Unter diesem Titel haben Hannah Bischof (Wien) und Martin Luger (St. Pölten) für die Systemischen Notizen 2/2023 einen lesenswerten Text geschrieben, der sich u.a. mit folgenden Fragen beschäftigt: „Was haben Gefühle und Systeme miteinander gemein? Und inwiefern kommen Affekt, Emotion oder Gefühl in systemischen Konzeptionen überhaupt vor? Mit welchen Bedeutungen werden sie versehen? Was leiten wir daraus für unsere Haltung und Praxis als Psychotherapeut*innen gegenüber oder inmitten von Emotionen ab? Wann macht es Sinn, sie zu forcieren und wann nicht? Bzw. wie kann das Therapiesystem als
soziales System der Interaktion und Kommunikation überhaupt Einfluss nehmen auf so genuin im psychischen System verankerte und weitgehend autonom ablaufende Prozesse wie Affekte und Emotionen? Wem gehören Emotionen und wem stehen welche Emotionen zu? Und weiter gefragt, wie privat oder öffentlich, individuell oder kollektiv ist emotionales Geschehen? Wo ist es zu verorten: im Gehirn, in der Person, in der Interaktion? Was sagen Sozialwissenschaften, Psychologie und andere Therapieschulen hierzu und können diese Konzepte schlüssig in systemische Konzeptionen und
Praxeologien übernommen werden?“
Systeme mit Gefühlen
17. Juli 2025 | 1 Kommentar
Giovanni Trapatoni, ein italienischer Fußballlehrer mit einem ausgeprägtem Hang zu prägnanten Formulierungen, sagte einmal: „Fußball ist Ding, Dang, Dong. Es gibt nicht nur Ding“. Wenn man beim Fußball genauer hinschaut, dann gibt es da ein Feld und Regeln, Akteure auf dem Feld, Konstellationen, Interaktionen und Kommunikation, und, ja, Körper und Emotionen, Schweiß und Tränen. Es handelt sich um ein ziemlich komplexes, miteinander verbundenes und gekoppeltes, systemisches Geschehen. Bei aller Komplexität würde aber kaum ein Fan auf die seltsame Idee kommen, zu sagen, man könne Fußball ohne Emotionen verstehen. ohne die Emotionen der Akteure auf dem Platz (im Feld) und der Zuschauer (Beobachter) auf den Tribünen, oder gar ohne die eigenen Emotionen im Stadion oder am Bildschirm. Im Stadion und auf dem Platz geschieht die Wahrheit, und die heißt Emotion, die sich durch Stimmungen ausbreitet, vervielfältigt und intensiviert. Fussball ohne Emotionen, das können sich nur Nerds ausdenken.
Ähnliches ließe sich über Psychotherapie sagen. Nur einige durch die Luhmannsche Theorie verwirrte Systemiker zweifeln noch. Wie ist das eigentlich mit den Emotionen, die doch irgendwie mit den Interaktionen und Kommunikation gekoppelt sein müssen? Eine solche Frage ist, würde man im Fußball sagen, aller Ehren wert. Ärgerlich wird es, wenn dabei relevante Ideen und Autoren, und Autorinnen (!), die sich mit diesem Thema aus systemischer Sicht intensiv beschäftigt haben (ich erspare mir an dieser Stelle eine lange Liste) schlicht ignoriert werden.
Auf diese Weise steht nicht nur der Erkenntnisprozess still, sondern die systemische Therapie verliert ihre Anschlussfähigkeit im psychotherapeutischen Feld und gibt sich der Lächerlichkeit Preis. Die grandiose soziologische Kommunikationstheorie Niklas Luhmanns erweist sich in der klinischen Praxis als wenig hilfreich. Warum? Weil sie fast nichts zur Frage der Kopplung von psychischen, sozialen, kulturellen und politischen Systemen sagt. Insbesondere leistet sie keinen Beitrag zum genaueren Verständnis der emotionalen Kopplung basaler menschlicher Beziehungssysteme, die eine gewisse Zeit überdauern (Paare, Familien). Das kann man einer explizit soziologischen Theorie nicht vorwerfen, wenn nun aber diese im theoretischen Feld der systemischen Therapie weiterhin dominiert (und dadurch die theoretische Weiterentwicklung blockiert) dann besteht die Gefahr, dass sich die Praxis der systemischenc Therapie von systemischen Theorien abgekoppelt. Praktiker:innen versorgen sich dann woanders mit Ihren Theorien, was ja nicht unbedingt verkehrt ist, allein es besteht die Gefahr, dass systemisches Denken bezogen auf Psychotherapie irrrelevant wird.
Mit ein bissle Emotionen, aber nicht ohne Hoffnung,
Jan Bleckwedel