systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

13. Februar 2017
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Jay Haley (1923-2007)

Heute vor 10 Jahren starb Jay Haley (Foto: James Keim; Wikipedia) im Alter von 83 Jahren, eine Gelegenheit, an diesen Pionier der Familientherapie zu erinnern. Auf der website des Mental Research Institute in Palo Alto ist ein schöner Artikel zu lesen, der das Leben und Werk von Jay Haley ausführlich würdigt, allerdings ohne Angabe zur Autorin und Quelle zu machen. Geschrieben hat den Text Eileen Bobrow, Direktorin des Strategic Family Therapy Training Center am MRI, und erschienen ist er ursprünglich in der Herbstausgabe des „Family Psychologist“ 2007. Hier geht es zum Text…

10. Februar 2017
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In Erinnerung an John Shotter

Am 8. Dezember des vergangenen Jahres ist John Shotter an einer Krebserkrankung gestorben (siehe hier die Nachricht vom 21.12.2016). Das International Journal of Collaborative-Dialogic Practices hat schnell reagiert und in seinem 7. Jahrgang in Gedenken an John Shotter eine Sonderausgabe herausgebracht, an der sich viele bekannte Autorinnen und Autoren aus dem sozialkonstruktionistischen Feld beteiligt haben, unter anderem Harlene Anderson, Sheila McNamee, Mary und Ken Gergen, John Lannaman, Gail Simon und Jim Wilson. Herausgekommen ist ein Heft mit persönlichen Erinnerungen, Fotografien, aber auch Gedanken zur Bedeutung des Werkes von John Shotter für den sozialen Konstruktionismus und die Bedeutung von Sprache und Narrationen. Alle Beiträge sind auch online zu lesen, und zwar hier…

26. Januar 2017
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systeme 2016

Die Zeitschrift systeme erscheint zweimal jährlich – und es wird an der Zeit, den Jahrgang 2016 nachzutragen. Es sind zwei interessante Hefte herausgekommen. Während das erste Heft thematisch unterschiedliche Beiträge versammelt, ist die zweite Ausgabe ganz dem Thema Paartherapie gewidmet. Interessante Aufsätze zum Thema Migration (C. Oestereich), „Systemische Praxis lernen“ (G. Schiepek) und zum Wandel der Generationen (C. Koppetsch) prägen Heft 1, im Paartherapieheft ist vor allem die Arbeit von Patrick Fornaro zu erwähnen, der Mikroprozessforschung von Paartherapien durchführt und sich mit der Frage beschäftigt, wie TherapeutInnen von Augenblick für Augenblick ihre Entscheidungen über das Vorgehen im Sitzungsverlauf treffen können. Für seine Arbeit hat er den Forschungspreis der Systemischen Gesellschaft erhalten. Alle bibliografischen Angaben und abstracts zum Jahrganh 2016 gibt es wie immer hier…

24. Januar 2017
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Supershrinks: What is the secret of their success?

Mit Shrinks bezeichnet man in den USA die Zunft der Psychotherapeuten. Ein Zweig der Psychotherapieforschung beschäftigt sich seit einiger Zeit mit der Frage, was besonders gute PsychotherapeutInnen von schlechten oder eher durchschnittlichen TherapeutInnen unterscheidet. Schaut man auf die Ergebnisse ihrer Arbeit, so ist eindrucksvoll, dass die Spitzengruppe von 25 % sehr gute Ergebnisse aufweisen kann, während das untere Viertel nicht nur wesentlich weniger Verbesserungen im Empfinden ihrer Klientel zu verzeichnen hat, sondern es in ihren Therapien auch häufig zu deutlichen Verschlechterungen kommt. Schon 2014 habe ich auf ein Interview des Psychotherapieforschung Scott Miller hingewiesen, in dem er sich mit der Frage auseinandersetzt, wie Therapeutinnen ihre Fähigkeiten verbessern können. In einem Artikel, den er gemeinsam mit Mark Hubble und Barry Duncan für die Zeitschrift Psychotherapy in Australia bereits 2008 verfasst hat, beschäftigt er sich ebenfalls mit der Frage, was hinter dem Erfolg der sogenannten Supershrinks stehen könnte.

Im abstract heißt es: „Clients of the best therapists improve at a rate at least 50 per cent higher and drop out at a rate at least 50 per cent lower than those of average clinicians. What is the key to superior performance? Are ‘supershrinks’ made or born? Is it a matter of temperament or training? Have they discovered a secret unknown to other clinicians or are their superior results simply a  uke, more measurement error than reality? We know that who provides the therapy is a much more important determinant of success than what treatme nt approach is provided. The age, gender, and diagnosis of the client has no impact on the treatment success rate, nor does the experience, training, and theoretical orientation of the therapist. In attempting to answer these questions, MILLER, HUBBLE and DUNCAN, have found that the best of the best simply work harder at improving their performance than others and attentiveness to feedback is crucial. When a measure of the alliance is used with a standardized outcome scale, available evidence shows clients are less likely to deteriorate, more likely to stay longer, and twice as likely to achieve a change of clinical significance.“

Den vollständigen Text kann man hier lesen…

23. Januar 2017
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Praxisfelder ohne System oder Funktionssysteme ohne Praxis?

Grab von Pierre Bourdieu. Foto: Wikipedia, © Copyright, NYTECH Corp, 2004

Heute vor 15 Jahren, am 23.1.2002, starb der französische Soziologe Pierre Bourdieu in Paris. Neben Niklas Luhmann, Anthony Giddens und einigen anderen gehörte er zu den großen europäischen Soziologen der Nachkriegszeit. Das theoretische Spannungsfeld zwischen Luhmann und Bourdieu ist immer wieder Gegenstand von vergleichenden Analysen geworden, so auch in diesem Text von Frank Hillebrandt, Professor für Allgemeine Soziologie und Soziologische Theorie an der FernUniversität in Hagen, der 2006 in den Verhandlungen des 32. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in München. Teilbd. 1 und 2. (Frankfurt am Main : Campus Verl.) erschienen ist. Einleitend schreibt er: „Meine These ist: Dieser Unterschied in der Charakterisierung der Gegenwarts- gesellschaft ist nicht nur unterschiedlichen thematischen Vorlieben (Luhmann: funktionale Differenzierung; Bourdieu: soziale Ungleichheit) geschuldet, sondern vielmehr einer grundlegenden erkenntnistheoretischen Differenz zwischen der kultursoziologischen Ungleichheitsforschung Bourdieus, die den Praxisbegriff als Ausgangspunkt führt, und der Gesellschaftstheorie Luhmannscher Provenienz, die vom Kommunikationsbegriff ausgeht.1 Diese These möchte ich plausibilisieren, indem ich in zwei Schritten den Ausgangspunkt der Systemtheorie (I) mit dem Ausgangspunkt der Praxistheorie (II) vergleiche. Auf dieser Basis werde ich im dritten Schritt zeigen, warum die Praxistheorie Prozesse funktionaler Differenzie- rung nicht adäquat in den Blick nehmen kann und aus welchen Gründen der sys- temtheoretische Äquivalenzfunktionalismus keinen der Gegenwartsgesellschaft angemessenen Begriff sozialer Ungleichheit ermöglicht (III). Am Schluss steht ein kurzes Resümee (IV).“ Der Text ist auch online zu lesen, und zwar hier…

22. Januar 2017
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Systemische Streifzüge durch die Psychiatrie …

 

… unternimmt das erste Heft der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung im 35. Jahrgang bei 1017.  Es wird eröffnet von einem schönen Text von Andreas Manteufel über das Leben in der Psychiatrie und ihre „subjektive Seite“. Er schreibt dazu: „Dieser Artikel beleuchtet von verschiedenen Seiten die Bedeutung der Subjektivität für das Arbeitsfeld Psychiatrie. Dabei geht es um die alte konstruktivistische Debatte über das Fehlen objektiver Wahrheiten, um die Bedeutung der Sichtweisen von Angehörigen, um die wertungsfreie, trialogische Gesprächskultur, aber auch um die Pflege der eigenen, subjektiven Seite als Mitarbeiter im System Psychiatrie. Wir sprechen also, wenn wir so wollen, über das Überleben systemischer Basics in unserer Profession und Institution. Aber eigentlich sprechen wir nicht über Schulen oder Theorien, schon gar nicht über deren Wettbewerb untereinander, sondern über professionelle und menschliche Grundtugenden in einem besonders herausfordernden beruflichen Kontext.“ Das kann ein schönes Motto auch für die anderen Beiträge des Heftes sein. Elisabeth Nicolai zieht eine Bilanz des SYMPA-Projektes, Ingo Spitczok von Brisinski erörtert systemische Erklärungsmodelle für ADHS, eine Hamburger Autorengruppe bringt ein Positionspapier zum systemischen Umgang mit Störungen ein. Alle bibliografischen Angaben und Zusammenfassungen finden sich wie immer im systemagazin, und zwar hier….

20. Januar 2017
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Brauchen wir die Liebe noch?

Die Liebe ist ein heißes Eisen. In der Entwicklungsgeschichte der Ehe- und Paartherapie hat sie wechselnde Konjunkturen. In langen Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts wurde der Schwerpunkt eher auf die partnerschaftliche Dimension von Zweierbeziehungen gelegt, d. h. es wurde eher auf die Dynamik von Geben und Nehmen, auf das Verhandeln  und auf gleichberechtigte Arbeitsteilung fokussiert als auf emotionale Liebes- und Glückserwartungen.  In den letzten Jahrzehnten hat sich das geändert und die Bedeutung der Liebe wurde zunehmend in der Praxis der Paartherapie beachtet und zum Thema gemacht. Immerhin waren die Glückserwartungen an Paarbeziehungen niemals so hoch wie heute. Frank Natho  hat sich in seinem 2014 erschienenen Buch „Brauchen wir die Liebe noch? wieder bemüht, dieses Beziehungsideal zu „entzaubern“. Hierzu holt er u.a. weit aus mit einer kleinen Kulturgeschichte der Liebe und stellt neuzeitliche Konstruktion der Liebe auf den Prüfstand. Eva Lohbusch und Hans-Georg Pflüger haben das Buch studiert.  Hier können Sie Ihre Rezensionen lesen:

Eva Lohbusch, Simmerath:

Vor einigen Jahren weckte bereits der Aufsatz »Liebe in der Partnerschaft – Grundgefühl oder Konstruktion« von Natho, dargestellt in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beartung (1/2011) meine Neugier. In diesem Aufsatz wurde die romantische Liebe als Gefühl zwischen Mann und Frau in Frage gestellt und eine Wende im Verständnis des Liebesbegriffes in der Partnerschaft angekündigt.

Diese Idee nimmt der Autor in seinem Buch »Brauchen wir die Liebe noch …« wieder auf. Nun aber geht er weiter und entzaubert die Liebe als Ideal für Partnerschaft und Ehe, indem er fragt: Welchen Einfluss nimmt es auf unsere Partnerschaft, wenn wir Liebe als dauerhaftes Gefühl erwarten und utopische Vorstellungen verwirklicht sehen wollen? Oder: Gibt es Die Liebe überhaupt oder verwechseln wir sie lediglich mit unserem grundlegenden Bedürfnis nach sozialer, emotionaler sowie körperlicher Nähe? Einer verlässlichen vertrauten Beziehung, aus der wir Sinn und Bedeutung schöpfen können. Ein Bedürfnis, das in seiner Intensität, Dauer und Gerichtetheit jedoch variiert. Wären Paare wirklich weniger glücklich, wenn es die Liebe nicht gäbe? Welche Chancen würden sich daraus ergeben?

Um diese Fragen zu beantworten, nimmt er sich auf über 200 Seiten Raum und untersucht die Bedeutung der Liebe in verschiedenen kulturellen Epochen. Er spannt einen weiten Bogen von der Antike über das Mittelalter bis in die Moderne. Soziale, gesellschaftliche und religiöse Umbrüche und Entwicklungen haben die Bedeutung der Liebe immer wieder verändert. Dabei relativiert der Autor das weit verbreitete moderne romantische Verständnis der Liebe als Voraussetzung für eine glückliche Beziehung.

Im Beitrag Konstruktion der Liebe im 19. und 20. Jahrhundert diskutiert der Autor den Einfluss des Kapitalismus auf das Verständnis der Liebe. Seiner Meinung nach wird die Liebe in dieser Epoche zu einem »Konsumgut«, dessen Inhalt von gesellschaftlichen Verwertungsinteressen bestimmt wird. Die Liebe hält emotional nicht, was sie verspricht. Wie ein Konsumgut wird sie nach wenigen Jahren als verschlissen erlebt und auf der Jagd nach neuen emotionalen Sensationen bald gegen eine neue unverbrauchte Liebe ausgetauscht. Natho bezeichnet diesen Trend als »Plug and play Liebe« und begründet seine Idee unter anderem mit den anhaltend hohen Scheidungszahlen sowie der ungebrochenen Suche nach neuer Liebe in einer nächsten Beziehung.

Das Buch ist alles andere als ein Ratgeber für die Liebe. Es regt den Leser, die Leserin an, die eigenen Vorstellungen von Liebe in der Partnerschaft zu überprüfen. Man fragt sich, wie ist eigentlich meine Vorstellung von Liebe entstanden und welche Erwartungen verknüpfe ich damit. Auf jeden Fall ist es ein Buch, welches hilft, die Paarbeziehung weniger emotional verklärt, dafür aber realistischer zu sehen. Es erklärt unter anderem, warum es gut sein kann, eine Beziehung, die ihre emotionale Frische und Sensation im Laufe der Jahre verloren hat, nicht abzuwerten. Paare könnten auch ohne Liebe glücklich sein, wenn sie freundschaftlich verbunden sind, was auch Sexualität miteinander ohne Liebe nicht ausschließt, so eine Überlegung des Autors.

Neben der übersichtlichen kulturgeschichtlichen Darstellung der Liebe untersucht Natho auch Ansichten und Haltungen moderner Ratgeber in Sachen Liebe und deutet auf die Gefahr hin, daraus erneut Gütekriterien für eine »ideale Partnerschaft« abzuleiten und festzulegen. So werden Aussagen zur Liebe von Luhmann, Fromm, Retzer, Schmidbauer, Hüther, Precht und anderen Autoren diskutiert. Im letzten Kapitel untersucht Natho die Freundschaft und bietet damit eine alternative Sicht von Partnerschaft an. In dem Zusammenhang plädiert er dafür, das Wesen der Unvollkommenheit zu würdigen und auf eine höhere Stufe zu stellen als wir das vielleicht bisher in Paarbeziehungen tun. Obwohl es gewissenhaft kulturgeschichtliche Fakten zusammenträgt und interpretiert, ist es kein Fachbuch, wohl eher ein Sachbuch über die Liebe, welches neue Ideen darstellt.

(mit freundlicher Genehmigung aus Kontext 4/2014).

Hans-Georg Pflüger, Bad Wimpfen:

Macht die Liebe bzw. das „romantische“ Bild davon die Menschen unglücklich, fordert die Liebe ein Zuviel an Treue, Langlebigkeit, sexueller Erfüllung und emotionalem Umsorgen? Ist es hilfreich, das Bild der Liebe nicht als Ideal zu konstruieren, sondern die Beziehung auf der Grundlage einer großen Zuneigung und Freundschaft zu gestalten? Ist es hilfreich, die genannten Begriffe mit den gesellschaftlichen Veränderungen nach Schnelllebigkeit, Ökonomisierung und Individualisierung auf Erfüllbarkeit und vor allem gegenseitige Erwartungen zu prüfen? So die Hypothesen und die Befürwortung als Fazit des Autors – auch mit der Empfehlung, das Unvollkommene zu würdigen.

Als Beleg spannt Natho den Bogen der „Liebesbilder“ von der Antike über das Mittelalter und die Romantik bis zur Moderne; er beschreibt die Veränderungen bzw. die Loslösung von Paarbeziehungen aus den starr-religiösen Bindungen, der Abweichung von der Schöpfung und Hinwendung zu menschlichen Werten, den zunehmenden Orientierungen an gesellschaftlich-ökonomischen Bezügen bis hin zu den aktuellen Prinzipien von Verhandlung und Individualisierung. Es geht auch um die Verabschiedung aus der Abhängigkeit, seien die Fesseln religiös, strukturell, gesellschaftlich oder ökonomisch begründet.

So gesehen endet Nathos Argumentation bei lllouz, die meint, dass jedes noch so banale Gefühl auch das aktuelle Gesellschaftssystem spiegelt. Er bezieht sich auf Retzer, der die Verabschiedung von Illusionen und Hinwendung des Blickes zur Realität fordert, und auf Luhmann, der Liebe als ein perfekt abgestimmtes Erwartungssystem sieht.

Therapeutisch gesehen richtig fordert uns der Autor auf, die individuellen Bilder von Liebe und die Erwartungen an das Gegenüber bei uns selbst und den Ratsuchenden zu erfragen und zu prüfen. Denn es geht nicht um die „Schmetterlinge im Bauch“, sondern um die Umsetzung in den Alltag – darüber hinaus gibt das Buch einen kurzen, dennoch übersichtlichen Einblick in die historischen Wandlungen von Paarbeziehungen und ihren Bindungsmustern. 

(mit freundlicher Genehmigung aus systhema 3/2014)

 

 

Frank Natho (2014): Brauchen wir die Liebe noch? Die Entzauberung eines Beziehungsideals. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)

1. Auflage 2014
222 Seiten kartoniert
ISBN 978-3-525-40239-9
Preis: 20,00 €

Verlagsinformation

Die Liebe – in vielen Partnerschaften und Ehen ist sie die wichtigste Grundlage des Zusammenseins und einer erfüllten Sexualität. Sie soll ein ganz besonderes Gefühl sein, welches Menschen zueinander führt, aneinander bindet und die Partnerschaftszufriedenheit erhöht. Viele Paare glauben an dieses Gefühl, an dessen Kraft und magische Wirkung: Die Liebe wird zum Ideal. Doch Ideale haben auch Nachteile, sie setzen Maßstäbe, erhöhen die Erwartungen und verstärken die Sensibilität für das Vorhandensein von Liebe. Fehlt die Liebe, dann ist das oft ein Grund für Trennung, die wiederum emotionalen Stress bei allen Beteiligten, auch bei den Kindern eines Paares, auslöst. Wenn es die Liebe als Beziehungsideal nicht gäbe, könnten Paare sehr viel entspannter mit dem Verlust oder der zeitweisen Abwesenheit der Liebe umgehen. Der Ansatz, Liebe mehr als Konstrukt zu verstehen, hilft, dieses Gefühl in der Partnerschaft nicht zu überschätzen und andere beziehungsstiftende Elemente stärker wertzuschätzen.
Frank Natho nimmt den Leser mit auf eine Zeitreise und diskutiert die Entstehung, die Hintergründe der Liebe in verschiedenen kulturellen Epochen: Antike, Mittelalter, Romantik und Moderne sind einige Stationen, die unsere Vorstellung von Liebe prägten. Er wirft die Frage auf, ob die romantische Liebe noch in die Gegenwart passt und ob sie nicht vielleicht mehr Paare unglücklich als glücklich macht. Warum Freundschaft ein nützlicheres Ideal für die Paarbeziehung ist, verrät Frank Natho am Schluss seines Buches über die Erfindung der Liebe.

Inhalt

Vorwort 9

Das kann man ja auch mal so sehen 15
Liebe: Ein modernes Märchen? 20
Liebe: Plug and play? 23
Liebe: Auf- und Abwertung der Partnerschaft 26

Liebe:Grundgefühl versus Konstruktion 31
Liebe: Ein frühkindliches Bindungsmuster 36
Verliebtheit: Die Vorstufe zur Liebe? 41
Verliebtheit: Risiken und Nebenwirkungen einer Stressreaktion 44
Liebe im Jugendalter: Schmetterlinge im Bauch 49
Liebe im Lebensverlauf: Vertrautheit und Bindung 52

Kleine Kulturgeschichte der Liebe 57
Wie wir uns die Welt erklären: Wissenschaft , Kultur und Werte 59
Liebesgötter und Liebeskulte in der Antike 62
Paulus: Wegbereiter eines christlichen Verständnisses von Liebe 65
Die Liebe ist die Größte 65
Zucht und Ordnung 68
Liebe im Kontext von Endzeitstimmung 70
Kirche, Sexualität und Liebe im Mittelalter 73
Die Macht des Mönchtums 73
Die reine Liebe 74
Die Erfindung der Minne 75
Die Idealisierung der Minne 79
Vom Brauchtum zur Verschärfung des Sakraments 81
Die sexuelle Wende: Luthers Verständnis von Liebe und Ehe 86
Liebe, bis dass der Tod … 88
Liebe: Eine Frage des Erkennens 90
Die Erfindung der romantischen Liebe im 18. Jahrhundert 93
Das Anliegen der Romantik 94
Liebe zwischen Schicksal und Kontrolle 96
Romantik im Übergang zum Frühkapitalismus 100
Die Konstruktion der Liebe im 19. und 20. Jahrhundert 102
Konsumgut Liebe und Sexualität 102
Liebe im industriellen Frühkapitalismus 104
Liebe im fordistischen Kapitalismus 109
Liebe im neoliberalen Kapitalismus 120
Liebe im Sozialismus 123
Gefühlsstau oder eine Frage des Stils? Liebesdiskurse in Ost- und Westdeutschland 132

Neuzeitliche Konstruktionen der Liebe 137
Die Liebe im Visier der Humanisten: Sind Ganzheitlichkeit und Authentizität Auslaufmodelle? 139
Niklas Luhmann: Liebe ist Kommunikation und Erwartung 141
Erich Fromm: Die Kunst des Liebens 149
Reife: Die Voraussetzung aktiver Liebe 152
Die höchste Form der Reife: Die »offene Ehe« 153
Beziehungsgütekriterien: Zu hohe Erwartungen? 154
Peter Lauster: Liebe krönt die Sexualität 157
Richard David Precht: Liebe, nur ein angenehmes Zufallsprodukt? 162
Gerald Hüther: Liebe und die zwei Hälften eines Ganzen 168
Arnold Retzer: Mehr Realismus in der Liebe 171
Wolfgang Schmidbauer: Die komische Seite der Liebe 173
Paul Bloom: Liebe und die Anbetung des Besonderen 176

Liebe heute: (Er-)Klärungsversuche 181
Liebe als überholte Vorstellung? Begehren, Verschmelzung, Selbstlosigkeit und Transzendenz 183
Liebe als Exklusivverhältnis? Treue und Treue zu sich selbst 187
Liebe als biologische Konstante? Bindung in kindlichen und Partnerschaftsbeziehungen 190
Liebe als Suche nach Anschluss? 194
Körperliche Anschlussfähigkeit: Sexuelle Kommunikation ohne Liebe? 194
Anschlussfähigkeit auf der Persönlichkeitsebene: Wann stimmt die Chemie? 197
Liebe: Vielleicht »nur« Freundschaft? 201
Freundschaft: Ein kinderleichtes Konzept 202
Was macht freundschaftliche Beziehungen erfolgreich? 205

Fazit: Vollkommene Freundschaft oder unvollkommeneLiebe? 217

Über den Autor:

Frank Natho, Religionspädagoge, evangelischer Theologe, Familien- und Lehrtherapeut, systemischer Supervisor und Lehrsupervisor, TZI-Trainer, ist Gründer und Leiter des Instituts für Fortbildung, Supervision und Familientherapie (FST) Halberstadt und in eigener Praxis tätig.

17. Januar 2017
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„Wir dürfen ‚Sinn‘ nicht medikalisieren“

Im Deutschen Ärzteblatt ist in Heft 1/2017  ein Interview mit mir zum Thema Diagnosen und Diagnostik erschienen, das auch online gelesen werden kann. Ein findiger Lektor oder Redakteur hat dabei in den Satz „dass wir als Therapeuten nicht nicht diagnostizieren können“ ein doppeltes „nicht“ gefunden und leider sinnentstellend entfernt. Es geht im weitesten Sinne um die Thematik des bevorstehenden Kongresses  „Was ist der Fall? Und was steckt dahinter? Diagnosen in systemischer Theorie und Praxis“, der vom 25. bis 27. Mai 2017 in der Heidelberger Stadthall stattfinden wird. Mittlerweile steht der größte Teil des Programms fest. Die Website der Tagung ist mittlerweile auch fertiggestellt, alle Informationen über den Kongress und den Programmablauf  sind hier im Überblick zu erhalten.  Im Verlag Vandenhoeck und Ruprecht erscheint übriges im April rechtzeitig vor dem Kongress ein Gesprächsband mit dem Titel „Für welche Probleme sind Diagnosen eigentlich eine Lösung?“, in dem Hans Lieb und ich mit Uwe Britten über das Thema Diagnostik diskutieren. In der Verlagsankündigung heißt es: „Bei inzwischen mehreren Hundert Diagnosen für psychische Störungen sind die internationalen Klassifikationssysteme DSM und ICD mittlerweile angekommen – ist das noch durch irgendetwas gerechtfertigt? Und: Wofür sind Diagnosen bei psychischen Beeinträchtigungen überhaupt sinnvoll? Tom Levold und Hans Lieb suchen im Gespräch nach Antworten. Gerade zu Beginn einer Psychotherapie kann eine standardisierte Diagnostik mit dem Erkennen von Symptomen und der Nennung einer Diagnose hilfreich sein, insbesondere für die Psychotherapeuten selbst. Das gibt ihnen Sicherheit. Doch mit dem Fortschreiten der Therapie ist es ratsam, sich von den allzu einengenden Schablonen heutiger Diagnosen zu distanzieren und den Blick zu weiten, um den Klienten in seiner menschlichen Tiefe besser zu verstehen. Tom Levold und Hans Lieb stehen der gängigen standardisierten Diagnostik mit Vorbehalten gegenüber, zumal so getan werde, als existierten psychische Erkrankungen »für sich« irgendwo. Das tun sie aber nicht, denn die Problemlagen der Klienten sind viel komplexer, als die Diagnosen es suggerieren, sodass die Vergabe einer Diagnose nichts anderes als eine Fremdbeobachtung ist, die oft wenig mit dem Erleben der Klienten zu tun hat. Zwar stehen Diagnosen stets im Raum, wenn es um psychische Erkrankungen geht, doch sie sollten mit kritischer Distanz reflektiert werden. »Wir können nicht nicht diagnostizieren«, meint Hans Lieb. »Ja«, ergänzt Tom Levold, »aber wir dürfen menschlichen ›Sinn‹ nicht medizinisieren«.“

10. Januar 2017
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Das Ende der MEGA-Maschine

Im Wiener Promedia Verlag ist 2015 das Buch „Das Ende der MEGA-Maschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation“ von Fabian Scheidler erschienen. Scheidler, der Geschichte, Philosophie und Theaterregie studiert hat, arbeitet als freier Autor für unterschiedliche Medien. Sein Buch wurde von der Robert-Jungk-Bibliothek für Zukunftsfragen in die „TOP 10 der Zukunftsliteratur 2015“ gewählt. Jochen Schweitzer hat es gelesen und empfiehlt die Lektüre nachdrücklich. Lesen Sie selbst:

Jochen Schweitzer, Heidelberg:

Dies ist ein Buch, das mich ungewöhnlich stark begeistert hat und das ich daher vielen Menschen empfehlen möchte. Es hat mich begeistert, weil es

  • in knappestmöglicher Form eine Geschichte der Macht- und Ausbeutungsverhältnisse von circa 1350 bis heute schreibt,
  • Satz für Satz voll dichter Informationen und zugleich sehr verständlich geschrieben ist,
  • die Geschichte des Finanzkapitals, der Klassenkämpfe, der politisch-militärischen Repression und der Ideologieproduktion in einer systemischen, zirkulären Denkweise beschreibt und  deshalb als eine hervorragende kurze Lektüre auch für gesellschaftspolitisch interessierte SystemikerInnen dienen kann.

Viele Besucher der Frankfurter DGSF-Jahrestagung 2016 mögen den sympathischen Autor bei seinem dortigen gleichnamigen Vortrag gehört haben. Scheidlers Kernthese ist, dass in der Menschheitsgeschichte vier Tyranneien ständig eng zusammengearbeitet haben bei der Unterdrückung von Menschen durch Menschen: die physische Macht, besonders durch Waffengewalt; die strukturelle Gewalt als systematisch ungleiche Verteilung von Rechten, Besitz, Einkommen und Prestige; die ideologische Macht durch Priester, Journalisten und Experten, die die beiden anderen Formen der Macht legitimieren oder unsichtbar machen halfen; schließlich die Tyrannei des linearen Denkens als Versuch, durch Kommandos, Befehle und Kontrollpraktiken die Menschen wie die unbelebte Natur sich einseitig untertan zu machen. Keine dieser Tyranneien funktioniert ohne die andere: Waffengewalt braucht ideologische Begründung und den Glauben an die Möglichkeit der Kontrolle der Welt durch Waffen; starke Ungleichheit ist dauerhaft nicht durchsetzbar ohne ideologische Begründung oder (wenn diese nicht ausreicht) ohne Waffengewalt. Weiterlesen →

8. Januar 2017
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Diagnostik in der Sozialen Arbeit

Martin und Sabine Riesenhuber sowie Cornelia Schwaiger aus Österreich haben zum Thema „Diagnostik in der Sozialen Arbeit. Die Legende einer Debatte ohne Ende“ einen guten Überblick über den Stand der Diskussion gegeben, der 2009 in Social Paper. Online-Zeitschrift des Arbeitsbereichs Sozialpädagogik, Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Karl-Franzens-Universität Graz erschienen ist. Im abstract heißt es: „Der vorliegende Beitrag entstand aus einer eingehenden Auseinandersetzung mit Sozialer Diagnose und der damit verbundenen Debatte. Dies führte uns zu einem gewissen Erstaunen darüber, wie lange und intensiv diese Diskussion bereits geführt wird, wie viele unterschiedlichste Diagnoseverfahren bereits entwickelt wurden, und wie wenig die Soziale Diagnose vergleichsweise dazu bisher den bewussten Eingang in die Praxis der Sozialen Arbeit gefunden hat. Wir diskutierten darüber, bildeten Hypothesen dazu und stellten uns Fragen, welche uns in diesem Zusammenhang naheliegend erschienen. Wir verglichen die unterschiedlichen Diagnosebegriffe, -modelle und -ansätze und brachten sie in einen Zusammenhang mit den Argumenten, welche sich in der Diagnosedebatte als Pros und Contras wiederfinden. Letztlich führte uns die Auseinandersetzung immer wieder in den Bereich grundlegender sozialpädagogischer Fragen, welche ethische und professionelle Haltungen betreffen. In diesem Umstand spiegelt sich genau der Verlauf der Debatte um Soziale Diagnose wider, welcher die DiskutantInnen ebenso immer wieder auf diese grundsätzlichen Fragen von Professionalität und der Beziehung zwischen den im Sozialen Feld Tätigen und deren Klientel zurückverweist. An dieser unserer Auseinandersetzung und unserer Perspektive auf dieses Thema teilhaben zu lassen und Anregung zu geben, um die Debatte hinter der Debatte weiterzuführen, ist Anliegen des Beitrages.“

Der Artikel kann auch online gelesen werden, und zwar hier…

6. Januar 2017
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Therapie mit Menschen mit Fluchterfahrungen

Das erste Heft der Familiendynamik im Jahrgang 2017 beschäftigt sich mit dem Thema der Flüchtlinge. Im Editorial schreiben Leonie Teigler, Elise Bittenbinder und Arist von Schlippe: „Wir sind gegenwärtig mit zahlreichen »man made disasters« konfrontiert, bei denen massive Gewalt von einzelnen Personen oder ganzen Gesellschaften ausgeht. Daraus resultieren andauernde oder sich wiederholende traumatische Erfahrungen. Sie führen meist nicht nur zur Symptombildung nach PTBS-Kriterien, sondern zerstören auch die sozialen Gefüge der Betroffenen. Menschen mit solchen Gewalterfahrungen erleben in Deutschland oft weiter soziale Isolation. Umso wichtiger ist daher der Kontakt zu solidarischen Personen, die Stabilität ermöglichen, nicht zuletzt im Rahmen von psychosozialer Arbeit.

Gleichzeitig sehen sich Fachkräfte angesichts der Lebensumstände von Geflüchteten oft überfordert. Die Konfrontation mit ungewohntem Leid, ständiger Unsicherheit, dem komplizierten und häufig gnadenlos wirkenden Rechtssystem, mit »fremder« Kultur und mit Dolmetschenden kann Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht auslösen und letztlich zu Abwehr führen. Vielleicht erklärt diese Dynamik die zu beobachtende Tendenz, Trauma aus dem gesellschaftlichen Kontext zu lösen und sich in der Behandlung von Geflüchteten ganz auf die medizinisch-biologische Ebene zu konzentrieren.

Die Beiträge im Fokus dieses Heftes möchten alternative Wege aufzeigen. Sie geben Einblicke in die beraterische/therapeutische Arbeit mit Überlebenden von Krieg, Verfolgung und Folter – und plädieren dafür, sich auf die Komplexität eines Feldes an der Schnittstelle zur Menschenrechtsarbeit einzulassen.“

Alle bibiografischen Angaben und abstracts gibt es hier zu lesen…

 

 

4. Januar 2017
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Familientherapie statt Knast für Kinder

Schon 13 Jahre alte Kinder können wegen schwerer Verbrechen im Staat New York wie Erwachsene angeklagt und verurteilt werden. Dass ein Gefängnisaufenthalt Minderjährigen nicht auf den richtigen Weg verhilft, sondern vielmehr eine Schule der Kriminalisierung darstellt, dürfte klar sein. Im Magazin The Atlantic ist eine interessante Reportage über ein Projekt der New York Foundling, einer privaten Kinderschutz-Organisation, zu lesen, die eine Alternative zum Strafvollzug für delinquente Kinder, Familions Rising, entwickelt hat. Familientherapie ersetzt hier eine Verurteilung und den Eintrag in das Strafregister, wenn das Programm erfolgreich abgeschlossen wird. Das Programm kostet auch deutlich weniger als ein vergleichbarer Aufenthalt für einen Insassen in New Yorks City Rikers Island-Gefängnis: 8.400 $ statt 167.731 $. Der Erfolg lässt sich sehen: Von den teilnehmenden Delinquenten und ihren Familien haben 97 % das Programm absolviert und konnten so einen Eintrag ins Strafregister vermeiden; 92 Prozent vervollständigten das Programm und mussten nicht ins Gefängnis. Die ganze Reportage gibt es hier zu lesen…