systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

28. August 2016
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George Spencer-Brown (2.4.1923-25.8.2016)

Im hohen Alter von 93 Jahren ist George Spencer-Brown am 25. August gestorben. Berühmtheit hat der britische Mathematiker durch sein Hauptwerk Laws of Form erlangt, deren wichtigster Rezipient Niklas Luhmann war, der auf der Differenztheorie Spencer-Browns seine eigene soziologische Theorie Sozialer Systeme aufbaute. In Wikipedia heißt es über die Laws of Form u.a.: „Sein Hauptwerk sind die Laws of Form (deutsch: Gesetze der Form) aus dem Jahr 1969. Es behandelt klassische Probleme der Logik in einer heute unüblichen Herangehensweise. Das besondere ist, dass Spencer-Brown für seine „Gesetze“ lediglich zwei verschiedene Zeichen benutzt: Zum einen das bekannte Gleichheitszeichen, zum anderen eine Art Negations- oder Abgrenzungs-Operator. Das Buch ist unter Experten umstritten: Die einen betrachten es als genial, andere als zwar originell, aber vom Erkenntniswert banal, weil es lediglich eine operationale Umformulierung der Aussagenlogik darstelle. Tatsächlich folgt der Kalkül früheren Versuchen von Charles Sanders Peirce und Maurice Sheffer,[…] die Boolesche Algebra mit nur einem Zeichen zu schreiben. Spätere Arbeiten von Peirce, zunächst entitative, dann existentielle Graphen zu schreiben,[…] mit denen dieses Ziel weiterverfolgt werden konnte, blieben Spencer-Brown nach eigener Aussage unbekannt. Die Originalität des von Spencer-Brown in den Laws of Form entwickelten Calculus of Indications liegt in der Einführung des unmarked state und der Entdeckung seiner Bedeutung. Erst mit dem unmarked state wird der Kalkül selbstreferenz- und paradoxietauglich.[…] Auf dem Umweg über the void führt die Form der Unterscheidung zurück auf den Beobachter, der die Unterscheidung trifft. Dabei wird die Unterscheidung (und mit ihr der Beobachter) jedoch zugleich, was sie nicht ist, eine Referenz auf die Ununterscheidbarkeit als Voraussetzung jeder Unterscheidung.[…] Die Laws of Form haben unter anderem das Denken der Wissenschaftler Heinz von Foerster, Louis Kauffman, Niklas Luhmann, Humberto Maturana und Francisco Varela beeinflusst und geprägt.[…]  Weiterlesen →

27. August 2016
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„Mr Trump’s campaign now has all the classic signs of a failed family business“

In einem interessanten Economist-Article (danke an Arist von Schlippe für den Hinweis) wird der Versuch von Donald Trump kritisch analysiert, Politik und die Präsidentschaftswahlen in den USA als Familienunternehmen zu führen – und dabei zu scheitern: „And before dismissing the Trumps’ dynastic campaign as a weird aberration it is worth remembering that America is no stranger to political families. The Donald may be the first candidate to run his campaign like a family business but the Adamses, Kennedys, Rockefellers, Bushes and, of course, the Clintons have all regarded politics as a family business. Hillary Clinton is as professional as Mr Trump is slapdash. Yet there are some similarities. Mrs Clinton relies heavily on family members—not just on her husband, Bill, but also on her daughter, Chelsea. (The similarities between Chelsea and Ivanka are uncanny: they are, among other things, both in their mid-30s, and both married to men whose fathers have done time in prison). Mrs Clinton is also prey to conflicts of interest, particularly over the Clinton Foundation, which would be much more fiercely debated now if it weren’t for Mr Trump’s follies. Even if he loses the election America will not be rid of the problems that are created when families, businesses and politics“. Quelle: The Economist

24. August 2016
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International Systemic Research Conference 2017 Heidelberg: Third Announcement

Im März 2017 findet die nächste systemische Forschungstagung in Heidelberg statt. Jochen Schweitzer und Matthias Ochs laden als Konferenzpräsidenten dazu mit diesem Schreiben ein:

Liebe Freundinnen und Freunde,

wir möchten Sie gern erneut ganz herzlich zur International Systemic Research Conference vom 8. – 11. März 2017 nach Heidelberg einladen. Bis zum 1. Oktober haben Sie die Möglichkeit, sich zum Frühbuchpreis anzumelden – einfach und schnell via www.isr2017.com/register/.

Es wird sieben Keynote-Vorträge, 40 Symposia und 20 Workshops zu Forschungsmethoden geben, inklusive einem abwechslungsreichen Abendprogramm um Heidelberg.

Die APA-Präsidentin Susan McDaniel wird die Konferenz eröffnen, Psychotherapiepioniere Peter Fonagy und Eia Asen halten den Schlussvortrag.

Es wird spannende Beiträge zu systemtheoriebasierter Forschung in den Bereichen der Psychotherapie, Organisationberatung, Sozialen Arbeit und Sozialpolitik geben. Zu den prominenten Themen gehören Relationale Neurobiologie, die Vor- und Nachteile psychiatrischer Diagnosen, Flüchtlingshilfe, psychische Gesundheit im Beruf sowie Emotionen bei Paaren und innerhalb von Unternehmen.

Führende KollegInnen aus den Bereichen der systemischen Therapie und Beratung, die HerausgeberInnen zahlreicher systemischer Fachzeitschriften sowie die PräsidentInnen und Vorstandsmitglieder systemischer Verbände werden anwesend sein. Wir freuen uns über die bisherigen Anmeldungen von TeilnehmerInnen aus ganz Europa, Nordamerika, Ostasien und Südafrika.

Es gibt noch einige wenige offene Programmformate für Kurzvorträge und Posterpräsentationen – wenn Sie Ihre Ideen und Arbeiten einbringen möchten, reichen Sie bitte bald ihre Vorschläge ein.

Mit freundlichen Grüßen und besten Wünschen,

für das Konferenzteam

Jochen Schweitzer and Matthias Ochs (Konferenzpräsidenten)

Antonia Drews (Konferenzsekretariat)

23. August 2016
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Systemische Therapie bei Erwachsenen: Vorbericht erschienen

Presseerklärung (IQWIG Köln, 23.8.2016): Bei bestimmten Störungen zeigen die verfügbaren Studiendaten einen Vorteil

Ob die Systemische Therapie bei Erwachsenen im Vergleich zu anderen Interventionen oder zu keiner Behandlung einen Nutzen oder Schaden haben kann, ist derzeit Gegenstand einer Untersuchung des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG).

Es ist das erste Mal, dass das Institut ein Psychotherapieverfahren bewertet. Die vorläufigen Ergebnisse liegen nun vor: Demnach zeigen die verfügbaren Studiendaten bei bestimmten Störungen einen Vorteil der Systemischen Therapie. Bis zum 20. September 2016 können interessierte Personen und Institutionen schriftliche Stellungnahmen zu diesem Vorbericht abgeben.

Breite Palette von Konzepten und Techniken

Bei der Systemischen Therapie handelt es sich um eine ausgesprochen vielgestaltige Therapieform – für die theoretischen Konzepte gilt das ebenso wie für die eingesetzten Techniken. So kann es in der systemischen Therapie darum gehen, nicht die einzelne Person oder das Symptom zu betrachten, sondern den Kontext, in dem es auftritt. Primär stehen dann die Beziehungen einer Familie oder Gruppe im Fokus, die ein System aufrechterhalten.

Mittels einer Vielzahl von Techniken wird unter anderem versucht, symptomfördernde Interaktionen und Strukturen, dysfunktionale Lösungsversuche und einschränkende Familienerzählungen infrage zu stellen und ihnen neue, gemeinsam mit dem Patienten zu entwickelnde Interaktionen entgegenzusetzen. Im Idealfall kann das System so verändert werden, dass das Symptom nicht mehr „notwendig“ ist.

Das Verfahren wird mittlerweile sowohl ambulant als auch stationär eingesetzt und ist auf kein bestimmtes Setting eingegrenzt. Es gibt sowohl systemische Einzeltherapie als auch Paar- oder Gruppentherapie.

IQWiG bewertet erstmals Psychotherapieverfahren

Die Systemische Therapie ist bislang keine Leistung der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV). Von der GKV erstattet werden bislang nur die analytische und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie die Verhaltenstherapie („Richtlinienverfahren“).

Zwar wurde die Systemische Therapie 2008 vom Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) wissenschaftlich anerkannt. Um in den Leistungskatalog der GKV aufgenommen werden zu können, muss aber auch der Nutzen nachgewiesen sein. Deshalb hatte der G-BA das Institut beauftragt, Nutzen und Schaden der Systemischen Therapie zu bewerten, allerdings ausschließlich für Erwachsene. Der Vergleich solle sowohl gegenüber anderen Interventionen als auch gegenüber keiner Behandlung angestellt werden.  Weiterlesen →

19. August 2016
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SPRACHEMACHTSINN – Die Krise der Psychotherapie und der Weg zu einer posttherapeutischen Zukunft

Auf dem Symposion „Positive Konstruktionen einer ,posttherapeutischen Welt‘: Stranger than Fiction“ des 28. DVT-Kongressess in Berlin 2014 haben Manfred Wiesner, Eugene Epstein & Lothar Duda ihre Kritik der Psychotherapie vorgetragen, die unter anderem auch im Heft 3/2015 der Verhaltenstherapie & Psychosoziale Praxis als Artikel erschienen ist. Mit freundlicher Genehmigung erscheint dieser Text im systemagazin zum Nachlesen.

Manfred Wiesner, Eugene Epstein & Lothar Duda, Wilhelmshaven:

SPRACHEMACHTSINN – Die Krise der Psychotherapie und der Weg zu einer posttherapeutischen Zukunft[1]

Abstract

Ausgehend von einem kritischen Blick auf die Entwicklung und den derzeitigen Stand der Psychotherapie meinen die Autoren, es sei Zeit für einen Neuaufbruch – es sei Zeit, nach einer posttherapeutischen Zukunft jenseits der eingefahrenen Sprachspiele zu suchen. Der Beitrag trägt Ansatzpunkte für ein posttherapeutisches Denken aus Philosophie, Soziologie, Ethnologie, Psychologie, Sprachwissenschaften, Kunst und Musik zusammen. Ein Denken, das hermeneutische Diversität als Fluchtpunkt konstruiert – eine Hoffnung auf mehr Pluralität im Denken über uns und die Gesellschaft.

Schlüsselwörter: Posttherapeutische Zukunft, Politik, Erkenntnistheorie, Skeptizismus, Sprachkritik.

Abstract (englisch)

The authors begin by taking a critical look at the actual state of psychotherapy practices in our society and conclude that we would be well advised to begin elucidating the contours of a post-therapeutic future, one that goes beyond the narrow confines of our current language games. This article then goes on to explore aspects of post-therapeutic thinking that might be found outside of our rather insular psychotherapeutic vocabularies, from with the diverse disciplines of philosophy, sociology, ethnology, linguistics, art and music. Setting forth from a perspective that embraces hermeneutic diversity as a human resource, the authors hope for a greater plurality of voices with respect to our ways of languaging about our selves and our society.

Keywords: Posttherapeutic future, policy, epistemology, scepticism, language criticism. Weiterlesen →

17. August 2016
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19,2 Millionen Patienten 2015 stationär im Krankenhaus behandelt

WIESBADEN – Im Jahr 2015 wurden 19,2 Millionen Patientinnen und Patienten stationär im Krankenhaus behandelt, 34 800 Behandlungsfälle oder 0,2 % mehr als im Jahr zuvor. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach vorläufigen Ergebnissen weiter mitteilt, dauerte der Aufenthalt im Krankenhaus wie im Vorjahr durchschnittlich 7,4 Tage.

In 1.953 Krankenhäusern Deutschlands standen für die stationäre Behandlung der Patientinnen und Patienten insgesamt 498.000 Betten zur Verfügung. Das waren 2.700 Betten weniger als im Jahr zuvor. Annähernd jedes zweite Krankenhausbett (48,1 %) stand in einem Krankenhaus eines öffentlichen Trägers, jedes dritte Bett (33,7 %) befand sich in einem freigemeinnützigen Haus. Der Anteil der Krankenhausbetten in Einrichtungen privater Träger betrug 18,3 %.

Die durchschnittliche Bettenauslastung lag bei 77,6 %. Die Betten in öffentlichen Krankenhäusern waren zu 79,4 % ausgelastet, in freigemeinnützigen Häusern zu 76,1 % und in privaten Häusern zu 75,4 %.

Rund 882.300 Vollkräfte – das ist die Anzahl der auf die volle tarifliche Arbeitszeit umgerechneten Beschäftigten – versorgten 2015 die Krankenhauspatientinnen und -patienten. 153.900 Vollkräfte gehörten zum ärztlichen Dienst und 728.400 zum nichtärztlichen Dienst, darunter allein 320.200 Vollkräfte im Pflegedienst. Die Zahl der im Krankenhaus beschäftigten Vollkräfte nahm im Vergleich zum Vorjahr im ärztlichen Dienst um 3.100 Vollkräfte (+ 2,1 %) und im nichtärztlichen Dienst um 19.700 Vollkräfte (+ 2,8 %) zu, während die Zahl der Pflegevollkräfte um lediglich 1.400 Vollkräfte (+ 0,5 %) stieg.

1,97 Millionen Patientinnen und Patienten nahmen 2015 eine stationäre Behandlung in einer Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtung in Anspruch. Das waren 3 600 Behandlungsfälle weniger als im Vorjahr (– 0,2 %).

In 1,153 Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen standen rund 164.700 Betten zur Verfügung. Anders als bei den Krankenhäusern sind bei den Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen private Träger die größten Anbieter: Hier standen fast zwei Drittel aller Betten (65,9 %). Einrichtungen öffentlicher Träger verfügten über 18,6 % der Betten. Den geringsten Anteil hatten freigemeinnützige Einrichtungen mit 15,5 % des Bettenangebots.

Die durchschnittliche Bettenauslastung lag bei 82,9 %. Öffentliche Einrichtungen erreichten eine Bettenauslastung von 91,6 %, die Betten privater Einrichtungen waren zu 80,4 % ausgelastet.

Rund 8.600 Vollkräfte im ärztlichen Dienst und 83.500 Vollkräfte im nichtärztlichen Dienst – darunter 21 300 Pflegevollkräfte – versorgten 2015 die vollstationären Patientinnen und Patienten in den Vorsorge- oder Rehabilitationseinrichtungen.

Quelle: Pressemitteilungen – 19,2 Millionen Patienten 2015 stationär im Krankenhaus behandelt – Statistisches Bundesamt (Destatis)

15. August 2016
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Mara Selvini Palazzoli (15.8.1916-21.6.1999)

Heute wäre Mara Selvini Palazzoli 100 Jahre alt geworden. Anfang der 80er Jahre waren sie und ihr Mailänder Team unglaublich berühmt und haben die Entwicklung der Familientherapie und der Systemischen Therapie nachhaltig beeinflusst. Leider ist ihr Name vielen systemischen KollegInnen, die ihre Weiterbildung erst in den vergangenen Jahren gemacht haben, kaum ein Begriff. Die Geschichte des systemischen Ansatzes ist unter Systemikern nicht sehr präsent (wenn man sie nicht selbst erlebt hat). Einen guten Einblick in die Arbeit von Mara Selvini (und ihre Biografie) bietet aber ein Portrait von Edith Zundel aus dem Jahre 1987, das als Beitrag in ihrem Buch „Leitfiguren der Psychotherapie“ im Kösel-Verlag München erschienen ist. In der Zeit gab es damals dieses Kapitel als Vorabdruck, der erfreulicherweise heute auch online zu lesen ist, und zwar hier…

14. August 2016
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Bert Brecht (10.2.1898-14.8.1956)

Bertold Brecht

Der Zweifler

 

Immer wenn uns

Die Antwort auf eine Frage gefunden schien

Löste einer von uns an der Wand die Schnur der alten

Aufgerollten chinesischen Leinwand, so daß sie herabfiele und

Sichtbar wurde der Mann auf der Bank, der

So sehr zweifelte.
 
 
Ich, sagte er uns

Bin der Zweifler, ich zweifle, ob

Die Arbeit gelungen ist, die eure Tage verschlungen hat.

Ob, was ihr gesagt, auch schlechter gesagt, noch für einige Wert hätte.

Ob ihr es aber gut gesagt und euch nicht etwa

Auf die Wahrheit verlassen habt dessen, was ihr gesagt habt.

Ob es nicht vieldeutig ist, für jeden möglichen Irrtum

Tragt ihr die Schuld. Es kann auch eindeutig sein

Und den Widerspruch aus den Dingen entfernen; ist es zu eindeutig?

Dann ist es unbrauchbar, was ihr sagt. Euer Ding ist dann leblos

Seid ihr wirklich im Fluß des Geschehens? Einverstanden mit

Allem, was wird? Werdet ihr noch? Wer seid ihr? Zu wem

Sprecht ihr? Wem nützt es, was ihr da sagt? Und nebenbei:

Läßt es auch nüchtern? Ist es am Morgen zu lesen?

Ist es auch angeknüpft an vorhandenes? Sind die Sätze, die

Vor euch gesagt sind, benutzt, wenigstens widerlegt? Ist alles belegbar?

Durch Erfahrung? Durch welche? Aber vor allem

Immer wieder vor allem anderen: Wie handelt man

Wenn man euch glaubt, was ihr sagt? Vor allem: Wie handelt man?
 
 
Nachdenklich betrachteten wir mit Neugier den zweifelnden

Blauen Mann auf der Leinwand, sahen uns an und

Begannen von vorne.

13. August 2016
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Systemische Sozialarbeit – Freiheit und Verantwortung im Individualismus?

Familiendynamik-2016-03

„Seit Ende der 1970er Jahre ist die Sozialarbeit Bestandteil der »systemischen Bewegung«. Durch die Offenheit der Ausbildungsgänge in Familientherapie bzw. später Systemischer Therapie und Beratung konnten viele SozialarbeiterInnen teilnehmen, auch wenn ihr Setting keine Therapie im engeren Sinne erlaubte. Dennoch ließen sich systemische Modelle und Methoden auf ihre Arbeitsfelder – die häufig viel mehr umfassten als Beratung – übertragen. Heute hat der systemische Ansatz innerhalb der Sozialen Arbeit einen großen Stellenwert und ist aus der Praxis nicht mehr wegzudenken. Zeit also, den Fokus auf dieses gesellschaftlich wichtige Praxisfeld zu richten.“ So beginnt Hans Rudi Fischer sein Editorial von Heft 3/2016 der Familiendynamik, die die Frage nach Freiheit und Verantwortung im Individualismus? ins Zentrum des Themenschwerpunktes rückt, eine Frage also, die automatisch Diskussionsstoff liefert. Hierzu tragen Artikel von Björn Kraus (Systemisch-konstruktivistische Lebensweltorientierung. Lebenswelt versus Lebenslage – vom Nutzen einer Unterscheidung für die Gestaltung professioneller Interaktion), Wolf Ritscher (Kinderschutz und Jugendhilfe heute – Was ist möglich, was ist nötig, was ist hilfreich?) und Heiko Kleve mit einer überraschenden und nicht unproblematischen Verteidigung des Neoliberalismus bei, dem er eine Nähe zur soziologischen Systemtheorie attestiert: „ Neoliberalismus und soziologische Systemtheorie verbindet sowohl das Konzept der Selbstorganisation als auch die Konsequenzen, die aus diesem Konzept gezogen werden“ (Systemische Sozialarbeit und Liberalismus. Plädoyer für soziale Selbstorganisation und individuelle Autonomie – eine Diskussionsanregung; 209). Außerdem rekapituliert Heiner Keupp in einem lesenswerten Aufsatz (Von der Re-Sozialisierung von Normalität und Abweichung) die Geschichte der „intensive fachlichen Kontroversen zu den Fragen von Normalität und Devianz“ und kritisiert die aktuelle Tendenz zur Medikalisierung der Psychotherapie und die damit verbundene „Sozialen Anamnese“ hinsichtlich einer »gesellschaftsdiagnostischen« Perspektive. Also Diskussionsstoff zur Genüge. Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

12. August 2016
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Therapien müssen vertraulich bleiben – Geplante Aufweichung der ärztlichen Schweigepflicht ist unverhältnismäßig

Die Bundesweite Arbeitsgemeinschaft der psychosozialen Zentren für Flüchtlinge und Folteropfer (BAfF e.V.) kritisiert in hohem Maße die Forderungen von Bundesinnenminister de Maizière, die ärztliche Schweigepflicht zu lockern. Am Donnerstag (11.08.2016) will de Maizière dies mit weiteren Punkten in einem Maßnahmenkatalog des Bundesinnenministeriums zur Erhöhung der Sicherheit in Deutschland vorstellen. Die BAfF lehnt eine Lockerung der Schweigepflicht für ÄrztInnen, PsychologInnen und PsychotherapeutInnen ab. Der psychologische Fachverband bewertet diesen Vorstoß nicht nur als unverhältnismäßig, sondern vor allem auch als nicht zielführend. Therapien müssen auch weiterhin vertraulich stattfinden können.

Die Schweigepflicht ist der Grundstein für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen PsychotherapeutIn und KlientIn. „Viele meiner KlientInnen kommen aus Ländern, in denen es keine Patientenrechte gibt. Wenn sie  nun auch hier in Deutschland befürchten müssten, dass die Inhalte, die sie mit mir in der Therapie teilen, diesen Raum verlassen, dann würden sie mir Vieles gar nicht erst anvertrauen“, erklärt Elise Bittenbinder, Vorsitzende der BAfF.

Der Vorstoß des Innenministers wähnt sich im Sinne der Gewaltprävention, in seiner Konsequenz jedoch beschneidet er die psychosoziale Arbeit in genau dieser Intention: Eine vertrauensvolle therapeutische Beziehung bietet die Chance, spannungsgeladene Gedanken zu bearbeiten, Hoffnungs- und Zukunftslosigkeit zu überwinden und damit auch nach innen und/oder nach außen gerichtete Wut zu kontrollieren. Eine Lockerung der Schweigepflicht hätte letztlich nur zur Folge, dass sich viele Menschen nicht mehr die Hilfe suchen werden, die sie dringend bräuchten. Weiterlesen →