systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

19. Februar 2018
von Tom Levold
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Bedürfnisangepasste Behandlung und offene Dialoge

2009 erschien im Kontext ein Artikel von Volkmar Aderhold und Nils Greve, der sich mit dem systemischen Konzept des Offenen Dialogs beschäftig, das seit langem in Finnland als eine erprobte Vorgehensweise der kontextorientierten Behandlung psychischer Krisen gilt. Im Abstract heißt es: „Der Artikel beginnt mit einer kurzen Darstellung der historischen Entwicklung des bedürfnisangepassten Behandlungsmodells in Turku (Finnland) unter der Leitung von Y. Alanen und einiger Evaluationsstudien. Die aus der Praxis abgeleiteten therapeutischen Grundprinzipien werden beschrieben: Therapieversammlungen als zentrale Intervention von Anfang an, psychotherapeutische Grundhaltung, kontinuierlicher Prozess statt Routine, Methodenergänzung, Anwesenheit des Patienten auch bei der Behandlungsplanung, Nachuntersuchung. Im Anschluss erfolgt eine genauere Erläuterung der systemischen Methode des Offenen Dialogs, die in West-Lappland unter der Leitung von J. Seikkula und inspiriert von T. Andersen aus Tromsö (Norwegen) entwickelt wurde. Auch diese Form systemischer Arbeit wird anhand der in der Praxis entwickelten Grundprinzipien dargestellt: sofortige Hilfe, kontinuierliche Arbeit mit der Familie und dem sozialen Netzwerk, Flexibilität, gemeinsame Verantwortung, psychologische Kontinuität, Aushalten von Unsicherheit, Förderung des Dialogs, selektive Anwendung von Neuroleptika in Niedrigdosierung, Integration von Einzeltherapie und anderer Therapieverfahren. Es folgen Evaluationsergebnisse. Der Artikel endet mit dem Versuch einer Einordnung und Bewertung.“

Zum vollständigen Text geht es hier…

1. Februar 2018
von Tom Levold
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The Guests in My House: An Autoethnographic Narrative of the Relationships between Austrian Hosts and Syrian Refugees

Corina Ahlers

Im Adventskalender 2017 hat Corina Ahlers über ihre Erfahrungen als Gastgeberin für syrische Flüchtlinge berichtet. In ihrem Beitrag war auch folgende Ankündigung enthalten: „Die forschende Selbstreflexion in der Zeit mit meinen syrischen Gästen habe ich im Laufe der Jahre 2016-2017, von Mary Gergen dazu ermuntert, auf Englisch geschrieben. Damals war es das Thema Nummer 1 überall auf der Welt. Ich wollte so viele Leser_innen wie möglich daran teilhaben lassen, weil ich es selbst so spannend fand. Mich hat es bereichert, und ich bin ein bisschen weiser geworden. Es wurde daraus ein selbstreflexiver Roman über die Gedanken einer systemischen Therapeutin und Ausbildnerin in der Auseinandersetzung mit der Fremdheit ihrer arabischen Gäste. Ein Text über die Transformationen ihrer inneren Konstrukte und die Begegnung  im ‚anders sein’ als autoethnografischer Prozess. 2018 wird der Text im Taos Institut als Download Manuskript für das Englisch lesende Publikum veröffentlicht . Im Systemmagazin wird er Anfang des Jahres ebenfalls erscheinen.“ Nun ist es soweit: Es ist ein autonethnografisch gehaltenes Narrativ der Erlebnisse einer systemischen Therapeutin und systemisch Lehrenden, die 2 Jahre lang syrische Flüchtlinge bei sich im Haus hatte. Die Autorin schildert persönliche Alltagserlebnisse mit ihren Gästen und reflektiert die entstehenden Möglichkeiten für beiderseitige Begegnungen auf Augenhöhe. Der Text bringt keine therapeutische Rahmung, sondern er fokussiert auf unseren notwendigerweise partizipativen Umgang mit den Flüchtlingen, in diesem Fall Syrer_innen. Ein besonderes Phänomen ist die Beherrbegung einer ‚Zweitfrau‘ mit Kind seitens der Autorin. Der Blick zentriert sich auf weibliche und männliche Rollenbilder, Gender, Sprache und Verstehen, Solidarität, aber auch auf den immer wieder entstehenden kolonialen Standpunkt auf unserer Seite. Läßt er sich denn verlassen? Diese Frage beschäftigt die Autorin durchgängig über die 80 Seiten Text zu ihrer emotionalen Beteiligung am hoch aktuellen Migrationsphänomen.
Die Autorin hat den Text in Absprache mit Mary und Ken Gergen (gemeinsam Gründer des sozialen Konstrukionisms) für das Taos Institute geschrieben, wo er im Abteil ‚World Share Books‘ erscheinen wird. Deshalb ist der Text auf Englisch, allerdings durch den persönlich gehaltenen Stil leicht lesbar. Der Abdruck im systemagazin erfolgt vor der Herausgabe im Taos Institute. Der vollständige Text kann hier als PDF gelesen werden…

30. Januar 2018
von Tom Levold
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„Wenn die Leute kommen, ist Beziehung da…“

Thorsten Padberg hat vor einiger Zeit ein längeres Gespräch mit Jürgen Hargens geführt, das ursprünglich für einen anderen Veröffentlichungskontext gedacht war und nun im systemagazin erscheint.

Thorsten Padberg, Berlin: „Wenn die Leute kommen, ist Beziehung da…“. Ein Gespräch mit Jürgen Hargens

Für eine Zeitschrift soll ich einen Text zur Langzeittherapie schreiben: „Schwere Störungen brauchen lange Therapien.“ Jürgen Hargens und ich kennen uns per Email, weil wir beide über Therapien schreiben und uns gelegentlich austauschen. Als ich ihn frage, ob er mir etwas zu langen Therapien aus Sicht eines Kurzzeittherapeuten erzählen will, sagt er sofort ja. Treffpunkt wird das Schwarze Café in Berlin. Um uns herum wird Essen serviert, es ist laut und wuselig. Jürgens Hargens stört das nicht, er kennt sein Thema und spricht gerne darüber. Er hat viel mehr dazu zu sagen, als am Ende in einen kurzen Text zur Langzeittherapie hineinpassen wird. Unser Gespräch über schwere Diagnosen, schnelle Lösungen und schlaue Klienten in voller Länge: 

Sie sind ja einer der prominentesten Vertreter der lösungsorientierten Therapie in Deutschland…

Das sagen Sie so. Ja, ja. Gut.

…  und haben viel dazu veröffentlicht. Was glauben Sie: Wie kommt die lösungsorientierte Therapie so schnell zu ihren Erfolgen, was ist der Wirkfaktor?

Ich glaube, das sind zwei/drei Aspekte. Jeder Aspekt hat viele Unteraspekte: Die Leute, die zur sogenannten „Therapie“ kommen, ernst zu nehmen, ihr Leiden zu würdigen und letztlich immer ein Ohr dafür zu haben, wo diese Leute Kompetenzen haben und gezeigt haben. Das ist etwas, das für die Leute völlig neu ist. Jemand, der leidet, fühlt sich einfach nur schlecht. Und jetzt kommen Leute und ich sage – ich nehm‘ mal ein ganz plattes Beispiel – „du hast mit diesem Leiden zwanzig Jahre überlebt. Das ist ja auch eine Fähigkeit. Die macht das Leben nicht leichter.“

Und das ist ein ganz wichtiger Unterschied, glaube ich. Die lösungsorientierten Leute nehmen ihr Gegenüber sehr ernst, respektieren die Person, würdigen sie und reden ihr Leben nicht schön. Und deshalb: Das Lösungsorientierte ist etwas anderes als ‚positiv denken‘. Und es ist auch keine Technik. Es ist eine gnadenlos anstrengende Haltung, nämlich darauf zu vertrauen: „Ich glaube, dass Du es schaffst“. Oder wie Insoo Kim Berg immer so schön gesagt hat: „Ich weiß nicht wann, ich weiß nicht, wie du dich änderst – ich weiß nur, dass du dich änderst!“ Weiterlesen →

29. Januar 2018
von Tom Levold
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Don D. Jackson (28.1.1920 – 29. 1.1968)

Don D. Jackson

Don D. Jackson

Heute vor 50 Jahren – einen Tag nach seinem 48. Geburtstag – starb Don D. Jackson, für viele völlig unerwartet, nach längerer Krankheit. Er war einer der wichtigsten Wegbereiter der Familientherapie, aufgrund seines frühen Todes wurde sein Beitrag oft unterschätzt. Als Arzt und Psychiater studierte er von 1947 bis 1951 bei Harry Stack Sullivan, dem Begründer der interpersonalen Psychotherapie. Von 1953 bis 1962 arbeitete er mit Gregory Bateson, John Weakland, Jay Haley und William Fry zusammen und trug maßgeblich dazu bei, die Forschungen zur zwischenmenschlichen Kommunikation auf die Arbeit mit Familien zu übertragen. Eines der Ergebnisse dieser Forschung war die Entwicklung der Doppelbindungs-Theorie der Schizophrenie (von der sich die Forscher später wieder distanzierten). 1958 gründete er das Mental Research Institute in Palo Alto, Kalifornien, und war dessen erster Direktor. Richard Fisch, Gründer und Direktor des Brief Therapy Center am Mental Research Institute schrieb über Jackson: „Wie hat Don Jackson das Feld der Familientherapie beeinflusst? Wie hat Watts die Dampfmaschine beeinflusst? Er hat es geschafft. Andere haben die Dampfmaschine zu einer besseren, effizienteren Maschine weiterentwickelt. Ich würde sagen, das hat Don für die Familientherapie getan (…) Er hat die Disziplin etabliert, andere haben es verfeinert“. Gregory Bateson sagte über ihn auf einer Konferenz zum Andenken an Don Jackson: „Ich vermisse Don. Don hatte eine Schnelligkeit und eine Leichtigkeit im Kontakt, die ich für sehr wichtig im Umgang mit Problemen des menschlichen Verhaltens halte. Wahrscheinlich würde er einige unserer Mätzchen heute Abend ein wenig komisch finden, auf dieses Podium kommen und unsere Prozeduren etwas lockern. Es wäre nett gewesen. Er war natürlich eine sehr wichtige Person, historisch betrachtet. Seine Originalarbeit über Familienhomöostase war sicherlich eine der ersten, vielleicht die erste wichtige Aussage über die Familie als System“.

Wendel Ray, Soziologe, Politologe und Sozialarbeiter, ist Professor of Family System Theory am College of Arts, Education, and Sciences an der University of Louisiana in Monroe. Er war selbst eine Zeit lang Direktor des Mental Research Institute (MRI) und gründete das Don D. Jackson Archive of Systemic Literature. 2004 schrieb er für die Brief Strategic and Systemic Therapy European Review einen ausführlichen Text über den Werdegang Jacksons und die Bedeutung seines Werkes, an das heute zum 50. Jahrestag seines Todes noch einmal erinnert werden soll. Zum vollständigen Text geht es hier…

25. Januar 2018
von Tom Levold
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Wissenschaft ist Macht

Viele Systemische Therapeuten erinnern sich noch an das jahrelange Hin und Her im Wissenschaftlichen Beirat Psychotherapie, als es um die berufsrechtliche Anerkennung der Systemischen Therapie als „wissenschaftlich fundiertes Verfahren“ ging. Der erste Antrag der systemischen Fachverbände auf Anerkennung, der sein eigenes wissenschaftliches Selbstverständnis ausführlich darlegte und begründete, wurde abgewiesen, weil er nicht mit den Wissenschaftsvorstellungen der Mehrheit der Beiratsangehörigen zusammenpasste.  Die wissenschaftstheoretischen und erkenntnistheoretischen Grundlagen des systemischen Ansatzes stellen in der Tat ein nomothetisches und objektivistisches Wissenschaftsverständnis in Frage, das der Beirat pflegt und das gerade in der gegenwärtigen Psychotherapieforschung dominant ist. Dass es hier nicht um Wahrheits- oder Erkenntnis-, sondern um Machtfragen (und damit verbundenen Interessen) geht, ist in den vergangenen 20 Jahren sehr deutlich geworden. Die Anerkennung der Systemischen Therapie als „wissenschaftlich fundiertes Verfahren“, die dann 2008 erteilt wurde, ist mit einer Unterwerfung unter das Wissenschafts- und Forschungsparadigma des psychotherapeutischen Mainstreams erkauft worden – auf die Darstellung eines systemisch-konstruktivistischen Wissenschaftsverständnis ist aus strategischen Gründen verzichtet worden.

Der „Humanistischen Psychotherapie“ ist es als eigenständiges Verfahren in diesen Auseinandersetzungen ähnlich ergangen – nur dass ihr die Anerkennung bis heute verweigert wird. Jürgen Kriz, der als Mitglied des Beirates entscheidenden Anteil an der Anerkennung der Systemischen Therapie hatte und sich seit Jahren aktiv für die Anerkennung der Humanistischen Therapie einsetzt, macht in seinem Text über die vor kurzem erfolgte Ablehnung durch den Wissenschaftlichen Beirat deutlich, dass dieser selbst seine eigenen Kriterien zur Beurteilung von Wissenschaftlichkeit aussetzt, wenn sie den Interessen zuwiderläuft. Das ist nicht wirklich überraschend, aber in einem Kontext, in dem der Begriff der Wissenschaftlichkeit ja immerhin noch eine gewisse gesellschaftliche Reputation aufweist, einfach nur beschämend.

Jürgen Kriz, Osnabrück: Wissenschaftlicher Beirat Psychotherapie – Bewertung tendenziös und voller Mängel

Der Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie (WBP) hat nach 6-jährigen Beratungen sein Gutachten veröffentlicht, wonach er „Humanistische Psychotherapie“ nicht als „wissenschaftlich anerkanntes Psychotherapieverfahren“ ansieht. Er meint, sie könne daher nicht „als Verfahren für die vertiefte Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten empfohlen werden.“

Diese Bewertungen sind in hohem Maße sachwidrig. Die „Arbeitsgemeinschaft Humanistische Psychotherapie“ (AGHPT) hatte in ihrem Antrag über 300 Wirkstudien vorgelegt, die ganz überwiegend in internationalen wissenschaftlichen Zeitschriften mit wissenschaftlichen Gutachtern publiziert worden waren. Von diesen hat der WBP letztlich nur 29 als Wirksamkeitsnachweise nach seinen aktuellen Kriterien anerkannt. Abgelehnt wurden u.a. selbst Studien, welche der Habilitation an einer deutschen medizinischen Fakultät zugrunde lagen, oder eine solche, die von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanziert, in der renommierten Zeitschrift Psychotherapy and Psychosomatics veröffentlicht und von den Juroren der Society of Psychotherapy Research mit dem internationalen Forschungspreis der SPR ausgezeichnet worden war. Weiterlesen →

21. Januar 2018
von Tom Levold
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Vielfalt von Systemen

Im letzten Heft des Kontext-Jahrganges 2017 geht es um unterschiedliche Beiträge zur theoretischen und praktischen Vielfalt systemischen Denkens und Handelns. Im Editorial heißt es: „Die ersten beiden Beiträge verknüpfen theoretische Überlegungen mit Anwendungsfragen, einmal bezüglich klinisch-psychiatrischer Praxis, zum anderen mit dem seit einigen Jahren auch hierzulande diskutierten Modell der Familienkonferenz. Walter Kornberger, Psychologe aus Wien mit dem Schwerpunkt klinisch-psychologischer Behandlung von psychotischen Symptomen und Psychotherapeut in eigener Praxis, befasst sich in seinem Artikel mit der Anwendung der Theorie dynamischer Systeme auf psychotische Phänomene wie Halluzinationen und Stimmenhören. (…) Heiko Kleve greift in seinem Text über die Bedeutung von Netzwerken und Vernetzung (befasst sich) ausgehend von der Luhmannschen Trias von Interaktion, Organisation und Gesellschaft als den grundlegenden Typen sozialer Systeme (…) mit der Frage, welchen Stellenwert in diesem Systemgefüge die Herausbildung von sozialen Netzwerken hat. Tom Levold, der seit 2011 im Rahmen eines Kooperationsprojektes (…) zwischen den Universitäten Freiburg und Isfahan im Iran als Dozent und Lehrtherapeut tätig ist, hat für die Reihe »Kontext im Gespräch« ein Interview mit Farzad Goli geführt, der als Arzt, Psychiater und Psychologe in Isfahan praktiziert und eines der ersten familientherapeutischen Weiterbildungsinstitute im Iran gegründet hat. (…) In einem persönlichen Erfahrungsbericht, der den Kontext-Lesern den Hintergrund des Interviews näher bringen soll, beschreibt Tom Levold seine Erlebnisse im Rahmen dieser Kooperation.“ Darüber hinaus gibt es wieder eine „genogrammatische Lektüre“ von Barbara Bräutigam, einen Tagungsbericht und viele Rezensionen.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

17. Januar 2018
von Tom Levold
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Alkoholabhängigkeit

Die Reihe „Störungen systemisch behandeln“ im Carl-Auer-Verlag umfasst mittlerweile 12 Bände. In Band 10 befassen sich Rudolf Klein und Gunther Schmidt mit dem Thema der Alkoholabhängigkeit. Arist von Schlippe hat das Buch rezensiert und empfiehlt die Lektüre: Die „Autoren [haben] ein ausgezeichnet lesbares, ja geradezu spannendes Buch geschrieben, das eine Fülle von grundlegenden und weiterführenden Informationen über die Arbeit im Kontext von Alkohol- und vergleichbaren Suchtdynamiken bietet, und damit über ein Phänomen, das auf vielen Ebenen menschlicher Existenz bedeutsam ist – und das oft vorschnell auf die Forderung nach Abstinenz reduziert wird“. Aber lesen Sie selbst:

Arist von Schlippe, Osnabrück

Der 10. Band der Reihe „Störungen systemisch behandeln“ im Carl Auer Verlag ist einer Sucht gewidmet, die in unserer Kultur weit verbreitet ist, die Grenzlinien zwischen sozialem Trinken und Abhängigkeit sind schwer zu bestimmen. Die Autoren sind als Spezialisten in dem Themenfeld bekannt, sie arbeiten zugleich schwerpunktmäßig in unterschiedlichen Kontexten (ambulant und stationär), eine Kombination, die Erwartungen erzeugt. Sie werden nicht enttäuscht: Das Buch informiert umfassend über das „Störungsbild“ (inklusive einer kritischen Reflexion), über die Historie, über klassische Behandlungskonzepte und über systemische Therapieformen der Kybernetik 1. und 2. Ordnung in verschiedenen Auftragskonstellationen. Weiterlesen →

15. Januar 2018
von Tom Levold
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Salvador Minuchin (13.10.1921-30.10.2017)

Salvador Minuchin

Mit Salvador Minuchin ist am 30. Oktober vergangenen Jahres ein weiterer großer Pionier der Familientherapie gestorben, der vor allem für die Begründung des strukturellen Ansatzes in der Familientherapie weltberühmt wurde. Andrea Brandl-Nebehay aus Wien hat einen Nachruf auf ihn verfasst.

Andrea Brandl-Nebehay, Wien:  Nachruf auf Salvador Minuchin

Salvador Minuchin, aus Argentinien stammender Kinderpsychiater und Begründer der strukturellen Familientherapie, ist am 30. Oktober 2017 kurz nach seinem 96. Geburtstag in Florida verstorben (Foto: Danielle Menuhin, 15.8.2004; Wikipedia).
Seine abenteuerliche Lebensgeschichte verbindet in eindrucksvoller Weise mehrere Länder, Kontinente und Kulturen. Seine jüdischen Großeltern waren auf der Flucht vor Pogromen Ende des 19. Jahrhunderts von einem russischen Schtetl nach Argentinien geflohen, wo Salvador in einer patriarchal strukturierten Großfamilie mit strengen Regelwerken aufwuchs. In seinen autobiografischen Erinnerungen beschreibt er seine Zerrissenheit zwischen dem Wunsch nach Anpassung an die hispanische Lebensweise und dem bedrohlichen Antisemitismus seiner Umgebung: „Ich bin als Jude in einer Stadt aufgewachsen, in der Graffiti an den Wänden standen wie ,Sei patriotisch, töte einen Juden’. Aber von der argentinischen Musik war ich begeistert… Ich lernte meine eigene jüdische Identität zu verachten, nur um ein guter Argentinier zu sein. Dafür habe ich mich gehasst“ (zitiert nach Stierlin 2011, S. 126). Als Medizinstudent engagierte er sich dann aktiv in der zionistischen Studentenbewegung, wurde 1943 für einige Monate inhaftiert, nachdem er an Protestaktionen gegen den Diktator Juan Perón teilgenommen hatte. Er verbrachte drei Monate in Einzelhaft und musste das Studium in Uruguay fortsetzten. Diese Erfahrungen prägten sein weiteres politisches und soziales Engagement  und trugen vermutlich zu der radikalen Entscheidung bei, kurz nach Eröffnung seiner kinderärztlichen Praxis in Buenos Aires 1948 nach Israel auszuwandern, um dem neu gegründeten Staat zunächst als Militärarzt zu dienen. Nach einem Zwischenspiel in New York, wo Minuchin eine zusätzliche Ausbildung zum Psychiater absolvierte und erste Erfahrungen in der Arbeit mit delinquenten Jugendlichen sammelte, kehrte er Anfang der 50er-Jahre als Kinderpsychiater nach Israel zurück und wurde Ko-Direktor von Youth Aliyah, einer Institution, zu der mehrere Heime für verhaltensgestörte und psychisch kranke Kinder gehörten – meist Waisenkinder aus Europa, die den Holocaust überlebt hatten. Weiterlesen →

10. Januar 2018
von Tom Levold
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Kein Abschied von der Elternschaft trotz immer späterer Familiengründung

WIESBADEN – Männer und Frauen werden in Deutschland tendenziell immer später Eltern. Dies bedeutet jedoch keinen generell abnehmenden Trend zur Familiengründung. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) anhand eines Vergleichs von zusammengefassten Geburtsjahrgängen mitteilt, ist es bei Frauen zu Beginn des fünften Lebensjahrzehnts nach wie vor die Regel, als Mutter in einer Familie zu leben. Der Anteil der 40-jährigen Frauen der zusammengefassten Geburtsjahrgänge 1970 – 1974, welche als Mutter in einer Familie leben, ist mit 75 % ähnlich hoch wie rund 15 Jahre zuvor. Damals hatte der Wert bei 78 % (Geburtsjahrgänge 1955 – 1959) gelegen.

Die Ergebnisse basieren auf dem Mikrozensus, welcher ausschließlich Personen als Eltern erfasst, die im gemeinsamen Haushalt mit ihren ledigen Kindern leben. Verlässt ein Elternteil (in der Regel der Vater) nach einer Trennung den gemeinsamen Haushalt, wird er nicht länger als Elternteil erfasst. Dies führt dazu, dass es bei den Männern eine andere Entwicklung gibt als bei den Frauen: 66 % der 40-jährigen Männer der zusammengefassten Geburtsjahrgänge 1955 – 1959 hatten als Väter in einer Familie gelebt. Mit dem gestiegenen Anteil der alleinerziehenden Mütter ist dieser Wert in den vergangenen Jahren auf 55 % gesunken (Geburtsjahrgänge 1970 – 1974).

Detaillierte Analysen zur Partnerschaft, Elternschaft und Familiengröße finden sich im Beitrag „Familiengründung und -erweiterung im Kohortenvergleich“, der in der Zeitschrift Wirtschaft und Statistik (Heft 6/2017) erschienen ist.

Quelle: Pressemitteilungen – Kein Abschied von der Elternschaft trotz immer späterer Familiengründung – Statistisches Bundesamt (Destatis)

9. Januar 2018
von Tom Levold
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Der Mensch als „Störgröße“

Jürgen Kriz, Osnabrück: Der Mensch als „Störgröße“

Macht es einen Unterschied, ob man zwei Maschinen, die Blechknöpfe ausstanzen, hinsichtlich ihres Ausschusses untersucht, ob man zwei Medikamente hinsichtlich ihrer Wirkung vergleicht oder ob man zwei Psychotherapie­ansätze auf ihre Wirksamkeit hin überprüft?

Jürgen Kriz

Diese Frage wird wohl von der überwiegenden Mehrheit mit „ja“ beantwortet – allerdings aus unterschiedlichen Grün­den. So könnte man anführen, dass die Untersuchungsberei­che von „Maschinen“ über „Wirkstoffe“ hin zu „Psycho­therapie“ zunehmend komplexer werden. Dies würde für die Wirksamkeit von Psychotherapie gegenüber der einer Maschine eine grundlegend andere Prüfmethodik erfordern, die beispielsweise die Erkenntnisse über Rückkopplungen und nichtlineare Entwicklungen berücksichtigt. Doch diese Aspekte berührt den Mainstream wenig. Stattdessen wird der Unterschied am Erreichen eines Ideal festgemacht, das methodisch einfach und damit „sauber“ untersucht werden kann. Das Ausstanzen von Blechknöpfen wird zum Grund­modell erhoben, demgegenüber die Prüfung von Wirkstof­fen am Menschen „Verzerrungspotential“ hat, weil Unter­sucher als auch Patienten von ihren Vorannahmen, Interes­sen, usw. beeinflusst sein könnten. Um diese „Störgrößen“ hinreichend auszuschalten, ist man auf die Idee gekommen, eine „doppelte Verblindung“ zu fordern: Weder Patient noch Untersucher wissen, wer welches Medikament (oder ein Placebo) bekommt.

Noch größer ist dann das „Verzerrungspotential“ in der Psychotherapieforschung, weil es dort nicht einmal mehr den „objektiven“ Wirkstoff gibt, sondern Therapeut und Patient denkende Menschen sind. Wer nun aber meint, auf die Idee mit der „doppelte Verblindung“ könne ernsthaft niemand kommen, sollte sich den Bericht des IQWiG (Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesund­heitswesen) zur systemischen Therapie ansehen (1). Das IQWiG wurde vom G-BA (Gemeinsamer Bundesausschuss) beauftragt, die „Bewertung der systemischen Therapie bei Erwachsenen“ durchzuführen (2). In dem 860-seitigen Ab­schlussbericht wurde bei den Therapiestudien durchgängig die fehlende Verblindung als Manko gewertet. Auf die Kritik daran durch die Antragsteller schreibt das IQWIG:

„Das Institut teilt die Einschätzung der Stellungnehmenden, dass eine Verblindung der Therapeuten wie auch der Patienten im Bereich von Psychotherapiestudien regelhaft nicht möglich ist. Jedoch kann eine fehlende Verblindung das Verzerrungspotenzial beeinflussen, ungeachtet dessen, ob es möglich ist, eine Studie verblindet durchzuführen. Der Aspekt der Verblindung muss also berücksichtigt werden.“ (S. 523)

Was sind nun diese „Störgrößen“ die man für eine saubere, „verzerrungsfreie“ Forschung nach diesem Modell möglichst eliminieren will? Auf den Punkt gebracht könnte man sagen: Alle jene Einflüsse, die im Wesentlichen den Kern von Psychotherapie ausmachen – allem voran die therapeuti­sche Beziehung. Denn diese und weitere sog. „unspezifische Faktoren“ machen den allergrößten Teil des Erfolges einer Psychotherapie aus, wie praktisch die gesamte Forschung international in den letzten Jahrzehnten immer wieder ge­zeigt hat. Während das, was in den RCT—Studien als spezi­fische Wirkung geprüft wird, einen vergleichsweise sehr kleinen Anteil ausmacht. Dieses ist zwar, je nach thera­peutischem Ansatz, unterschiedlich hoch. Allerdings ist sonst noch niemand auf die Idee gekommen, doppelte Verblindung hier als Qualitätsmerkmal anzusehen.

Schon im medizinischen Bereich ist das Problem aber keineswegs so einfach, wie man es sich am Schreibtisch ausdenkt. Denn nur auf den ersten (theoretischen) Blick lässt sich das Wissen des Arztes darüber, ob sein Patient das Medikament A oder B oder ein Placebo bekommt, als „Verzerrungspotential“ deuten, sofern man allein am Einfluss der Wirkstoffe interessiert ist. Und es sei nicht bestritten, dass der Einfluss von Wirkstoffen für die For­schung (auch!) eine interessante Frage ist. Jenseits der Forschung aber geht es nicht allein um Wirkstoffe, über deren prinzipielle Wirkung an verblindeten Probanden in abstrakten medizinischen Papers Berechnungen angestellt werden. Sondern es geht um ärztliche Heilkunst beim Men­schen. Und dies ist weitaus komplexer, als das Verab­reichen von Wirkstoffen. So kann man sich durchaus vorstellen, dass sehr viele Wirkaspekte relevant sind, wenn ein bestimmter Arzt das Medikament A in einer spezifischen Situation ei­nem bestimmten Patienten verordnet: So ist beispielsweise seine persönliche ärztliche langjährige Erfahrung im Zusam­menhang mit Medikament A bedeutsam, welche ihn befähi­gen, auf Nuancen im Krankheitsverlauf seines spezifischen Patienten zu achten, zu reagieren und ggf. mit weiteren Maßnahmen zu ergänzen. Daher kann er auch bei einem anderen Patienten trotz identischer diagnostischer Katego­risierung – aber deutlich anderen spezifischen und situati­ven Bedingungen – aus guten Gründen Medikament B be­vorzugen.

Um beliebten Missverständnissen vorzubeugen sei betont, dass es hier nicht darum geht, Befunde einer „objektiven medizinischen Wissenschaft“ gegen „subjektive Erfahrung“ auszuspielen oder gar erstere durch letztere zu ersetzen. Beides ist wichtig. Aber wer behauptet, dass die ausgeblen­deten „Störeinflüsse“ der „verzerrungsfreien“ Designs in der objektiven medizinischen Forschung für die Heilverläufe in der ärztlichen Praxis allesamt irrelevant wären – oder aber, anders herum, die notwendig reduzierten und standardi­sierten Forschungsroutinen vollständig die ärztliche Praxis abbilden würden – verzerrt seinerseits die Komplexität menschlicher Heilungsprozesse und ärztlichen Handelns zu einer vergleichsweise simplen Laborrealität.

Das ganze Procedere ist vergleichbar mit der Untersuchung des Nutzens von Fallschirmen durch ein dafür zuständiges Gremium, das sich dadurch auszeichnet, dass es gewöhnlich sehr sorgfältig „fallende Körper“, wie Kugeln, Steine etc., untersucht. Bekanntlich gib es auch bei Fall-Experimenten etliche „Störgrößen“ – besonders den Einfluss der Luft – weshalb man solche Untersuchungen in möglichst weitge­hend luftleer gepumpten Zylindern durchführt. Wenn man nun mit dieser Logik und diesem Argument an die Überprü­fung der Wirksamkeit von Fallschirmen herangeht, wird man unschwer finden, dass sich keine Bremswirkung nach­weisen lässt: Das, worauf es ankommt, wurde eben als „Störgröße“ eliminiert, um das „Verzerrungspotential“ gering zu halten.

Ein Gremium, das so verfahren würde, wäre vermutlich auch gegenüber dem Argument immun, dass viele Jahr­zehnte sehr erfolgreich Menschen mit Fallschirmen aus Flugzeugen und dergleichen gesprungen sind – ja, dass damit sogar viele Leben gerettet wurden. Denn als „Gegen­argument“ könnte angeführt werden, dass es keine Kon­trollgruppe gibt – also eine größere Gruppe Menschen, die ohne Fallschirm aus dem Flugzeug gesprungen sind. Kon­trollgruppen sind aber nun einmal für sorgfältige wissen­schaftliche Wirkstudien unumgänglich.

Das Ideal von Forschung, die sich an Blechknöpfe stanzen­den Maschinen orientiert, kann Psychotherapieforschung aufgrund der Störgröße „Mensch“ nicht erreichen. Nicht einmal das Ideal doppelverblindeter Pharmaforschung. Die Frage ist daher: Macht es Sinn, sich an einem Spiel nach solchen Regeln weiter zu beteiligen?

Anmerkungen:

(1) Systemische Therapie bei Erwachsenen als Psychotherapieverfahren. IQWiG-Berichte – Nr. 513.

(2) Mit der Systemischen Therapie bei Kindern- und Jugendlichen hat der G-BA bisher noch nicht einmal angefangen, eine Prüfung einzuleiten, obwohl (oder weil?) die Wirksamkeit bei der Prüfung durch den „Wissenschaftlichen Beirat“ (WBP) besonders eindrucksvoll war. Offensichtlich fehlt bei den mächtigen Interessengruppen in Deutschland der Wille, dieses sehr wirksame Psychotherapieverfahren den Patienten in diesem Lande zu Verfügung zu stellen.

(Erweiterte Fassung von Der Mensch als „Störgröße“ in: Gesprächspsychotherapie und Personzentrierte Beratung 4/2017, S. 220)

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