systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

2. August 2018
von Tom Levold
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Zehn Thesen zur Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi, Belmont (CH): Zehn Thesen zur Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi (Foto: T. Levold); Systemtheorie der Emotionen

Luc Ciompi
(Foto: T. Levold)

Vorbemerkung: Dieser Text stammt aus einem bisher unveröffentlichten Manuskript mit dem Titel „Schlussbetrachtungen zum ,Grossen Ganzen’. Persönliche, wissenschaftliche und weltanschauliche Reflexionen am Lebensende”. Sein Ziel ist die Klärung des systemtheoretischen Stellenwerts von Emotionen. Für praktische Anwendungen wird auf frühere Publikationen verwiesen (s. Literaturverzeichnis 1-4, ferner 11, 12)

Meiner Ansicht nach bedarf das systemtheoretische Verständnis von psychischen und sozialen Phänomenen, das im deutschen Sprachraum vorherrscht und (zu?) stark von den Konzepten des Soziologen Niklas Luhmann geprägt ist, in mehrfacher Hinsicht einer gründlichen Revision und Klärung. Insbesondere was den Stellenwert von Emotionen und ihre Wechselwirkungen mit den kognitiven Funktionen anbetrifft, scheinen mir die gängigen Konzepte – wie etwa dasjenige der “emotionalen Rahmung” von Rosmarie Welter-Enderlin (12), oder auch Fritz Simons Verständnis der Emotionen als “symbolisch generalisierte Kommunikationsmedien”(9) – noch zu unscharf, um praktisch wie theoretisch von grossem Nutzen zu sein. Viel zu wenig berücksichtigt wird fast durchwegs die energetisch-dynamische Rolle von Emotionen. Auch das informationsreiche neue Buch von Elisabeth Wagner und Ulrike Russinger über emotionszentrierte systemische Psychotherapien (11) bringt theoretisch meines Erachtens noch keine genügende Klärung.

Sehr unbefriedigend ist (wie ich vor Jahren bereits im Artikel “Ein blinder Fleck bei Niklas Luhmann?…” genauer analysiert habe, vgl. 5) namentlich Luhmanns Behauptung, dass Emotionen, weil dem psychischen Bereich zugehörig, in der Soziologie nicht von Belang wären, abgesehen davon dass sie zuweilen als Stör- und Alarmfaktoren wirken würden (7,8). Aus meiner Sicht dagegen spielen Emotionen gerade auch im sozialen Feld eine zentrale Rolle: Von kollektiven Emotionen geschürte Konflike und Spannungen funktionieren immer wieder als die entscheidenden Motivatoren und Energeieliferanten, welche die (von Luhmann erstaunlich wenig beachtete) Dynamik von mikro- wie makrosozialen Prozessen aller Art vorantreiben. Familienfehden, Massenpanik oder -begeisterung, Protestbewegungen oder Revolutionen liefern dafür spektakuläre Beispiele. Aber auch langfristige soziale Wandlungen wie etwa die jahrzehntelange allmähliche Veränderung der Rolle der Frau in der Gesellschaft werden letztlich von emotionalen Energien angetrieben. Des weiteren sind Emotionen, wie Simon postuliert, auch als Medium der Kommunikation – einem eminent sozialen Phänomen – ganz unentbehrllch. Meines Erachtens gilt sogar, dass Kommunikation ohne Emotion (oder “emotionale Rahmung”) praktisch unwirksam bleibt, das heisst gar nicht in unser Denken in-formiert wird. Und nicht zuletzt wirken positive oder negative emotionale Wertungen auch im sozialen Bereich, ganz gleich wie im psychischen, als wichtigste Verhaltensregulatoren und Komplexitätsreduktoren. Weiterlesen →

22. Juli 2018
von Tom Levold
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„Let’s Talk about Sex“

Ulrich Clement hat mit seinen Arbeiten zur systemischen Sexualtherapie den sexualtherapeutischen Diskurs nachhaltig geprägt. Die Wiener Sexualtherapeutin Claudia Bernt 2017 hat in einem schön geschriebenen Text für die „Systemischen Notizen“ unter dem Titel „,Let’s Talk about Sex’. Systemische Sexualtherapie mit Paaren und Einzelpersonen“ wichtige Aspekte seiner Arbeit zusammengefasst und anhand von eigenen Fallbeispielen erläutert. In der Einleitung schreibt sie: „Wie wird man eigentlich Sexualtherapeut*in? Diese Frage stellen mir viele Menschen, wenn Sie mich nach meinem Beruf fragen oder nach meinen Spezialgebieten in der Praxis. Ganz ehrlich? Das Thema hat mich gefunden. Wenn wir mit Paaren, aber auch Einzelpersonen arbeiten, kommt es ganz von allein in den Therapieraum. So sah ich mich immer wieder damit konfrontiert, dass Paare oder auch Einzelpersonen über unbefriedigende sexuelle Erlebnisse sprachen. In ihren Beschreibungen ging es um Lustlosigkeit, Erektionsprobleme, Schwierigkeiten zum Orgasmus zu gelangen, Unsicherheiten in der Geschlechtsidentität oder um sexuelle Vorlieben, die von ihnen selbst als „nicht normal“ gewertet wurden. Manchmal liegt es aber auch an uns Psychotherapeut*innen, das Thema „Sexualität“ explizit anzusprechen, wenn Klient*innen es nur vage andeuten – auch hier ist es wichtig zu konkretisieren und zu kontexualisieren (was ist schon normal …?). Und dennoch scheuen wir uns manchmal davor, denn wie sollen wir in der Therapie über Sexualität sprechen und vor allem, ohne dabei zu sexualisieren? Vielleicht drängen sich auch noch andere Fragen auf: Welche Ideen und Vorstellungen habe ich selbst über gelungene, befriedigende Sexualität? Wie kann ich mich neutral und ohne Sexualmoral positionieren? Der Artikel soll Ideen und Anregungen geben, wie wir über sexuelles Erleben reden können, wenn dieses von unseren Klient*innen als „gestört“ oder nicht zufriedenstellend beschrieben wird. Wie können Psychotherapeut*innen – auch ohne Zusatzausbildung – mit diesen Problembeschreibungen umgehen, ein systemisches Verstehen entwickeln und darauf aufbauend therapeutische Interventionen setzen?

Zu Beginn lohnt es sich, einen kurzen Ausflug in die Entstehungsgeschichte der „klassischen“ Sexualtherapie von Masters und Johnson und weiterführend zur kritischen Auseinandersetzung dieses Ansatzes aus systemischer Sicht zu machen, um darauf aufbauend die Gundprämissen und -haltungen von systemischer Sexualtherapie zu skizzieren. Diese wurde maßgeblich von Ulrich Clement geprägt und ist in aller Ausführlichkeit in seinen Publikationen „Systemische Sexualtherapie“ (2004), „Wenn Liebe fremd geht“ (2009) oder „Dynamik des Begehrens“ (2016) nachzulesen. Anhand von zwei Fallbeispielen aus meiner psychotherapeutischen Praxis sollen Fallverständnis und Interventionsmöglichkeiten von systemischer Sexualtherapie verdeutlicht werden.“

Den vollständigen Text können Sie hier lesen…

13. Juli 2018
von Tom Levold
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Selbstmanagement und agile Führung

 

Das aktuelle Heft der Zeitschrift Konfliktdynamik befasst sich nur am Rande mit Konflikten und Konfliktdynamiken, im Zentrum stehen Texte zum Thema Agilität, dem neuesten Hype der Managementkultur. Verantwortet wird dieses Themenheft von Hans Rudi Fischer und Markus Troja. Interessant ist, was die Herausgeber im Editorial über die Entstehung dieses Heftes schreiben: „Kein anderes Schwerpunktthema in der KonfliktDynamik war bisher so kontrovers in den Gutachterreviews der Texte und in unseren internen Diskussionen. Manche wiesen darauf hin, man müsse nur erst einmal eigene Erfahrungen mit dieser neuen Form des Arbeitens machen: »(die Mitarbeit in einem) agilen Startup ist in vielerlei Hinsicht die beste Berufserfahrung meines Lebens.« Die meisten eingereichten Beiträge waren positiv bis euphorisch. Kritische Stimmen sprachen von »Neuem aus dem Bullshit-Universum« oder von Agilität als Lernprogramm für den Burnout. Einer der Gutachter wies auf die Gefahr ideologischer Überhöhung hin: »Die Idee von der Hierarchiefreiheit hat eine lange Tradition. Sie basiert auf normativen, ideologischen Grundannahmen, die aber letztlich für den Komplexitätsgrad, den die aktuelle digitale Transformation den Unternehmen zumutet, keine angemessene Antwort liefern. Hier werden aktuelle Umgestaltungstrends arbeitsorganisatorischer Prozesse instrumentalisiert, um ganz bestimmte, normative Organisationsvorstellungen zu propagieren.« Bei der Konjunktur des Themas, so der Eindruck, spielen unterschiedliche Motive zusammen: Zum einen geht es um die Suche nach effizienten und effektiven Formen, Organisationen in einer Welt zunehmender Unsicherheit und schnellen Wandels überlebensfähig zu halten. Zum anderen gibt es die Sehnsucht, z. B. unter dem Schlagwort »New Work«, entfremdeter Arbeit entgegen zu wirken und Formen von Zusammenarbeit zu ermöglichen, in denen sich der Mensch ganzheitlicher angesprochen fühlt und seine Tätigkeit als sinnstiftend und erfüllend erlebt. Ein anderer Diskussionsstrang ergibt sich aus der Kritik institutionalisierter Formen des Entscheidens und betrieblichen Aushandelns.“

Alle bibliografischen Angaben und abstracts dieses Heftes finden Sie hier…

10. Juli 2018
von Tom Levold
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Carl Auer – Geist or Ghost

Carl Auer, Namensgeber des Carl-Auer Verlags, wurde 1900 unweit von Rorschach/CH geboren; war in Kriegsgefangenschaft Zellengenosse von Ludwig Wittgenstein, langjähriger Popper-Freund und zeitweise Nachhilfelehrer Heinz von Foersters. Zuletzt war er Leiter des World Coincidence Control Centers (Wocococ) der Vereinten Nationen und stiller Teilhaber an einem Vergnügungspark auf Coney Island, Ehrenbürger von Appenzell und Gründer der Stiftung „Extrem-Lesen“ mit Sitz in Reading/England. Die Sammlung von von Texten von prominenten Systemikern über Begegnungen mit Carl Auer, die unter dem Titel „Geist or Ghost“ im Carl-Auer-Verlag erschienen ist, kann jetzt auch online kostenlos gelesen werden – sie soll eine erste Annäherung an diese vielschichtige Persönlichkeit ermöglichen und zu weiterer systematischer Auseinandersetzung mit seinem luziden, aber wissenschaftsgeschichtlich folgenschweren Oeuvre anregen. Den Zugang zu allen Texten von u.a. Ernst von Glasersfeld, Karl Tomm, Helm Stierlin, Lynn Hoffman, Rosmarie Welter-Enderlin, Paul Watzlawick und vielen anderen finden Sie hier…

6. Juli 2018
von Tom Levold
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Selbstorganisation – ein Paradigma für die Humanwissenschaften (zum 60. Geburtstag von Günter Schiepek)

Martin Rufer, Bern:

Unter diesem Titel fand am 8./9. Juni in Salzburg ein Symposium zum 60. Geburtstag von Prof. Dr. Dr. Güntr Schiepek statt. Dazu wurden zahlreiche internationale Wissenschaftler, Forscher und Praktiker als Wegbegleiter von Günter Schiepek von seinem Mitarbeiterteam (am Institut für Synergetik und Psychotherapieforschung der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität, Salzburg) eingeladen. In über 25 Kurzvorträgen wurde nicht nur das inter- und transdisziplinäre Schaffen von Günter Schiepek einmal mehr deutlich, sondern auch die visionäre Ausrichtung auf eine prozessorientierte, empirisch dokumentierte Psychotherapie jenseits des Diagnose- und störungsorientierten medizinischen Standardmodells. Vieles deutet darauf hin, dass das, was sich aus der Komplexitätsforschung heraus in anderen Wissenschaftsfeldern schon längst durchgesetzt hat, auch im Bereich der Psychotherapie nicht mehr wegzureden ist, auch wenn sich wohl nicht alle Visionen eins zu eins durchsetzen lassen. Insofern darf Günter Schiepek diesbezüglich in der Tat als unermüdlicher Pionier einer systemtheoretisch orientierten Praxisforschung gelten, auch wenn seine wissenschaftlichen Arbeiten in der Community nicht überall dementsprechend aufgenommen wurden und werden. Da in diesem Rahmen nicht näher auf die einzelnen Symposiumsbeiträge eingegangen werden kann (ein Tagungsband wurde angekündigt), stelle ich im Folgenden meinen persönlichen, sowohl würdigenden wie kritischen Beitrag zur Verfügung. Es handelt sich dabei um einen fiktiven Dialog zwischen einem Forscher und Praktiker unter dem Titel «Einfach und komplex – geht das zusammen?», in welchem sich auch das Wegstück abbildet, das mich mit Günter verbindet.  Weiterlesen →

5. Juli 2018
von Tom Levold
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Kleine Götter und ihre Viecher

 

Hinter diesem Titel steckt ein Buch von Sabine Klar, die auch den systemagazin-LeserInnen bekannt ist. Sie ist Lehrtherapeutin bei der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie und Systemische Studien – dieses Buch beschäftigt sich aber nicht mit systemischer Theorie, sondern stellt eher eine philosophisch-spirituelle Selbstreflexion der Themen dar, mit denen sich Sabine Klar in den vergangenen Jahren prononciert beschäftigt hat. Silke Grabenberger aus Graz und Diana Karabinova aus Wien haben das Buch rezensiert. Weiterlesen →

3. Juli 2018
von Tom Levold
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Systemische Praxis mit Tätern

 

Im Editorial der neuen Ausgabe der Familiendynamik schildern die Herausgeber Tilman Kluttig und Arist von Schlippe einen fiktiven Dialog, der die Paradoxien forensischer Arbeit auf den Punkt bringt: „Patient: Wie lange muss ich hier bleiben? Therapeut: Nun, das kann dauern. Bis es Ihnen besser geht und wir Ihre Entlassung empfehlen können. P: Wann bekomme ich Ausgang? Th: Das hängt davon ab, wie Sie sich verhalten. Erst einmal müssen wir Sie kennenlernen. P: Ja, aber ich mach’ ja nix. Ich will ja mitmachen. Th: Das freut mich, aber davon müssen Sie uns erst überzeugen. P: Vor Gericht hat man mir gesagt, wenn ich mitmache, bin ich bald wieder draußen. Th: Das hängt von der Prognose ab. Letztlich entscheidet die Strafvollstreckungskammer. P: Ja, schon, aber wie lange dauert das? Th: Na ja, das hängt davon ab, wie Sie mitmachen bei der Therapie. P: Ja, schon, ich will das ja auch, aber wie lange dauert das denn, wenn ich mitmache? Th: Das kann man schlecht vorhersagen, im Durchschnitt drei bis vier Jahre. Aber: Es hängt von der Prognose ab. P: Die anderen haben mir gesagt, mit meiner Straftat kann das zehn bis zwanzig Jahre dauern, stimmt das?“

Den Schwierigkeiten des Umgangs mit Gewalttaten und „Tätern“ (mit den Begriffen Tat und Täter setzt sich Wolfgang Loth in seiner Kolumne am Ende dieser Ausgabe gedankenreich auseinander) ist dieses Heft gewidmet. Im Editorial heißt es weiter: „Der Fokus-Beitrag von Tilman Kluttig, dem langjährigen Präsidenten der »Internationalen Vereinigung für Forensische Psychotherapie« (IAFP), beleuchtet, welche Bedeutung systemischer Praxis in der forensischen Psychotherapie zukommt, und arbeitet die Besonderheiten der Klientel im Maßregelvollzug heraus. Peter Reutter und Roswita Hietel-Weniger skizzieren die Möglichkeiten der Genogrammarbeit und zeigen, wie mit dieser Methode die prägenden Sozialisationsbedingungen gewalttätiger Patienten erschlossen werden können. In einem engagierten Beitrag schildert Michael Heilemann die Quintessenz seiner 35-jährigen Erfahrung mit schwer gewalttätigen jungen Männern. Bestimmte Eckpunkte der persönlichen Geschichte und der Bindung an die jeweilige Subkultur tauchen bei diesen Tätern immer wieder auf – Heilemann nimmt sie als Ausgangspunkt für das von ihm entwickelte Anti-Gewalt-Training. Schließlich fassen Ziv Gilad, Ronen Kasten und Haim Omer die Ergebnisse eines Projektes zusammen, in dem sie geprüft haben, wie sich elementare Informationen zur Philosophie des gewaltlosen Widerstands auf die Eskalationsbereitschaft israelischer Polizisten auswirken.“

Soweit zum Schwerpunktthema, das von weiteren interessanten Texten eingerahmt wird. Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

1. Juli 2018
von Tom Levold
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Wenn Wahrheit die Erfindung eines Lügners ist, dann ist Heinz von Förster ein Lügner

 

Im September 2016 fand eine Tagung des Instituts für Familientherapie Weinheim in Weinheim unter dem Motto „Richtig war das falsche Wort“ statt, auch die zweite „Dosentagung“ genannt. Im Programmtext hieße es: „ … sich von Logiken der Gewissheit und Vorhersagbarkeit zu verabschieden, scheint nicht nur systemisches Denken zu fordern, sondern auch mehr und mehr eine unausweichliche Anforderung unseres Alltages und der brennenden Fragen zu werden. Wie stark erfüllt die Unterscheidung von ,richtig’ und ,falsch’ dabei auch eine Orientierung suchende oder gebende Funktion? Und: gesetzt den Fall, man nutzt dieses Gegensatzpaar, ist das dann ,falsch’ … oder war es doch richtig …? Oder gibt es doch etwas, das richtig oder falsch ist?“.

Haja Molter hat dazu einen kleinen Theorieinput beigetragen, den er in einem kleinen liebevoll zusammengestellten und wunderbar illustrierten Heft auch veröffentlicht hat – in drei Sprachen. Freundlicherweise hat er dieses kleine Brevier dem systemagazin als PDF zur Verfügung gestellt, lesen können Sie es hier…

16. Juni 2018
von Tom Levold
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Wilhelm Rotthaus wird 80!

Heute feiert Wilhelm Rotthaus seinen 80sten Geburtstag, eine Zahl, die man gar nicht glauben mag, die aber ein großartiger Anlass ist, ihm an dieser Stelle von Herzen zu gratulieren.

Lieber Wilhelm,

den vielen Dingen, die deine Gratulanten dir heute hier im systemagazin schreiben, kann ich kaum etwas hinzufügen, ich kann sie nur bekräftigen. Für die Entwicklung, Verbreitung und Konsolidierung des Systemischen Ansatzes nicht nur in der Kinder- und Jugendpsychiatrie, sondern im gesamten psychosozialen Feld hast du Maßgebliches geleistet. Dafür ist dir unser aller Dank auch in Zukunft sicher! Deine vielfältigen Aktivitäten und Beiträge in diesem Bereich aufzuzählen würde den Rahmen einer Gratulation übersteigen. Aber die Art und Weise, in der du dich engagiert und die vielen Herausforderungen gemeistert hast, möchte ich an dieser Stelle besonders würdigen. Wir haben uns vor über dreißig Jahren kennen gelernt und sind uns immer wieder in unterschiedlichen professionellen Kontexten begegnet. Im Rahmen der Arbeit unserer systemischen Verbände DGSF und SG, aber vor allem als Organisatoren der großen EFTA-Tagung mit über 3500 Teilnehmern und der (etwas kleineren) Tagung „Was ist der Fall?“ in Heidelberg im vergangenen Jahr, in unserem Geschichtsprojekt, das demnächst das Licht der Öffentlichkeit erblicken wird sowie als Herausgeber von Buchreihen im Carl-Auer-Verlag haben wir vor allem seit Anfang dieses Jahrhunderts Phasen intensiver Zusammenarbeit erlebt, die auch von sehr persönlichen Gesprächen und Erlebnissen begleitet wurden. Anlässlich deines 70. Geburtstages haben wir ein ausführlichen Gespräch über deine Geschichte und deinen Werdegang geführt, das damals im Kontext erschienen ist und auch hier nachgelesen werden kann.
Im systemischen Feld wird viel von „Haltung“ gesprochen. Das hat leider manchmal den Charakter einer bloß theoretischen Einstellung und geht dann nicht wesentlich über eine Referenz auf bestimmte systemische „Key-Words“ hinaus. Haltung hat aber nicht nur dem Wort nach mit einer Verkörperung von Werten und Leitmotiven zu tun, die wir vertreten und vermitteln wollen. Eine Haltung einnehmen und sie auch gegen Widerstände zu bewahren, gleichzeitig Zurückhaltung zu üben, den eigenen Standpunkt mit Besonnenheit und Gelassenheit in jede Richtung zu vertreten, das gelingt nur, wenn die ganze Person in jeder Situation und Lebenslage darin einbezogen ist – einen solchen Habitus verkörperst du für mich in besonderer Weise. Dass deine Haltung nicht zuletzt aufgrund deiner professionellen Geschichte als Sänger schon immer, aber auch jetzt im Alter mit einer beeindruckenden Körperpräsenz und Eleganz verbunden ist, unterstreicht deine Wirkung nur noch. Mit einer Haltung in diesem Sinne kann man auch Halt und Orientierung geben, auch in dieser Hinsicht konnten und können sich viele Menschen an dich halten.
Dass das noch lange so bleiben kann, wünsche ich dir und uns von ganzem Herzen. Lieber Wilhelm, bleib gesund und weiter so aktiv und zugewandt, wie wir dich kennen. Sorge gut für dich und dein Gleichgewicht der Kräfte, genieße die Anregungen wie die Ruhezeiten – und lass dich feiern. Ganz herzliche Glückwünsche und alles Gute

Tom Levold

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9. Juni 2018
von Tom Levold
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Systemischer Forschungspreis 2018 von SG und DGSF für Dr. Susanne Witte

Der gemeinsame Forschungspreis 2018 von Systemischer Gesellschaft (SG) und Deutscher Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) wird an Dr. Susanne Witte verliehen. Sie erhält die Auszeichnung für ihre Forschung über Geschwister im Kontext von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung.

Berlin/Köln, Juni 2018. Die Systemische Gesellschaft (SG) und die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) haben gemeinsam den Forschungspreis 2018 an Dr. Susanne Margitta Witte vergeben. Die Ergebnisse ihrer empirischen Forschung hat sie unter dem Titel „Geschwister im Kontext von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung. Risikokonstellationen, Qualität der Geschwisterbeziehung und psychische Belastung“ veröffentlicht. Susanne Witte hat anhand einer umfangreichen Befragung von Erwachsenen und Geschwisterpaaren zu ihren Kindheitserfahrungen Faktoren herausgearbeitet, die das Erleben von Misshandlung, Missbrauch und Vernachlässigung begünstigen.
Susanne Margitta Witte hat in ihrer Dissertation die Herausforderung bewältigt, das gesellschaftlich äußerst sensible Thema der Kindeswohlgefährdung, das hinsichtlich von Geschwisterbeziehungen eher selten betrachtet wird, zum einen forscherisch zu bewältigen und zum anderen in einer systemisch-familiendynamischen Theoriebildung zu verorten. Die retrospektive Online-Befragung bei Erwachsenen und ihren Geschwistern, ein äußerst innovatives Forschungsdesign zur Erkundung von Dynamiken in sozialen Systemen, ist eine der ersten deutsch-sprachigen Studien zum Zusammenhang von Kindeswohlgefährdung und Geschwisterbeziehung.

Die Arbeit kann nicht nur innerhalb des systemischen Feldes als ein gewichtiger Beitrag bewertet werden, sondern wird auch außerhalb des engeren systemischen Diskurses zahlreiche Anschlüsse herstellen. Der Autorin ist es gelungen, systemische und familiendynamische Erkennt-nisse mit einer individualorientierten Perspektive zu verbinden. Zudem bietet die Arbeit wichtige praxisorientierte Ergebnisse für die sozial-pädagogische Arbeit in der Kinder- und Jugendhilfe sowie für die Kontexte des Kinderschutzes.
Mit ihrem wissenschaftlichen Forschungspreis verfolgen die systemischen Verbände das Ziel, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, die Weiterentwicklung der Forschungs- und Praxismethoden im Kontext des systemischen Denkens anzuregen und die Bedeutung des systemischen Ansatzes für die therapeutische und beraterische Praxis zu verdeutlichen. Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert.

Quelle: Systemischer Forschungspreis 2018 von SG und DGSF für Dr. Susanne Witte

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