systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

18. April 2018
von Tom Levold
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Die „Sache“, die auf dem Spiel steht – eine Fortbildung über die philosophische Praxis

Anders Lindseth, ein 1946 geborener norwegischer Philosoph, ist Professor für praktische Philosophie am Zentrum für praktisches Wissen der Hochschule in Bodø und an der medizinischen Fakultät der Universität Tromsø. Seit 1989 führt er eine philosophische Praxis, seine Tätigkeit reflektiert er in seinem Buch „Zur Sache der philosophischen Praxis. Philosophieren in Gesprächen mit ratsuchenden Menschen“, das 2005 bei Karl Alber (Freiburg im Breisgau/München) erschienen ist. Von 1983 bis 2003 war er stellvertretender Vorsitzender der Internationalen Gesellschaft für Philosophische Praxis (IGPP).

Im Oktober 2017 war er zu Gast im Wiener Institut für Paar- und Familientherapie. Sabine Klar hat einen sehr instruktiven Bericht über dieses zweitägige Seminar verfasst:

Sabine Klar, Wien: Die „Sache“, die auf dem Spiel steht – eine Fortbildung über die philosophische Praxis

Im Oktober 17 lud das Institut für Paar- und Familientherapie auf Anregung von Klaus Schmidsberger den Philosophen Anders Lindseth zu einer 2tägigen Fortbildung ein. Schon im Vorfeld schickten wir ihm eine Menge Fragen, die sich u.a. mit dem Unterschied zwischen philosophischer Praxis und Psychotherapie beschäftigten und damit, ob es sich dabei um eine in einer speziellen Ausbildung erworbene, zu bezahlende Dienstleistung handelt oder um etwas ganz anderes bzw. ob die philosophische Praxis auch Anwendungen für Mehrpersonensettings kennt. Wir studierten außerdem einen Artikel (Anders Lindseth: Von der Methode der philosophischen Praxis als dialogischer Beratung). Dass mich die Thematik interessiert, bräuchte ich hier wahrscheinlich nicht mehr erwähnen – ich arbeite ja seit 18 Jahren unter dem Titel „Therapy meets Philosophy“ im IAM mit einem Philosophen zusammen.

Lindseth studierte in Norwegen Philosophie, Mathematik und Psychologie und betreibt seit 1989 – neben seiner Anstellung an der Universität – eine philosophische Praxis in Tromsø. Tom Andersen und Harry Goolishian interessierten sich für seine hermeneutischen Kommentare zu Fällen. Philosophie muss aus seiner Sicht immer an der konkreten menschlichen Erfahrung ansetzen („Wenn man philosophisch denkt, kann alles ein philosophisches Problem sein“). In der Fortbildung des IPF berichtete er uns über seine „Aha-Erlebnisse“ in der Philosophie und zog einen großen Bogen von den antiken Philosophen bis ins 20. Jahrhundert. Der Dialog mit uns kam dabei leider etwas zu kurz, was mich aber nicht daran hindern wird, hier die aus meiner Sicht wesentlichen Aspekte, die auch im Hinblick auf die systemische Praxis wichtig sein könnten, zusammenzufassen (einfachheitshalber in der von ihm gewählten Reihenfolge). Eines kann man ganz grundsätzlich sagen: philosophische Praxis ist jedenfalls nicht Behandlung – man tut nichts mit Menschen, man löst sich von dem Druck, ein Ziel zu erreichen (das tun aus Lindseths Sicht aber erfahrene Psychotherapeut_innen auch). Weiterlesen →

4. April 2018
von Tom Levold
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Michael White’s narrative therapy

Heute vor 10 Jahren starb Michael White im Alter von 59 Jahren überraschend an einem Herzinfarkt, nur wenige Monate, nachdem er das Adelaide Narrative Therapy Centre gegründet hatte. Gemeinsam mit David Epston gilt er als Begründer der narrativen Therapie. In der Zeitschrift Contemporary Family Therapy hat Alan Carr 1998 die wesentlichen Elemente von Whites‘ Narrativem Ansatz beschrieben. Im abstract heißt es: „A systematized description of a number of practices central to Michael Whites‘ narrative approach to therapy is given. These include collaborative positioning of the therapist, externalizing the problem, excavating unique outcomes, thickening the new plot, and linking the new plot to the past and the future. The practices of remembering and incorporation, using literary means to achieve therapeutic ends, and facilitating taking-it-back practices are also described. A number of questions are given which may be useful for those concerned with narrative therapy to address.“

Der vollständige Text ist hier zu lesen…

2. April 2018
von Tom Levold
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Depression

Die neueste Ausgabe der Familiendynamik beschäftigt sich unter anderem mit dem Schwerpunktthema „Depression“, darüber hinaus gibt es einen theoretischen Beitrag von Peter M. Hejl über Kommunikation als „Kernbereich menschlichen Sozialverhaltens“ sowie eine Reihe kürzerer berufs- und fachpolitischer Themen. Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es wie immer hier…

26. März 2018
von Tom Levold
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Körper, Seele, Mensch – Versuch über die Kunst des Heilens

Schon 2008, nämlich in Heft 1 dieses Jahrgangs der Zeitschrift systeme, hat Wolfgang Loth das 2006 erschienene Buch von Bernd Hontschik „Körper, Seele, Mensch – Versuch über die Kunst des Heilens“ besprochen. Es ist nach wie vor aktuell und schließt vielleicht ein wenig an die Diskussion zum Beitrag von Jürgen Hargens an, der am 21.3. im systemagazin erschien.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach:

Bernd Hontschik hat mit diesem Büchlein den ersten Band einer neuen Serie „medizinHuman“ vorgelegt. Dass das Zusammenwirken seelischer und somatischer Prozesse ein Kernstück jeglicher Versuche darstellt, Heilen zu ermöglichen, ist kein neues Thema, und ist erst recht kein Thema mit Neuigkeitswert für unsere Profession. Und doch möchte ich dieses Buch als ein besonderes vorstellen. Der Autor ist Chirurg, also im üblichen Blick von außen ein medizinischer Handwerker, da dürfte doch das Wirken „trivialer Maschinen“ kein Problem sein, sollte man denken. Dass es das in erheblichem Maße dennoch ist, das verdeutlicht Hontschik in diesem schmalen, doch ungemein inhaltsreichen Bändchen immer wieder. An Beispielen aus seiner Praxis zeigt er, was den Unterschied ausmacht zwischen dem schulmedizinisch geregelten Behandeln einer Verletzung lege artis (etwa bei lebensrettenden Maßnahmen am Unfallort) und dem anschließenden Heilen, dem Wiederherstellen einer Passung zwischen Wundgewebe und Körperprozessen, zwischen Mensch und Umwelt. Weiterlesen →

22. März 2018
von Tom Levold
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Interkulturelles Coaching

Was bedeutet es für ein Coaching, wenn Coach und Coachee aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten stammen? Das aktuelle Heft der Zeitschrift Organisationsberatung Supervision Coaching beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit diesem Thema, herausgegeben von Gastherausgeber Stefan Schmid, freiberuflicher Berater, Coach und Trainer für Firmen, Non-Profit-Organisationen und Behörden zur Personal- und Organisationsentwicklung sowie Stammherausgeberin Heidi Möller, die den Lehrstuhl für Beratungswissenschaften an der Universität Kassel innehat. Der Schwerpunkt umfasst Beiträge von Stefan Schmid, Kirsten Nazarkiewicz u.a. sowie einen Gastbeitrag von Gerhard Roth über Coaching und Neurowissenschaften. Die vollständigen bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

21. März 2018
von Tom Levold
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So kann’s gehen …

Jürgen Hargens, Meyn: So kann’s gehen ..

Der Frühling kündigte sich an – mit zunehmender Wärme und Sonne. Blauer Himmel, Windstille, klare Luft. Da konnte ich endlich wieder aufblühen. Die mich manchmal belastende Bleischwere der dunklen Jahreszeit, dieses Gefühl der Kälte, der scheinbar endlosen Dunkelheit und des nie enden wollenden Zwielichts schienen sich aufzulösen, gewissermaßen mit der wärmenden Sonne in die Luft zu verschwinden.

Mit dieser inneren Freude und Begeisterung setzte neben dem Lächeln auch eine andere Art meines Nachdenkens ein, wohlwollender, gelassener, positiver. Anders gesagt: frühlingsangemessen.

Wenn ich daran dachte, wie es mir noch vor ein paar Tagen gegangen war, konnte ich nur noch den Kopf schütteln. Griesgrämig, schwermütig. Ich selber dachte manchmal schon, ich hätte eine Depression. Klar, nur eine leichte. Allerhöchstens eine mittelschwere. Eben eine, die mit der wärmenden, erhellenden Sonne wieder verschwand.

Gibt es Zufälle? Keine Ahnung. Ist auch nicht wichtig.

Ich las gerade das Buch von Allen Frances, in dem er sich vehement gegen die Inflation psychiatrischer Diagnosen aussprach. Sein kleines Beispiel einer Party, auf der er mit Freunden dahin driftete, plauderte, vom Büffet naschte, sich nicht mehr der Namen aller dort auftauchenden Bekannten erinnerte – all das hätte ihm nach neuester Diagnostik rasch vier oder mehr Störungen von Krankheitswert beschert.

Ich legte sein Buch aus der Hand und dachte nach – über Diagnosen. Und darüber, was sie bewirken könnten. Je länger ich vor mich hin sinnierte, umso unwohler fühlte ich mich. Weiterlesen →

17. März 2018
von Tom Levold
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Schule – Jugend – Verhalten…

Unter dieses Rahmenthema hat Herausgeberin Cornelia Tsirigotis das erste Heft des 36. Jahrgangs der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung gestellt. Zum Thema beigetragen haben Günter Emlein, Marina Barz, Stefan Fischer, Silke Abt und Inge Singer-Rothöft. Im Editorial heißt es: „Das Schwerpunktthema dieses Heftes erscheint komplex. Herausforderung durch Verhalten – herausforderndes Verhalten- viele, die mit Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Kontexten, vor allem im Kontext Schule arbeiten, erleben die Begegnung mit Kindern und Jugendlichen als schmale Gratwanderung zwischen hoher Berufsmotivation und ständigem Stoßen an die eigenen Grenzen. Der rote Faden der Beiträge besteht darin, dass sich meta-schulische, also über den Auftrag von Bildung und Unterricht hinausgehende Ansätze und Kooperationen als notwendig und hilfreich erweisen. Günter Emlein setzt sich mit einer systemtheoretischen Perspektive mit der Etikettierung „auffälliges Verhalten“ auseinander. Indem er den Begriff dekonstruiert und seine Kontext- und Adressatenbezogenheit erläutert, macht er deutlich, dass herausforderndes oder auffälliges Verhalten nicht in der Person liegt, sondern in der Kommunikation aller Beteiligten. Auch Marina Barz setzt in ihrem Beitrag an der Zuschreibung von Auffälligkeit an. Sie entwickelt Möglichkeiten der Begegnung aus der Praxis. Den im täglichen Schulalltag herausfordernden Umwelten in Berlin-Wedding begegnet eine Schule mit Konzepten auf der Grundlage der Neuen Autorität – Stefan Fischer zeigt den spannenden Entwicklungsprozess. Eine traumapädagogische Perspektive kann auch in der Förderschule ausgesprochen hilfreich sein, um herausforderndes und auffälliges Verhalten zu erklären. Silke Abt stellt traumapädagogische Grundlagen und Möglichkeiten vor, Schule zu einem sicher(er)en Ort zu machen. Den thematischen Reigen schließt Inge Singer-Rothöft mit Erfahrungen aus der Schulsozialarbeit.“

Alle bibliografischen Angaben und abstracts finden Sie hier…

14. März 2018
von Tom Levold
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263 400 Patienten im Jahr 2016 wegen Depressionen im Krankenhaus behandelt

WIESBADEN – In Deutschland wurden im Jahr 2016 insgesamt 263 428 Patientinnen und Patienten aufgrund einer Depression vollstationär im Krankenhaus behandelt. Das waren 7 % mehr als vor 5 Jahren (2011: 245 956 Patientinnen und Patienten). Unter den im Jahr 2016 behandelten Patientinnen und Patienten waren 15 446 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren, was einem Anteil von 6 % entspricht. 2011 hatte ihr Anteil noch bei 3 % gelegen.

Die Gründe für den Anstieg der Krankenhausbehandlungen sind komplex und vielschichtig und lassen sich nicht direkt aus der Krankenhausstatistik ablesen. So kann es zum Beispiel durch die gestiegene Lebenserwartung und die Anfälligkeit Älterer zu höheren Zahlen gekommen sein. Zudem kann auch eine bessere Diagnostik und Sensibilität gegenüber psychischen Erkrankungen zu dieser Entwicklung beigetragen haben.

Quelle: Pressemitteilungen – 263 400 Patienten im Jahr 2016 wegen Depressionen im Krankenhaus behandelt – Statistisches Bundesamt (Destatis)

13. März 2018
von Tom Levold
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Weniger „Systemisches“ ist manchmal mehr

Andreas Wern, Leverkusen: Weniger „Systemisches“ ist manchmal mehr – Beobachtungen aus der Provinz

Auch wenn ich mich im Laufe der letzten Jahre beruflich immer mehr vom Arbeitsfeld „Beratung und Therapie“ entfernt habe, blieb der systemische Ansatz nach den ersten Berührungspunkten während meines Studiums zentraler Bestandteil meines professionellen Denkens und Handels.

Aus diesem Abstand zur systemischen Landschaft stolperte ich kürzlich fast zufällig über die Internetpräsenz der beiden systemischen Fachverbände. Es war nicht zu übersehen. In wenigen Jahren muss die Anzahl der angeschlossenen Institute deutlich angestiegen sein. Die Systemische Gesellschaft wurde 1993 von 8 Instituten gegründet. Heute sind es 45. Seit 1999 sind auch Einzelmitgliedschaften in der SG möglich. 2012 wurden laut Wikipedia knapp 800 Einzelmitglieder gezählt. Heute sind es nach Angaben der SG 2500. Die DGSF hat seit ihrer Gründung im Jahre 2000 ihre Mitgliedszahlen bis heute mehr als verfünffacht. Aktuell befinden sich ca. 80 Weiterbildungsinstitute unter ihrem Dach. Eine paar Zahlen zum Vergleich: Die beiden psychoanalytischen Verbände in Deutschland vertreten zusammen keine 30 Ausbildungsinstitute. Beim Dachverband der tiefenpsychologisch fundierten Therapie sind es ebenfalls weniger als 30.

Auffallend auch: Während zu meiner Ausbildungszeit Bereiche wie Organisationsberatung oder Coaching eher von wenigen darauf spezialisierten Instituten angeboten wurde, haben inzwischen viele Institute Weiterbildungen von Therapie bis Organisationsberatung im Programm. Die Größe mancher Institute beeindruckt zudem. 20 und mehr Dozenten (Spitzenreiter: 50) und Ausbildungen gleich an mehreren Standorten in Deutschland.

Neben diesen Entwicklungen im etablierten Feld der beiden großen Fachverbände stieß ich zudem auf eine schwer überschaubare Zahl an nicht zertifizierten Fortbildungsangeboten in unterschiedlichstem Umfang und zudem auf spezielle Anwendungsfelder bzw. Methoden wie Systemische Mediation, Systemische Moderation, Systemische Kunsttherapie, Systemische Körpertherapie, Systemische Reittherapie, Systemische Energiearbeit, Systemisches Gestalt-Coaching usw. Für vierbeinigen Familienmitglieder gibt es auch die Systemische Tieraufstellung.

Unterm Strich kann man vor dem Hintergrund dieser Beobachtungen annehmen, dass der systemische Ansatz sowohl im Bereich der Behandlung psychischer Leiden als auch der Bewältigung verschiedenster psychosozialer Probleme, der Lösung von Konflikten in Ehe und Familie sowie im Arbeitskontext seinen Platz gefunden hat. Aufs Ganze betrachtet ist die systemische Landschaft beeindruckend expandiert. „Systemisch“ wird als Begriff oder Etikett fast inflationär gebraucht. „Systemisch“ zu arbeiten, scheint auf dem Markt der Hilfs- und Beratungsangebote inzwischen sehr vorteilhaft zu sein und für sich alleine Qualität zu versprechen. Weiterlesen →

11. März 2018
von Tom Levold
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systeme 2/2017

 

Das zweite Heft der systeme aus dem Jahrgang 2017 ist ein offenes Heft mit sehr unterschiedlichen Beiträgen zu Themen wie Selbstwirksamkeit, Rechtsberatung in Sorgerechtsstreitigkeiten, Unternehmerfamilien, Gruppentherapie, Internalisieren von Lösungen, Gedenken an Paul Watzkawick und Diabetes – das alles abgerundet mit einem Tagungsbericht und vielen Rezensionen. Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier zu lesen…

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