
So lautete die Frage, mit der das Herausgeberteam des Kontext im vergangenen Jahr die Leser der Zeitschrift zu einer Debatte eingeladen hat. Es sind mit 24 Beiträgen so viele Antworten eingegangen, dass entschieden wurde, sie auf zwei Hefte aufzuteilen. Herausgekommen ist eine etwas merkwürdige Aufteilung. Im regulären (kostenpflichtigen, aber für DGSF-Mitglieder als Abonnenten kostenlosen) Kontext-Heft 2025/04 sind neun, in einem zweiten, nur online (aber dafür open access) erschienenen Heft 2025/05 13 weitere Texte zu lesen. Heft 4/25 erschien in den ersten Januartagen, das zweite Heft konnte eine Weile wegen eines fehlerhaften Links nicht heruntergeladen werden, ist aber jetzt hier für alle zu finden. Das macht es nicht ganz einfach, alle Texte in ihrem Zusammenhang wahrzunehmen, es wäre schöner gewesen, gleich beide Hefte als open access zur Verfügung zu stellen.
Die Frage der Herausgeber bezieht sich auf die gegenwärtigen „turbulenten” und „politisch aufgeladenen” Zeiten: Kriege, Krisen, zunehmende Polarisierung, eine Welt, die „aus dem Lot geraten” ist. Sie thematisiert, inwieweit sich ein systemischer Verband wie die DGSF politisch positionieren muss und ob und in welcher Weise die professionelle Identität des Verbandes „mit politischen Standpunkten höchstens locker gekoppelt und grundsätzlich mit einer Vielfalt von politischen Meinungen vereinbar ist“.
Die Antworten fallen deutlich aus: Eine große Mehrheit der Autorinnen und Autoren argumentiert, dass systemisches Arbeiten nicht nicht politisch sein kann – weil es immer schon in Kontexten stattfinde, die von Machtstrukturen und Diskriminierungen durchdrungen seien. Eine sehr kleine Minderheit warnt hingegen vor der Gefahr der Moralisierung und pocht auf die Distinktion zwischen therapeutischer Neutralität und verbandspolitischem Aktivismus.
Wer eine Auseinandersetzung um das politische Potential des systemischen Ansatzes selbst erhofft, wird aber weitgehend enttäuscht werden. Überwiegend lassen sich die Texte weniger als Antworten auf die Frage „Wie politisch ist Systemik?” verstehen, die sich ja mit Möglichkeiten beschäftigen müssten, welche politischen Implikationen Systemtheorien eigentlich aufweisen. Stattdessen geht es vielmehr darum, allgemeine – und natürlich respektable – gesellschaftspolitische Positionen als ursystemische Konzepte auszuweisen.
Dazu passt, dass das Wort „systemisch“ in beiden Heften zusammengenommen gerade einmal 66 Mal auftaucht („systemtheoretisch“ sogar nur 11 Mal), das Stichwort „politisch“ ist dagegen mehr als 200 Mal vertreten. Nur sehr wenige Texte beziehen sich explizit auf systemische oder systemtheoretische Diskurse, dagegen werden systemische Grundkonzepte wie Neutralität oder Allparteilichkeit fast durchgängig von der Mehrheit als eine inakzeptable Haltung angesichts von Unterdrückung und gesellschaftlicher Diskriminierung, Gewalt und Rassismus, Kindesmisshandlung und Umweltzerstörung dargestellt und abgelehnt. Bemerkenswert ist dabei, dass die damit verbundene moralische Emphase leider den konzeptuellen Kern von Neutralität und Allparteilichkeit vernebelt. Beides lässt sich nämlich nicht als Plädoyer für moralischen Relativismus oder ethische Beliebigkeit lesen, sondern optiert für eine bewusst gewählte temporäre und auf einen spezifischen Handlungsrahmen beschränkte Suspendierung von Werturteilen, und zwar auf den Handlungsrahmen der therapeutischen und beraterischen Praxis, der den zentralen Kontext für die von den Herausgebern erwähnte „professionelle Identität des Verbandes“ darstellt. Neutralität und Allparteilichkeit gelten eben nicht für die Positionierung der Verbandmitglieder als Bürger oder Vertreter fachpolitischer Interessen. Die ideologische Schlagseite dieser Kritik funktioniert aber nur, wenn Allparteilichkeit zum Popanz aufgebaut wird, dem man die Tolerierung (oder gar Unterstützung) aller gesellschaftlichen Übel unterstellen kann. So kommt es zur merkwürdigen Konstellation, dass Kernkonzepte des professionellen systemischen Ansatzes delegitimiert werden und dafür selbst eine systemische Legitimation beansprucht wird.
Da wird dann auch schnell mal phantasiert, wem man die Mitgliedschaft in der DGSF entziehen könnte oder sollte oder ob man nicht die Mitglieder auf bestimmte politische Positionen verpflichten (und dann den evtl. Mitgliederverlust verschmerzen) müsste.
Kaum einer der vielen Beiträge, die sich in allgemeinen Aussagen, Appellen und politischen Allgemeinplätzen (denen man kaum widersprechen kann) erschöpfen, beschäftigt sich tatsächlich mit der praktischen Arbeit mit Klientensystemen, für die ja eine „gesellschaftliche Positionierung“ seitens der Therapeuten oder Berater gefordert wird, abgesehen davon, dass eben diese als normative Vorgabe eingeklagt wird. Aber vielleicht reicht das schon im aktuellen Diskurs aus, um sich auf der „richtigen Seite“ verorten zu können? Komplexität, Ambivalenz und Kontextgebundenheit professioneller wie gesellschaftlicher Prozesse stören da nur.
Zu den bibliografischen Angaben und allen abstracts geht es hier…