
Liebe Leserinnen und Leser,
Zunächst möchte ich bei Ihnen allen herzlich für Ihr Interesse und Ihre Treue, die dieses Projekt nun seit bald 21 Jahren begleiten. Ihr Engagement für das Nachdenken über systemische Praxis, Ihre kritischen Leserbriefe, Ihre persönlichen Geschichten und Ihre Bereitschaft, sich auf kontroverse Diskussionen einzulassen – das alles macht das systemagazin neben seinen sonstigen Informationen und Beiträgen zum systemischen Diskurs zu dem, was es sein soll: ein Ort für nicht-triviales Denken.
Besonders danken möchte ich wieder allen Autorinnen und Autoren des aktuellen Adventskalenders. Sie haben das Thema „Systemischer Umgang mit Unterschieden, Ambivalenzen und Widersprüchen” auf vielfältige Weise reflektiert und uns mehr als nur unterhaltende Lektüre, geschenkt, nämlich Impulse, die wirken und nachwirken.
Das Thema dieses Adventskalenders ist auf bemerkenswerte Resonanz gestoßen. Es entstanden intensive, teilweise heftig geführte Diskussionen. Es wurde gestritten – um Worte, um Konzepte, um die Frage, wie sich der systemische Ansatz in Zeiten politischer Polarisierung verstehen und verhalten sollte. Es gab Kontroversen über die Vereinbarkeit von Allparteilichkeit mit politischer Klarheit; über das Verhältnis von Ambivalenztoleranz und moralischer Eindeutigkeit; über die Gefahr einer Ideologisierung des Systemischen; über die Frage, ob und wie systemische Therapeutinnen und Therapeuten sich gesellschaftspolitisch positionieren sollten.
Einigen Leserinnen und Lesern kam das nicht „weihnachtlich” genug vor. Ich verstehe diesen Einwand. Die Adventszeit ist traditionell eine Zeit der Stille, der Besinnung, des Lichts in der Dunkelheit. Die Lektüre von Texten über Faschismus, über identitätspolitische Doppelmoral, über die Auflösung von Ambivalenz in moralistischen Positionen – das mag sich zunächst nicht nach Weihnacht anfühlen.
Und doch: Vielleicht wird genau dadurch auch etwas sichtbar, das zu sehen unbequem, aber notwendig ist. Das systemische Feld ist nicht so harmonisch, wie naiverweise oft geglaubt wird. Es ist kein geschützter Raum, in dem alle die gleichen Intuitionen teilen und die gleichen methodischen Prinzipien hochhalten. Zeitgeistige ideologische Tendenzen und moralischen Vereinseitigungen machen sich auch im systemischen Feld breit und lassen sich als Suchbewegungen nach Klarheit in komplexen Zeiten verstehen. Auch wir sind – wie alle anderen auch – von Ängsten bedrängt, von Ungewissheiten der weltpolitischen Lage, vom Unbehagen angesichts von Ambivalenzen, von dem Drang, Eindeutigkeit herstellen zu müssen, um handlungsfähig zu bleiben.
In Bezug auf diese Fragen gibt es offensichtlich in unserem Feld einen großen Klärungsbedarf. Genauer: Die Frage der Identität des systemischen Ansatzes stellt sich mit neuer Dringlichkeit. Was macht das Spezifische, das Unterscheidende unseres professionellen Feldes aus? Allparteilichkeit, Multiperspektivität, Differenzierung, das Anerkennen und Aushalten von Widersprüchlichem – sind das Begriffe, die wir nur beiläufig oder als Phrasen verwenden oder sind es Konzepte, die den Kern unserer Profession ausmachen? Oder sind es nur überkommene Konstruktionen, die der gesellschaftlichen Ungleichheit und Ungerechtigkeit mit Indifferenz gegenüberstehen oder sie sogar fördern?
Der Blick auf die Debatten dieses Jahres – die Diskussionen um die Politisierung systemischer Verbände, die Frage nach der Vereinbarkeit von konstruktivistischen Grundannahmen und moralisch-eindeutigen Positionierungen, die kritische Auseinandersetzung mit „rassismuskritischen” Perspektiven, die in den therapeutischen Kontext importiert werden – zeigt: Wir haben es mit einer Identitätskrise des Feldes zu tun.
Das soll nicht dramatischer klingen als es ist. Identitätskrisen können produktiv sein, wenn sie zu echten Klärungen führen. Aber sie zu übersehen, sie mit schönen Worten zu überlagern, sie durch Harmonisierungsbemühungen zu verdrängen – das wäre fahrlässig. Denn genau dort, wo wir unsere eigenen Grundlagen nicht reflektieren, verlieren wir sie stilschweigend.
Deshalb erscheint es mir notwendig und überfällig, der Frage nach der Identität des systemischen Ansatzes in Zukunft mehr Platz einzuräumen. Nicht als akademische Debatte, sondern als praktische Auseinandersetzung. Wie unterscheiden sich systemische von nicht-systemischen Haltungen und Interventionen wirklich? Welche Art von Neutralität meinen wir, wenn wir von Allparteilichkeit sprechen – und worin unterscheidet sie sich von indifferenter Haltungslosigkeit? Wie halten wir Unterschiede aus, ohne sie zu einer politischen oder moralischen Frage zu machen? Wie arbeiten wir mit normativen Fragen, die sich in der therapeutischen Praxis unvermeidlich stellen, ohne in Moralisierung zu verfallen?
Diese Fragen sind keine Fragen des Adventskalenders. Sie sind Fragen für das systemische Feld in seiner alltäglichen Arbeit. Und das systemagazin soll im kommenden Jahr für die Auseinandersetzung mit diesen Fragen eine mögliche Plattform sein.

Zum Ende dieser Adventszeit wünsche ich uns allen ein friedliches Weihnachtsfest. Ein Fest, das auch die Ambivalenz erträgt. Ein Fest, das nicht nur das Licht in der Dunkelheit sieht, sondern auch die Dunkelheit, die zum Licht gehört. Ein Fest, das gestattet, mehrere Wahrheiten gleichzeitig zu halten, ohne sich für eine entscheiden zu müssen.
Und ich wünsche uns allen eine gesteigerte Ambivalenztoleranz für die kommende Zeit – persönlich und professionell. Eine Toleranz, die nicht bedeutet, an nichts mehr zu glauben, sondern die fähig ist, das Komplexe auszuhalten, ohne es durch Vereinfachung zu ersticken. Eine Toleranz, die der Bewegungsfähigkeit traut und nicht in Eindeutigkeit erstarrt.
In diesem Sinne: herzliche Grüße
Tom Levold
Herausgeber systemagazin
danke! einfach, schlich: danke!
herzliche grüsse aus wien, theresia gabriel
Lieber Tom, ich stimme Dir zu:
Der diesjährige Adventskalender hat auch nach meinem Eindruck das Bedürfnis gezeigt, der “Identitätskrise des Feldes” ein Forum des Austausches und der Auseinandersetzung zu geben.
Krise wird im allgemeinen Sprachgebrauch oft verkürzt verstanden im Sinne von “etwas geht den Bach herunter”. Vielleicht wäre es gut, sich auf die griechische Wurzel des Wortes Krise zu besinnen:
Das altgriechische Verb „Krinein“ (κρίνειν) bedeutet „trennen“, „scheiden“, „unterscheiden“ oder „beurteilen“ und wird in der Kritikē téchnē (κριτική τέχνη), der Kunst oder Fähigkeit des Unterscheidens und Beurteilens realisiert.
Diese Kunst kann (hoffentlich) dazu führen, dass aus einer Identitätskrise ein produktiver Prozess (!) der Identitätsfindung erwächst. Ich bin gespannt, wie das Systemagazin im kommenden Jahr diesem Prozess eine Plattform bieten wird.
Allen ein schönes Weihnachtsfest und ein gutes Jahr 2026
Peter Müssen
Wie wohltuend!
Sei bedankt,
W.
Lieber Tom und alle Verfasserinnen und Verfasser von Beiträgen
Vielen Daank für die tägliche Möglichkeit zu lesen. Es war wieder sehr anregend.
Die Tom besonders
Und frohe Weihnacht an alle
Clemens
Danke lieber Tom – ich habe mich in deiner Botschaft gesehen gefühlt und hatte gleichzeitig den Eindruck, dass auch alle anderen, die sich schreibend um anderes bemüht haben, gesehen wurden. Das hat mich gefreut – und ich freue mich auf weitere Auseinandersetzungen dieser Art. Ein schönes Weihnachten Sabine
Lieber Tom, was für ein kluger Text, feinstes Konfekt mit Salz drauf. Und ebenso ein großes Dankeschön, dass Du immer wieder eine Plattform schaffst zum Diskurs.Freue mich auf allseitige Bereitschaft zum Zuhören, Diskutieren, Streiten, Innehalten. Frohe Weihnachten. Andreas