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Über die „Grenzen des Sagbaren“ in der DGSF, das politisch richtige Weltbild für Konstruktivisten und Diskursverweigerung im Namen von „Dialog“ und „Vielfalt“

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Am 16. Juli des vergangenen Jahres habe ich an dieser Stelle einen längeren Text über „Geschwärzte Akteur:innen innerhalb der DGSF“ veröffentlicht. Darin ging es um die Kontroverse um eine Rezension in der Verbandszeitschrift Kontext, die verbandsintern von einer Gruppe initiiert wurde, die sich „Qualitätszirkel der Hochschulinstitute“ nennt. Die Stoßrichtung ihrer „Replik“ zur genannten Rezension zielte darauf ab, die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Herausgeber in Frage zu stellen und eine ideologische Kontrolle von zu veröffentlichenden Texten zu etablieren. Letzten Endes führte die Kontroverse, an der auch der Wissenschaftliche Beirat des Kontext sowie der Ethikbeirat der DGSF beteiligt wurden, zu einem Beschluss auf der Jahresversammlung der DGSF im Herbst 2024, bei dem zwar die Unabhängigkeit der Herausgeber bekräftigt wurde, allerdings nur für die Zeit von zwei Jahren, in denen eine AG des Verbandes Vorschläge für die zukünftige Ausrichtung und Gestaltung des Kontexts entwickeln soll. Die Forderungen dieser Gruppe sind also nicht vom Tisch.

Im meinem Text war ein Link auf ein PDF im Mitgliederbereich der DGSF enthalten, das die wesentlichen Positionen dieser Kontroverse beinhaltete, allerdings waren alle Texte der „Replikgruppe“ geschwärzt, da diese eine Veröffentlichung verweigerten. Obwohl die durch die Kontroverse aufgeworfenen Fragen für die Mitglieder eines Fachverbandes mit immerhin 11.000 Mitgliedern (von denen keine 1,5 % auf der MV anwesend sein konnten) von Interesse sein dürften, wurden diesen durch die Schwärzung nicht nur die Positionen der Replikgruppe vorenthalten, mittlerweile ist sogar der gesamte Text von der Website der DGSF verschwunden. Damit wird aber ein zentraler Kontext für die Einschätzung und Bewertung der Auseinandersetzung um die Zeitschrift für die Mitglieder unsichtbar gemacht, was angesichts der immer wieder ins Feld geführten Betonung von Transparenz von Prozessen und Entscheidungen im Verband ein seltsames Licht auf diese Entscheidung wirft.

Im folgenden Text schildert Stefan Beher den Verlauf der Auseinandersetzung um seine Rezension aus seiner Perspektive und ergänzt seine Ausführungen mit Zusammenfassungen der Repliken und der Stellungnahme des Ethikbeirats sowie mit dem Text seiner Rezension. 

Stefan Beher, Hamburg: Über die „Grenzen des Sagbaren“ in der DGSF, das politisch richtige Weltbild für Konstruktivisten und Diskursverweigerung im Namen von „Dialog“ und „Vielfalt“: Ein Erfahrungsbericht anlässlich (m)einer Buchrezension im Kontext 3/23

In der Zeitschrift Kontext, die von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) herausgegeben wird, habe ich in Heft 3/23 das Buch „Wann sind Frauen wirklich zufrieden“ von Martin Schröder rezensiert. Schröder, der eine Professur für empirische Sozialforschung an der Universität des Saarlands innehat, kommt dort auf Basis umfänglicher Daten des Sozioökonomischen Panels nicht nur zu dem Schluss, dass Frauen hierzulande mit ihrem Leben im Allgemeinen genauso zufrieden sind wie Männer. Eine Vielzahl von Frauen, das zeigt die Empirie, möchte ihrer eigenen Aussage zu Folge seltener als Männer Karriere machen, obwohl sie die Chancen dazu als nicht schlechter einschätzt als die von Männern. Sie haben aber eben andere Präferenzen, und möchten deshalb vergleichsweise weniger Zeit mit Erwerbsarbeit verbringen – insbesondere nicht mit solcher, die primär auf Macht, Einkommen und Status ausgerichtet ist.

Derlei Befunde gehörten, s.o., schon lange vor dem Schröder-Buch zum Wissensbestand der Soziologie, bieten also zumindest Kundigen eher wenig Überraschungspotential. Gleichwohl sind extreme, nicht selten maßlose Reaktionen auf Replikationen solcher Ergebnisse durch laute und ideologisch-moralisierende Minderheiten, die Ergebnisse empirischer Untersuchungen ohne Passung zu ihren progressiven Idealen nicht akzeptieren möchten, immer wieder zu finden. In solcher Weise ist auch meine Rezension zum Ziel eines verbandsinternen Shitstorms und bemerkenswerter Zensurforderungen geworden, bislang allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit wie der Verbandsmitglieder: Kurz nach der Veröffentlichung meiner Rezension meldete sich, erstunterzeichnet von Franziska Gnest, Silvia Hamacher, Susanne Kiepke-Ziemes, Holger Lindemann, Cornelia Maier-Gutheil, Dirk Rohr, Monika Schult und Renate Zwicker-Pelzer und schließlich angewachsen auf eine Gruppe von 31 Personen[1], ein sich selbst so bezeichnender „Qualitätszirkel“, um sich in zahlreichen Mails an die Herausgeber, den Vorstand, den Wissenschaftlichen Beirat und die Ethik-Kommission der DGSF über die Rezension zu empören. Es folgten endlose interne Mailwechsel, Gespräche und Konferenzen, ein aus einer Untergruppe des „Qualitätszirkels“ lancierter Leserbrief – der wissenschaftliche Beirat der Zeitschrift und der Ethikrat der DGSF wurden auf Wunsch des Qualitätszirkels zu Stellungnahmen angefragt. 

Die Geschehnisse können hier kaum in all ihren Details nachgezeichnet werden. An Hand von zentralen Dokumenten sollen sie nun aber einer breiteren Öffentlichkeit skizziert werden, denn ganz offensichtlich geht es hier um Dinge, die die Aufmerksamkeit des gesamten systemischen Feldes verdienen und dort auch offen diskutiert werden sollten. Das gilt nicht zuletzt deshalb, weil durch die Darstellungen des „Qualitätszirkels“ zentrale systemische Grundsätze in Frage stehen. Ich möchte die Geschehnisse daher im Folgenden unter drei Gesichtspunkten thematisieren: bezüglich der Frage nach Politisierung von (systemischer) Therapie und Beratung im Allgemeinen (1); bezüglich der Frage danach, wie wir angesichts von Meinungsverschiedenheiten miteinander umgehen wollen (2) sowie mit Blick auf die Sachargumente meiner Rezension und den Reaktionen auf diese (3). Zum Abschluss erlaube ich mir einige Bemerkungen zu den Konsequenzen der beschriebenen Geschehnisse, die mich ganz persönlich betreffen (4).

(1) Politisierung

Vom übergeordneten Trend zur Politisierung von Psychotherapie scheint in Deutschland überraschenderweise systemische Therapie, allem Konstruktivismus, aller Nichtnormativität zum Trotz, in besonderem Ausmaß betroffen. Sogar in der DGSF, einem Verband, der in seiner Selbstbeschreibung auf Vielfalt von Perspektiven abstellt, sind führende Personen – anschließend an ein dezidiert politisch-linkes, aktivistisches Weltbild – der Ansicht, durch meine Rezension würden „Grenzen des Sagbaren“ überschritten. Der Text hätte deshalb gar nicht erscheinen dürfen, hätte also zensiert werden müssen. Bereits im Ausbildungskontext befinden sich Politisierungen dieser Art auf dem Vormarsch. In einem Ausbildungskurs zur systemischen Therapie bekam ich etwa dieser Tage von einer beachtlichen Zahl an Ausbildungskandidaten zu hören, dass „systemische Therapie“ wesentlich „politisch“ sei; gar, dass das Verfahren gerade unter diesem Gesichtspunkt gegenüber anderen Verfahren vorgezogen, gerade unter diesem Gesichtspunkt ausgewählt worden sei. Normative Bekenntnisse werden nicht nur wiederholt und teils anlasslos von Ausbildungskandidaten vorgetragen, sondern ebenso von Anderen nachdrücklich und geradezu rituell eingefordert. „Grenzen des Sagbaren“ werden auch dort – insbesondere mit Bezug auf Genderthemen – eng definiert. Wer sich widersetzt (und das bedeutet im Zweifelsfall bloß: sich nicht ein sehr spezielles politisches Weltbild zu eigen macht), wird sanktioniert – völlig unbeeindruckt von dem Umstand, dass solches Vorgehen den eigenen epistemischen Grundlagen diametral zuwiderläuft. Bezeichnenderweise wollte sich das Ausbildungsinstitut, an dem der Kurs stattfand, die Aussage, systemische Therapie sei politisch, zwar nicht zu eigen machen. Eine explizite Stellungnahme (oder auch nur inhaltliche Thematisierung gegenüber dem Ausbildungskurs) dazu galt aber als undenkbar. Systemische Therapie als politisch anzusehen, sich ‚systemisch-normativ‘ noch im therapeutischen Raum zu verhalten, das sei einfach eine andere Sicht auf die Dinge, so wie man auch Studienergebnisse unterschiedlich interpretieren könne, hieß es aus dem Institut. Die damit sogar durch systemische Fortbildungsinstitute mindestens indirekt unterstützte politische Vereinnahmung eines Feldes, das über Differenzierung u.a. zum politischen Feld gerade seine Legitimität und Professionalität gewinnt, ist insofern ein Problem für sich, das insbesondere über die Zurschaustellung eines exponiert aktivistisch-politisierten Selbstverständnisses in der qua definitionem nicht-politischen Berufsrolle weit über die hier geschilderten Ereignisse hinausweist. Ohne solche Entwicklungen wären auch die hier thematisierten Ereignisse vermutlich gar nicht erst in Gang gekommen. 

(2) Umgangsformen

Nun mag es manche Aspekte dieser politischen Agenda geben, die den meisten Menschen auch unabhängig von „Politisierung“ einleuchten. Das Eintreten für einen respektvollen und fairen Umgang miteinander – in einschlägigen Milieus zuweilen als „Kampf gegen Hass und Hetze“ emotional noch weiter aufgeladen – wäre ein Beispiel dafür. Man könnte nun in diesem Sinn annehmen, dass sich jemand, der mit einem Beitrag in einer Zeitschrift aus welchem Grund auch immer nicht einverstanden ist, zunächst an den Autoren des Beitrags selbst oder zumindest an die Herausgeber der Zeitschrift wendet und dort freundlich seine Perspektive erläutert. Eine passende Möglichkeit bestünde auch in der Einreichung eines Leserbriefes oder einer Replik in der betreffenden Zeitschrift, wie es auch in der Vergangenheit im Kontext immer wieder gepflegt wurde. Unter dem Titel „Patriarchal-misogyner Populismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft“ wurden die zahlreichen Mails des „Qualitätszirkels“ allerdings von Beginn an nicht etwa mir persönlich oder den Kontext-Herausgebern als zuständigem Kollektiv, sondern über den genannten e-Mailverteiler u.a. auch gleich dem Vorstand der DGSF zugestellt, direkt unter Einforderung einer Beantwortungsfrist. Die Verfasser der Schreiben, die für sich selbst eine höherwertige Moral in Anspruch nehmen, beschimpfen dabei mich als Autoren der Rezension etwa als „misogyn“ und „populistisch“. An einer Auseinandersetzung mit mir bestand zu keinem Zeitpunkt ein erkennbares Interesse. Bereits kurz nach dem ersten Schreiben der Gruppe hatte ich dieser gegenüber meine uneingeschränkte Bereitschaft zum Ausdruck bringen lassen, mich in der Zeitschrift selbst einer Debatte über die Kernthese des von mir rezensierten Buches zu stellen. Meine Mitherausgeber waren einmütig dazu bereit, schon in der nächstfolgenden (!) Ausgabe einen dafür angemessenen Raum zur Verfügung zu stellen. Dieses Angebot wurde durch den „Qualitätszirkel“ allerdings schroff zurückgewiesen. Es handele sich dabei um eine „Nebelkerze“. Auch die daraufhin erfolgte herausgeberinterne Entscheidung, die angelaufene „Kontroverse“ im internen Bereich der DGSF-Homepage zu dokumentieren und so den Mitgliedern des Verbands, für die zu sprechen der „Qualitätszirkel“ immerhin explizit für sich in Anspruch nahm, zur Kenntnis zu bringen, wollte man nicht mittragen. Eine Freigabe der eigenen Texte zu diesem Zweck wurde durch den „Qualitätszirkel“ verweigert, und dem wollte man sich auch bei der DGSF, deren Führung (Matthias Ochs und Astrid Beermann ausdrücklich ausgenommen!) teils erkennbar mit Transparenzverweigerung und „Qualitätszirkel“ sympathisierte, nicht entgegenstellen. Es folgten mehrere weitere Anläufe des Qualitätszirkels, auf die DGSF-Spitze einzuwirken, um für die Zukunft eine Zensur von dem eigenen Weltbild widersprechenden Texten zu erreichen. Im Anschluss an die eigene Diskursverweigerung beklagte man sich schließlich darüber, dass die eigenen „Argumente“ (dazu weiter unten) „nicht gehört“ worden seien. Sichtbar, also verantwortlich für die eigenen Darstellungen wollte man beim „Qualitätszirkel“ weiterhin unter keinen Umständen werden. Stattdessen schaltete man den wissenschaftlichen Beirat der Zeitschrift ein, der allerdings gar keinen Skandal erkennen wollte, wie auch den „Ethikrat“ der DGSF, auf dessen Reaktion gleich noch Bezug genommen wird. Die DGSF wiederum versicherte mehrfach, wie wichtig es doch sei, das Thema innerhalb des Verbands weiter zu diskutieren und dass dafür schon bald entsprechende Formate bereitgestellt würden. Trotz meiner auch gegenüber der DGSF explizit kommunizierten Bereitschaft, in welchem Format auch immer an einer inhaltlichen Debatte teilzunehmen, habe ich dazu nie eine Einladung erhalten. 

Eine Untergruppe des „Qualitätszirkels“, bestehend aus Susanne Kiepke-Ziemes, Anne Valler-Lichtenberg und Renate Zwicker-Pelzer, reichte im Nachgang zu den eben genannten Ereignissen einen Leserbrief ein, der im Kontext 2/24 abgedruckt wurde. Ungeachtet ihrer dort selbst vorgetragenen Forderung, auf „Warum-Fragen“ im Kontext systemischen Arbeitens besser zu verzichten, sinnieren die Kolleginnen, die mich persönlich gar nicht kennen, an gleicher Stelle öffentlich über mein angeblich „eigenes Enttäuschtsein in der Geschlechterwelt“ als der eigentlichen Ursache für die Abfassung der Rezension. Als Teil des „Qualitätszirkels“, der sich in seinen Schriftsätzen dafür einsetzt, Beiträge wie meine Rezension künftig zu zensieren, sehen sie in mir einen Gegner von Meinungsvielfalt. Meine Äußerung, die im Kern dafür wirbt, angesichts persönlicher Lebensentscheidungen die Präferenzen von Betroffenen ernster zu nehmen als normative Vorgaben etwa durch „Qualitätszirkel“ (dazu unten noch mehr), sei eine Gefahr für die Pluralität von Meinungen, für die „Förderung der inhaltlichen Vielfalt“ in der DGSF. Auch die Verfasserinnen des „Leserbriefs“ erhielten ein freundliches Angebot zu einer inhaltlichen Reaktion auf ihren Brief. Ausweislich des eigenen Briefs liege die Wahrheit zwar im „Diskurs“, als „Wahrheit suchender Prozess in der Begegnung“ – das Angebot zum Diskurs mit mir wurde jedoch explizit und ohne weitere Begründung abgelehnt. Aus Sorge, die Kolleginnen dadurch noch weiter verärgern zu können, durfte dieser zur Einordnung des daraufhin kommentarlos abgedruckten Briefes bedeutsame „Kontext“ in der gleichnamigen Zeitschrift so wenig kommuniziert werden wie der Umstand, dass es sich gar nicht um die erste Einlassung dieser Personengruppe zu meiner Rezension handelte, alle vorherigen Einlassungen aber auf ihr eigenes Drängen (als Mitglieder des „Qualitätszirkels“) hin der Öffentlichkeit bislang vorenthalten wurden.

Maßgeblich seitens des heutigen Mitglieds des Aufsichtsrates der DGSF, Nikola Siller, die fortlaufend mindestens partiell auch als Teil der durch den Qualitätszirkel rekrutierten „Replikgruppe“ auftrat, wurde der Ethikrat der DGSF (in Gestalt von Patricia Birne, Anke Kaiser, Uwe Nachtsheim und Christof Stock) in die Angelegenheit eingeschaltet und instruiert. Meine Rezension „erschwer[e]“ „die Förderung von Geschlechtergerechtigkeit in unserem Verband“, sei „diskriminierend“ und hätte daher gar nicht erst gedruckt werden dürfen. Siller unterstellt mir, nicht die richtigen „Haltungen“ und „Werte“ zu vertreten, ohne auch nur annähernd zu erläutern, was damit überhaupt gemeint sein soll. Meine Rezension solle auf einen Verstoß gegen die „Ethikrichtlinien“ der DGSF hin geprüft werden, die „auch für die Herausgeber*innen der Verbandszeitschrift (…) gelten sollen. Vielleicht könnt ihr da auch Hinweise geben, wo wir als Verband ggf. nachbessern sollten“.

Der insoweit aktivierte Ethikbeirat beschrieb seine eigene Rolle im von ihm selbst formulierten Gutachten, dass „dieser dazu verpflichtet“ sei, „alle Beteiligten gründlich zu befragen und danach eine einvernehmliche Lösung anzustreben“. Kontaktieren wollte mich der Ethikrat aber offensichtlich nicht. Stattdessen behauptete er in seinem Gutachten ohne jede Rücksprache, ich habe mich „weder gendersensibel noch offen für einen wissenschaftlichen Diskurs gezeigt“. 

Die Gerichtshöfe der Moral kennen keine Prozessordnung, schrieb der Philosoph Hermann Lübbe einmal sehr treffend. Haltlose Diffamierungen gegenüber meiner Person blieben insofern auch nicht auf die bisher geschilderten Zusammenhänge beschränkt. Ein Kollege von der Medical School Hamburg, ebenfalls Mitglied des „Qualitätszirkels“, zog etwa einen bereits zuvor zur Veröffentlichung im Kontext angenommenen Artikel wieder zurück, wegen einer angeblichen „Diskussion um die Wissenschaftsferne eines Mitherausgebers“. Ob ein auch ein kurz nach der ersten Meldung des „Qualitätszirkels“ überraschend einberufenes Gespräch mit meinem Arbeitgeber zu meiner angeblich „rechtsradikalen Außendarstellung“, über die sich dort jemand anonym und unter fadenscheinigen Gründen beklagt hatte, im Zusammenhang mit den hier berichteten Geschehnissen stand, ließ sich für mich nicht abschließend klären und kann daher, aller offensichtlichen Niedertracht zum Trotz, auch keine belastbare Grundlage für daran anschließende, personenbezogene Beschuldigungen sein. 

(3) Sachargumente

Können sich nun wenigstens die vorgetragenen Sachargumente bezüglich des Buchs von Martin Schröder und meiner Rezension gegenüber den Umgangsformen der beteiligten Gruppierungen positiv abheben? Mindestens dem Ethikrat der DGSF schien das Buch von Schröder nicht einmal seinem Inhalt nach bekannt zu sein. In dessen Gutachten ist von einem „Ratgeber für die ‚Lebenskunst der Zufriedenheit‘ (so ‚Psychologie heute‘ im Klappentext)“ die Rede. Dieses Zitat beschreibt allerdings ein ganz anderes Buch von Schröder.

Die im rezensierten Buch wie auch seiner Rezension vorgetragenen Argumente spielten für den Protest ohnehin zu keinem Zeitpunkt eine Rolle. Sie seien hier zur Einordnung nur kurz resümiert: Bei Schröder wird mit Bezug auf Geschlechtsungleichheiten im Kern für eine Chancengleichheit zwischen den Geschlechtern geworben, die sich vom Konzept der Gleichstellung fundamental unterscheidet. Die erste Idee der Chancengleichheit ist darauf ausgelegt, faire Startbedingungen zu ermöglichen, also dafür zu Sorge zu tragen, dass etwa eine Frau, die gern Karriere machen möchte, darin durch ihre Geschlechtszugehörigkeit nicht benachteiligt wird. Soweit sich Faktoren für geschlechtsspezifische Chancenungleichheiten plausibilisieren lassen, wird daher bei Schröder ganz explizit über sinnvolle Maßnahmen zu deren Abhilfe nachgedacht. So wird dort etwa der Ausbau öffentlicher Kinderbetreuungen ausdrücklich empfohlen. Dagegen steht das Konzept der Gleichstellung, das Gerechtigkeit über Gleichheit in den Ergebnissen definiert. Diese Idee setzt voraus, dass es entweder keine Unterschiede in Präferenzen gibt (was aber eben, siehe Schröders Empirie, nicht der Fall ist), oder dass Gleichstellung auch sinnvoll und nötig erscheint, wenn sie völlig unabhängig von der Zufriedenheit von Frauen mit der eigenen Lebenssituation ist. Man muss dann logisch annehmen, besser über die „wahren“ Präferenzen der Betroffenen urteilen zu können als diese selbst und sich ggf. wünschen, dass Frauen ihr Verhalten nach diesen „wahren“ Präferenzen verändern, auch wenn sie dies subjektiv gar nicht möchten. Deshalb ist Konzept der Chancengleichheit liberal, das Konzept von Gleichstellung dagegen tendenziell autoritär, übergriffig und illiberal. „Allein-selig-machende Wahrheit“ von Gleichheitsnormen, um ein Wort aus dem Leserbrief aufzunehmen, fixiert hier unter dem Konzept der „Gleichstellung“ gleiche Ergebnisse selektiv mit Blick auf die Variable „Geschlechtszugehörigkeit“. Zum einen möchte man soziale Prozesse auf der Grundlage vermeintlich überlegener Einsicht steuern – auch gegen die Wünsche der Beteiligten innerhalb eines Paradigmas, das sich zu allen anderen Gelegenheiten als „auftragsorientiert“ versteht und bei allen übrigen Themen auf Komplexität und Nicht-Steuerbarkeit beruft. Zum anderen ignoriert man den einschlägigen Forschungsstand zum „Gender Equality Paradox“, demzufolge gerade egalitärere, gleichere Verhältnisse zwischen den Geschlechtern mit einem weiteren Auseinanderdriften insbesondere karriererelevanter Präferenzen zwischen Männern und Frauen assoziiert sind, höhere Freiheitsgrade von Frauen also noch viel weniger auf die präferierte Gleichheitsnorm von Genderaktivisten führen. Je mehr Frauen die Wahl haben, desto weniger folgen sie den Ideen von „Gleichstellung“.

Die wichtige Unterscheidung zwischen Gleichberechtigung als Chancengleichheit und Gleichstellung als Ergebnisgleichheit trägt die Argumentation bei Schröder wie auch in meiner Rezension. Im Lager der Beschwerdeführer scheint man allerdings nicht einmal dazu in der Lage, sie korrekt wiedergegeben. Entweder man suggeriert in plumper Weise, wer etwas gegen Ergebnisgleichheit habe, sei auch gegen Chancengleichheit. Oder man scheitert bereits beim basalen Verständnis dieser Unterscheidung, wie sich in besonders peinlicher Weise an einer weiteren Rezension des Buches von Marie Luise Conen in der aktuellen Kontext-Ausgabe (1/25, S. 75ff.) nachvollziehen lässt. Die Rezensentin projiziert dort ihr eigenes Unvermögen, beide Sachverhalte voneinander zu unterscheiden, auf Schröder, dem sie allen Ernstes vorwirft, seine Unterstützung von zahlreichen Maßnahmen zur Gleichberechtigung stünde im Widerspruch zu seiner Kritik an den Protagonisten von Gleichstellung. Dahinter steht auch die Vorstellung, jegliche Ungleichheit zwischen den Geschlechtern sei ausschließlich auf Diskriminierung zurückzuführen. 

Beim „Qualitätszirkels“ hält man sich mit solchen Differenzierungen ohnedies nicht lange auf. Zunächst wird mir in unredlicher, ja manipulativer Weise Dissens über Selbstverständlichkeiten unterstellt, etwa unter Bezugnahme auf historische Darstellungen zur Chancenungleichheit „von Frauen über die Jahrhunderte hinweg“. Bereits im ersten Satz meiner Rezension ist demgegenüber zu lesen: „Der Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt deutlich, dass Frauen über lange Zeit in ihren sozialen Entfaltungsmöglichkeiten beschnitten wurden“. Der „Qualitätszirkel“ braucht den von ihm herbeiphantasierten Dissens allerdings, um mir auf dieser Basis „Unkenntnis“ und das Fehlen „wissenschaftliche(r) Rechtschaffenheit“ aus niederen Motiven zu unterstellen.

Die im Buch präsentierten Daten seien dort wie auch in der Rezension „falsch interpretiert“ worden. Eine nachvollziehbare Darstellung darüber, worin diese „falsche“ Interpretation nun konkret bestehen soll und was die „richtige“ Interpretation sei, wird nirgends ersichtlich. Gegen Schröders empirisch nachprüfbare Ergebnisse, die vom Qualitätszirkel auf dieser Ebene interessanterweise überhaupt nicht bestritten (oder auch nur sonstwie sinnvoll adressiert) werden, setzt man moralisches Getöse: Empörung über für die zentralen Argumente völlig unerheblichen Formulierungen in Nebenaspekten einerseits, verallgemeinernde Behauptungen „ungleicher Chancen“ und „patriarchaler Strukturen“ ohne jeden prüfbaren Beleg und ohne jede Plausibilität oder bloß Transparenz in den Definitionen andererseits. Statt auf „Patriarchat“ setzt man beim Qualitätszirkel auf Paternalismus: Es wird so getan, als sei die Zufriedenheit von Frauen und als seien deren Präferenzen unerheblich angesichts eines gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs, den zwar nicht die Frauen selbst, wohl aber die normativ überlegenen Konstruktivisten vom „Qualitätszirkel“ durchschauen. Eine Frau, die familiäre Eingebundenheit gegenüber beruflicher Karriere stärker als Männer bevorzugt, kann nach dieser Logik nur eine nicht akzeptable, weil inkorrekte Entscheidung treffen. Sie ist ein Opfer des „Patriarchats“, das ihr einen falschen Willen und falsche Präferenzen oktroyiert – und zwar unabhängig von allen subjektiv möglicherweise guten Gründen für eine persönliche Lebensplanung, die sich nicht primär über materielle Vergütung oder das Innehaben von Machtpositionen definiert. Wer die subjektiven Präferenzen von Frauen ernst- oder einfach nur hinnimmt, ist aus Sicht der Qualitätszirkler ein Frauenhasser und Populist – und nicht etwa umgekehrt derjenige, der sie auf Basis eines „richtigen“, in seiner eigenen In-Group dominanten politischen Weltbilds vor ihrer vermeintlichen Dummheit beschützen möchte.

In der Leserbrief-Ausgabe dieser Empörung vermissen die Autorinnen in meiner Rezension darüber hinaus die Einsicht, dass „das soziale Geschlecht konstruiert ist“. Abgesehen davon, dass sich geschlechtsspezifisches Verhalten bereits bei Neugeborenen deutlich unterscheidet und dass „soziale Konstruktion“ weder auf beliebige Formbarkeit noch auf naturwüchsige Gleichheit verweist, übersehen sie dabei allerdings, dass genau dies, nämlich die Konstruktion von weiblicher Geschlechtszugehörigkeit als primäre Kategorie von „Diskriminierung“ ein zentrales Thema sowohl des Buches wie auch der Rezension bildet. Der „Vorwurf“ scheint hier eher darin zu bestehen, dass es sich die Autorinnen des Leserbriefs offenbar nicht gefallen lassen möchten, ihre eigenen, auf das „soziale Geschlecht“ bezogenen normativen Erwartungen von Ergebnisgleichheit in Frage stellen zu lassen. Konstruktionen haben, wie Mundgeruch, immer bloß die anderen. 

Überhaupt missfällt den Kolleginnen, wenn man einer „dichotomen (…) Wirklichkeitskonstruktion zur Geschlechtlichkeit folgt“. Eben dieses nutzen sie dann allerdings selbst als Grundlage zur Beschimpfung von Männern, denen man im Namen von Anti-Sexismus ihre Geschlechtszugehörigkeit zum Vorwurf machen, ihnen die Legitimität in der Beschäftigung mit bestimmten Themen absprechen oder einseitige und schon insofern frag-würdige Reflexionslasten aufbürden möchte. Spielt das Geschlecht bei der Auswertung statistischer Daten eine entscheidende Rolle? Gibt es eine weibliche Mathematik, weibliche Datenerhebungsverfahren? Müssten die Autorinnen des Leserbriefs nicht zunächst ihr eigenes Geschlecht mit Blick auf Befangenheit reflektieren? „Skeptisch“ müsse man jedenfalls werden, so die leserbriefschreibenden Kolleginnen, „wenn Männer die Allein-seelig-machende (sic!) Wahrheit zelebrieren“. Auch wenn diese vorgebliche Wahrheit darauf hinausläuft, gar keine Wahrheit zu zelebrieren, sondern eben deshalb auch keine richtigen Verteilungsergebnisse definieren zu wollen und insofern die im selben Brief einforderte Neutralität gegen die Kolleginnen zu verteidigen. Das Buch von Schröder wie auch die Rezension wenden sich ja gerade gegen den Versuch, aus einem paternalistisch-normativen Anspruch, einer Ideologie der Ergebnisgleichheit, einer vorgeblichen Position erkenntnisbezogener Überlegenheit heraus angeblich falsche, weil ungleiche Präferenzen bei anderen korrigieren zu wollen. Wenn hier jemand eine „allein-seelig-machende Wahrheit“ zelebriert, dann sind es in diesem von den Kolleginnen ausgerufenen Wettbewerb sie selbst. Weder Martin Schröder noch ich formulieren eine „allein-seelig-machende Wahrheit“, sondern verteidigen vielmehr die individuellen Wahrheiten/Entscheidungen jeder einzelnen Frau, die kein normatives Geleit durch „Qualitätszirkel“ und deren Leserbriefe benötigt.

Im Gutachten des Ethikrats wird schließlich (neben anderen Fragwürdigkeiten, etwa der unsinnigen Einforderung von therapeutischen Standards für die Kommunikation zwischen Kollegen, die an anderer Stelle bereits näher beleuchtet wurden) kontrafaktisch behauptet, meine Rezension positioniere sich gegen geschlechtsunabhängige Bezahlung und mache „Stimmung (…) gegen jegliche (Hervorhebung, S.B.) Emanzipation und für ein längst überholt geglaubtes, revisionistisches, geschlechtsspezifisches Frauenbild“. Derlei Behauptungen werden nicht an meinem Text belegt. Sie lassen sich auch nicht an meinem Text belegen.

(4) Konsequenzen

Auch wenn von den bisher in 40 Jahren Kontext erschienenen Rezensionen wohl nur ein Bruchteil überhaupt hätte gedruckt werden können, wären diese mit derselben Strenge und Unerbittlichkeit in Frage gestellt worden, darf selbstverständlich jede Kritik an meinen Texten geäußert werden. Hätte ich rechtzeitig wenigstens im Ansatz erahnt, Autor der wohl berühmtesten Rezension der bisherigen Heftgeschichte zu werden, ich hätte ohnedies noch mehr Mühe in deren Abfassung investiert. Dass dabei offensichtlich ein wichtiges Ziel auch darin hätte bestehen müssen, aggressives Missverstandenwerden, etwa durch Ethikräte, weiter zu erschweren, erscheint mir allerdings vor allem als weiteres Krisensymptom. 

Wenigstens kurz zur Sache einer möglichen Kritik: Zufriedenheit ist sicher nicht der einzige Aspekt, unter dem man das Thema der Ungleichheit zwischen den Geschlechtern betrachten kann. Er ist aber eben auch alles andere als unerheblich – gerade für eine psychotherapeutische Profession, deren Legitimität sich kaum aus dem Ziel einer politischen Revolution im Kampf gegen die für andere unschädlichen Präferenzen von Betroffenen speist. Das gilt umso mehr, als die empirischen Befunde zum Thema „Geschlechterungleichheit“ durchaus heterogen, teils widersprüchlich ausfallen und schon insofern kaum dazu taugen, eindeutig eine Seite als nutznießend und die andere eindeutig als leidtragendend zu identifizieren – es sei denn, man maßt sich wiederum an, die Kriterien dafür zu identifizieren und aus der Fülle der Empirie die „relevanten“ Aspekte endgültig herauszufiltern. Schon die Rede von einem „Patriarchat“ deutet daher in unserer Gesellschaft eher auf die selektive Wahrnehmung einschlägiger Befunde durch den Redner als auf gegebene Realitäten.  

Ich jedenfalls möchte, dass Menschen weithin selbst über ihr Leben entscheiden können. Ich möchte in meiner therapeutischen ebenso wie in meiner wissenschaftsbezogenen Arbeit keinen politischen Aktivismus betreiben müssen, weder linken, noch rechten, sondern überhaupt keinen. Die Profession des Psychotherapeuten ist gerade differenziert gegenüber der Rolle des Politikers (wie ebenso gegenüber einem Geistlichen mit seinen frohen Botschaften), auch wenn jeder Therapeut privat eine politische oder religiöse Meinung haben darf. Ich würde gern weiterhin Thesen zuspitzen dürfen, ohne Rücksicht darauf, wen das inhaltlich erfreut oder nicht. Das gilt übrigens nicht zuletzt für den Fall, dass ich mit meinen Einlassungen an einigen, vielleicht an vielen, möglicherweise gar an allen Stellen falsch liegen sollte. Im hier vorliegenden Fall wurde insofern nicht zuletzt eine offenkundig notwendige Diskussion über Geschlechterfragen und über das Verhältnis von Wissenschaft, Profession und Politik mutwillig verspielt.

Über all dies hätte man gern diskutieren können, und über all dies habe ich mich mehrfach, unzweideutig und nachweisbar, sowohl gegenüber dem „Qualitätszirkel“ als auch gegenüber der DGSF zum Diskurs bereit gezeigt. Solche Diskurse wurden explizit und mehrfach durch die Protagonisten des „Qualitätszirkels“ verweigert, mindestens vereitelt. Manch einer könnte vor einem solchen Hintergrund vermuten, dass deren Forderungen nach Zensur, zumal angesichts des beschriebenen Auftretens in einem Feld, das sich beinahe per definitionem an Vielfalt von Perspektiven und subjektiver Expertise ihrer Klienten für eigene Belange orientiert, kaum erfolgreich sein konnten. Allein die zeitraubenden, in ihrem Ausmaß für Außenstehende kaum vorstellbaren internen Diskussionen in verschiedensten Konstellationen trieben den Preis dafür, die skandalisierten Positionen zu verteidigen und auf die Legitimität ihrer Äußerung zu bestehen (zumal an einem Ort in der Zeitschrift, der für subjektive Urteile eingerichtet wurde und beliebigen Personen niedrigschwelligst zur Publikation offensteht), allerdings in absurde Höhen. Noch abseits dessen erschien es auch gegenüber den Mitherausgebern kaum zu verantworten, diesen über eine Verteidigung in der Sache noch weiteren Bedarf an (ehrenamtlichem) Empörungsmanagement, inklusive Infragestellung ihrer Eignung für die Herausgebertätigkeit, zuzumuten. Nicht zuletzt vor diesem Hintergrund ließ sich auch intern keine Einigung über die Bewertung meiner Rezension und insbesondere über die Konsequenzen der durch sie ausgelösten Empörung finden. Der sachliche Gehalt der Rezension spielte dabei eine ebenso nachgeordnete Rolle wie die das Auftreten des „Qualitätszirkels“. Beinahe ausschließlich ging es um die Vermeidung von Verärgerung in der Leserschaft und um den (un-)angemessen „provokanten“ Charakter meines Textes. Auch darüber lässt sich zweifellos diskutieren: Wie „provokativ“ dürfen Rezension in einem immerhin im Kern auf Vielfalt (von Perspektiven?) abonnierten Feldes ausfallen, in dem ansonsten „Irritationen“ jedenfalls von Klienten einen zentralen Stellenwert einnehmen? Und, umgekehrt: Wie hoch oder niedrig dürfen die Schwellen der Empfindlichkeit auf der Empfängerseite eingestellt sein, ohne die bekanntlich erst gar keine Provokation, womöglich auch erst gar keine sinnvolle Kommunikation mehr entstehen kann? Muss man auf alles Rücksicht nehmen?

Ein interner Konsens bestand angesichts der beschriebenen Ereignisse am Ende vor allem in der fehlenden Bereitschaft, sich gegen weitere Angriffe der beschriebenen Art so zeit- und kraftraubend verteidigen zu müssen. Vor diesem Hintergrund wurden Rezensionen, mit denen ich längst begonnen hatte, wieder abgesagt. Ein von mir bereits fertig geschriebenes, zuvor als „witzig“ und „gut geschrieben“ bewertetes und zum Abdruck freigegebenes „Stichwort“ wurde nachträglich zurückgerufen. 

Ich habe daraus die Konsequenzen gezogen und meine Position als Mitherausgeber des Kontext zur Verfügung gestellt.

Anhang

1. Es folgt eine detaillierte inhaltliche Zusammenfassung der initialen Mail des „Qualitätszirkels“, die am 31.10.23 mit großem Verteiler versendet wurde. Es folgte eine Reihe von weiteren Mails aus dieser Gruppe, die nicht mehr ausführlich dargestellt werden. Für den Text der Original-Mail, der hier nach bestem Wissen und Gewissen wiedergegeben wurde, ebenso wie für alle weiteren Mails aus der Gruppe, wird empfohlen, sich direkt an die Verfasser dieser Mails zu wenden. Obwohl diese für sich beanspruchen, für die Mitglieder der DGSF im Ganzen zu sprechen, haben sie allerdings in der Vergangenheit bereits mehrfach die wörtliche Verbreitung der Schreiben auch für die DGSF-Mitglieder untersagt.

Unter dem Titel „Patriarchal-misogyner Populismus unter dem Deckmantel der Wissenschaft“ versandte ein sich selbst so bezeichnender „Qualitätszirkel“ unter den Namen von Franziska Gnest, Silvia Hamacher, Susanne Kiepke-Ziemes, Holger Lindemann, Cornelia Maier-Gutheil, Dirk Rohr, Monika Schult und Renate Zwicker-Pelzer einen Text an den Vorstand der DGSF, die Herausgebergruppe des Kontext sowie weitere Empfänger, in der der Rezension vorgeworfen wird, „patriarchal-misogyne, populistische“ Standpunkte aus dem Buch unkritisch zu teilen und zu verbreiten und dabei illegitim eine „Sprechposition als Wissenschaftler“ zu beanspruchen. Allgemeine wissenschaftliche Standards seien bei der Präsentation von Argumenten missachtet; die Ergebnisse der bei Schröder referierten Studien nicht richtig gedeutet worden. Es sei auf Basis von Befragungen zur Zufriedenheit ein Fehlschluss auf nichtexistierende „strukturelle Ungleichheit“ zwischen den Geschlechtern gezogen. Insbesondere werde nicht beachtet, dass Personen nicht selten auch unter unfairen Bedingungen zufrieden seien. Mit Blick auf das referierte Thema gebe es zwar möglicherweise gleiche Zufriedenheit, aber ungleiche Chancen, ungleiche Einkommen und strukturellen Sexismus.

Zur Unterfütterung dieser Darstellung werden die Arbeiten von Claudia Goldin zitiert, die einen Nobelpreis für ihre Forschungen über die Beteiligung von Frauen am Arbeitsmarkt über die Jahrhunderte erhalten habe. Die Rezension wolle mit Hinweis auf Zufriedenheit derlei Erkenntnisse einfach für irrelevant erklären. Das sei ein Hinweis auf „Unkenntnis“, auf „persönliche(s) Argumentationsinteresse“ und zeige eine Unredlichkeit im Wissenschaftlichen.

Die falschen Darstellungen aus der Rezension seien oft Folge von „Unkenntnis einer wissenschaftlich-rechtschaffenen Interpretation und Kommunikation von Forschungsergebnissen. Teilweise würden solche Muster aber auch zur Erreichung „bestimmter Ziele“ eingesetzt. Sowohl Schröder, als auch der Autor der vorliegenden Rezension verträten in diesem Sinn „auf eine populistische Weise patriarchale, wenn nicht gar misogyne Positionen“. Sie würden von einer angeblichen Warte einer überhöhten wissenschaftlichen Position Andere herabwürdigen und diskriminieren. Es sei zudem nicht richtig, dass sich die Thesen des Buches anhand von Daten überprüfen lasse. Als Beispiel wird hier eine Passage aus dem Buch von Schröder aufgegriffen, die bereits in der Rezension als Beispiel für einen unsachlichen Umgang mit dem rezensierten Buch dargestellt wurde. In der Mail wird diese Passage allerdings zitiert, als wäre davon zum ersten Mal die Rede. Sie wird in diesem Sinne als Argument dafür präsentiert, dass das besprochene Buch den Standards von Wissenschaft nicht entspreche, diesen gar „unwürdig“ sei. „Jede(r) Widerspruch“ gegen die Darstellung der Rezension oder den im rezensierten Buch vertretenen Thesen werde vom Rezensenten als moralischer Reflex herabgewürdigt, obwohl gerade das Buch wie auch die Rezension „ideologisiert formulieren“ und man sich dort selbst illegitim als Opfer darstelle.

Das finden die Autoren der Mail „erschütternd“, weil „Populismus, Misogynie und patriarchales Säbelrasseln“ ohnehin verbreitet seien und hier missbräuchlich unter einem wissenschaftlichen Deckmantel befördert werden. Und weil dies durch einen Mitherausgeber des Kontext geschehe, der „vier – als ‚Buchbesprechung‘ getarnte – Seiten für seinen patriarchal-misogynen Populismus“ nutze, zumal es keinerlei Bezug zu „Systemik“ gebe und abwertend über dort anzutreffende Meinungen geschrieben werde. Die Position des Herausgebers werde insofern „missbraucht“, um Standpunkte zu verbreiten, die dort nicht „unkommentiert“ verbreitet werden dürften. „Ethische Standards der Fachgesellschaft“ seien hier verletzt worden.

Die Mail schließt mit einer Problematisierung zum allgemeinen Anteil von Beiträgen der Herausgeber in der Zeitschrift und mahnt eine Beantwortung innerhalb von einigen Wochen an. Man fordere „transparente Kriterien“ für die Auswahl von Herausgebern und deren Beiträgen, denn es könne nicht sein und es sei „unpassend“, wenn zu viele Beiträge in der Zeitschrift von den Herausgebern selbst verfasst würden.

In der direkten Antwort auf dieses Schreiben wurde seinen Verfassern ein Diskurs über die Kernthese des rezensierten Buchs in der nächsten Kontext-Ausgabe angeboten, den diese allerdings explizit und unmissverständlich ablehnten. Das Angebot wurde in der direkten Reaktion gar als „Nebelkerze“ bezeichnet. Statt eines Diskurses wurden auch in den folgenden Schreiben Wünsche nach Zensur weiter spezifiziert: Nach Ansicht des Qualitätszirkels wären alle „macht- und statusorientierte und populistische Texte auszuschließen, wie die kritisierte Buchbesprechung und das ihr zugrundeliegende Buch“. Weiterhin sollen „formale, sprachliche und ethische Kriterien“ aufgestellt werden, „die regeln, welche Texte Eingang in die KONTEXT finden sollten“. Selbiges solle auch für die Benennung von Mitherausgebern gelten, die sich darüber hinaus auf bestimmte „Werte“ verpflichten müssten – offensichtlich solche, die dem Rezensenten des Buchs abgesprochen werden.

2. Der Ethikbeirat der DGSF hat auf Anfrage den Abdruck seiner Stellungnahme im Original untersagt, ohne dies weiter zu begründen. Daher an dieser Stelle eine Zusammenfassung ihres Inhaltes.

Zunächst wird ein „Sachstand“ dargelegt sowie die Anfrage des „Qualitätszirkels“ an den Ethikbeirat mit Bezug auf dessen Auftrag konkretisiert. Dazu wird eine Mail von Nikola Siller zitiert, derzufolge es darum gehe, dass die Unterstützung von Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern innerhalb des Verbands durch die Rezension erschwert werde, bereits durch die Wahl des Buches, ebenso durch abwertende Formulierungen sowie durch den Ort der Publikation im Kontext. „Haltung und Werte“ des Verbands würden verletzt, an welche die Herausgeber eines Publikationsorgans dieses Verbandes gebunden seien. Schließlich solle geprüft werden, inwieweit die Ethikrichtlinien der DGSF für diesen Fall einschlägig seien und inwieweit sie möglicherweise verletzt worden seien. Der Ethikbeirat solle in diesem Sinne prüfen, inwieweit Formulierungen aus der Rezension „diskriminierend“ seien, ob der Text einer „sensiblen Wahrnehmung von Themen … unter Genderperspektive“ (Zitat aus den Ethik-Richtlinien) gerecht werde und inwieweit sich in der Herausgeberposition nicht an die Ethikrichtlinien gehalten wurde.

Als nächstes wird auf die Rolle des Ethikbeirats hingewiesen. Dieser sei „dazu verpflichtet, alle Beteiligten gründlich zu befragen und danach eine einvernehmliche Lösung anzustreben“. Zudem sehe er seine Aufgabe darin, „den ethischen Diskurs zu fördern“. 

Es wird dann festgestellt, dass sich der Autor der Rezension an die Ethikrichtlinien des Verbands zu halten habe. Dies sei zwar nicht für beliebige Verfasser von Rezensionen der Fall, wohl aber für einen Mitherausgeber, der dort eine Rezension veröffentliche. 

Das Ethikgutachten gibt dann eine eigene Zusammenfassung der Rezension wieder und stellt dem die Forderung aus den Ethik-Richtlinien gegenüber, die „eine sensible Wahrnehmung von Themen unter der Genderperspektive“ verlangen. Es ermangele der Rezension an Distanz und kritischer Haltung. Auf der Grundlage eines Zitats aus dem Klappentext wird das Buch als „Ratgeber für die Lebenskunst“ beschrieben und es wird auf dieser Grundlage nahegelegt, dass es sich insofern um gar keine ernstzunehmende Studie handeln könne. Das genannte Zitat bezieht sich allerdings gar nicht auf das hier relevante Buch, sondern auf ein anderes Buch desselben Autors. Sowohl der Autor des Buches, als auch der Rezensent würden gegen Personen „polarisieren“, die „für eine gendergerechte Sprache und geschlechtsunabhängige Bezahlungen“ einträten. Dass man auf Spitzenjobs lange hinarbeiten müsse und daher an diesen Stellen gewandelte Normvorstellungen aus einem kürzeren Zeithorizont noch nicht voll durchschlagen, das sei eine „anachronistische“ und „völlig unreflektiert(e)“ Idee des Rezensenten, der allgemein behaupte, dass Personen, die anders als er über das Thema denken, „keinem wissenschaftlichen Diskurs zugänglich“ seien. Dies sei diskriminierend gegenüber diesen anderen Personen. Da der Rezensent die Rede von „illiberale(m) Opferfeminismus“ aus dem Buch „übernimmt“, widerspreche dies den Ethikrichtlinien, da man auf dieser Grundlage anderen nicht mehr „mit Offenheit und Interesse, unabhängig von deren … Geschlecht, … sexueller Orientierung und Lebensorientierung“ gegenübertreten könne. Das Äußern der Auffassung, dass man seine berufliche Existenz riskiere, wenn man Inhalte wie die aus dem Buch kommuniziere, sei „erschreckend“ und diskriminiere „jegliche(n) wissenschaftliche(n) Diskurs“. Die Rezension mache „Stimmung… gegen jegliche Emanzipation und für ein längst überholt geglaubtes, revisionistisches, geschlechtsspezifisches Frauenbild“. Zwar gebe es Meinungsfreiheit. In diesem Fall sei aber von einer „Entgleisung“ zu sprechen, die dem Verband schade. Dem Autor der Rezension mangele es an Gendersensibilität sowie an Offenheit für einen Diskurs.

Für Anregungen und Kritik wird auf die Mailadresse des Beirats verwiesen: ethikbeirat[at]dgsf.org. Das Schriftstück wurde unterzeichnet von Patricia Birne-Henning, Anke Kaiser, Uwe Nachtsheim und Christof Stock.

3. Zusammenfassung eines Leserbriefs zur Rezension im Kontext

Die drei Kolleginnen Susanne Kiepke-Ziemes, Anne Valler-Lichtenberg und Renate Zwicker-Pelzer haben als Teil des „Qualitätszirkels“, aber ohne unter diesem Namen aufzutreten, einen Leserbrief an den Kontext verfasst, der dort in Ausgabe 2/24 abgedruckt wurde. Während die Veröffentlichung der Mails des „Qualitätszirkels“ im Original selbst für den geschützten Bereich für Mitglieder auf der DGSF-Homepage untersagt wurde, wurde der Leserbrief in der Zeitschrift abgedruckt, ohne diese Umstände mitzukommunizieren und auch ohne darüber zu informieren, dass die Autorinnen des Briefs das Angebot einer Antwort auf ihren Brief, in dem sie selbst dafür plädieren, die Wahrheit im „Diskurs“ zu suchen, durch die von ihnen angegriffene Person explizit abgelehnt hatten. Der Abdruck des Original-Leserbriefs an dieser Stelle wurde von den Kolleginnen auf meine freundliche Anfrage per eMail ebenfalls untersagt. Er wird daher hier nach bestem Gewissen inhaltlich paraphrasiert, kann aber im Zweifel mit dem Original in der o.g. Kontext-Ausgabe problemlos abgeglichen werden.

In Ihrem Leserbrief, überschrieben mit dem vermutlich ironisch zu verstehenden Ausruf, „Diskriminierung“ tue „doch gar nicht weh!“, stellen die Kolleginnen die Sinnhaftigkeit in Frage, „als Mann“ in einer Zeitschrift der DGSF Fragen nach der Zufriedenheit von Frauen zu thematisieren. Es sei inkompatibel mit systemischen Grundsätzen, bloß ein Geschlecht zu thematisieren. Die Kolleginnen verweisen auf die Konstruiertheit von Geschlecht und problematisieren, dass sich die Rezension aus ihrer Sicht eine „dichotome (…) Wirklichkeitskontruktion zur Geschlechtlichkeit“ zu Eigen mache. Die Rezension sei insofern wenig „reflektiert“ und stehe im Widerspruch zu ethischen Grundsätzen des Verbands. Problematisiert wird darüber hinaus, dass ein Herausgeber den Text verfasst habe und damit nicht nur seine „Neutralität“ nicht eingehalten, sondern ebenfalls die „Förderung der inhaltlichen Vielfalt“ torpediert habe. Dass der Mitherausgeber trotzdem eine solche Rezension abgefasst habe, sei womöglich auf dessen „eigenes Enttäuschtsein in der Geschlechterwelt“ zurückzuführen.
Nach Ursachen zu fragen, das sei nach Auffassung der Kolleginnen „un-systemisch“. Daher sei auch der Rezensent un-systemisch, weil er sich anmaße, abschließend über sein Thema urteilen zu können. „Als Familienforscherinnen“ seien die Kolleginnen daher „skeptisch“, „wenn Männer die Allein-seelig-machende Wahrheit“ feierlich inszenieren oder gar mit wissenschaftlichen Argumenten vorstellen würden. Stattdessen gehe es darum, die Wahrheit im „Diskurs“ zu suchen. Der Rezensent habe demgegenüber allerdings „ungeprüft“ die vom Autor des rezensierten Werks eingenommene Perspektive übernommen, um dann in einer Pseudo-Objektivität eigene Emotionalitäten und Befindlichkeiten in einem wissenschaftlichen Deckmantel zu präsentieren.
Sie kritisieren die Länge der „unsäglichen“ Rezension, ebenso eine dort aus ihrer Sicht fehlende „Selbstreflexivität“ und zeigen sich verwundert über deren Veröffentlichung angesichts der aus ihrer Sicht beispielgebenden Gender-Policy in der DGSF, die sie insbesondere mit Blick auf gelingende Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern durch unangemessene Emotionen bedroht sehen.

4. Hier noch abschließend der Text der kontroversen Rezension:

Schröder, M. (2023). Wann sind Frauen wirklich zufrieden? München: C. Bertelsmann, 256 Seiten, 20,00 €.

Der Blick in die Menschheitsgeschichte zeigt deutlich, dass Frauen über lange Zeit in ihren sozialen Entfaltungsmöglichkeiten beschnitten wurden. Noch heute sind solche nach dem Maßstab unserer heutigen, westlichen Sicht auf die Welt bedauerlichen Phänomene in einigen Regionen außerhalb dieser Sphäre an der Tagesordnung. Darüber dürfte es kaum ernstzunehmenden Dissens geben. Ob wir allerdings weiterhin auch in unserem sozialen Nahbereich mit solchen Missständen zu tun haben, ist freilich eine ganz andere, wenngleich in den Massenmedien für gewöhnlich ebenso eindeutig beantwortete Frage. Trotz, vielleicht auch gerade auf Grund des Umstands, dass wir heute in einer Gesellschaft leben, in der die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ein Ausmaß erreicht wie nie zuvor in der Menschheitsgeschichte, gelten Frauen dort in der Regel weiterhin, teils umso mehr als diskriminierte Spezies, deren zahlreiche Benachteiligungen eine Fülle an Kompensationen erfordern. Und so bevölkern Gleichstellungskommissionen die Universitäten, Parlamente und Personalabteilungen von Unternehmen; geschlechtsbezogene Einkommensunterschiede werden auch angesichts völlig unterschiedlicher Tätigkeiten und zeitlichen Umfängen problematisiert und skandalisiert; feministische Aktivisten setzen gegen den klaren Mehrheitswillen noch der behaupteten Zielgruppe sperrige Sprachbürokratismen durch, die angeblich der Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern zuträglich sein sollen und denen man seither in akademischen Milieus, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk oder in neueren Printerzeugnissen zum allgemeinen Verdruss kaum mehr entkommen kann.

Aber woran lässt sich die in solchen Zusammenhängen behauptete, fortlaufende Diskriminierung von Frauen überhaupt ablesen? Die gewöhnliche Antwort auf diese Frage geht etwa so: Frauen repräsentieren etwa die Hälfte unserer Bevölkerung, sind aber in vielen öffentlichen Positionen nicht in diesem hälftigen Verhältnis vertreten. Das ist offensichtlich der Fall und sorgt entsprechend für Empörung, eben weil die Ursachen dafür auf Diskriminierung, gar auf »Sexismus« zugerechnet werden. Derlei Schlussfolgerungen sind allerdings sozialwissenschaftlich nicht unproblematisch. Das gilt schon deshalb, weil viele attraktive Berufspositionen eine relativ lange Vorlaufzeit erfordern. Universitätsprofessor oder Firmenchef wird man nicht eben mal so, weil die Gesellschaft kürzlich in Sachen Gleichberechtigung verändert hat, sondern in aller Regel erst, nachdem man Jahrzehnte darauf hinarbeiten musste. Die ungerechten Chancen, Chef oder Prof zu werden, müssen also schon eine sehr lange Zeit beseitigt sein, ehe sich dies auch an Endpunkten, das heißt an einer realen Anstellung, in gleicher Stärke ablesen lässt. Entsprechend kann eine aktuell perfekte Chancengleichheit, auf solche Posten zu gelangen, durchaus einhergehen mit einer Übergangssituation, in der (noch) ältere Männer auf diesen überrepräsentiert sind, zu deren eigenen Ausbildungszeiten eben vielen Frauen solche Karrierewege bedauerlicherweise versperrt blieben. Lässt man von unten deswegen nur noch Frauen nachrücken, um das Geschlechtsverhältnis generationenübergreifend so schnell wie möglich zu egalisieren, tauscht man das Problem einer in ihrem Fortschreiten als zu langsam empfundenen Egalisierung zwangsläufig ein gegen eine erhebliche Generationenungerechtigkeit. In den nachwachsenden Generationen wird dann Geschlechterungerechtigkeit massiv fortgeschrieben, wenn auch unter umgekehrten Vorzeichen.

Was aber sind überhaupt sinnvolle Kriterien zur Messung von Ungerechtigkeiten und Diskriminierungen zwischen den Geschlechtern? Mit dieser Frage beschäftigt sich das Buch von Martin Schröder, als Professor für Soziologie ein Experte für empirische Sozialforschung. Schröder entfaltet dabei im Wesentlichen ein noch ganz anderes Argument gegen den gängigen Maßstab der Parität: Er weist nämlich aus vielen unterschiedlichen Perspektiven nach, dass Frauen gar nicht im gleichen Ausmaß wie Männer an beruflichen Karrieren interessiert sind – und nicht selten auch viel zufriedener sind, wenn sie von einer solchen absehen. Viele Frauen arbeiten etwa gerne in Teilzeit und wollen an diesem Status gar nichts verändern. Sie wünschen sich, mehr Zeit für ihre Familie zu haben – und fühlen sich damit nicht etwa benachteiligt, sondern vielmehr anerkannt. Sobald Kinder ins Spiel kommen, verstärken sich solche Effekte: Väter etwa zeigen sich zufriedener mit ihrem Leben, wenn sie länger arbeiten. Mütter hingegen sind gerade nicht zufriedener, wenn sie länger arbeiten. Die große Mehrheit der Frauen kümmert sich gern um ihre Kinder und möchte ihre Männer gar nicht in höherem Ausmaß an entsprechenden Aufgaben beteiligen. Allgemein sind Frauen mit ihrer beruflichen Situation genauso zufrieden wie Männer und fühlen sich diesbezüglich auch genauso anerkannt wie diese. Sie sehen für sich genauso große Aufstiegschancen, an denen sie allerdings im Vergleich deutlich weniger Interesse zeigen. Gegenüber Männern schätzen sie ihr berufliches Tun allerdings als wertvoller ein und empfinden entsprechend mehr Freude an dessen Ausübung. Bemerkenswerterweise entwickelt sich der Trend, unterschiedliche Karrierewege anzustreben, gerade dort besonders stark, wo Frauen und Männer so leben können, wie sie es selber möchten. Je mehr sie darüber aufgeklärt sind, zu welchen Berufen die eigenen Interessen führen, umso unterschiedlichere Entscheidungen treffen die Geschlechter im Vergleich. Umgekehrt gilt, dass Frauen gerade in den Ländern, in denen besonders wenig Gleichberechtigung herrscht, am relativ häufigsten karriereförderliche, das heißt technische und naturwissenschaftliche Studiengänge wählen. Beziehungen, in denen Frauen mehr Geld verdienen als Männer, verlaufen dann allerdings unglücklicher und werden deutlich häufiger wieder aufgelöst. Im Übrigen zeichnen sie sich bemerkenswerterweise dadurch aus, dass sich Männer den Wünschen ihrer Partnerinnen viel stärker anpassen als umgekehrt die Frauen denen ihrer Partner.

Es liegt auf der Hand, dass sich angesichts solch unterschiedlicher Präferenzen berufliche Karrieren sehr unterschiedlich zwischen den Geschlechtern verteilen – aber gerade nicht als Folge von Unterdrückung, sondern im Gegenteil: auf Basis eines selbstbestimmten Lebens. Überhaupt kann die ungleiche Verteilung bestimmter Ressourcen nur dann ein sinnvoller Indikator für Diskriminierungen sein, wenn das, was da verteilt wird, auch von allen potenziellen Empfängern gleichermaßen angestrebt und für wünschenswert gehalten wird. Dies wird im einschlägigen Diskurs – siehe oben – gewöhnlich einfach unterstellt. Schröder präsentiert allerdings eine Überfülle an empirischer Evidenz, die diese stillschweigende Unterstellung klar als unzutreffend entlarvt. Und mehr noch: Unter der Bedingung von gleichen Ausgangsbedingungen und gleicher Motivation weist die aktuelle Empirie eher darauf hin, dass Frauen im Vergleich zu Männern tendenziell sogar bevorzugt werden, angesichts gleicher Umstände also bessere und nicht etwa schlechtere Chancen auf attraktive Posten haben.

Solche – und weitere – Aussagen des Buches basieren auf Daten von 30 Indikatoren aus über 700.000 Umfragen sowie begutachteten Fachzeitschriftenartikeln. Solide empirische Analysen, auch für Laien verständlich erklärt und mit Blick auf viele berechtigte Einwände diskutiert. Das Buch ist komplett datenbasiert und orientiert am aktuellen Stand quantitativ-empirischer Sozialforschung. Eben damit steht es indes in scharfem Kontrast zur öffentlichen Wahrnehmung. Insofern ist das Buch im besten Sinne: aufklärerisch. Entgegen den wiederkehrenden massenmedialen Darstellungen vom benachteiligten und diskriminierten weiblichen Geschlecht zeigt Schröder an seinen Daten, dass Frauen schon auf allgemeinster Ebene mit ihrem Leben genauso zufrieden sind wie Männer und sich in den gängigen Opfernarrativen selbst gar nicht wiederfinden. All dies bedeutet freilich nicht, dass es nichts mehr zu tun gäbe in Sachen Gleichberechtigung. Angesichts des Umstands etwa, dass die Aufzucht von Kindern die Aussichten auf ökonomische Einkünfte deutlich verringert, plädiert auch Schröder z. B. für eine Ausweitung zu Möglichkeiten von Kinderbetreuung.

Die öffentliche Rezeption seines Buches ist soziologisch gesehen allerdings mindestens so instruktiv wie die dort präsentierten empirischen Daten selbst. »Infam« sei deren Publikation, urteilte etwa die Süddeutsche Zeitung wenige Tage nach der Veröffentlichung in einem rhetorisch starken (»Ihr wollt es doch auch!«), inhaltlich aber umso schwächeren und letztlich vor allem seinerseits infamen Beitrag, der sich nicht einmal die Mühe macht, die Hauptthesen von Schröder nur korrekt zu benennen. Stattdessen wird dort etwa eine fast schon kuriose Debatte darüber entfaltet, welche feministische Subgruppe nun mit welcher Position für wen sonst noch stehen kann und in diesem Sinne bei Schröder korrekt dargestellt wurde. Zwar ist die Kritik an den von Schröder als illiberal bezeichneten »Gender Studies«, die entgegen seiner Empirie regelmäßig zahlreiche Benachteiligungen von Frauen beklagen, im Buch durchaus zugespitzt und in dieser Zuspitzung notwendig einseitig. Das kann aber eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass ideologische Voreingenommenheit und politisch starke und immergleiche Präferenzen in wohl keiner anderen Disziplin so offensichtlich zu Tage treten wie in dieser, und dass deren Abgleich mit der empirischen Wirklichkeit ein wissenschaftlich höchst sinnvolles Unterfangen darstellt. Dass viel von dem, was dort als »Wissenschaft« präsentiert wird, demgegenüber mindestens in einem mehr oder minder bedenklichen Mischungsverhältnis einer außerwissenschaftlichen Agenda präsentiert wird, darauf weisen jedenfalls auch die seriösen Akteure in diesem Feld, etwa der Mainzer Genderforscher Stefan Hirschauer, regelmäßig hin. Wie diesen schlägt auch Schröder von feministischer Seite große Empörung entgegen – und das, obwohl er sich augenscheinlich an zahlreichen Stellen des Buches die allergrößte Mühe gibt, nicht als Gegner von Frauenrechten, von Gleichberechtigung, von einem guten Verhältnis zwischen den Geschlechtern missverstanden zu werden. Solche Passagen klingen oft fast schon anbiedernd, übereifrig, vielleicht aber auch schlicht: nachvollziehbar übervorsichtig. Denn ganz offensichtlich muss man sich heute schützen noch vor eher absurden Unterstellungen, ein Frauenfeind zu sein, nur weil man nicht die üblichen Narrative von Feministinnen einfach übernimmt, sondern beansprucht, diese anhand von messbaren Daten empirisch-nüchtern zu überprüfen. Ohne seine unkündbare Stelle als Universitätsprofessor, das bekennt Schröder im Interview selbst, hätte er das Buch deshalb nie geschrieben – und zahlreiche Reaktionen darauf zeigen, wie begründet diese Vorsicht leider tatsächlich ist. Das Buch vermisst ein vermintes Gelände, das manch anderer aus Rücksicht auf seine Karriere lieber gar nicht erst betritt.

So wird auch im systemischen Feld, sofern das Buch dort überhaupt die Beachtung findet, die ihm angesichts der auch dort grassierenden falschen Gewissheiten über die Maße eines nie vermessenen Geländes allerdings klar gebührt, vermutlich mit einiger Empörung über dessen Thesen zu rechnen sein. Bloß: Die Fragen, um die es hier geht, bedürfen einer empirischen Vermessung viel mehr als eines moralischen Reflexes. Die Verhältnisse in den westlichen Ländern haben sich gerade für Frauen in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert, und das Buch von Schröder bietet hier ein wichtiges empirisches Update. Und es begründet Perspektiven, die gerade für systemisch orientierte Praktiker hoch anschlussfähig sein müssten: Dass Menschen nämlich oft selbst am besten wissen, was für sie gut ist – und man ihnen nicht von höherer Warte aus erklären sollte, was für sie besser sei. Diese Perspektive ist mit Gleichberechtigung, also fairen Startbedingungen durch gleiche Chancen für alle, bestens kompatibel. Mit Gleichstellung, also Gleichheit in den Ergebnissen, die auch im systemischen Feld entgegen seiner eigenen Grundlagen überraschend große Sympathien genießt und bei Schröder unter dem Begriff des »illiberalen Opferfeminismus« eben durch seine empirischen Befunde scharf herausgefordert wird, ist sie von Grund auf inkompatibel.


[1]   Bestehend aus (in alphabetischer Reihenfolge): Marie Luise Conen, Beate Dittrich, Anne Gemeinhardt, Franziska Gnest, Prof. Dr. Silvia Hamacher, Dr. Attila Höfling, Renate Jegodka, Susanne Kiepke-Ziemes, Monika Klenk-Bickel, Robert Klorer, Martina Kruse, Tanja Kuhnert, Anne M. Lang, Prof. Dr. Holger Lindemann, Prof. Dr. Cornelia Maier-Gutheil, Martina Masurek, Martina Nassenstein, Maria Nesselrath, Prof.in i.K. Dr. Kira Nierobisch, Ulrike Reimann, Dr. Dirk Rohr, Brigitte Schellhorn, Herta Schindler, Holger Schindler, Monika Schult, Tanja Schwichtenberg, Nikola Siller, Julia Strecker, Iris Thanbichler, Anne Valler-Lichtenberg, Prof. Dr. (em.) Renate Zwicker-Pelzer.

2 Kommentare

  1. Ups. Ich hätte mir schon länger mehr DEBATTE über kontroverse Themen in der systemischen Landschaft/Cummunity gewünscht. Aber nicht unbedingt so. Vielleicht bin ich zu einfach gestrickt, aber da geht mir zu viel, zu viele Themen und Ebenen, durcheinander. Jetzt erscheint es mir so, aber das ist nur ein sehr subjektiver Eindruck, als wenn in einer Gemeinschaft, die sehr lange die genaue DISKUSSION kontroverser Themen und die damit evtl. verbundenen KONFLIKTE vermieden hat (zugunsten einer starken Betonung von „Harmonie in Vielfalt“?), ein ziemlich übererregtes Streiten beginnt. Insofern sind wir, die systemische Community vielleicht nicht so „anders“, wie wir gerne immer annehmen wollen? Doch in einer Eskalation von Erregung und gegenseitiger Empörung, soviel ist klar, werden die Gedanken, und die Verbindungen zwischen ihnen, eher unklar. (das sagt sich natürlich leichter, wenn man zwar als Beobachter Teil des Systems ist, aber doch etwas weiter außerhalb steht).

    Wie finden Menschen – Frauen, Männer und Andere – in Situationen der Eskalation gemeinsam wieder zu einem mehr konstruktiven Miteinander, OHNE UNTERSCHIEDE zu ignorieren? Könnte es sein, dass es dabei auch um KRÄNKUNGSFÄHIGKEIT geht? Damit meine ich (a) die Fähigkeit, mit den Kränkungen, die andere mir durch ihre Unterscheidungen (ihr unterschiedlich sein) zufügen, umzugehen, ohne zurückzuschlagen, aber auch (b) die Fähigkeit, Kränkungen die ich anderen durch meine Unterscheidungen (mein unterschiedlich sein) zufüge, zu riskieren, wohl wissend und akzeptierend, dass es dann vielleicht zunächst etwas weniger harmonisch zugeht?

    Mehr persönlich: Ich wurde als Student sozialisiert, um nicht zu sagen „gestählt“, in harten Debatten, die nicht selten zu Spaltungen (Schisma) führten. Wahrscheinlich wurde ich in solchen Debatten eher gefürchtet. Heute denke ich, wir sollten uns vielleicht eher gemeinsam fürchten. Wovor? Darüber könnte man sprechen.

  2. Um dem einen oder anderen Lesenden hier am Anfang, also vor dem Einstieg, schon einen Ausstieg zu ermöglichen aus dem folgenden längeren und vielleicht auch zumutungsreichen Text: Ich bin ein alter weißer Mann und keine junge schwarze Frau!
    Für alle anderen:
    Es ist schon erstaunlich was eine Gruppe von selbsternannten „Qualitätszirkelnden“ und „Replikanten“ faktenbefreit, logikentlastet, dafür aber anonym so absondert. Sich in der Anonymität zu verstecken hat ja den Vorteil, dass man nicht zurechnungsfähig ist für das, was man so von sich gibt. Endlich, nach 17 Monaten (!) hat nun die Befreiung aus dem zwielichtigen Dunkel der Anonymität stattgefunden und jeder Einzelne der bisher Versteckten ist damit nun auch wieder zurechnungsfähig geworden.
    In den Texten der „Qualitätszirkelnden“ und „Replikanten“ ersetzt die austretende Träne den Gedanken und die Empörung das Argument, begleitet wird die weinerliche Beschwerdeführung von einer aufdringlichen Selbstbejammerung. Ergebnis: Die Gratismoral von Leuten, die danach trachten eine vernünftige Debatte mit der Behauptung ihrer eigenen moralischen Höherwertigkeit zu ersticken, für die sie allerdings jeden Beweis schuldig bleiben. Wir sind Zeugen einer Moralismusaufwallungsveranstaltung mit eingebautem Passionspathos. Das Prinzip der Meinungsfreiheit bietet den „Qualitätszirkelnden“ die Gelegenheit, sich so umfassend wie möglich zu blamieren. Wovon dann auch ausgiebig Gebrauch gemacht wird.
    Darüber hinaus werden aber auch und vor allem Machtansprüche geltend gemacht und über Versuche eines Moralisierungszwanges in die Welt gesetzt. Selbsternannte Qualitätszirkler „aus den Hochschulinstituten“ und Replikanten von wer weiß woher, versuchen sich als Reichsschriftumskammer zu inszenieren, die bestimmen wollen, was publiziert wird und wer nach dem Qualitätszirkel/Replikanten-Reinheitsgesetz publizieren darf, bzw. wer es nicht darf.
    Aber nicht nur das: Stefan Beher soll von der Reichsschriftumskammer nicht nur als Autor und Herausgeber ausgeschlossen werden, sondern wird auch noch bei seinem Arbeitgeber diffamiert. Spätestens hier zeigt sich, wie es sich keineswegs nur um ein borniertes Moralismusgeplapper der Qualitätszirkler und Replikanten handelt, sondern um Einfluss nehmende existenzbedrohende Machenschaften und Strategien, die weder harmlos noch diskutabel sind.
    Um Missverständnissen vorzubeugen: Das kann jeder tun wie er will, sich z.B. als Reichsschriftumskammer aufzuspielen. Der eigentliche Skandal, das Ärgerliche und Bedrohliche an der ganzen Geschichte ist etwas anderes: Es ist die Feigheit der Herausgebenden des Kontextes, die Feigheit des Vorstandes/“Aufsichtsrates“ der DGSF (Matthias Richter, Stephanie Cuff-Schoettle, Sylvia Jung, Michael Rößner, Nikola Siller, Astrid Beermann, Sylvia Jung, Lars Anken, Nikola Siller, Julia Hille, Matthias Ochs, Peter Martin Thomas … ) und die Feigheit des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht, diesem Ansinnen nicht entschieden entgegen zu treten und zurückzuweisen. Nichts davon ist meines Wissens bis heute geschehen.
    Die Feigheit der anonym auftretenden Qualitätszirkler und Replikanten entspricht der Feigheit der Herausgeber des Kontextes, des DGFS Vorstand und der Verlagsverantwortlichen.
    Solange die Herausgeber, der Vorstand der DGSF, die in ihrer Satzung vollmundig behauptet, sich für die Werte Frieden, Freiheit, Gleichheit, Geschwisterlichkeit, Teilhabe, Ausgleich und informationelle Selbstbestimmung einzusetzen und der Verlag dazu nicht Stellung nehmen, und zwar in Form einer klaren Absage und Zurückweisung dieses Beziehungsangebotes, eine Zurück- und Zurechtweisung der Ansprüche der „Qualitätszirkler“ und „anonymen Replikanten“ (der Reichsschriftumskammer) bleibt die Beziehung ungeklärt. Sie würde dadurch geklärt, dass man die „Qualitätszirkler“ daran hindert, das zu tun, was sie tun, wenn man sie nicht daran hindert. Eine Zustimmung der „Qualitätszirkler“ und „anonymen Replikanten,“ oder ein ergebnisoffenes Gespräch darüber, ob die denn bitteschön freundlicherweise auch damit einverstanden sein könnten, zurückgewiesen zu werden, ist dabei nicht nur absolut nicht notwendig, sondern absurd.
    Beim Beziehungsaspekt geht es bekanntlich, zumindest bei denen, die einer systemischen Argumentation fähig sind oder sich einer systemischen Argumentation noch nicht ganz verschlossen haben, um die Definition der Beziehung, d.h. um die Beantwortung der Frage „Was soll zwischen uns gelten?“ Die Klärung der Beziehungsfrage steht noch aus! Die „Qualitätszirkler“ versuchen eine komplementäre Beziehung herzustellen, indem sie durch die Versuche der Etablierung der Reichsschrifttumskammer Anspruch auf die superiore Position erheben. Dazu wird auf der Opferposition mit eingebautem moralischen Mehrwert beharrt und das Bild des unbefleckten feministischen Opfers tränenreich verteidigt, ähnlich wie die Jungfräulichkeit Marias in der katholischen Kirche.
    Zurück zum Skandal: Wenn die Zurück- und Zurechtweisung der Qualitätszirkler nicht geschieht, wird es sich mittel- und langfristig für die Herausgeber des Kontext, den Vorstand der DGSF und den Verlag nicht rechnen. Man schießt sich nämlich dabei durch Unterlassung ins eigene Knie, denn (Achtung Triggerwarnung!!!! Achtung patriarchale Metapher!!!!): Selbstkastration dient selten der Potenzsteigerung.
    Solange das nicht geschieht, haben wir eine bei Franz Kafka nachlesbare und dort eindrücklich beschriebene Beziehungssituation, in der nämlich Ankläger, Richter und Vollstrecker identisch sind und der Angeklagte nur die Option hat zu verschwinden, was er (Stefan Beher) nun ja auch getan hat, indem er seine Rolle als Herausgeber des Kontextes zur Verfügung stellt.
    Mit ihrer Feigheit stehen die Herausgebenden, der DGSF Vorstand und der Verlag allerdings nicht allein. Wir sind umgeben von Feiglingen, die schon bei leichtem Gegenwindgesäusel einknicken und umfallen, wenn Bauern mit ihren von Subventionsdiesel getriebenen Trecker durch die Landschaft fahren und mit ihren Abgasen und ihrer Gülle die Luft verpesten, wenn dem reaktionären und gewalttätigen Verhalten vieler unserer armen gebeutelten Brüder und Schwestern im Osten mit ihren ach so gebrochenen Biografien („sie schlugen ihnen so lange auf die braunen Ärsche bis sie rote Striemen hatten“ (Biermann?)) mit Verständnis begegnet wird, wenn mit Nazis gesprochen werden soll, wenn das hochsensible Wahlverhalten von 20 % der Bevölkerung, in den Bundesländern mit den gebrochenen Biografien von 30% und mehr der Bevölkerung durch die längst überfälligen Anträge zum AfD Verbot nicht unnötig irritiert werden sollen, weil die Armen sich dann noch gekränkter fühlen könnten und sich noch mehr unserer Brüder und Schwestern im Osten veranlasst fühlen schwachsinnig zu wählen. Das Ergebnis dieser Feigheits- und Unterlassungsstrategie ist seit dem Wahlabend im Februar zu besichtigen.
    Kaum anzusehen war vor wenigen Tagen ebenso der feige Auftritt des Nato-Generalsekretärs Mark Rutte im Oval Office. Er lachte devot, als Donald Trump von seinen Grönland-Plänen schwadronierte, von einem möglicherweise militärischen Vorgehen gegen den Nato-Verbündeten Dänemark und fügte weiterhin grinsend hinzu, er (Rutte) wolle die Nato da raushalten, während er sich suppositoriengleich im Enddarm von Trump breitmacht.
    Vor wenigen Stunden ließ sich beobachten, wie die Stiftung Gedenkstätte Buchenwald beeindruckend feige eingeknickt ist und den zum 80. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald eingeladenen Festredner Omri Boehm auf Betreiben der israelischen Botschaft in Berlin wieder ausgeladen hat, wegen seiner Kritik an der israelischen Regierungspolitik.
    Die Feigheit des nicht Entgegentretens verbindet sich in vielen Fällen sogar mit der Übernahme von Positionen derjenigen, die zurückgewiesen werden müssen. So hat der wahrscheinlich zukünftige Bundeskanzler Friedrich Merz schon frühzeitig einen eklatanten Rechtsbruch in Aussicht gestellt, indem er Benjamin Netanjahu versprochen hat, ihn nicht zu verhaften, obwohl ein Haftbefehl des internationalen Gerichtshofs vorliegt und die Bundesrepublik verpflichtet ist, entsprechende Haftbefehle zu vollstrecken. Brandmauern der Abgrenzung verschwinden und Konsens und Schulterschluss mit machtansprüchlichen bornierten Moralaposteln, machtlüsternen unterbelichteten Rechtsradikalen, Nazis und Despoten nehmen zu. Dass diese Entwicklung auch vor dem ach so besonders moralisch hochwertigen, positiv gestimmten, achtsamen, würdigenden, konsensorientierten und sozialen „systemischen Feld“ nicht Halt macht, sondern dort aktiv betrieben wird, hat diese Geschichte wieder einmal deutlich gemacht.

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