systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

17. Oktober 2017
von Tom Levold
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Erkunden, erinnern, erzählen

 

Frisch aus der Druckerpresse: Unser Interview-Band mit allen Interviews, die seit 1979 im Kontext, der Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie und Familientherapie, erschienen sind. Enthalten sind sowohl Interviews aus der Frühzeit mit Mara Selvini-Palazzoli, Ivan Boszormenyi-Nagy, Paul Watzlawick, Virginia Satir als auch die Gespräche, die seit 2006 regelmäßig geführt wurden, u.a. mit Helm Stierlin, Josef Duss-von Werth, Kurt Ludewig, Wilhelm Rotthaus und vielen anderen. Aus dem systemagazin sind noch Interviews mit Rosmarie Welter-Enderlin und Eve Lipchik dazu gekommen. Wer sich mit der systemischen Geschichte und ihren vielfältigen und sehr unterschiedlichen Wurzeln beschäftigen will, wird hier einen reichen Fundus an Erinnerungen und Geschichten finden. Das Einleitungskapitel „Geschichte und Geschichten: Systemische Therapie wird historisch“ von Tom Levold und Wolf Ritscher gibt es auch als Leseprobe online zu lesen, und zwar hier…

4. Oktober 2017
von Tom Levold
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Anstieg der Verfahren zur Kindeswohlgefährdung um 5,7 %

WIESBADEN – Die Jugendämter in Deutschland führten im Jahr 2016 rund 136 900 Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls durch. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, bedeutet dies einen Anstieg um 5,7 % gegenüber dem Vorjahr.

Von allen Verfahren bewerteten die Jugendämter 21 600 eindeutig als Kindeswohl­gefährdungen („akute Kindeswohlgefährdung“). Hier gab es gegenüber 2015 einen Anstieg um 3,7 %. Bei 24 200 Verfahren (+ 0,1 %) konnte eine Gefährdung des Kindes nicht ausgeschlossen werden („latente Kindeswohlgefährdung“). In rund 46 600 Fällen (+ 8,0 %) kamen die Fachkräfte des Jugendamtes zu dem Ergebnis, dass zwar keine Kindeswohlgefährdung, aber ein weiterer Hilfe- oder Unterstützungsbedarf vorlag. In fast ebenso vielen Fällen (44 500) wurde weder eine Kindeswohlgefährdung noch weiterer Hilfebedarf festgestellt (+ 7,8 %).

Die meisten der rund 45 800 Kinder, bei denen eine akute oder latente Kindeswohlgefährdung vorlag, wiesen Anzeichen von Vernachlässigung auf (61,1 %). In 28,4 % der Fälle wurden Anzeichen für psychische Misshandlung festgestellt. Etwas seltener (25,7 %) wiesen die Kinder Anzeichen für körperliche Misshandlung auf. Anzeichen für sexuelle Gewalt wurden in 4,4 % der Fälle von Kindeswohlgefährdung festgestellt. Mehrfachnennungen waren möglich.

Die Gefährdungseinschätzungen wurden in etwa gleich häufig für Jungen und Mädchen durchgeführt. Kleinkinder waren bei den Verfahren zur Einschätzung der Gefährdung des Kindeswohls besonders betroffen. Beinahe jedes vierte Kind (23,2 %), für das ein Verfahren durchgeführt wurde, hatte das dritte Lebensjahr noch nicht vollendet. Drei- bis fünfjährige Kinder waren wie im Vorjahr von einem Fünftel (19,4 %) der Verfahren betroffen. Kinder im Grundschulalter (6 bis 9 Jahre) waren mit 22,7 % beteiligt. Mit zunehmendem Alter nehmen die Gefährdungseinschätzungen ab: Kinder im Alter von 10 bis 13 Jahren hatten einen Anteil von 18,7 % an den Verfahren, Jugendliche (14 bis 17 Jahre) nur noch von 16,0 %.

Am häufigsten machten Polizei, Gericht oder Staatsanwaltschaft das Jugendamt auf eine mögliche Kindeswohlgefährdung aufmerksam, und zwar bei 22,1 % der Verfahren. Bei 12,9 % kamen die Hinweise von Schulen oder Kindertageseinrichtungen, bei 11,6 % waren es Bekannte oder Nachbarn. Gut jeden zehnten Hinweis (10,4 %) erhielten die Jugendämter anonym.

Quelle: Pressemitteilungen – 2016: Anstieg der Verfahren zur Kindeswohlgefährdung um 5,7 % – Statistisches Bundesamt (Destatis)

30. September 2017
von Tom Levold
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Jürgen Kriz erhält Egnér-Preis 2019

Der Psychologe Prof. em. Dr. Jürgen Kriz von der Universität Osnabrück erhält den Egnér-Preis 2019. Bei der Auszeichnung handelt es sich um einen der höchst dotierten Wissenschaftspreise in der Schweiz; vergeben wird er vom Stiftungsrat der „Dr. Margrit Egnér-Stiftung“. Der Preis wird verliehen an Personen, die sich durch ihr Lebenswerk „auf dem Gebiet der anthropologischen und humanistischen Psychologie unter Einschluss der entsprechenden Richtungen der Philosophie und Medizin“ besondere Verdienste im Sinne des Stiftungsgedankens erworben haben. Zusammen mit Prof. Kriz wird der Egnér-Preis 2019 an die beiden Mediziner Prof. Dr. med. et phil. Gerhard Danzer (Charité Berlin) und Prof. Dr. med. Horst Haltenhof (MHH Hannover/Klinikum Plauen) verliehen. Die öffentliche Preisverleihung findet Ende 2019 in der Aula der Universität Zürich statt.

Mit vielfältigen wissenschaftlichen Forschungsgebieten konnte Kriz sich international einen Namen machen. So hat der Wissenschaftler Bücher über die verschiedenen Psychotherapierichtungen veröffentlicht, aber auch über Statistik, Forschungsmethoden, Datenverarbeitung oder Wissenschaftstheorie. Mit seinem Ansatz, der „Personzentrierten Systemtheorie“, hat er als wissenschaftlicher Autor, Herausgeber, Referent und Organisator von Konferenzen einen großen Beitrag geleistet. Damit trug er vor allem in den Anwendungsbereichen der Klinischen Psychologie und der Psychotherapie zum Antrieb wissenschaftlicher Prozesse bei.

Kriz, 1944 in Ehrhorn/Soltau geboren, studierte Psychologie, Pädagogik und Philosophie sowie Astronomie und Astrophysik in Hamburg und Wien. In seiner 1969 erschienenen Dissertation befasste er sich mit der Entscheidungstheorie. In den folgenden Jahren war Kriz unter anderem in Wien, Hamburg und Bielefeld tätig, wo er 1972 mit nur 27 Jahren eine Professur für Statistik an der Fakultät für Soziologie erhielt. Bereits 1974 folgte er dem Ruf auf einen Lehrstuhl für »Empirische Sozialforschung, Statistik und Wissenschaftstheorie« an die Universität Osnabrück. 1980 wechselte er in den seinerzeit neugegründeten Fachbereich Psychologie, und lehrte seit diesem Zeitpunkt Psychotherapie und Klinische Psychologie bis zu seiner Emeritierung 2010. Darüber hinaus war der international renommierte Wissenschaftler auch als Psychologischer Psychotherapeut tätig. In dieser Eigenschaft war er von 2000 bis 2010 zudem Delegierter in der Niedersächsischen Psychotherapeutenkammer. Zwischen 2005 bis 2009 gehörte er dem »Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie« an – einem Gremium aus sechs psychologischen und sechs ärztlichen Professoren, das in Berlin die Weichen für die Psychotherapie in der Bundesrepublik stellt. Gastprofessuren hatte Kriz in Berlin, Wien, Zürich, Riga, Moskau und den USA inne.

Neben zahlreichen Ehrenmitgliedschaften psychotherapeutischer Fachverbände erhielt Kriz bereits einige weitere Auszeichnungen, unter anderem 2004 den Viktor-Frankl-Preis der Stadt Wien für das Lebenswerk in Humanistischer Psychotherapie, 2014 den AGHPT-Award der „Arbeitsgemeinschaft humanistische Psychotherapie“ , die 11 Verbände mit rund 10.000 Mitgliedern vertritt, sowie den 2016 Ehrenpreis der „Gesellschaft für Personzentrierte Psychotherapie und Beratung“. (Pressemitteilung der Universität Osnabrück v. 19.9.2017, Foto: Universität Osnabrück)

28. September 2017
von Tom Levold
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Kurt Buchinger (27.11.1943-23.9.2017)

Am vergangenen Samstag ist Kurt Buchinger in Wien gestorben. Nach einem Studium der Philosophie und Psychologie an der Universität Wien und einer psychoanalytischen Ausbildung war er von 1973 bis 1993 Mitarbeiter an der Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie der Universität Wien, wo er ab 1989 eine Professur hatte. Schon früh interessierte er sich für das Thema Organisation, seine Habilitation 1982 hatte den Titel „Von der Psychotherapie zur Organisationsberatung“, die Hinwendung zum systemischen Ansatz lag nahe. Schon früh hat er sich im Bereich der systemischen Supervision und Organisationsberatung einen Namen gemacht. Von 1994 bis 2004 hatte er eine Professur für Theorie und Methodik der Supervision an der Universität Kassel inne. Neben seiner Lehr- und Beratungstätigkeit publizierte er wichtige Texte und Monografien zum Thema Supervision, Organisation, Management und Führung, eines seiner letzten Werke war „Das Odysseusprinzip – Teamleadership“, das er gemeinsam mit Herbert Schober verfasste. Nachdem ich ihn 1988 als Gastherausgeber eines Themenheftes der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung für einen Beitrag gewinnen konnte, habe ich ihn immer wieder auf Tagungen und in anderen professionellen Kontexten erlebt und als eine Person mit einer großen Ausstrahlung, Charme und natürlicher Autorität. 2005 erkrankte Buchinger an einem Prostatakarzinom, das zunächst als geheilt galt, aber eigentlich den Auftakt zu einer langwierigen und sowohl schmerzhaften als auch teilweise glückserfüllten Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und Tod darstellte, an der er nicht nur seine Familie und Freunde, sondern auch eine größere Öffentlichkeit teilhaben ließ. Seine Texte, die auch im systemagazin erschienen sind, zeigen uns auf eindringliche Weise, dass Freude, Lernen und Glück nicht mit den Zeiten körperlichen Leidens beendet sind. Einige seiner Texte können Sie hier finden. Ich bin für die Begegnung mit Kurt Buchinger gerade auch über diese persönlichen Erfahrungen sehr dankbar und traurig, dass er von uns gegangen ist. Die Erinnerung an eine besondere Persönlichkeit wird überdauern.

18. September 2017
von Tom Levold
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Standpunkte zu „Aus- und Weiterbildung in Beratung“

Frisch aus der Druckerpresse kommt das dritte Heft des Kontext-Jahrgangs, diesmal von Gastherausgeber Dirk Rohr gestaltet, der als Akademischer Direktor Leiter des Arbeitsbereiches Beratungsforschung, des Zentrums für Hochschuldidaktik (ZHD) sowie Fakultätsgeschäftsführer der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln arbeitet. Darüber hinaus ist er seit 2016 im wissenschaftlichen Beirat der »Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB)«, im Geschäftsführenden Vorstand der DGfB und als Sprecher der Fachgruppe Beratung in der DGSF tätig. Da liegt es nahe, ein Themenheft zum Thema „Aus- und Weiterbildung in Beratung“ zu gestalten, und Dirk Rohr hat hierzu eine illustre Gruppe von AutorInnen gewinnen können, zu denen Renate Zwicker-Pelzer, Jürgen Kriz, Rolf Arnold, Bernd Schmid und Marc Weinhardt gehören. Im Editorial schreibt Rohr: „

Ich habe es als meine Aufgabe verstanden, »eine Bühne zu bereiten« und durch die Auswahl der Autorinnen und Autoren eine möglichst spannende, aber auch möglichst breite Auseinandersetzung mit der Thematik zusammenzutragen. Mein Anspruch war es, für alle Praktiker/innen – also auch alle Therapeut/innen, Coaches, Supervisor/innen etc. – eine KONTEXT zu erzeugen, die neugierig macht, die Fragen aufwirft und zur (Selbst-)Reflexion einlädt. Wie habe ich gelernt zu beraten? Was hat gegebenenfalls gefehlt? Was macht mich neugierig? Wie bilde ich mich weiter? Wie sollten zukünftige Berater/innen ausgebildet sein beziehungsweise werden? Was kann ich zu einer Weiterentwicklung von Beratung beitragen? Wo ist in  der Weiterbildung – aber auch in der Praxis – der Unterschied zwischen Therapie, Coaching, Supervision und Beratung beziehungsweise wo ist oder wäre ein Unterschied wichtig? Denn: Gibt es in den vielfältigen Kontexten Systemischer Praxis z. B. einen Unterschied zwischen Beratung und Therapie, dann müsste sich dieser in Aus- und Weiterbildung widerspiegeln. Selbst »die« Systemische Therapie unterteilt sich ganz aktuell in Ausbildungen, die zur Approbation führen (neu) und den »herkömmlichen«; … mit offenem Ausgang, wie sich dies mittelfristig in Anmeldezahlen und (damit) langfristig in der Praxis niederschlägt.“ Neugierig geworden? Alle bibliografischen Angaben sowie abstracts des aktuellen Heftes finden Sie hier…

13. September 2017
von Tom Levold
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OSC 2017

Mit dem zweiten Heft des Jahrganges 2017 hat Heidi Möller die Herausgeberschaft für die Zeitschrift Organisationsberatung Supervision Coaching von Astrid Schreyögg übernommen, die die OSC seit 1994 (!) ununterbrochen herausgegeben hat. In ihrem Editorial von Heft 2 gibt Heidi Möller neben einer Würdigung von Schreyöggs enormer publizistischer Leistung einen Ausblick auf die zukünftige Ausrichtung der Zeitschrift: „Die OSC soll nun weiterhin vor allem die Brücke zwischen Grundlagenwissenschaft und angewandter Wissenschaft hin zu einer professionellen Praxis schlagen. Neben einem Schwerpunktthema bietet der offene Teil eines Heftes Raum für konzeptionelle Überlegungen, innovative Praxisberichte, neue Beratungsmethoden und feldspezifische Interventionen. Wissenschaftler/innen und Praktiker/innen sind gleichermaßen eingeladen, Forschungsergebnisse, Case Studies und Erfahrungsberichte per E-Mail an die Redaktion zu schicken. Auf diese Weise wird der qualitativ hochwertige Diskurs in der Beratungswissenschaft weiter gefördert und kann die prominente Rolle, die den unterschiedlichen Beratungsformaten als Antworten auf die Herausforderungen moderner Arbeitswelten zukommt, sichtbarer werden.“ Ausdrücklich ist es auch Wunsch der Herausgeberin, die systemische Perspektive in der Zeitschrift zu stärken, eine Einladung, die ich hier sehr gerne an die Leserschaft des systemagazin weiterleite.

Das aktuelle Heft hat übrigens den Themenschwerpunkt positive Psychologie und ihre Bedeutung in der Beratung. Im Zeitschriftenarchiv des systemagazin finden Sie nun die vollständigen bibliografischen Angaben aller Artikel und Rezensionen der Zeitschrift von 2003 bis 2017, zum aktuellen Jahrgang kommen Sie hier…

1. September 2017
von Tom Levold
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Wenn die Liebe nicht mehr jung ist

Mit der Frage, warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht, beschäftigt sich die schweizerische Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello in ihrem neuen Buch „Wenn die Liebe nicht mehr jung ist“. Jochen Leucht, Leiter des Freiburger Tandem-Institutes hat das Buch für systemagazin gelesen. Am 22.1. wird im Tandem-Institut übrigens ein DGSF-Fachtag mit Pasqualina Perrig-Chiello stattfinden, nähere Informationen gibt es hier.

Jochen Leucht, Freiburg:

Die Psychologieprofessorin Pasqualina Perrig-Chiello hat über einen Zeitraum von sechs Jahren 2000 Personen in der Schweiz zu ihrer Partnerschaft befragt: 1000 spät geschiedene und 1000 verheiratete Paare. Die Ergebnisse ihrer Studie über Beziehungen im Allgemeinen und Ehen im Besonderen sind im Juni 2017 in dem Buch „Wenn die Liebe nicht mehr jung ist: Warum viele langjährige Partnerschaften zerbrechen und andere nicht“ erschienen. Lesen sollten das Buch vor allem Männer – sie werden in langjährigen Ehen vorzugsweise von ihren Frauen verlassen. Und Obacht: Scheidungen sind ansteckend!

Die Schweizer Sonntagzeitung schreibt zu dem Buch: „Es ist ein grossartiges, erfrischendes, verblüffendes Buch über Beziehungen, das sich trotz seiner Wissenschaftlichkeit so süffig und leicht liest wie selten ein Sachbuch“.

Pasqualina Perrig-Chiello betritt mit ihrer Studie Neuland. Im Buch finden sich zwar Themen, über welche schon oft und viel geschrieben und geforscht wurde: über Liebesglück und Liebesschmerz; darüber, was partnerschaftlichen Stress ausmacht und wie man ihn überwindet. Auch über die Auswirkungen einer Scheidung auf die Betroffenen wissen wir einiges. Jedoch widmen sich all die wissenschaftlichen Abhandlungen und Ratgeber einer alterslosen Zielgruppe. Der demografische Wandel und der Umstand, dass die Menschen in unseren Breitengraden immer älter werden, führen dazu, dass Partnerschaften heutzutage sechs oder sieben Jahrzehnte andauern können. Die zunehmende Scheidungsrate der lang miteinander verheirateten Paare gibt Hinweise darauf, dass für diese Gruppe die Herausforderungen einfach zu groß werden. Wie kommt es, dass immer mehr Paare nach 20, 30 Jahren Ehe auseinandergehen? Wie überwinden sie den Trennungsschmerz? Gibt es unterschiedliche Muster bei Frauen und Männern? Gibt es ein Rezept für die andauernde Ehe, auch nach 30 Ehejahren? Frau Perrig-Chiello hat sich genau mit diesen Fragen auseinandergesetzt.

 


Im ersten Teil des Buches wird anschaulich beschrieben, wie sich die Ehe als gesellschaftlich normierte Institution im Laufe der Zeit zu einer individuell gestaltbaren Privatangelegenheit verändert hat. Trotz alledem wird der Ehe gestern wie heute eine existenzielle Wichtigkeit zugeschrieben. Gedanken über Ideal und Realität der Liebesehe münden in die Frage: Was ist die Liebe eigentlich? Und hier folgen anregende und spannende Passagen über die Liebe an sich und wie diese zu verstehen und zu fassen ist – oder eben auch nicht. Liebe ist nicht generalisier- und objektivierbar und trotz aller theoretischen Modelle und Forschungsergebnisse rund um das Thema partnerschaftliche Liebe bleibt ein Teil von Unerklärlichem. Das vorliegende Wissen allerdings hilft zu verstehen, wie sich Liebe im Verlauf einer langjährigen Ehe wandelt und neue Formen annehmen kann, wie sie langsam stirbt oder sich gar in Hass zu verwandeln mag.

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31. August 2017
von Tom Levold
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Kultur und Migration V

Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung wie keine andere Zeitschrift aus dem systemischen Feld mit dem Thema Kultur und Migration, zu dem Herausgeberin Cornelia Tsirigotis mitterweile das fünfte (!) Themenheft in vier Jahren herausgibt – dieses Mal mit einer Widmung für Cornelia Oestereich, die in diesem Jahr 65 Jahre alt geworden ist und sich als Ärztin und Klinikchefin seit langer Zeit in besonderer Weise mit diesem Thema beschäftigt. In ihrem Editorial schreibt Tsirigotis dazu: „Jedesmal, wenn das Editorial für das jährliche ZSTB-Themenheft, ,Kultur und Migration’ ansteht, scheint mir die Welt im Vergleich zum Vorjahr noch mehr aus den Fugen geraten zu sein. Die öffentlichen Debatten verschärft, die sozialen Lagen angespannter, die Herausforderungen größer – im Feld der psychosozialen Hilfen wird mehr gespart und mehr gekämpft, vom Überleben bis zu sinnvollen Angeboten für die, die nichts (mehr) oder nur noch wenig haben. Manche werden wieder kämpferischer, manche brauchen angesichts der Herausforderungen des beruflichen Alltags all ihre Kraft, um ihre Resilienz als psychosoziale Helferinnen zusammenzukratzen. ,Als BürgerInnen sollten wir uns daran erinnern, dass entscheidende Veränderungen unseres kulturellen und gesellschaftspolitischen Wertegefüges nicht durch Positionen der Neutralität und der Allparteilichkeit und nicht in leisen, freundlichen gesellschaftlichen Debatten erreicht wurden“ (Oestereich 2017, S. 67). In diesem Zusammenhang erinnere ich an den Beitrag von Cornelia Oestereich im letzten Heft, das ja ein Diskussionsheft zu der Frage war, zu welchen Werten wir als SystemikerInnen einstehen wollen. Der Inhalt des Beitrags hätte auch in dieses Heft gepasst. Cornelia Oestereich ruft ,dazu auf, eine Haltung der Neugier und des Respekts offensiv zu pflegen. Uns sollte interessieren, auf welchen sozialen Konstruktionen die ,Inneren Landkarten‘ der Werte und Bedeutungen, zu denen auch Weltanschauungen und Religionen gehören, basieren, nach denen Menschen und Gemeinschaften durch ihr Leben reisen und Gemeinwesen bilden. Dies gilt für MitbürgerInnen, deren politische Einstellung und Bewertungen wir nicht teilen ebenso wie für Menschen, die nach Deutschland geflüchtet sind, ebenso wie für BürgerInnen anderer Staaten und Kulturen, denen wir bei der Arbeit oder auf Reisen begegnen“ (S. 70). Ihre Einschätzung erscheint mir eine zukunftsweisende Aufgabenbeschreibung: „Als SystemikerInnen nutzen wir den Blick aus der Metaperspektive auf gesellschaftliche ebenso wie politische wie sozio-ökonomische Entwicklungen, um eine Haltung der empathischen, engagierten Neutralität ein nehmen zu können. Als Bürgerin und als Individuum halte ich Bewertungen auf der Grundlage der oben beschriebenen Grundsätze gleichwohl für notwendig. Es geht auch um Wertschätzung von Meinungsvielfalt, Diskursfreiheit und Meinungsfreiheit sowie um deren Erhalt.“ (S. 71). Dass Cornelia Oestereich, während dieses Editorial geschrieben wurde, ihren 65. Geburtstag gefeiert hat, ist für mich ein wunderbarer Anlass, ihr zu gratulieren und ihr für ihre vielfältige Vorreiterinnenarbeit für Patientinnen und Klientinnen mit Migrationsbiografien dieses Heft zu widmen.“

Im Heft selbst erwarten Sie Beiträge von Kübra Adigüzel-Gautam, Johanna Katharina Reichel & Ingo Spitczok von Brisinski über Herausforderungen und Fallstricke in der Arbeit mit Kindern und vor allem Jugendlichen mit Fluchtbiografien in der Kinder- und jugendpsychiatrischen Klinik, von Cornelia Tsirigotis über die Frage, ob Migration und Behinderung doppelte Belastungen für Familien darstellen, von Andrea Hendrich über Kinder mit traumatischen Erfahrungen im Kindergarten sowie von Agnes Justen-Horsten über die Beratung von Deutschen, die in unterschiedlichen Kontexten im Ausland arbeiten. Darüberhinaus wie immer: Rezensionen, Berichte und eine Würdigung. Alle bibliografischen Angaben sowie abstracts wie immer hier…

 

30. August 2017
von Tom Levold
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Vertrauen

Konfliktdynamik 3/2017

Bei der Konfliktbewältigung spielt die Frage des Vertrauens oder Misstrauens zwischen den Konfliktpartnern eine nicht unwesentliche Rolle. Das aktuelle Heft der Zeitschrift „Konfliktdynamik“ ist dem Thema „Vertrauen in Organisationen“ gewidmet. In ihrem Editorial schreiben die Herausgeber: „»Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser« sagt das Sprichwort. Tatsächlich geht das Sprichwort auf eine alte russische Redewendung zurück, die zu Lenins Lieblingssätzen gezählt haben soll und lautet: »Dowjerjaj, no prowjerjaj – Vertraue, aber prüfe nach«. Organisationen brauchen Vertrauen, weil es Komplexität und Unsicherheit reduziert, weil es feste Erwartungen an Verhalten bedeutet. Oder um es mit Reinhard Sprenger zu sagen: »Vertrauen ist gut, Kontrolle ist teuer«. Im Konflikt bricht das Vertrauen zwischen den Konfliktparteien als erstes ein: Konfliktvermittlung muss mit Vertrauensverlust und Misstrauen umgehen. Die Beiträge zu diesem Schwerpunkt thematisieren die allgemeine Vertrauensdynamik (Alexander Redlich), die Balance von Vertrauen und Misstrauen in Organisationen (Heidi Möller), differentielle Aspekte des kollektiven Vertrauensverlustes bei Konflikten zwischen Gruppen im öffentlichen Raum (Mariska Kappmeier) und die differenzierte Schnellerhebung von Vertrauenslagen in Arbeitsteams (Bastian Rosing). Außerdem gibt es einen Text von Hans Brunner und Josef Heck zu einem von ihnen entworfenen Konflikt-Lösungs-Modell sowie ein Gespräch von Rudi Ballreich mit Bernd Schmid darüber, wie dessen »Weg im Gehen gewachsen« ist. Alle bibliografischen Angaben und abstracts des aktuellen Heftes, aber auch der anderen Hefte dieses Jahrgangs, gibt es hier zu lesen…

27. August 2017
von Tom Levold
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2016: 84 200 Inobhutnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen

WIESBADEN – Im Jahr 2016 führten die Jugendämter in Deutschland 84 200 vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen durch (Inobhutnahmen). Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, waren das 6 600 Inobhutnahmen mehr als 2015 (+ 8,5 %). Auch wenn das Plus deutlich geringer als im Vorjahr ausfiel (2015 zu 2014: + 61,6 %), hat sich damit die Zahl vorläufiger Schutzmaßnahmen seit 2013 fast verdoppelt (2013: 42 100 Inobhutnahmen). Hauptgrund für das anhaltend hohe Niveau der Inobhutnahmen sind unbegleitete Einreisen aus dem Ausland: 2016 wurden aus diesem Anlass 44 900 Schutzmaßnahmen durchgeführt, 2 600 mehr als 2015 (+ 6,2 %).

Die deutschen Jugendämter sind berechtigt und verpflichtet, vorläufige Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen als sozialpädagogische Hilfe in akuten Krisen- oder Gefahrensituationen durchzuführen. Diese können auf Bitte der betroffenen Kinder, bei einer dringenden Gefahr für das Kindeswohl oder bei unbegleiteter Einreise aus dem Ausland eingeleitet werden. Bis eine Lösung für die Problemsituation gefunden ist, werden die Minderjährigen in Obhut genommen und gegebenenfalls fremduntergebracht, zum Beispiel in einem Heim oder bei einer Pflegefamilie.

21 700 Kinder, die im Jahr 2016 eine vorläufige Schutzmaßnahme durchliefen, waren jünger als 14 Jahre alt. In dieser Altersgruppe wurden die Kinder am häufigsten wegen Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils (45 %) und zum Schutz vor Vernachlässigung (19 %) in Obhut genommen. Auch die unbegleitete Einreise (15 %) und der Schutz vor Misshandlung (13 %) spielten hier eine größere Rolle. Bei den 62 500 Jugendlichen von 14 bis 17 Jahren stand dagegen mit Abstand die unbegleitete Einreise aus dem Ausland im Vordergrund (67 %). Weitere Anlässe von Bedeutung waren in diesem Alter die Überforderung der Eltern beziehungsweise eines Elternteils (12 %) und Beziehungsprobleme (6 %). Auch bei der Dauer der vorläufigen Schutzmaßnahmen gab es altersspezifische Unterschiede: Während bei den unter 14-Jährigen 46 % der Inobhutnahmen nach spätestens zwei Wochen beendet werden konnten, traf dies nur auf 34 % der 14‑ bis 17-Jährigen zu.

Die meisten Inobhutnahmen endeten bei den Kindern unter 14 Jahren mit der Rückkehr zu den Sorgeberechtigten (41 %) oder der Einleitung einer erzieherischen Hilfe außerhalb des Elternhauses, also in einer Pflegefamilie oder einem Heim (28 %). Die Jugendlichen von 14 bis 17 Jahre kehrten dagegen deutlich seltener zu den Sorgeberechtigten zurück (13 %): Hier leitete das Jugendamt am häufigsten eine erzieherische Hilfe in einer Pflegefamilie, einem Heim beziehungsweise einer betreuten Wohnform ein (26 %) oder vermittelte den Jugendlichen eine sonstige stationäre Hilfe, zum Beispiel einen Aufenthalt in der Jugendpsychiatrie oder einem Krankenhaus (24 %).

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26. August 2017
von Tom Levold
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Prüfbericht des IQWiG bestätigt Wirksamkeit von Systemischer Psychotherapie – bvvp hofft auf zügige sozialrechtliche Anerkennung der Systemischen Psychotherapie

Presseerklärung des BVVP – Berlin, 24.8.2017: „Mit der Nutzenbewertung der Systemischen Therapie durch das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) hat der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) Neuland betreten. Bisher hatte er ohne zusätzliche wissenschaftliche Expertise eine Verfahrensbewertung vorgenommen – so bei der Bewertung der Gesprächspsychotherapie, der eine sozialrechtliche Anerkennung verwehrt wurde. Dabei hatte sich der G-BA in Gegensatz zu einer wissenschaftlichen Expertenkommission der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) gesetzt, die hinreichende Belege für den Nutzen feststellen konnte.

Erfreulich an der nun vorliegenden Nutzenbewertung durch das IQWiG, das dem G-BA zuarbeitet, ist, dass es wie damals die Expertenkommission der BPtK den Nutzen nach 4 Abstufungen vornimmt: Nachweis, Hinweis, Anhaltspunkt und kein Anhaltspunkt. Eine vom G-BA angewandte inadäquate Dichotomie von Nutzennachweis oder kein Nutzen wurde dadurch vermieden.

Außerdem wurden erstmalig patientenrelevante Endpunkte, z.B. langfristige Störungsreduktion oder Heilung, Verbesserung der Lebensqualität oder geringere Morbidität zur Nutzenbewertung herangezogen.

„Das stellt einen neuen Schritt in der Verfahrensbewertung dar“, meint Ariadne Sartorius von Bundesverband der Vertragspsychotherapeuten. „Bisher wurden Verfahren vom G-BA verkürzt fast ausschließlich nach Wirksamkeitsnachweisen bewertet, nicht aber nach dem Patientennutzen. Dieser ist bisher lediglich unterstellt oder abgesprochen worden.“

Diese neue Vorgehensweise des IQWiG fordert den G-BA nun heraus, die bisherige Bewertungspraxis neu zu überdenken und auszurichten. Damit dieses in fairer Weise im Vergleich zu den anerkannten Richtlinienverfahren vonstatten gehen kann, ist es von zentraler Bedeutung, dass beim neu zu bewertenden Verfahren nicht strengere Maßstäbe angelegt werden als bisher üblich.

Dies bezieht sich v.a. auch auf die patientenrelevanten Endpunkte, die in bisherigen Prüfverfahren eine untergeordnete Rolle gespielt hatten. Hier gilt für alle Verfahren, dass Nutzennachweise anhand von patientenrelevanten Endpunkten bisher viel zu wenig beforscht wurden und eine Schadensforschung praktisch nicht existiert. So ist die Feststellung des IQWiG, dass keine verwertbaren Daten zum Endpunkt unerwünschte Ereignisse vorliegen, sodass eine Gesamtabwägung zum Nutzen und Schaden nicht möglich ist, absolut kein Spezifikum der Systemischen Therapie – sondern ein Hinweis auf die allgemeine Evidenzlage. Ariadne Sartorius, bvvp, stellt dazu fest: „Dieses generelle Forschungsdefizit ist überhaupt nicht zufällig: Für die Beforschung der Psychotherapie gibt es – im Gegensatz zur Beforschung von Medikamenten – keine finanzstarken Pharmafirmen, die mit den Studien ihre Produkte diese in die Versorgung einführen bzw. dort vermarkten wollen.“

Die Untersuchung des IQWiG zeigt auf, dass die Systemische Therapie in einem breiten Anwendungsfeld Hinweise und Anhaltspunkte für einen Nutzen aufweisen kann: Bei Angststörungen und Zwangsstörungen, depressiven Störungen, Essstörungen, gemischten Störungen, körperlichen Erkrankungen, psychotischen Störungen und Substanzkonsumstörungen.

Für die Anerkennung als Richtlinienverfahren ist gerade die Anwendungsbreite ein entscheidendes Kriterium, damit das breite Spektrum der Psychotherapie nachsuchenden Patienten auch vom Psychotherapeuten behandelt werden kann.

Die Datenlage zeigt zusammengefasst einen vergleichbaren Nutzen mit anderen Richtlinienverfahren. Gerade angesichts der hohen individuellen Besonderheiten psychischer Störungen, selbst bei gleicher Störungsdiagnosen bedarf der derzeitige status quo der Richtlinienverfahren dringend einer Ergänzung: Nicht jedes Verfahren ist für jeden Patienten geeignet. Während auf Seiten der medikamentösen Therapie man auf eine Vielzahl unterschiedlicher Psychopharmaka mit verschiedenen Wirkansätzen zurückgreifen kann und damit eine breite Differenzialindikation möglich ist, droht ausgerechnet bei der Psychotherapie eine zunehmende Verarmung der Verfahren, wenn nicht endlich die vier wissenschaftlichen psychotherapeutischen Grundausrichtungen, neben den klassischen Verfahren Verhaltenstherapie und psychodynamische Verfahren auch die Systemische Therapie und die Humanistische Psychotherapie, in der Patientenversorgung ihren Platz haben können.

In Deutschland müssen die sogenannten Neuen Verfahren einen viele Jahre dauernden Hürdenlauf nehmen, zuerst Wirksamkeit und Nutzen beim Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie, bestehend aus sechs Ärztlichen und sechs Psychologischen bzw. KJP-Wissenschaftlern, nachweisen und dann noch einmal ein jahrelang sich hinziehendes, quasi verdoppeltes Verfahren zum Wirksamkeits- und Nutzennachweis beim G-BA durchlaufen. Was beim Dieselskandal ein zu wenig an Kontrolle ist, ist hier ein Zuviel an Überprüfung. „Wir sehen da auch den Gesetzgeber in der Pflicht, im Patienteninteresse hier Hindernisse der Zulassung von Verfahrensvielfalt im Rahmen der Reform der Psychotherapeutenausbildung zu beseitigen“, meint Martin Klett, stellvertretender Vorsitzender des bvvp-Vorstandes.

Vorerst kommt es allerdings auf den G-BA an, dass er in einem fairen Verfahren die Systemische Therapie zur Behandlung von Kassenpatienten zulässt.