systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

25. Juni 2016
von Tom Levold
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Could a neuroscientist understand a microprocessor?

Was taugen die gegenwärtigen Instrumente der Neurowissenschaften, um die Funktionsweise des Gehirns beschreiben zu können? Diese Frage stellten sich Eric Jonas von der Universität Berkeley und Konrad Kording von der Northwestern University. Dafür dachten sie sich ein interessantes Untersuchungsdesign aus: Sie nahmen sich einen sehr alten (und daher recht simplen) Mikroprozessor vor, mit dessen Hilfe Anfang der 80er Jahre die ersten Videospiele gespielt wurden. Dieser Prozessor ist in seiner Struktur und Funktionsweise vollständig bekannt. Die Forscher manipulierten (oder zerstörten) nun bestimmte Strukturen des Prozessors so, dass spezifische Funktionen erkennbar verändert oder stillgelegt wurden. Die Aufgabe war nun, mit Techniken, die in den Neurowissenschaften zur Prüfung neuronaler Daten eingesetzt werden (z.B. um Funktionen von verletzten oder veränderten Hirnstrukturen zu identifizieren), Hypothesen über die Funktionsweise des Mikroprozessors anhand der von diesem abgeleiteten Daten zu generieren. Das Ergebnis war freilich ernüchternd. Im abstract heißt es: „There is a popular belief in neuroscience that we are primarily data limited, that producing large, multimodal, and complex datasets will, enabled by data analysis algorithms, lead to fundamental insights into the way the brain processes information. Microprocessors are among those artificial information processing systems that are both complex and that we understand at all levels, from the overall logical flow, via logical gates, to the dynamics of transistors. Here we take a simulated classical microprocessor as a model organism, and use our ability to perform arbitrary experiments on it to see if popular data analysis methods from neuroscience can elucidate the way it processes information. We show that the approaches reveal interesting structure in the data but do not meaningfully describe the hierarchy of information processing in the processor. This suggests that current approaches in neuroscience may fall short of producing meaningful models of the brain.“

Zum vollständigen Text geht es hier…

24. Juni 2016
von Tom Levold
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Was ist der Fall?

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Die Vorbereitungen zur Tagung „Was ist der Fall? Und was steckt dahinter? Diagnosen in Systemischer Theorie und Praxis“ (Planung und Durchführung: Tom Levold, Hans Lieb, Matthias Ohler, Wilhelm Rotthaus und Bernhard Trenkle in Kooperation mit der Carl-Auer-Akademie und systemagazin), die vom 25.-27.5.2017 in der Heidelberger Stadthalle stattfinden wird ist in vollem Gang. Das vollständige Programm wird in den nächsten Wochen veröffentlicht werden, aber es haben bereits jetzt eine Reihe von ReferentInnen zugesagt – die eine Buchung der Tagung schon zum  jetzigen Zeitpunkt lohnen lassen. Unter anderem wirken mit: Corina Ahlers, Ulrike Borst, Michael B. Buchholz, Filip Caby, Günter Emlein, Peter Fiedler, Dörte Foertsch, Stefan Geyerhofer, Johannes Herwig-Lempp, Christina Hunger, Otto Kernberg, Heiner Keupp, Heinz Kindler, Rudolf Klein, Jürgen Kriz, Manfred Lütz, Haja Molter, Cornelia Oestereich, Karin Nöcker, Mechthild Reinhard, Eckhard Roediger, Martin Rufer, Henning Schauenburg, Günter Schiepek, Roland Schleiffer, Gunther Schmidt, Christian Schrapper, Jochen Schweitzer, Fritz B. Simon, Carmen Unterholzer, Berward Vieten, Elisabeth Wagner. Der Tagungsflyer ist raus – hier können Sie ihn lesen…

 

23. Juni 2016
von Tom Levold
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Macht der Kapitalismus depressiv?

Dornes_KapitalismusDer systemische Ansatz zeichnet sich dadurch aus, dass er bei der Erklärung von (vermeintlich individuellen) Phänomenen immer die verschiedenen relevanten sozialen, historischen, ökonomischen, rechtlichen u.a. Kontexte einbezieht. Gerade bei der Frage, was als psychisches oder seelisches Problem, Krankheit oder Störung gelten kann, ist diese Perspektive von besonderer Bedeutung. Allerdings ist die Frage, inwiefern gesellschaftliche Entwicklungen Einfluss auf die Entstehung psychischer Probleme nehmen oder diese sogar verursachen, schon viel älter als systemtheoretische Beschreibungen. Ob der Kapitalismus krank macht, ist eine alte soziologische Fragestellung, die aber natürlich von eminenter politischer Bedeutung ist (und seit den 60er Jahren diskutiert wird).

Martin Dornes, Soziologe und Psychoanalytiker aus Frankfurt, der durch seine Bücher über die neuere Säuglingsforschung bekannt geworden ist, hat nun ein Buch „über seelische Gesundheit und Krankheit in modernen Gesellschaften“ vorgelegt, dass eine Antwort auf diese Frage bieten soll. Entscheidend für seine Argumentation ist der Unterschied zwischen einer erheblichen Zunahme von Depressionsdiagnosen in den vergangenen Jahren auf der einen Seite, einer relativen Konstanz der beschriebenen Probleme, die sich in epidemiologischen Untersuchungen zeigt, andererseits. Martin Rufer aus Bern hat das Buch für systemagazin gelesen und hält es für „einen wichtigen, wenn auch kontrovers zu diskutierenden Beitrag“ zu dieser Debatte.

Martin Rufer, Bern:

Macht der Kapitalismus depressiv? Wer eine solche Frage so pointiert ins Blickfeld des Lesers stellt, muss diese auch dementsprechend prägnant beantworten können. Um es gleich vorweg zu nehmen: dies gelingt Martin Dornes, seines Zeichens promovierter Soziologe und habilitierter psychoanalytischer Psychologe hervorragend und vor allen Dingen so eindeutig, so dass es auch dem kritischen Leser bei der Lektüre schwer fällt, gegen sein klares „Nein“ zur Titelfrage anzutreten. Dass sich der Autor damit aber wohl auch nicht nur Freunde schafft oder gar als Speichellecker des Kapitals (Internet-Rezension) abqualifiziert wird, mag da nicht überraschen. Dabei geht es ihm keineswegs um ein antikapitalistisches Manifest, sondern um eine kritische Prüfung der „Zunahmethese“  psychischer Krankheiten und der Suche nach Antworten auf die Frage: „Diagnosen nehmen zu, Krankheiten nicht: wie ist das möglich?“. Dabei ist sich Dornes durchaus bewusst um die Fülle von Studien mit widersprüchlichen Befunden. Wenn  der Autor aber aufgrund der Durchsicht zahlreicher sozialwissenschaftlicher Arbeiten  zum Schluss kommt, dass psychische Krankheiten in den letzten 30 Jahren nicht zugenommen haben, löst er damit natürlich eine Reihe von Fragen im Bereich der psycho-sozialen  Grundversorgung aus. „Klärungsbedürftig ist also nicht mehr, ob psychische Krankheiten zugenommen haben – sie haben es nicht -, sondern allenfalls, warum es diesen Hype gibt.“ (S.128). Weiterlesen →

22. Juni 2016
von Tom Levold
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Wolfgang Loth wird 65!

Wolfgang Loth

Wolfgang Loth

Heute gibt es wieder einen runden Geburtstag zu feiern, Wolfgang Loth wird 65 Jahre alt. Damit betritt ein weiterer „Altmeister“ der Systemischen Therapie den Lebensabschnitt, den man gemeinhin Rentenalter nennt – wobei er wie viele andere Kolleginnen und Kollegen die Bilder, die immer noch mit „Rentenalter“ verbunden sind, Lügen straft.
Es gibt nur wenige Menschen, die über so lange Zeit (bald 30 Jahre) zur kontinuierlichen Reflexion systemischer Theorie und Praxis beigetragen haben wie Wolfgang Loth. Wer die Jahrgänge deutschsprachiger systemischer Zeitschriften durchblättert (sei es die von ihm redaktionell verantwortete systeme, die von ihm lange betreute systhema, sei es die Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, die Familiendynamik oder der Kontext, überall und immer wieder trifft man an der einen oder anderen Stelle auf seine Beiträge. Seine Texte griffen und greifen immer gezielt und pointiert Themen auf, die im systemischen Feld virulent sind und zu deren Vertiefung er auf seine besondere Weise beiträgt – nie oberflächlich, nie langweilig, immer gesättigt mit fundierten Hinweisen auf Bezüge aus den unterschiedlichsten Kontexten, die weit über das systemische Feld hinausreichen. Dabei folgt er keinen modischen Semantik-Trends, sondern bindet stets in seine Überlegungen auf die eine oder andere Weise Reflexionen der Geschichte systemischer Ideen und Konzepte ein, die leider heute Mangelware geworden sind – und präsentiert damit ein horizontales und vertikales Wissen, das gerade in Zeiten nottut, in denen das Neue schon ein Wert an sich zu sein scheint und Texte als nicht mehr relevant betrachtet werden, weil ihr Veröffentlichungsdatum mit einer 1 beginnt.
Unverwechselbar sind seine Rezensionen, die sich von der Masse der Gefälligkeitsrezensionen oder Klappentextabschriften abheben, die bedauerlicherweise zunehmend zu verzeichnen sind. Wahrscheinlich gibt es niemanden in der systemischen Szene, der mehr Bücher besprochen hat als Wolfgang Loth, alleine im systemagazin sind über 80 von ihm erschienen. Die Rezension als Gattung hochzuhalten bedarf nicht nur der Mühe des Lesens und des Nachdenkens. Seine Rezensionen sind hervorragende Beispiele für eine Liebe zum Text, die über die intensive und faire Auseinandersetzung mit der besprochenen Literatur hinausreicht. Aus ihnen spricht seine Kennerschaft nicht nur der besprochenen Bücher, sondern auch der ideengeschichtlichen und bibliografischen Kontexte, in denen diese Bücher stehen.

Sein immenses Wissen, sein Überblick über die vergangenen und aktuellen systemischen Diskurse und ihre Literatur sind auch spürbar in seiner Tätigkeit als Lektor und Herausgeber (aktuell für die systeme und früher die systhema). Seine Wertschätzung für das Lesen und Schreiben, für die Arbeit am Text überträgt sich spürbar auch auf seine Kommunikation mit Autorinnen und Autoren. Aus eigener Erfahrung weiß ich den Gewinn seines Lektorats bzw. seiner kritischen Hinweise bei Durchsicht eines eigenen Textes sehr zu schätzen.

Wolfgang Loth ist Diplom-Psychologe und Psychologischer Psychotherapeut.Nach seinem beruflichen Start in einer Jugendhilfeeinrichtung ist er seit 1980 in einer Familienberatungssstelle tätig, die er in den letzten Jahren auch geleitet hat. Die Leitungstätigkeit war für ihn nicht das Ziel einer Karriere, da seine Leidenschaft der Arbeit mit Klienten und – wie schon gesagt – ihrer Reflexion im Lesen und Schreiben gilt. Dennoch hat er sich den administrativen Verpflichtungen gestellt, die mit der Leitungstätigkeit verbunden war. „Rentenalter“ heißt hier also zunächst, dass er sich nun frei von diesen Verpflichtungen wieder darauf konzentrieren kann, den Faden seiner Leidenschaft weiterzuspinnen. Die systemische Community kann sich glücklich schätzen, eine solche bedachte, aufmerksame, abgewogene Stimme in ihren Reihen zu wissen und nur hoffen, dass sie sich auch zukünftig wie bisher vernehmen lässt.
Lieber Wolfgang, zum Geburtstag ganz herzliche Glückwünsche zum neuen Lebensjahr und -abschnitt!

Tom Levold

21. Juni 2016
von Tom Levold
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Wir erschaffen unsere Wirklichkeit – Werner Vogd im Interview

2014 ist im Carl-Auer-Verlag das Buch  „Welten ohne Grund. Buddhismus, Sinn und Konstruktion“ von Werner Vogd erschienen, der Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke ist. Zusammenfassend heißt es über dieses Buch auf der Verlagsseite: „Konstruktivistische Ideen und buddhistische Lehre haben mehr gemeinsam als allgemein gedacht. Werner Vogd zeigt jene Gemeinsamkeiten auf, die sich von anderen philosophischen oder religiösen Anschauungen radikal unterscheiden. Er macht dies an drei Leitgedanken fest: a) Der Versuch, sich selbst zu finden, führt in die Irre. In uns ist letztlich nichts anderes zu finden als Projektionen, die verschleiern, dass es das Selbst als isolierbaren Wesenskern nicht gibt. b) Konstruktivismus und Buddhismus weisen den Anspruch zurück, aus unseren Erfahrungen eine absolute Wahrheit oder eine explizite Sinngebung abzuleiten. Maturana und Varela sprechen von der Zwecklosigkeit aller biologischen Formen, die buddhistische Lehre betont immer wieder die Essenz- und Substanzlosigkeit all unseres sinnlichen Erlebens. c) In der rational nicht greifbaren Basis unseres Seins zeigt sich jedoch eine unerwartete Tiefendimension. Jenseits äußerlicher Vorschriften und Regeln offenbart sich im menschlichen Sein eine implizite Ordnung: Mitgefühl und Liebe.
In diesem Sinne kann der Dialog zwischen Buddhismus und Konstruktivismus für alle Partner ein Nachhausekommen bedeuten. Wir lernen, in einer Welt ohne Grund heimisch zu werden, und beginnen, unser Leben als Praxis oder als Übung zu begreifen. Diese Übung ist die Übung schlechthin: Es geht um die Kunst des Lebens als Kultivierung der Fähigkeit, das Geschenk der Vergänglichkeit annehmen zu können und auf einer tiefen Ebene glücklich zu sein.

Peter Riedl, Radiologe, Meditationslehrer und Autor sowie Gründer und Herausgeber der buddhistischen Zeitschrift Ursache & Wirkung hat mit Werner Vogd über dessen Buch und seine Thesen ein langes Gespräch geführt.

19. Juni 2016
von Tom Levold
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Wie Metaphern unser Denken beeinflussen

In einem spannenden Artikel, der 2013 in PLOS Online erschien, befassen sich die Linguisten Paul Thibodeau und Lera Boroditsky mit dem Einfluss von Metaphern auf die Diskussion und Bewertung von sozialen Themen wie Klimawandel, Wirtschaft und Kriminalität. In früheren Arbeiten konnten sie bereits zeigen, dass die metaphorische Beschreibung von Kriminalität als gefährliche Bestie oder als Virus auch unterschiedliche Lösungsbilder in Bezug auf das  Kriminalitätsproblem erzeugt. In der vorliegenden Studie wurden die Probanden nicht nach ihren eigenen Lösungsbildern befragt, sondern  mit einer Auswahl an möglichen Lösungen und der Bitte konfrontiert, die zu wählen, die sie bevorzugten. Auch hier konnte gezeigt werden, dass Metaphern die vermeintlich rationale Argumentation auch dann beeinflussen, wenn sie eine Reihe von unterschiedlichen Optionen zur Auswahl hatten. Interessanterweise waren nur sehr wenige Teilnehmer der Meinung, dass Metaphern eine wichtige Rolle bei ihrer Entscheidung spielten. Darüberhinaus wurden die Teilnehmer, die sich nicht explizit an die Metaphern erinnern konnten, ebenso von diesen beeinflusst wie diejenigen, die den metaphorischen Rahmen erinnern konnten. Diese Ergebnisse legen nahe, dass Metaphern eine bedeutsame Rolle für inhaltliche Argumentationen haben. Im Abstract heißt es: „Metaphors pervade discussions of social issues like climate change, the economy, and crime. We ask how natural language metaphors shape the way people reason about such social issues. In previous work, we showed that describing crime metaphorically as a beast or a virus, led people to generate different solutions to a city’s crime problem. In the current series of studies, instead of asking people to generate a solution on their own, we provided them with a selection of possible solutions and asked them to choose the best ones. We found that metaphors influenced people’s reasoning even when they had a set of options available to compare and select among. These findings suggest that metaphors can influence not just what solution comes to mind first, but also which solution people think is best, even when given the opportunity to explicitly compare alternatives. Further, we tested whether participants were aware of the metaphor. We found that very few participants thought the metaphor played an important part in their decision. Further, participants who had no explicit memory of the metaphor were just as much affected by the metaphor as participants who were able to remember the metaphorical frame. These findings suggest that metaphors can act covertly in reasoning. Finally, we examined the role of political affiliation on reasoning about crime. The results confirm our previous findings that Republicans are more likely to generate enforcement and punishment solutions for dealing with crime, and are less swayed by metaphor than are Democrats or Independents.“

Der ganze Text kann hier gelesen werden…

18. Juni 2016
von Tom Levold
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Handwerk der Psychotherapie: Systemische Therapie

U. Borst (2013): Systemische Therapie

U. Borst (2013): Systemische Therapie

Auch wenn Systemische Therapie immer noch nicht als psychotherapeutisches Richtlinienverfahren anerkannt ist, steht ihr Platz im Spektrum der Psychotherapie-Ansätze außer Frage und ist mittlerweile auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Das schafft Bedarf nach guten Überblicken und zusammenfassenden Darstellungen, die eine erste Orientierung bieten können. Mittlerweile sind Lehrbücher und zahlreiche Einführungen auf dem Markt, mit dem 1. Band der Reihe Handwerk der Psychotherapie aus dem Tübinger Psychotherapieverlag ist schon 2013 ein weiterer Band dieser Kategorie erschienen, verfasst von Ulrike Borst, der 1. Vorsitzenden der Systemischen Gesellschaft, Mitherausgeberin der Zeitschrift Familiendynamik, Leiterin des Ausbildungsinstituts Meilen in Zürich und langjährig als Psychologin in leitender Funktion in der Psychiatrischen Klinik Münsterlingen tätig. Ihr 136 Seiten starkes Buch heißt schlicht „Systemische Therapie“ – Wolfgang Loth hat es gelesen und empfiehlt die Lektüre:

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Das vorliegende Buch ist das erste einer Reihe zum „Handwerk der Psychotherapie“, die von Steffen Fliegel, Arist von Schlippe und Ulrich Streeck herausgegeben wird. Wer dabei an die Zeitschrift „Psychotherapie im Dialog“ denkt, liegt richtig. Die drei Herausgeber gehörten zu deren Mitbegründern. Sie sind offensichtlich weiter daran interessiert, unterschiedliche Therapieverfahren für andere lesbar zu machen, nachvollziehbar, und auf diese Weise sowohl die Vielfalt des Feldes als auch dessen allgemeine, über das Individuelle hinausgehende Kraft zu verdeutlichen. Dass dies durch aus kniffelig zu sein vermag, ist gängige Erfahrung. Zwei motivationale Stränge sind gleichzeitig zu bedienen: sowohl der Wunsch nach einer eigenen Identität im Binnenverhältnis der Verfahren als auch die Absicht, im Gesamtgefüge des Gesundheitssystems als ausreichend große Kraft wahrgenommen zu werden, die „allgemein“ zu wirken versteht. Das macht es für Autorinnen dieser Reihe nicht unbedingt einfach. Die Fülle des jeweiligen Feldes kann im Prinzip nur skizziert werden und Querverbindungen sollten sowohl Anschlussfähigkeit als auch Eigenständigkeit vermitteln.

Um mit dem Gesamteindruck zu beginnen: Ich habe den Eindruck, dass es Ulrike Borst hervorragend gelungen ist, die angedeutete Gratwanderung zu bewältigen. Ihre einleitenden beiden Fallvignetten wirken sowohl inhaltlich interessant als auch sprachlich einladend. In aller Kürze lassen sie ein Konzept lebendig werden, das sich sowohl auf klinisch definierte Beschwerdebilder einlässt als auch auf die Besonderheiten der Protagonisten des einen „Fall“ repräsentierenden Geschehens. „Was ist der Fall?“ ist eine stets ernst gemeinte Frage, offen für unerwartete Wendungen, standhaft in dem, was Jürgen Hargens einmal „unerschrockenes Respektieren“ genannt hat. Weiterlesen →

7. Juni 2016
von Tom Levold
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Jérôme Seymour Bruner (1.10.1915 – 5.6.2016)

Im hohen Alter von 100 Jahren ist vorgestern der amerikanische Psychologe Jerome Bruner gestorben. Er war ab 1952 Professor für Psychologie in Harvard, wechselte 1972 nach Oxford und arbeitete seit 1980 an der School of Law der New York University. Neben zahlreichen Arbeiten zur Entwicklungs- und Lernpsychologie, die stark von der Rezeption des russischen Entwicklungs- und Sprachpsychologen Lew Vygotski beeinflusst waren, beschäftigte sich Bruner mit der Bedeutung von Konzepten, die Menschen benutzen, um die Umwelt zu vereinfachen und herauszufinden, wie sie in dieser agieren sollen. In Wikipedia heißt es: „Bruner plädiert dafür, der ,Bedeutung’ als einem zentralen psychologischen Konzept mehr Geltung zu verschaffen. Die Konstruktion von Bedeutung – damit ist die Frage gemeint, wie Menschen aus dem Durcheinander physikalischer Sinneseindrücke einen Sinn entwickeln – soll nach Bruner verstärkt erforscht werden. Die Bedeutung des Selbst im Kontext der Kultur greift Bruner in jüngeren Schriften ebenso auf. Eine Erklärung des menschlichen Zustandes kann keinen Sinn ergeben, ,wenn sie nicht im Licht der Symbolwelt interpretiert wird, die die Grundlage menschlicher Kultur bildet’, schreibt Bruner 1990.“ Bruner ist ein wichtiger Wegbereiter des narrativen Ansatzes gewesen, sein Buch „Acts of Meaning“ aus dem Jahre 1991 ist 1997 auf Deutsch im Carl-Auer-Verlag unter dem Titel „Sinn, Kultur und Ich-Identität. Zur Kulturpsychologie des Sinns“ erschienen, aber mittlerweile leider vergriffen.

2004 ist ein sehr schöner Text aus dem Jahre 1987 in der Zeitschrift Social Research neu abgedruckt worden, der sich mit der Konstruktion des eigenen Lebens als Narrativ beschäftigt – und der Frage, inwiefern gelebtes Leben und erzähltes Leben wechselseitig aufeinander bezogen sind. In Bruners Worten: „The first thesis is this: We seem to have no other way of describing ,lived time’ save in the form of a narrative. Which is not to say that there are not other temporal forms that can be imposed on the experience of time, but none of them succeeds in capturing the sense of lived time: not clock or calendrical time forms, not serial or cyclical orders, not any of these. (…) My second thesis is that the mimesis between life so-called and narrative is a two-way affair: that is to say, just as art imitates life in Aristotle’s sense, so, in Oscar Wilde’s, life imitates art. Narrative imitates life, life imitates narrative. ,Life’ in this sense is the same kind of construction of the human imagination as ,a narrative’ is. It is constructed by human beings through active ratiocination, by the same kind of ratiocination through which we construct narratives. When somebody tells you his life—and that is principally what we shall be talking about—it is always a cognitive achievement rather than a through-the-clear-crystal recital of something univocally given.“

Den vollständige Text kann man hier online lesen…

6. Juni 2016
von Tom Levold
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9th Conference of the European Family Therapy Association

EFTA 2016Wie die Geschäftsstelle der Systemischen Gesellschaft mitteilt, findet vom 28.09. bis 01.10.2016 die nächste Tagung der European Family Therapy Association (EFTA) in Athen statt. Ursprünglich sollte die nunmehr 9. Konferenz der EFTA in Amsterdam stattfinden. Es hat sich jedoch sehr schnell herausgestellt, dass die Planung finanziell nicht umsetzbar ist. Kurzfristig ist deshalb der nationale Verband Griechenland eingesprungen und hat die Konferenz nach Athen geholt – der Zeitpunkt ist durchaus passend. Die UNESCO hat 2016 das Aristoteles-Jahr (2.400 Jahre) ausgerufen. Das Programm der Tagung basiert auf der Aristotelischen Philosophie von Ethos, Logos, Techne und Polis.Der Titel der Tagung lautet: „Origins and Originality in Family Therapy and Systemic Practice“. Weiterlesen →

4. Juni 2016
von Tom Levold
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Arbeiten in und mit Metaphern: eine konzeptionelle Anregung

Rudolf SchmittIn einem spannenden Aufsatz für resonanzen – E-Journal für biopsychosoziale Dialoge in Psychotherapie, Supervision und Beratung befasst sich Rudolf Schmitt, Psychologe und Professor an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Hochschule Zittau-Görlitz, mit der Rolle von und dem Umgang mit Metaphern in Beratung und Therapie, vor allem hinsichtlich der – oft wenig bewussten – metaphorischen Strukturierung des Denkens und Handelns von BeraterInnen und TherapeutInnen. Im abstract heißt es: „Der Umgang mit Metaphern in Beratung und Therapie wird oft selbst nach der Logik eines Werkzeugs diskutiert, als wären Metaphern Instrumente, die man kunstfertig einsetzen könnte. Die von der kognitiven Linguistik (Lakoff & Johnson, 1980, 1998) abgeleitete Metaphernanalyse erschüttert dieses naive Selbstverständnis: Auch BeraterInnen und TherapeutInnen leben in ihren kaum bewussten metaphorischen Mustern, und qualitative Forschung zeigt, dass metaphorische Kommunikation ein situatives und interaktives Phänomen ist, zu dem alle Teilnehmenden beitragen. Der Aufsatz fasst den aktuellen Diskussionsstand zusammen und schlägt eine behutsame und reflexive Vorgehensweise vor.“ Weiter heißt es im Text: „Die folgenden Überlegungen zum Umgang mit Metaphern in Beratung und Therapie sind von der Überzeugung getragen, dass die Pose des genialischen Deuters und poetischen Helden, die schulenübergreifend zu finden ist, wenig zum Verständnis metaphorischer Kommunikation beiträgt, oder, genauer gefasst: Das Reden über Metaphern in Beratung und Psychotherapie ist selbst oft gerahmt von der metaphorischen Übertragung des Helden und des Magiers auf den (fast immer männlichen) Therapeuten. Hier soll eine vorsichtigere Position des Intervenierens mit Metaphern entwickelt werden, die davon ausgeht, dass Metaphern kulturelle Rahmungen unseres Denkens bilden, die auch das Handeln und das Selbstverständnis von BeraterInnen und TherapeutInnen prägen. Der Umgang mit Metaphern in dieser Perspektive leitet sich aus der doppelten Reflexion von Metaphern ab, sowohl jener Sprachbilder der KlientInnen, aber auch unserer eigenen, in denen wir (noch) befangen sind. Das heißt nicht, dass man frei von Bildern sein könnte – jedoch könnte die Benennung eigener leitender Bilder ein Schritt zur Distanzierung sein.“

30. Mai 2016
von Tom Levold
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Interview mit Bernhard Trenkle zur geplanten Hypno-Show auf RTL

trenkleAm 04. Juni wird unter dem Titel „Schau mir in die Augen“ ein sogenannter „Mentalmagier“ in einer Show des Senders RTL Prominente in Hypnose versetzen. RTL bewirbt die Sendung als „TV-Hypnose-Ereignis des Jahres“ und verspricht den Zuschauern „lustige Situationen und den Kontrollverlust der prominenten Teilnehmer“. Chaos sei programmiert, heißt es weiter. Es geht RTL folglich recht unverblümt um die Vermarktung von unangemessenem, lächerlichem und enthemmtem Verhalten von Menschen unter Hypnose. Der Carl-Auer Verlag fragte Bernhard Trenkle, einen Pionier der Hypnotherapie, Mitglied im Vorstand der International Society of Hypnosis und Gründer des Milton Erickson Instituts in Rottweil, was aus seiner Sicht zu solchen Veranstaltungen zu sagen ist (Foto: T. Levold).

Quelle: Interview mit Bernhard Trenkle zur geplanten Hypno-Show auf RTL

29. Mai 2016
von Tom Levold
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Therapy as Social Construction: An Interview with Sheila McNamee

Sheila McNameeIm Interamerican Journal of Psychology erschien 2006 ein Interview, das Carla Guanais vom Centro Universitário Barão de Mauá, Ribeirão Preto, in Brasilien mit Sheila McNamee führte, einer der wichtigsten Vertreterinnen des Sozialkonstruktionistischen Ansatzes in Psychologie und Psychotherapie. Sie ist Professor of Communication an der University of New Hampshire and Mitbegründerin sowie Vizepräsidentin des Taos Institute. Im abstract zum Interview heißt es: „In this interview, Sheila McNamee presents an important review of her trajectory in both the fields of communication and psychotherapy. She presents a personal history of the emergence of social constructionism and its applications in psychotherapy, specifically in Family Therapy. In this journey, she describes important features of a social constructionist discourse, pointing to its central assumptions and inviting voices of different authors into a dialogue, through which a broader, pragmatic view of social constructionist discourse emerges. She also addresses present dilemmas and issues in the field such as the possibility of a “social constructionist therapy,” the idea of “theories as conversational resources”, and the notion of psychological change. Finally, Sheila McNamee talks about how she conceives the future of social constructionism, inviting us to remain engaged in dialogue about its limits and possibilities, thus entertaining different scenarios, imagining and creating its future and bridging incommensurate discourses with other theories and practices.“

Das vollständige Interview kann hier gelesen werden…

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