„Die Ideengeschichte rotiert in sich selbst, und eben das korreliert mit dem doppelten Gewinn von Kausalität aus dem Nichts und von Strukturkausalität. Geht man von diesem Grundgedanken aus, dann läßt sich das Geschehen in der soziokulturellen Evolution und speziell in der Evolution ernsthafter, bewahrenswerter Semantik auf eine relativ einfache Formel bringen: Es handelt sich immer um eine Strukturierung und Umstrukturierung von differenzbezogenen Sensibilitäten, und zwar tendentiell um eine Abschwächung der Sensibilität für Beliebiges und eine Steigerung der Sensibilität für Bestimmtes. Nichts anderes ist gemeint, wenn man von Ausdifferenzierung spricht. Auch hierfür ein Beispiel: Beim Einschenken von Wein in ein Glas wird die Koordination von Auge, Hand, Lage der Flasche und Stand der Füllung des Glases durch diesen Typus von Orientierung an Differenzen kybernetisch reguliert. Das ist der elementare Prozeß. Wenn das einigermaßen funktioniert, kann ein Beobachter an der Lage des Daumens beim Einschenken erkennen, ob der Einschenkende erzogen worden ist oder nicht und ob man ihn gegebenenfalls einladen kann (natürlich nicht wegen seiner Fähigkeit, Wein einzuschenken, sondern wegen der daraus zu ziehenden Schlüsse!). Schließlich kann ein Soziologe, der ein solches Beispiel in einem Vortrag auf einem Soziologenkongreß wählt, wissen, daß ihm diese Wahl als Indikator für Zugehörigkeit zur„konservativen“ Fraktion ausgelegt werden wird; er kann dies wissen und es trotzdem tun und sich darüber freuen, daß bei hochspezialisierten Differenzierungen ein bißchen Durchgriffskausalität doch noch funktioniert“ (In: Ideenevolution. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008, S. 242 f.)
Zitat des Tages: Niklas Luhmann
30. September 2009 | Keine Kommentare