systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

21. Juli 2016
von Tom Levold
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Form und Funktion des Krankhaften – Pathologie als Modalmedium

psy_reiter_cover_03_bearbeitet_PSV 2.inddUnter diesem Titel hat Uli Reiter, laut Verlagsauskunft Autor, Künstler und Marketingdienstleister ein systemtheoretisches Buch zum Thema der Übertragung von Krankheitsbildern und -vorstellungen auf soziale Systeme und die Gesellschaft als Ganzes vorlegt. Erschienen ist es mit einem Vorwort von Peter Fuchs im Gießener Psychosozial-Verlag, einem Verlag, der schwerpunktmäßig psychoanalytische Literatur verlegt, aber mit diesem Band auch eine Hand in das systemtheoretische Feld ausstreckt. Peter Bormann hat das Buch für systemagazin gelesen und rezensiert, sein Fazit: „Uli Reiters Studie zur Pathologie als Modalmedium brilliert vor allem durch die gestellten Fragen, die sie experimentell durchspielt. Während die Antworten, insbesondere mit Blick auf die metaphorischen Mechanismen, nicht in jedem Fall zu überzeugen wissen. Gleichwohl ist der Text höchst lesenswert. Denn seine Fragen stimulieren, bislang als evident angesehene Sachverhalte (soziale Dysfunktionen, Defekte, etc., die als pathologisch charakterisiert werden) in ungewohnten Suchrichtungen neu zu interpretieren.“ Aber lesen Sie selbst: Weiterlesen →

21. Juli 2016
von Tom Levold
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Zahl der Kinder unter 3 Jahren in Kindertagesbetreuung auf 721 000 gestiegen

WIESBADEN – Zum 1. März 2016 wurden 721 000 Kinder unter 3 Jahren in einer Kindertageseinrichtung oder in öffentlich geförderter Kindertagespflege betreut. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, waren dies 26 000 Kinder beziehungsweise 3,7 % mehr als im Vorjahr. Der Anstieg fiel damit weniger stark aus als im Vorjahr (2015: + 32 500 beziehungsweise + 4,9 %).

Seit dem 1. August 2013 gibt es für Kinder ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen bundesweiten Rechtsanspruch auf einen öffentlich geförderten Betreuungsplatz. Bei den hier veröffentlichten Daten wird die Inanspruchnahme der Kindertagesbetreuung gemessen. Dabei werden nur tatsächlich betreute Kinder berücksichtigt.

In Bremen (+ 7,0 %) nahm die Anzahl der betreuten Kleinkinder gegenüber dem Vorjahr am stärksten zu, in Sachsen-Anhalt (+ 1,7 %) war der Zuwachs am geringsten. Dabei ist zu beachten, dass in den ostdeutschen Flächenländern bereits hohe Betreuungszahlen erreicht wurden. Die Steigerungen fallen dort dementsprechend nur noch gering aus.

Die Mehrzahl der Eltern von Kindern unter 3 Jahren nutzten die Tagesbetreuung in Einrichtungen (85,1 %). Mit einem Anteil von bundesweit 14,9 % spielte die Kindertagespflege bei einer Tagespflegemutter oder einem -vater nach wie vor eine deutlich geringere Rolle.

Im März 2016 gab es bundesweit 54 823 Einrichtungen sowie 43 489 Tagespflegemütter und -väter. Gegenüber dem Vorjahr stieg die Zahl der Kindertageseinrichtungen (+ 0,5 %) geringfügig an, während die Zahl der Kindertagespflegepersonen um 1,4 % abnahm.

Quelle: Pressemitteilungen – Zahl der Kinder unter 3 Jahren in Kindertagesbetreuung auf 721 000 gestiegen – Statistisches Bundesamt (Destatis)

11. Juli 2016
von Tom Levold
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Mohammed El Hachimi (*11.7.1951)

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Heute gibt es wieder etwas zu feiern: den 65. Geburtstag von Mohammed El Hachimi (Foto: T. Levold). Gebürtig in Rabat, Marokko, lebt und arbeitet er seit seinem Berliner Studium der Sozialpädagogik und Sozialwissenschaften schon seit über 40 Jahren in Deutschland und ist in der systemischen Szene zunächst als Lehrtherapeut und Supervisor beim Institut für Familientherapie Weinheim bekannt geworden. In den letzten 20 Jahren arbeitete er aber zunehmend als Coach und Trainer in den Bereichen der systemischen Organisationsentwicklung.

Seine eigene Migrationserfahrung prädestinierte ihn für die Entwicklung von Konzepten zur interkulturellen Kommunikation, sei es in der Arbeit mit bikulturellen Paaren oder mit Organisationen, die sich zunehmend mit der Frage von Diversität, „anders-sein“ und „Fremdheit“ auseinandersetzen müssen.

Die Reflexion von kulturgebundenen Werten, Normen und Haltungen sowie die zieldienliche Nutzung multikultureller Ressourcen und Perspektiven, die auch in viele Veröffentlichungen zur interkulturellen Kommunikation eingeflossen sind, zeichnen dabei nicht nur seine Arbeit mit Klientensystemen aus, sondern ist ganz persönlicher Ausdruck aller seiner Aktivitäten – und die lassen sich gar nicht alle aufzählen.

Vor über 20 Jahren hat er sich einen zweiten Standort in Marokko aufgebaut, am Rande von Zagora, einer Provinzhauptstadt südöstlich des Atlasgebirges am Rande der Wüste. Fanden hier zunächst immer mal wieder kleinere Seminargruppen statt, ist im Laufe der Jahre ein stolzes Projekt daraus geworden. Das „Riad Lamane“ gehört zu den schönsten Hotelanlagen in der Region, eine wunderbare Oase, in der sich sowohl die Erholung genießen als auch wunderbar arbeiten lässt. Hier realisiert Mohammed El Hachimi nicht nur seine Vorstellungen von Ökologie und fairem Tourismus, sondern auch seine Vorstellungen einer sozial verpflichteten Führung eines Unternehmens, das mittlerweile vielen Menschen eine stabile ökonomische Existenz ermöglicht.
Mit seiner Kreativität, seinem Humor und seiner Begeisterungsfähigkeit schafft Mohammed es immer wieder, Menschen mitzureißen und eine Form von Begegnung zu schaffen, die „das Fremde“ vertraut werden lässt und Brücken schlagen kann, sei es durch Geschichten erzählen, Tanz, Musik und Bewegung oder einfach dadurch, dass man etwas zusammen macht und unternimmt, wobei seine Ideen einfach unerschöpflich erscheinen. Was er sich vorstellt, setzt er mit einer unglaublichen Energie und Geschwindigkeit um – als Architekt, Künstler, Musiker, Möbelbauer, Investor, nicht zuletzt als Initiator und Förderer von sozialen Projekten bis hin zur Errichtung einer Schule.
Auch wenn ich ihn früher flüchtig vom Sehen kannte, habe ich ihn erst vor ein paar Jahren in Zagora wirklich kennengelernt, obwohl wir dort feststellen mussten, dass wir uns in Deutschland auch mit dem Fahrrad hätten besuchen können. Aus dieser räumlichen Nähe ist dann eine sehr befruchtende Freundschaft entstanden, die nicht zuletzt in mehrere gemeinsame Trialogie-Tagungen gemündet sind, die wir jährlich gemeinsam mit Liane Stephan in der letzten Februarwoche in Zagora veranstalten.

Lieber Mohammed, zum 65. Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche und noch viele Jahre des kreativen Erschaffens von guten Umständen für Dich, Deine Familie und alle, die gerne mit Dir zusammen sind und arbeiten! Ich freue mich, dazu zu gehören!

9. Juli 2016
von Tom Levold
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systeme 1/2016

Systeme 1-2016 Titel

Den 30. Jahrgang der systeme haben wir nun vor uns liegen, der „Interdisziplinären Zeitschrift für systemtheoretisch orientierte Forschung und Praxis in den Humanwissenschaften“. Gegründet von Ludwig Reiter und der Österreichischen Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien in Wien, wird sie seit längerem gemeinsam von der ÖAS und der Systemischen Gesellschaft als grenzüberschreitendes Projekt herausgegeben. Gratulation zum 30.! Das aktuelle Heft befasst sich sich schwerpunktmäßig mit den Auswirkungen der „unübersichtlichen gesellschaftspolitischen Situationen“ –  im Editorial heißt es dazu: „,Wir leben alle unter demselben Himmel, aber wir haben nicht den gleichen Horizont’. Mit diesen Worten beginnt unsere aktuelle Ausgabe der systeme. Im letzten Heft wurde schon die Frage gestellt, was systemische Perspektiven zu bieten haben, angesichts von Weltgeschehnissen, die zu überfordern scheinen und einfache Handhabbarkeiten in Frage stellen. Versuchen sie diese in einen erweiternden Rahmen zu betten oder ist es noch mal eine Draufgabe zur Komplexitätssteigerung? Die vorherrschende Stimmung von der bodenständigen Meinung, die „Welt steht nimmer lang“, dem beklagenden Verfall der Welt und der Ambivalenz gegenüber dem Phänomen von dem sich ständig bewegend Wogendem, wie den momentan vorherrschenden Völker- bzw. Wanderungsbewegungen, bringt, so scheint es, vermehrt Unsicherheit. Das Krisenhafte hält die westliche Welt in Atem, Flüchtlingskrise, Wirtschaftskrise, Identitätskrise, Psychokrise, Systemkrise? Die vorliegende Ausgabe der systeme lebt von diesen Fragen, die vielleicht auch unsere LeserInnen beschäftigen mögen, und gibt eventuell neue Perspektiven. Von Horizonten, die sich nicht gleich ausnehmen lassen, bis zur heilenden Kraft der Imagination, die Federn fliegen lässt.“ Im aktuellen Heft gibt es Beiträge von Cornelia Oestereich, Günter Schiepek, Klaus Henner Spierling, Cornelia Koppetsch, Maria Borcsa, Katia Charalabaki & Katerina
Theodoraki sowie Luise Reddemann zu lesen. Alle bibliografischen Angaben gibt es hier zu lesen …

5. Juli 2016
von Tom Levold
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Forschungsprojekt: Bindung bei SystemikerInnen

Bildschirmfoto 2016-07-05 um 09.40.34Alexander Trost, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie und bis zu diesem Sommer Professor für Sozialmedizin, Psychiatrie und Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Kath. Hochschule NRW in Aachen, beschäftigt sich seit Jahren mit Bindungstheorie in Lehre und Forschung. Mit seinem „Aachener Bindungsforschungsteam“ führt er derzeit ein Online-Projekt zur Erfassung von Bindungsstilen von systemisch arbeitenden Kolleginnen und Kollegen durch. Ähnliche Untersuchungen wurden bereits z.B. bei Professionellen der Sozialen Arbeit, oder im direkten Vergleich zwischen Studierenden der Sozialen Arbeit und des Maschinenbaus, bei Ausbildungskandidaten und Mitgliedern verschiedener Ehe-Familie- und Lebensberatungsstellen /Masterstudiengänge durchgeführt.

Im Exposé zur Online-Befragung heißt es: „Die Erkenntnisse der Bindungsforschung  haben in vergangenen Jahrzehnten eine große Bedeutung für das Verstehen unseres Erlebens und Handelns erlangt. Der Begründer der Bindungstheorie, John Bowlby hatte schon früh  Psychoanalyse, Verhaltensforschung und  systemisches Denken in einen schlüssigen Zusammenhang gebracht. Heute wissen wir, dass die durch frühkindliche interaktionelle Erfahrungen  ausgestalteten und im Lebenslauf modifizierten Bindungsstile unser Denk-, Fühl- und Verhaltensrepertoire maßgeblich prägen. Das gilt auch für die therapeutische/ beraterische Arbeitsbeziehung. Das Aachener Bindungsforschungsteam lädt Sie als SG-Mitglieder herzlich dazu ein, an einer speziell auf „SystemikerInnen“ zugeschnittenen Erhebung, den eigenen Bindungsstil betreffend, teilzunehmen. Die Umfrage basiert auf dem vielfach bewährten und gut evaluierten Bielefelder Fragebogen für Partnerschaftserwartungen.

Unsere Erfahrungen mit frühen Bezugspersonen werden im Erwachsenenalter auf die Erwartungen an eine Partnerschaft übertragen. Daher gilt der BFPE als verlässliches Instrument zur Erhebung des Bindungsstils. Die Forschungsarbeit wird von der DGSF ideell unterstützt. Die Ergebnisse der Erhebung werden in einem Vortrag bei der DGSF-Jahrestagung 2016: „Systemisch – Wirksam – Gut“ in Frankfurt vorgestellt.“

Die Befragung läuft bereits seit einiger Zeit, die website des Online-Fragebogens, auf der alle weiteren Schritte erklärt werden, ist noch bis zum 22.7. freigeschaltet. Und hier geht es zur Befragung…

3. Juli 2016
von Tom Levold
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„Think globally – act locally“

Helm und Satu Stierlin (Foto: Tom Levold)

Helm und Satu Stierlin
(Foto: Tom Levold)

Im Dezember 1992 hat Christiane Schuhbert für das Hamburger Institut für systemische Studien ein Interview mit Helm Stierlin geführt, das in der Institutszeitschrift ISS’ES sowie auf der website des Instituts veröffentlicht worden ist und auch nach fast 25 Jahren erstaunlich aktuell anmutet. Im Gespräch spricht Stierlin über seinen Weg von der Psychoanalyse über die Familientherapie zur Systemischen Therapie, seine Lehrer und Wegbegleiter, die Situation der Systemiker an den Universitäten, seine eigene Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und die gesellschaftlichen Herausforderungen, die es zu meistern gilt. Das vollständige Gespräch gibt es hier zu lesen…

2. Juli 2016
von Tom Levold
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A Tale of Two Epistemologies: Wider eine individualistische Diagnostik

Norbert Wetzel gehört zum Urgestein der deutschsprachigen Fwetzel_norbertamilientherapie-Szene. Er gehörte Mitte der 70er Jahre mit Ingeborg-Rücker-Embden und Michael Wirsching zu den ersten Mitarbeitern von Helm Stierlin an der Abteilung für „Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie“ der Universität Heidelberg. Ergebnis dieser Zusammenarbeit war der Band „Das erste Familiengespräch“, in der 8. Auflage immer noch auf der Backlist von Klett-Cotta. Anfang der 80er Jahre übersiedelte er in die USA, wo er von 1980 bis 1991 Paar- und Familientherapie an der Rutgers’ Graduate School of Applied and Professional Psychology unterrichtete. 1982 gründete er gemeinsam mit Hinda Winawer das Princeton Family Institute, das den Schwerpunkt seiner Arbeit auf die Unterstützung von Menschen legt, die aufgrund ihrer sozialen und ökonomischen Lage oder ihrer ethnischen, religiösen oder sexuellen Identität benachteiligt werden. Therapeutische und beraterische Angebote sind vor diesem Hintergrund zwangsläufig auf den erweiterten Kontext der Familie, Nachbarschaft und Gemeinde bezogen. Betrachtet man die Menschen in ihrem Lebenskontext, zeigt sich, dass diagnostische Klassifikationen wie das DSM oder die ICD dieser Perspektive in keiner Weise gerecht wird. In einem interessanten Text, den Norbert Wetzel im Internet veröffentlicht hat, kritisiert er, dass auch die berechtigte Kritik am DSM, nämlich dass sie die Medikalisierung der Psychotherapie weiter vorantreibt, an dieser Stelle zu kurz greift, weil sie die damit verbundene individualistische Perspektive noch längst nicht aufhebt. Statt des dieser individualistischen Perspektive zugrunde liegenden Paradigmas eines „Objektiven Realismus“ fordert Wetzel einen „relationalen, perspektivischen Realismus”. Weiterlesen →

28. Juni 2016
von Tom Levold
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Die Garantie der laufenden Störbarkeit

Dirk Baecker

Dirk Baecker

Unter diesem Stichwort gibt es auf der Website von osb (international systemic consulting) ein interessantes Interview mit Dirk Baecker über seine Beobachtungen zu neuen Tendenzen in Organisationen, vor allem die Veränderung der Bedeutung von Hierarchie, die Auswirkungen zunehmender Digitalisierung von Kommunikation und die Subjektivierung von Rollen und Funktionen. Zu letzterem Phänomen bemerkt er: „Ein zweiter Aspekt wird unter dem Stichwort „Generation Y“ diskutiert. Das sind Leute, die das britische Wirtschaftsmagazin The Economist kürzlich als „self-loving bird brains“, selbstverliebte Spatzenhirne, beschrieben hat (23. Mai 2015). Man weiß immer noch nicht genau, mit wem man es hier zu tun hat, aber sicher ist, dass sie sich in ihrem Arbeitsverständnis nicht auf Funktionsträger reduzieren lassen, die mit Routinearbeiten zufrieden wären. Stattdessen ist es ihnen wichtig, mit welchen Jobs oder Rollen auch immer persönlich angesprochen zu werden. Wenn man Organisationen als Einrichtungen verstehen darf, die bis vor kurzem ihre stärkste Seite darin hatten, dass sie Routinen definieren, die unter Absehung von der jeweiligen Person ausgeführt werden können, werden sie von diesen „Gen Y“-Leuten absolut auf dem falschen Bein erwischt. Wir wissen, dass Organisationen sich seit einigen Jahrzehnten daran gewöhnt haben, zu behaupten, dass „der Mensch im Mittelpunkt steht“, aber wir wissen auch, dass die Praxis dieser Semantik noch hinterherhinkt.“

Das vollständige Interview gibt es hier zu lesen…

 

26. Juni 2016
von Tom Levold
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Virginia Satir (26.6.1916 – 10.9.1988)

Satir05Heute würde Virginia Satir ihren 100. Geburtstag feiern. Sie wurde am 26. Juni 1916 in der tiefsten Provinz der USA, dem Kleinstädtchen Neillsville in Wisconsin (2010: 2.463 Einwohner) geboren. Als sie 13 war, bestand ihre Mutter darauf, dass die Familie umzog, um der Tochter den Besuch einer High School zu ermöglichen, die sie 1932 abschloss. Im gleichen Jahr begann sie ihre Ausbildung am Milwaukee State Teachers College (jetzt University of Wisconsin-Milwaukee), die sie mit einem Bachelor beendete. Nach einer Zeit der Tätigkeit als Lehrerin machte Satir noch eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und begann schon 1951, in eigener Praxis mit Familien zu arbeiten, was zur damaligen Zeit völlig außergewöhnlich war. Ab 1955 unterrichtete sie das Fach Familiendynamik am Illinois Psychiatric Institute. In einer Zeit, in der alle namhaften Familientherapeuten Männer waren, setzte sich als einzige Frau mit großem Selbstbewusstsein durch. Ende des Jahrzehnts zog sie nach Kalifornien, wohin sie 1959 von Don D. Jackson und Jules Ruskin in das Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto bei Stanford (USA) berufen wurde. Hier übernahm sie die Leitung der Ausbildungsabteilung des Instituts und entwickelte das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm in den USA, das auch eine Weltpremiere darstellte.Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre war Virginia Satir auch häufig in Deutschland zu Gast, um hier Workshops und Kurse zu geben. Vor allem hat sie durch ihre Verbindung mit dem Weinheimer Institut für Familientherapie viele systemische Therapeutinnen und Therapeuten geprägt, die ihre professionelle Entwicklung im IFW begonnen haben. Die starke Orientierung an der sogenannten Mailänder Schule um Mara Selvini Palazzoli einerseits, die konstruktivistische und systemtheoretische Wende, die die Familientherapie Anfang der 80er Jahre hierzulande nahm, andererseits führte jedoch dazu, dass der Ansatz von Virginia Satir, der u.a. Arbeit mit Familienskulpturen, Familienrekonstruktion und das Konzept des Selbstwerts in den Vordergrund rückte, außerhalb der humanistisch geprägten psychotherapeutischen Szene nicht sehr breit rezipiert wurde. So habe ich Virginia Satir nie selbst erlebt, mich aber auch nicht darum bemüht, da mir ihre konzeptuellen Überlegungen nicht besonders zusagten. Ihre geschichtliche Bedeutung für die Familientherapie habe ich erst viel später realisiert.
Neben ihren historischen und inhaltlichen Beiträgen ist Virginia Satir vor allem für ihre besondere Art der Präsentation und des Umgangs mit Menschen berühmt geworden, die durchaus gelegentliches „Fremdeln“ oder zumindest Ambivalenz hervorrufen konnte, wie auch aus dem einen oder anderen folgenden Beitrag hervorgeht. Weiterlesen →

25. Juni 2016
von Tom Levold
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Could a neuroscientist understand a microprocessor?

Was taugen die gegenwärtigen Instrumente der Neurowissenschaften, um die Funktionsweise des Gehirns beschreiben zu können? Diese Frage stellten sich Eric Jonas von der Universität Berkeley und Konrad Kording von der Northwestern University. Dafür dachten sie sich ein interessantes Untersuchungsdesign aus: Sie nahmen sich einen sehr alten (und daher recht simplen) Mikroprozessor vor, mit dessen Hilfe Anfang der 80er Jahre die ersten Videospiele gespielt wurden. Dieser Prozessor ist in seiner Struktur und Funktionsweise vollständig bekannt. Die Forscher manipulierten (oder zerstörten) nun bestimmte Strukturen des Prozessors so, dass spezifische Funktionen erkennbar verändert oder stillgelegt wurden. Die Aufgabe war nun, mit Techniken, die in den Neurowissenschaften zur Prüfung neuronaler Daten eingesetzt werden (z.B. um Funktionen von verletzten oder veränderten Hirnstrukturen zu identifizieren), Hypothesen über die Funktionsweise des Mikroprozessors anhand der von diesem abgeleiteten Daten zu generieren. Das Ergebnis war freilich ernüchternd. Im abstract heißt es: „There is a popular belief in neuroscience that we are primarily data limited, that producing large, multimodal, and complex datasets will, enabled by data analysis algorithms, lead to fundamental insights into the way the brain processes information. Microprocessors are among those artificial information processing systems that are both complex and that we understand at all levels, from the overall logical flow, via logical gates, to the dynamics of transistors. Here we take a simulated classical microprocessor as a model organism, and use our ability to perform arbitrary experiments on it to see if popular data analysis methods from neuroscience can elucidate the way it processes information. We show that the approaches reveal interesting structure in the data but do not meaningfully describe the hierarchy of information processing in the processor. This suggests that current approaches in neuroscience may fall short of producing meaningful models of the brain.“

Zum vollständigen Text geht es hier…

24. Juni 2016
von Tom Levold
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Was ist der Fall?

Bildschirmfoto 2016-02-11 um 19.20.04

Die Vorbereitungen zur Tagung „Was ist der Fall? Und was steckt dahinter? Diagnosen in Systemischer Theorie und Praxis“ (Planung und Durchführung: Tom Levold, Hans Lieb, Matthias Ohler, Wilhelm Rotthaus und Bernhard Trenkle in Kooperation mit der Carl-Auer-Akademie und systemagazin), die vom 25.-27.5.2017 in der Heidelberger Stadthalle stattfinden wird ist in vollem Gang. Das vollständige Programm wird in den nächsten Wochen veröffentlicht werden, aber es haben bereits jetzt eine Reihe von ReferentInnen zugesagt – die eine Buchung der Tagung schon zum  jetzigen Zeitpunkt lohnen lassen. Unter anderem wirken mit: Corina Ahlers, Ulrike Borst, Michael B. Buchholz, Filip Caby, Günter Emlein, Peter Fiedler, Dörte Foertsch, Stefan Geyerhofer, Johannes Herwig-Lempp, Christina Hunger, Otto Kernberg, Heiner Keupp, Heinz Kindler, Rudolf Klein, Jürgen Kriz, Manfred Lütz, Haja Molter, Cornelia Oestereich, Karin Nöcker, Mechthild Reinhard, Eckhard Roediger, Martin Rufer, Henning Schauenburg, Günter Schiepek, Roland Schleiffer, Gunther Schmidt, Christian Schrapper, Jochen Schweitzer, Fritz B. Simon, Carmen Unterholzer, Berward Vieten, Elisabeth Wagner. Der Tagungsflyer ist raus – hier können Sie ihn lesen…

 

23. Juni 2016
von Tom Levold
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Macht der Kapitalismus depressiv?

Dornes_KapitalismusDer systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er bei der Erklärung von (vermeintlich individuellen) Phänomenen immer die verschiedenen relevanten sozialen, historischen, ökonomischen, rechtlichen u.a. Kontexte einbezieht. Gerade bei der Frage, was als psychisches oder seelisches Problem, Krankheit oder Störung gelten kann, ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Allerdings ist die Frage, inwiefern gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf die Entstehung psychischer Probleme nehmen oder diese sogar verursachen, schon viel älter als systemtheoretische Beschreibungen. Ob der Kapitalismus krank macht, ist eine alte soziologische Fragestellung, die aber natürlich von eminenter politischer Bedeutung ist (und seit den 60er Jahren diskutiert wird).

Martin Dornes, Soziologe und Psychoanalytiker aus Frankfurt, der durch seine Bücher über die neuere Säuglingsforschung bekannt geworden ist, hat nun ein Buch „über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften“ vorgelegt, dass eine Antwort auf diese Frage bieten soll. Entscheidend für seine Argumentation ist der Unterschied zwischen einer erheblichen Zunahme von Depressionsdiagnosen in den vergangenen Jahren auf der einen Seite, einer relativen Konstanz der beschriebenen Probleme, die sich in epidemiologischen Untersuchungen zeigt, andererseits. Martin Rufer aus Bern hat das Buch für systemagazin gelesen und hält es für „einen wichtigen, wenn auch kontrovers zu diskutierenden Beitrag“ zu dieser Debatte.

Martin Rufer, Bern:

Macht der Kapitalismus depressiv? Wer eine solche Frage so pointiert ins Blickfeld des Lesers stellt, muss diese auch dementsprechend prägnant beantworten können. Um es gleich vorweg zu nehmen: dies gelingt Martin Dornes, seines Zeichens promovierter Soziologe und habilitierter psychoanalytischer Psychologe hervorragend und vor allen Dingen so eindeutig, so dass es auch dem kritischen Leser bei der Lektüre schwer fällt, gegen sein klares „Nein“ zur Titelfrage anzutreten. Dass sich der Autor damit aber wohl auch nicht nur Freunde schafft oder gar als Speichellecker des Kapitals (Internet-Rezension) abqualifiziert wird, mag da nicht überraschen. Dabei geht es ihm keineswegs um ein antikapitalistisches Manifest, sondern um eine kritische Prüfung der „Zunahmethese“  psychischer Krankheiten und der Suche nach Antworten auf die Frage: „Diagnosen nehmen zu, Krankheiten nicht: wie ist das möglich?“. Dabei ist sich Dornes durchaus bewusst um die Fülle von Studien mit widersprüchlichen Befunden. Wenn  der Autor aber aufgrund der Durchsicht zahlreicher sozialwissenschaftlicher Arbeiten  zum Schluss kommt, dass psychische Krankheiten in den letzten 30 Jahren nicht zugenommen haben, löst er damit natürlich eine Reihe von Fragen im Bereich der psycho-sozialen  Grundversorgung aus. „Klärungsbedürftig ist also nicht mehr, ob psychische Krankheiten zugenommen haben – sie haben es nicht -, sondern allenfalls, warum es diesen Hype gibt.“ (S.128). Weiterlesen →

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