile. Ab 1970 widmete er sich vor allem der Weiterentwicklung der „Biologie der Erkenntnis“ und beschäftigt sich als Neurophysiologe mit erkenntnistheoretischen Problemen über den Weg der „Biologie des Erkennens“.

Seine Theorie der Autopoise lebender Systeme (im engeren Sinne: der Autopoiese der zellulären Vorgänge in Organismen) erwies sich als äußerst einflussreich im systemisch-konstruktivistischen Diskurs. Der Begriff der Autopoiese wurde von Niklas Luhmann auf die Organisation psychischer und sozialer Systeme übertragen, eine Theorieentscheidung, der Maturana bis heute widerspricht. In einem Gespräch mit Bernhard Pörksen, das 2001 in der Zeitschrift Communicatio Socialis erschienen ist, erklärt er, warum er die Übernahme des Autopoiese-Begriffs für die Theorie Sozialer Systeme für falsch hält.

systemagazin gratuliert Humberto Maturana und wünscht ihm alles Gute für die kommenden Zeiten!

13. September 2018
von Tom Levold
Keine Kommentare

Angst und Methode

Angst und Methode in den VerhaltenswissenschaftenHeute vor 110 Jahren wurde der Pionier der Ethnopsychoanalyse Georges Devereux in Lugos, Ungarn, geboren. Sein methodologisches Hauptwerk „From anxiety to method in the behavioral sciences“ erschien 1967 auf Englisch, die deutsche Übersetzung „Angst und Methode in den Verhaltenswissenschaften“ 1973 bei Hanser. Darin liefert Devereux eine Kritik der vorherrschenden verhaltenswissenschaftlichen Methodologie. Der Anthropologe Weston La Barre schreibt in seinem Vorwort zu diesem Buch (nachdem er auf die Entdeckung der Beobachterabhängigkeit aller Beobachtung in den Naturwissenschaften hingewiesen hat): „Mittlerweile fahren die sich selbst so nennenden »Sozialwissenschaften«, die seit dem 17. Jhdt. nach dem Prestige der exakten physikalischen Wissenschaften streben, mit erhabenem Ernst fort, sich nach dem mechanistischen Newtonschen Modell des 17. Jhdts. auszurichten, als hätten

Einstein und Heisenberg in der Zwischenzeit nicht die Physik revolutioniert. Es ist mehr als ironisch, daß ausgerechnet die am wenigsten exakte der Sozialwissenschaften, die hoffnungslos humanistisch-naturalistische Erforschung des Menschen aus der »Vogelperspektive«, zuerst die relativistisch-indeterministische anthropische Spitzfindigkeit erfassen sollte, daß der unsichtbare Mensch verzweifelt versucht, nicht dabei gesehen zu werden, wie er andere Menschen sieht, während die akademische Psychologie und Soziologie auf dem Königsweg Newtonscher Epistemologie sogar noch weiter zurückgeblieben sind. Einfältig »experimentell«-manipulativen Sozialwissenschaftlern mangelt es zu sehr an Demut wie auch an Witz, um

Georges Devereux (ca. 1932)

Georges Devereux (ca. 1932)

erkennen zu können, daß sie ihre Wahrheitsmaschinen mit vielfach von Menschen verunreinigten Daten füttern und – trotz zwanghaft exakter »Methodologie« – deshalb einzig die lokale zeitgenössische Folklore über unsere Gesellschaft umständlich, mühselig und vor allem unwissentlich neuentdecken“. Auch wenn Devereux die Beschäftigung der Forscher mit ihren Daten unter dem Aspekt von Übertragung und Gegenübertragung, also mit einem psychoanalytischen Vokabular untersucht, lässt sich dieses Werk auch als eine frühe Arbeit zur Theorie der Wissenschaft als subjektabhängige Beobachtung verstehen, die Devereux an zahllosen Fallbeispielen überwiegend aus Ethnologie und Psychiatrie, verdeutlicht. Dabei geht es ihm darum, dass verhaltenswissenschaftliche Daten regelmäßig angsterregend sind. Wird dies nicht bewusst, kommt es zu Gegenübertragungsreaktionen. In einer auf vermeintliche Objektivität orientierten Methodologie wird dies nicht nur nicht bemerkt, sondern die Methode selbst wird zum Mittel der Angstbewältigung.

Lobenswerterweise ist zum 110. Jahrestag dieses Buch im April in der Buchreihe: Bibliothek der Psychoanalyse des Psychosozial-Verlags neu aufgelegt worden. Die Lektüre lohnt sich immer noch.

1. September 2018
von Tom Levold
4 Kommentare

Wie gefährlich ist Donald Trump?

Ulrich Sollmann, Bochum:

Mitte letzten Jahres hatten 27 Psychiater und Psychologen den US-amerikanischen Präsidenten Donald Trump auf die virtuelle Couch gelegt. Jetzt liegt das Buch endlich auch auf Deutsch vor.
Kann man die Psyche eines Menschen aus der Distanz beurteilen? Fragten sich damals prominente Psychiater und Psychologen, um dann ein wirklich mehr als nachdenkenswertes Buch herauszugeben. Einerseits besticht das Buch durch differenzierte, fundierte und wissenschaftliche Genauigkeit in der Darstellung psychologischer und psychiatrischer Zusammenhänge. Diese ranken sich um die Person des Protagonisten Donald Trump, aber auch um die US-amerikanische Gesellschaft sowie um die sich zuspitzende, brisante, hierdurch beeinflusste weltpolitische Lage. Zudem nimmt das Buch einen bedeutsamen und einzigartigen Platz ein im Rahmen gesellschaftspolitischen Verhaltens der psychologischen/ psychiatrischen/ psychotherapeutischen Zunft ein.
Die 27 Autoren hatten sich zu dieser Streitschrift entschieden, obwohl es die sog. „Goldwater-Regel“ bzw. Abschnitt 7, Punkt 3 des ethischen Kodes der American Psychiatric Association gibt, die besagt „es ist unethisch, wenn ein Psychiater eine professionelle Meinung über eine Person des öffentlichen Lebens zu Gehör bringt, es sei denn, er oder sie hat die betreffende Person untersucht und ist autorisiert eine solche Beurteilung abzugeben.“
Diese Goldwater-Regel markiert die Grenzen der praktischen Berufsausübung. Sie hilft auch professionelle Integrität zu wahren und schützt die Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens vor Diffamierung. Was aber, so fragten sich die Autoren, sollte getan werden, wenn das Verhalten einer öffentlichen Person, sprich in diesem Fall eines US-amerikanischen Präsidenten, potentiell verheerende Folgen nach sich ziehen kann oder wird. Die Autoren sehen sich daher in Übereinstimmung mit der sog. Tarasoff-Doktrin, einem Gerichtsurteil, das im Zusammenhang mit dem Fall Tarasoff vs. University of California erging. Demnach ist es sogar die Pflicht aller Fachleute für psychische Gesundheit, die Bürger der Vereinigten Staaten und die Völker der Erde vor den potentiell verheerenden Folgen des Verhaltens von Politikern (m.E.: inklusive eines US-amerikanischen Präsidenten) zu warnen. Weiterlesen →

26. August 2018
von Tom Levold
4 Kommentare

Systemische Geschichtswerkstatt ist online

Liebe systemagazin-Freunde,

nach einer längeren Sommerpause freue ich mich, Ihnen heute etwas ganz Besonderes vorstellen zu können, das es in dieser Form bislang noch nicht gegeben hat.

Die Systemische Geschichtswerkstatt bietet eine nicht-lineare visuelle Darstellung der Geschichte des systemischen Ansatzes und seiner theoretischen und praktischen Vorläufer. Im Fenster unten sehen Sie eine an die Formatierung des systemagazins angepasste eingebettete Version als Vorschau.

Zur Geschichtswerkstatt in einem eigenen großen Fenster geht es hier:

 

Die Systemische Geschichtswerkstatt ist eine private Arbeitsgruppe, zu der sich Kurt Ludewig, Annie Michelmann, Wolf Ritscher, Wilhelm Rotthaus und Gisal Wnuk-Gette und ich 2014 zusammengefunden haben. Ausgangspunkt war unsere Erfahrung als DozentInnen an vielen systemischen Weiterbildungsinstituten, dass Namen und Daten aus der Geschichte des systemischen Ansatzes, die in den 80er und 90er Jahren eine große Rolle gespielt haben, heute schon relativ unbekannt sind und deren Vermittlung in der Regel auch keinen besonderen Stellenwert in den Curricula der Weiterbildungsinstitute hat. Insofern lässt sich von einer gewissen Geschichtsvergessenheit sprechen, die vielleicht auch durch die Fokussierung des systemischen Ansatzes auf die Gegenwart und Zukunft verstärkt wird.

Je nach zeitlicher Einordnung, spätestens aber seit 1980 lässt sich von einem eigenständigen Systemischen Ansatz reden. Mittlerweile, fast 40 Jahre später, hat dieser Ansatz selbst eine beachtliche Geschichte und wird dadurch einer historischen Betrachtung zugänglich bzw. bedarf einer solchen. Die meisten Pioniere der Familientherapie sind mittlerweile bereits verstorben, die zweite Generation der Systemiker steht an der Schwelle des Alters und wird nicht mehr lange aktiv sein.

Die Arbeitsgruppe Systemische Geschichtswerkstatt befasste sich mit unterschiedlichen Formen, in denen die Geschichte des systemischen Ansatzes vermittelt werden könnte. Ein Buch hatte für uns den Nachteil einer zwangsläufig linearen Darstellung, die zudem noch als „Fortschrittsgeschichte“ missverstanden werden könnte. Außerdem wären Ergänzungen und Erweiterungen nur bei Neuauflagen möglich. Einen Film über die Ursprünge des systemischen Ansatzes mit entsprechenden Interviews, Materialien usw. zu erstellen, wäre eine reizvolle Alternative gewesen, allerdings enorm aufwendig, kaum zu bezahlen und hätte sich überdies auf wenige Aspekte beschränken müssen. Wir entschieden uns schließlich für eine Online-Präsentation, die für alle interessierten Menschen kostenlos zugänglich sein soll und besser in der Lage ist, Komplexität abzubilden.
Eine Online-Time Line wäre zwar prinzipiell jederzeit erweiterbar, schied aber aus, weil sie ähnlich wie ein Buch eine komplexe Entwicklung in ein lineares Schema pressen würde. Zur Vorbereitung dieser Datensammlung wurde von Kurt Ludewig eine Time-Line mit über 70 zentralen Ereignissen erstellt, die die Grundlage für die erweiterten Recherchen zu diesem Netzwerk bildeten. Die systemischen Verbände SG und DGSF erklärten sich bereit, die Kosten für die Recherche und die Erstellung der Datenbank für die Systemische Geschichtswerkstatt jeweils zur Hälfte zu finanzieren.

Mit Kumu wurde eine browserbasierte Netzplattform gefunden, die in der Lage ist, sehr komplexe Zusammenhänge benutzerfreundlich darzustellen. Es handelt sich dabei um eine Software zur Visualisierung von Netzwerken, die beliebig viele Items bzw. Knotenpunkte mit beliebig vielen Verbindungen zwischen diesen Items dynamisch abbilden kann. Die Kategorien, die als Knoten für das Geschichtsprojekt-Netzwerk ausgewählt wurden, sind Personen, Jahre, Ereignisse (wie Treffen oder Tagungen), Zeitschriften, Schlüsselwerke (bedeutsame Veröffentlichungen), Therapieansätze, Institute, Organisationen und Verbände. Zu jedem Knoten gibt es in diesem Fenster eine Beschreibung, bei Personen z.B. eine kurze Vita, ein Publikationsverzeichnis, evtl. Fotos und Videos. Von jedem Knoten gehen Verbindungslinien zu zugehörigen anderen Knoten aus, bei Personen z.B. Teilnahme an Tagungen, Mitgliedschaft in Organisationen oder Autorenschaft für bestimmte Schlüsselwerke etc. Auf diese Weise kann man nach Belieben durch eine Vielzahl von Verbindungen wandern und dabei immer neue Zusammenhänge zu finden. Die Recherche, Datensammlung und Erfassung in der Datenbank sowie die technische Umsetzung auf der Netzplattform Kumu wurde von Tom Levold erbracht.

Die Systemische Geschichtswerkstatt ist offen und erweiterbar, Fehler können jederzeit korrigiert und Daten ergänzt werden. Wenn Sie also eine für die systemische Geschichte wichtige Information vermissen, schicken Sie mir eine email, damit ich die entsprechenden Daten schnell ergänzen kann.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Stöbern!

Herzliche Grüße
Tom Levold

2. August 2018
von Tom Levold
6 Kommentare

Zehn Thesen zur Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi, Belmont (CH): Zehn Thesen zur Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi (Foto: T. Levold); Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi
(Foto: T. Levold)

Vorbemerkung: Dieser Text stammt aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel „Schlussbetrachtungen zum ,Grossen Ganzen’. Persönliche, wissenschaftliche und weltanschauliche Reflexionen am Lebensende”. Sein Ziel ist die Klärung des systemtheoretischen Stellenwerts von Emotionen. Für praktische Anwendungen wird auf frühere Publikationen verwiesen (s. Literaturverzeichnis 1-4, ferner 11, 12)

Meiner Ansicht nach bedarf das systemtheoretische Verständnis von psychischen und sozialen Phänomenen, das im deutschen Sprachraum vorherrscht und (zu?) stark von den Konzepten des Soziologen Niklas Luhmann geprägt ist, in mehrfacher Hinsicht einer gründlichen Revision und Klärung. Insbesondere was den Stellenwert von Emotionen und ihre Wechselwirkungen mit den kognitiven Funktionen anbetrifft, scheinen mir die gängigen Konzepte – wie etwa dasjenige der “emotionalen Rahmung” von Rosmarie Welter-Enderlin (12), oder auch Fritz Simons Verständnis der Emotionen als “symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien”(9) – noch zu unscharf, um praktisch wie theoretisch von grossem Nutzen zu sein. Viel zu wenig berücksichtigt wird fast durchwegs die energetisch-dynamische Rolle von Emotionen. Auch das informationsreiche neue Buch von Elisabeth Wagner und Ulrike Russinger über emotionszentrierte systemische Psychotherapien (11) bringt theoretisch meines Erachtens noch keine genügende Klärung.

Sehr unbefriedigend ist (wie ich vor Jahren bereits im Artikel “Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann?…” genauer analysiert habe, vgl. 5) namentlich Luhmanns Behauptung, dass Emotionen, weil dem psychischen Bereich zugehörig, in der Soziologie nicht von Belang wären, abgesehen davon dass sie zuweilen als Stör- und Alarmfaktoren wirken würden (7,8). Aus meiner Sicht dagegen spielen Emotionen gerade auch im sozialen Feld eine zentrale Rolle: Von kollektiven Emotionen geschürte Konflike und Spannungen funktionieren immer wieder als die entscheidenden Motivatoren und Energeieliferanten, welche die (von Luhmann erstaunlich wenig beachtete) Dynamik von mikro- wie makrosozialen Prozessen aller Art vorantreiben. Familienfehden, Massenpanik oder -begeisterung, Protestbewegungen oder Revolutionen liefern dafür spektakuläre Beispiele. Aber auch langfristige soziale Wandlungen wie etwa die jahrzehntelange allmähliche Veränderung der Rolle der Frau in der Gesellschaft werden letztlich von emotionalen Energien angetrieben. Des weiteren sind Emotionen, wie Simon postuliert, auch als Medium der Kommunikation – einem eminent sozialen Phänomen – ganz unentbehrllch. Meines Erachtens gilt sogar, dass Kommunikation ohne Emotion (oder “emotionale Rahmung”) praktisch unwirksam bleibt, das heisst gar nicht in unser Denken in-formiert wird. Und nicht zuletzt wirken positive oder negative emotionale Wertungen auch im sozialen Bereich, ganz gleich wie im psychischen, als wichtigste Verhaltensregulatoren und Komplexitätsreduktoren. Weiterlesen →

22. Juli 2018
von Tom Levold
Keine Kommentare

„Let’s Talk about Sex“

Ulrich Clement hat mit seinen Arbeiten zur systemischen Sexualtherapie den sexualtherapeutischen Diskurs nachhaltig geprägt. Die Wiener Sexualtherapeutin Claudia Bernt 2017 hat in einem schön geschriebenen Text für die „Systemischen Notizen“ unter dem Titel „,Let’s Talk about Sex’. Systemische Sexualtherapie mit Paaren und Einzelpersonen“ wichtige Aspekte seiner Arbeit zusammengefasst und anhand von eigenen Fallbeispielen erläutert. In der Einleitung schreibt sie: „Wie wird man eigentlich Sexualtherapeut*in? Diese Frage stellen mir viele Menschen, wenn Sie mich nach meinem Beruf fragen oder nach meinen Spezialgebieten in der Praxis. Ganz ehrlich? Das Thema hat mich gefunden. Wenn wir mit Paaren, aber auch Einzelpersonen arbeiten, kommt es ganz von allein in den Therapieraum. So sah ich mich immer wieder damit konfrontiert, dass Paare oder auch Einzelpersonen über unbefriedigende sexuelle Erlebnisse sprachen. In ihren Beschreibungen ging es um Lustlosigkeit, Erektionsprobleme, Schwierigkeiten zum Orgasmus zu gelangen, Unsicherheiten in der Geschlechtsidentität oder um sexuelle Vorlieben, die von ihnen selbst als „nicht normal“ gewertet wurden. Manchmal liegt es aber auch an uns Psychotherapeut*innen, das Thema „Sexualität“ explizit anzusprechen, wenn Klient*innen es nur vage andeuten – auch hier ist es wichtig zu konkretisieren und zu kontexualisieren (was ist schon normal …?). Und dennoch scheuen wir uns manchmal davor, denn wie sollen wir in der Therapie über Sexualität sprechen und vor allem, ohne dabei zu sexualisieren? Vielleicht drängen sich auch noch andere Fragen auf: Welche Ideen und Vorstellungen habe ich selbst über gelungene, befriedigende Sexualität? Wie kann ich mich neutral und ohne Sexualmoral positionieren? Der Artikel soll Ideen und Anregungen geben, wie wir über sexuelles Erleben reden können, wenn dieses von unseren Klient*innen als „gestört“ oder nicht zufriedenstellend beschrieben wird. Wie können Psychotherapeut*innen – auch ohne Zusatzausbildung – mit diesen Problembeschreibungen umgehen, ein systemisches Verstehen entwickeln und darauf aufbauend therapeutische Interventionen setzen?

Zu Beginn lohnt es sich, einen kurzen Ausflug in die Entstehungsgeschichte der „klassischen“ Sexualtherapie von Masters und Johnson und weiterführend zur kritischen Auseinandersetzung dieses Ansatzes aus systemischer Sicht zu machen, um darauf aufbauend die Gundprämissen und -haltungen von systemischer Sexualtherapie zu skizzieren. Diese wurde maßgeblich von Ulrich Clement geprägt und ist in aller Ausführlichkeit in seinen Publikationen „Systemische Sexualtherapie“ (2004), „Wenn Liebe fremd geht“ (2009) oder „Dynamik des Begehrens“ (2016) nachzulesen. Anhand von zwei Fallbeispielen aus meiner psychotherapeutischen Praxis sollen Fallverständnis und Interventionsmöglichkeiten von systemischer Sexualtherapie verdeutlicht werden.“

Den vollständigen Text können Sie hier lesen…

13. Juli 2018
von Tom Levold
Keine Kommentare

Selbstmanagement und agile Führung

 

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Konfliktdynamik befasst sich nur am Rande mit Konflikten und Konfliktdynamiken, im Zentrum stehen Texte zum Thema Agilität, dem neuesten Hype der Managementkultur. Verantwortet wird dieses Themenheft von Hans Rudi Fischer und Markus Troja. Interessant ist, was die Herausgeber im Editorial über die Entstehung dieses Heftes schreiben: „Kein anderes Schwerpunktthema in der KonfliktDynamik war bisher so kontrovers in den Gutachterreviews der Texte und in unseren internen Diskussionen. Manche wiesen darauf hin, man müsse nur erst einmal eigene Erfahrungen mit dieser neuen Form des Arbeitens machen: »(die Mitarbeit in einem) agilen Startup ist in vielerlei Hinsicht die beste Berufserfahrung meines Lebens.« Die meisten eingereichten Beiträge waren positiv bis euphorisch. Kritische Stimmen sprachen von »Neuem aus dem Bullshit-Universum« oder von Agilität als Lernprogramm für den Burnout. Einer der Gutachter wies auf die Gefahr ideologischer Überhöhung hin: »Die Idee von der Hierarchiefreiheit hat eine lange Tradition. Sie basiert auf normativen, ideologischen Grundannahmen, die aber letztlich für den Komplexitätsgrad, den die aktuelle digitale Transformation den Unternehmen zumutet, keine angemessene Antwort liefern. Hier werden aktuelle Umgestaltungstrends arbeitsorganisatorischer Prozesse instrumentalisiert, um ganz bestimmte, normative Organisationsvorstellungen zu propagieren.« Bei der Konjunktur des Themas, so der Eindruck, spielen unterschiedliche Motive zusammen: Zum einen geht es um die Suche nach effizienten und effektiven Formen, Organisationen in einer Welt zunehmender Unsicherheit und schnellen Wandels überlebensfähig zu halten. Zum anderen gibt es die Sehnsucht, z. B. unter dem Schlagwort »New Work«, entfremdeter Arbeit entgegen zu wirken und Formen von Zusammenarbeit zu ermöglichen, in denen sich der Mensch ganzheitlicher angesprochen fühlt und seine Tätigkeit als sinnstiftend und erfüllend erlebt. Ein anderer Diskussionsstrang ergibt sich aus der Kritik institutionalisierter Formen des Entscheidens und betrieblichen Aushandelns.“

Alle bibliografischen Angaben und abstracts dieses Heftes finden Sie hier…

Zur Werkzeugleiste springen