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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin Adventskalender 2025 – 21. Jan Bleckwedel

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Elefanten im Advent 

Unsere Fähigkeit mit Ambivalenzen, Ambiguitäten und Unterschieden angemessen umzugehen, können wir trainieren wie einen Muskel. Toleranz tut gut, hält gesund und macht schön. Auch zu Weihnachten. Doch 2025 gibt es einen Elefanten im Advent. Es ist der aufkeimende Faschismus. Gegenüber dem Faschismus kann es keine Toleranz geben, sondern nur rote Linien. Die Höckes und Weidels können sagen, was sie wollen, wir müssen es ertragen, auch wenn es schwerfällt.  Darin besteht unsere Freiheit. Aber wir sollten alles tun, um diese Kamarilla des Schreckens von den Hebeln der Macht fernzuhalten. Das gebietet die Verfassung dieses Landes: sie fordert alle Patrioten auf, die Feinde der Freiheit und die Freunde der Menschenverachtung zu bekämpfen. Die neuen Nazis hassen unsere Werte, sie wollen die Freiheit zerstören, und sie entwürdigen und entmenschlichen schon heute andere Menschen in unserer Mitte. Dieser Angriff auf die Würde des Menschen, die allen Menschen gilt, ist nicht hinnehmbar – er markiert im politischen Raum einen unüberbrückbaren Unterschied.

In unterschiedlichen Bereichen der Gesellschaft gelten unterschiedliche Formen des angemessenen Umgangs mit Unterschieden. Im Bereich der Therapie gelten andere Regeln als im Bereich der Politik. Klare Kante im Bereich der Politik wünscht sich zu Weihnachten,

16 Kommentare

  1. Lothar Eder sagt:

    Ich habe versucht, die Logik dieses – reichlich unadventichen und unwintersonnwendlichen – Beitrags zu verstehen. Sie erschließt sich mir nicht.
    Wenn ich mir die zentralen Punkte des deutschen Nationalsozialismus – der ja eben genau dies war, ein „nationaler Sozialismus“ und kein Faschismus, Hitler stand Stalin weit näher als Mussolini – dann kommen mir in den Sinn: Eroberung von Räumen im Osten, Unterjochung der Slawen, Vernichtung Russlands, sog. „Arier“ als Herrenrasse (wer sich wirklliche „Arier“ einmal anschaut, z.B. aus Sri Lanka und Herrn Goebbels danebenstellt, kann eigentlich nur noch lachen), Antisemitismus, totaler Staat. Gleichschaltung der Menschen, keinerlei individuelle Freiheit, „Kriegstüchtigkeit“ (die Reihe ließe sich fortsetzen), dann entdecke ich diese Punkte nicht bei den „Weidels“ und „Höckes“, wie immer man die Herrschaften ansonsten einschätzt.
    Im Gegenteil, soweit es mir bekannt ist, spricht sich die Weidelpartei gegen einen Krieg mit Ruasland aus, was ausgesprochen vernünftig ist. Dass sie ansonsten im Gegensatz zu mir für Aufrüstung ist, lassen wir einmal dahingestellt. Aber sie will keinen Krieg.
    Krieg wollen immer nur Leute, die selber nicht teilnehmen, auch ihre Kinder und sonstige ihnen Nahestehenden nicht.
    Zum zweiten, und ich fürchte, diese Punkte sind wenig bekannt, führt dieses aktuelle Kriegsgeheul von Herrn Merz (zuvor Scholz und allen voran die „Stahlhelmpazifisten von dern GRÜNEN) mit einiger Wahrscheinlichkeit dazu, dass die Russen das 2+4 Abkommen kündigen; dies würde bedeuten, dass das Staatskontrukt der Bundesrepublik Deutschland seine Legitimation verliert. Die Folgen kann man sich ausdenken: Verlust der internationalen Vertragssicherheit, mit einem Staat der nicht mehr existiert, schließt niemand Verträge, Verlust der internationalen Bonität etc. Zudem könnte Russland ohne Ankündigung von der sog. „Feindstaatenklausel“ Gebrauch machen, die nach Maßgabe der UN noch immer völkerrechtlich verbindlich ist. In der Prasis könnte Russland uns rechtskonform angreifen, und der UN-Sicherheitsrat könnte keine Einwände formulieren.
    Alle Parteien, die Weidelpartei und das BSW ausgenommen, beteiligen sich aktuell an der Kriegshetzerei gegen Russland. Das passt ganz nüchtern betrachtet mehr auf die Hitler-, denn auf die Seite der Demokratie.
    Mich würde ernsthaft interessieren, was Sie zu diesen Punkten und Fragen sagen, Herr Bleckwedel?

    • L. Eder, wirst du von der AfD bezahlt oder machst du es immer noch für umme?

    • Stefan Beher sagt:

      Faszinierend ist ja auf einer höheren Abstraktionsebene, wie sich das mit den politischen Ansichten über die Zeit so wandelt. Weltfremder Pazifismus scheint keine Domäne der Linken mehr zu sein, während man dort aber jetzt das einst konservative Moralspießertum zu importieren trachtet…

      Vielleicht aber dann auch wieder eine eindrückliche Illustration dafür, besser bei den Themen zu bleiben, für die man einst die „jurisdiction“ (A. Abott) gewonnen hat.

      • Stefan Beher sagt:

        Für ambivalente, wahlweise auch vorschnelle Poster fehlt hier übrigens „eindeutig“ eine Bearbeitungsfunktion: Ein einst zu viel, ein b zu wenig. Abbott. Schönen Advent allerseits! St.

  2. Stefan Beher sagt:

    Lieber Jan Bleckwedel,

    vielen Dank für Ihren Adventskalender-Beitrag, der zum Nachdenken anregt – gerade weil er so direkt Position bezieht. Gleichzeitig möchte ich ein paar konstruktivistische Rückfragen stellen, die mir beim Lesen gekommen sind.

    Sie schreiben über den „aufkeimenden Faschismus“ und fordern „rote Linien“ und „klare Kante“. Aus systemtheoretischer Perspektive stellt sich zunächst die Beobachterfrage: Wer bestimmt eigentlich, was Faschismus ist und wer als Faschist zu gelten hat? Schon ob Frau Weidel und Herr Höcke hier in dieselbe Kategorie fallen, mag bezweifeln, wer sich trotz Nichtwählens ihrer Partei noch einen einigermaßen kühlen Kopf bewahrt. Ihre Beschreibung mag moralisch eindeutig erscheinen, ist aber als sozialwissenschaftliche Kategorie hochgradig beobachterabhängig. Und verdeckt möglicherweise relevante Differenzen innerhalb des beschriebenen Spektrums, die für unterschiedliche Interventionsmöglichkeiten durchaus bedeutsam sein könnten.

    Interessanter noch ist die zirkuläre Dimension: Könnte es sein, dass gerade solche moralisierenden Zuschreibungen der AfD objektiv nutzen? Empirisch lässt sich beobachten, dass diese Partei von Empörungsspiralen profitiert. Wer sich auf die Homepage Zirkularität und Beobachtung zweiter Ordnung schreibt, müsste eigentlich auch die unbeabsichtigten Effekte der eigenen Kommunikation in den Blick nehmen. Eine Logik erster Ordnung („Die sind böse, wir sind gut“) erzeugt oft genau jene Muster, die sie bekämpfen will – und trägt so zur Stärkung dessen bei, was sie verhindern möchte.

    Wichtig ist mir auch eine Unterscheidung, die Sie selbst andeuten: Politik und Therapie folgen verschiedenen Logiken. In der Therapie gibt es keinen „politischen Elefanten im Raum“ – da geht es in aller Regel um ganz andere Dinge. Aber auch in der Politik ist „klare Kante“ nur dort möglich, wo unterkomplex gedacht wird – auf welcher Seite auch immer. Komplexe Probleme lassen sich nicht durch moralische Vereindeutigung lösen, sondern erfordern differenzierte Analysen und Interventionen.

    Und noch eine Beobachtung am Rande: Im systemisch-therapeutischen Feld scheint mir eher das umgekehrte Problem zu bestehen – nämlich eine recht breite Unterstützung für linkspopulistische Positionen, die ebenfalls komplexe Probleme auf moralische Gut-Böse-Schemata reduzieren. Auch das löst keine Probleme, sondern stabilisiert Polarisierung, auch wenn – und gerade weil! – man sich damit als ambivalenzfrei „besserer Mensch“ profilieren mag.

    Vielleicht wäre ein systemischer Adventskalender-Beitrag auch gerade die Einladung, die blinden Flecken des eigenen Felds zu beleuchten – statt die von anderen?

    Mit kollegialen Grüßen

    Stefan Beher

    • Lieber Stefan Beher,

      So ein Diskurs über Kommentar Seiten hat seine Grenzen, so entschuldigen Sie bitte die Kürze.

      Zum Thema Unter-Komplexität empfehle ich folgende Lektüre:
      Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, dazu auch: „Das Grundgesetz: Ein literarischer Kommentar“, sowie aktuelle Kommentare von Navid Kermani und Daniel Kehlmann. Vielleicht auch Literatur zur Entstehung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

      Zu den Merkmalen/kategorien des Faschismus empfehle ich Umberto Ecos Essay über den „ewigen Faschismus, in zehn Punkten von mir komprimiert zusammen gefasst auf meiner Webseite unter „modern times“ :https://janbleckwedel.de/10-merkmale-des-ewigen-faschismus/

      – Aus dieser Sicht ist „Faschismus“ weder eine Frage von „rechts oder links“ oder eine „moralische Zuschreibung“ (oder gar eine Aufhebung von Mehrdeutigkeit und Diversität) sondern eine kühle Einordnung von politischen Akteuren, die sich in Wort und Schrift menschenverachtend und demokratiefeindlich äußern. Kann es einen Zweifel daran geben, dass dies gegenwärtig geschieht? Es geht hier nicht um „Empörung“, sondern zunächst um KLARHEIT. Wobei Empörung nach alldem was zwischen 1933 und 1945 passierte vielleicht doch irgendwie berechtigt erscheint, oder nicht?

      Allerdings gibt es eine politische „Moral“ aus der Geschichte des deutschen Faschismus. Lässt man die Freunde der Diktatur erst einmal an die Hebel der Macht, dann tun Sie genau das, was sie vorher angekündigt haben. Man kann dies nun aktuell und im Zeitraffer beobachten, wenn man nach Amerika blickt oder sich mit der Geschichte des Stalinismus in der Sowjetunion und später im poststalinistischen Russland beschäftigt. Fritz Simon hat zum Thema Diktatur übrigens aktuell zwei interessante Bücher veröffentlicht.

      Vielleicht kann auch die Lektüre von Boris Cyrulniks (einer der wichtigen Forscher zum Thema Resilienz), „Die mit den Wölfen heulen. Warum Menschen der totalitären Versuchung so schwer widerstehen können.“ nicht schaden.

      Wer sich mit der Geschichte der Psychologie, Psychiatrie und Psychotherapie im Nationalsozialismus etwas näher beschäftigt (das Göring Institut) kann eigentlich klar erkennen, warum es heute so wichtig ist, sich klar zu positionieren, weil doch klar sein dürfte, das ist eine Beratung und Psychotherapie in dem Sinne, wie wir sie kennen, im Totalitarismus (Hannah Arendt) nicht gibt.

      Mit freundlichen Grüßen, Jan Bleckwedel

      • Stefan Beher sagt:

        Lieber Jan Bleckwedel,

        vielen Dank für Ihre Antwort – auch wenn ich ein wenig bedauere, dass Sie den Kern meiner Kritik gar nicht adressiert: Wie lässt sich die Forderung nach „klarer Kante“ mit systemisch-konstruktivistischen Grundannahmen vereinbaren? Und müssen nicht zirkuläre Effekte Ihrer Kommunikation bedacht werden?

        Ihre Verweise auf Eco und das Grundgesetz finde ich durchaus wertvoll. Ecos Essay zum Ur-Faschismus bietet *mögliche* Analysekategorien, und die verfassungsrechtliche Perspektive ist zentral.

        Inwieweit sich daraus nun ableitet, Frau Weidel als Faschistin zu sehen, oder ihr Demokratiefeindlichkeit zu diagnostizieren, habe ich bei aller persönlichen Ablehnung ihrer Person und ihrer Partei aber immer noch nicht verstanden. Können Sie diese Einordnung denn konkret belegen? Welche spezifischen Aussagen oder Positionen von Frau Weidel erfüllen nach Ecos Kriterien oder verfassungsrechtlich die Merkmale von Faschismus bzw. Demokratiefeindlichkeit? Ohne solche konkreten Nachweise bleibt die Kategorisierung in meinen Augen eine pauschale und in dieser Pauschalität unfaire Zuschreibung, von der ich mir aus verschiedenen und eben nicht zuletzt ambivalenzbezogenen und „systemischen“ Gründen (s.o.) wünschen würde, dass sie jedenfalls so nicht öffentlich stattfände.

        Freundliche Grüße
        Stefan Beher

        • Lieber Stefan Beher,

          Wir haben ja hier unter uns aus meiner Sicht genau den Fall, der uns Beiden die Möglichkeit gibt, unsere Unterschiedsfähigkeit, also die Fähigkeit, mit Unterschieden angemessen umzugehen (nicht zu verwechseln mit Unterscheidungsfähigkeit), zu trainieren wie einen Muskel.

          Ich wünsche mir aus Gründen des Verfassungspatriotismus und aus Sorge um die demokratische Ordnung eine klare Benennung von Unterschieden und eine klare Abgrenzung (Kante) gegenüber den erklärten Feinden von Demokratie und Menschenwürde, und zwar auf dem Hintergrund der Lehren, die uns die Geschichte immer wieder aufs Neue erteilt. Sie bezweifeln, wenn ich es recht verstehe, die Effektivität eines solchen Vorgehens und stellen es auch aus prinzipiellen konstruktivistischen Überlegung heraus grundsätzlich infrage. Wir könnten nun eine lange Debatte darüber beginnen, was „systemisch“ ist, und wer dann wohl recht hat. Das würde hier sicher den Rahmen sprengen und ich halte dies auch für keine gute Idee. Es endet doch meist in sinnlosen Debatten darüber, was der echte oder wahre Ismus oder Heino ist. Eine systemische Haltung einzunehmen, bedeutet vielleicht, dass wir uns darauf, was denn systemisch sei nicht unbedingt einigen können und müssen, und dass die Debatte darüber unabschließbar weitergeht.

          Ich will also sagen, mit diesem Unterschied zwischen uns beiden sollten und können wir doch leben. Weil keiner den anderen verbal niederringen oder „massakrieren“ möchte.

          Fatal wäre nur, wenn ich Sie nun, weil ich den Unterschied nicht aushalte, der geheimen Faschismusfreundschaft bezichtigen würde, und Sie mich vielleicht, weil sie den Unterschied nicht aushalten, als „unsystemisch“ aus der Community der wahren Systemiker exkommunizieren wollten. Das wäre nicht nur lustig, sondern ein klassischer Fall von symmetrischer Eskalation in der Kommunikation (Arist von Schlippe) und einer Schismogenese ohne Not, über die Gregory Bateson so trefflich geschrieben hat, und die zurecht als gesellschaftliche Tendenz beklagt wird.

          Ich gehe jedenfalls davon aus, dass uns die Sorge um die Freiheit, die wir alle in diesem Land gegenwärtig noch genießen, eint.

          fröhliche Weihnachten, Jan Bleckwedel

          • Stefan Beher sagt:

            Lieber Herr Bleckwedel,

            ich habe im Allgemeinen überhaupt kein Problem mit Ihrer Unterschiedlichkeit. Sondern ich hatte mir lediglich eine saubere Herleitung Ihrer ja schon sehr starken, auffallend ambivalenzfreien und damit eben möglicherweise vor allem polarisierungsverstärkenden Wertungen gewünscht, gerade aus einer konstruktivistischen Perspektive, den basics also systemischer Praxis, mit Bezug auf die ich dann doch gern etwas weniger Unterschiedlichkeit unterstellt hätte. Nun schreiben Sie aufs Neue sehr viel, dann aber wiederum mit Verweis auf den begrenzten Platz überhaupt nichts zu diesem für mich allein relevanten Punkt. Schade!

            Ihnen aber auch ein paar schöne Tage und
            herzliche Grüße
            Stefan Beher

      • Lothar Eder sagt:

        Lieber Herr Bleckwedel, mir kommt der Gedanke, dass unser Ausgangspunkt derselbe ist, nämlich in meinen Worten eine Sehnsucht, dass Hitler nicht stattgefunden haben möge.
        Unsere Schlussfolgerungen daraus unterscheiden sich offensichtlich grundlegend.
        Die 10 Punkte habe ich mir durchgelesen. Nach wie vor denke ich, dass man den NS Hitlers nicht aus den spezifischen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen herausgelöst betrachten kann, wenn man seinen Aufstieg verstehen will.
        Neben vielen anderen Einwänden vergisst Eco ein zentrales Merkmal totalitärer Systeme: die Abwesenheit von Rechtstaatlichkeit.
        Die logische Inkonsistenz der 10 Punkte zeigt sich mir beispielhaft am Aspekt „Ablehnung der Moderne“. Hitlers NS waren – trotz alles germanentümeleienden Theaterdonners – keine Menschen, die Wert auf Tradition legten. Vielmehr dachten sie nach vorne – hin zum neuen Menschen, sich waren technologiebegeistert und besessen vom Fortschritt. Die Totalitarismen des 20. Jh. entstanden in der Moderne.
        Wenn man sich die gewaltige ökologische Krise unserer Zeit anschaut, ist auch sie ein Ergebnis moderner Naturanschauung: Objektivierung und Ausbeutung der Natur, der Mensch berechtigt, dies zu tun. Die „vormodernen“ indigenen Gesellschaften konnten oder können keine ökoligischen Krisen erzeugen, weil ihnen dafür schlicht die Einstellung und die Mittel „fehlen“. Nach meiner Einschätz8ung müssten wir – ganz entgegen Eco – mehr Skepsis ggü. der Moderne entwickeln, wenn wir die aktuellen Krisen überwinden möchten.
        Frohe Weihnachten! Lothar Eder

  3. Dr. Sabine Hedwig Klar sagt:

    Danke – ich wünsche mir diese Klarheit eben auch. Konstruktivistische Positionen sind hilfreich für den therapeutischen Kontext – als Weltanschauung über diesen Kontext hinaus missverstanden
    öffnen sie Tür und Tor für eine diffuse Verwaschenheit gegenüber menschenverachtenden und demokratiefeindlichen politischen Richtungen. Alles Liebe Sabine Klar

    • Stefan Beher sagt:

      Liebe Frau Klar,

      ich erinnere mich gut an Ihren eigenen Adventskalender-Beitrag, der in die gleiche Kerbe schlägt wie dieser Beitrag und „Klarheit“ einfordert. So weit, Klarheit bezüglich meiner Rückfragen herzustellen, wollten Sie dann aber offensichtlich auch nicht gehen.

      Interessant finde ich, dass Sie hier nun wiederum „Klarheit“ einfordern, während Sie konstruktivistische Positionen als „diffuse Verwaschenheit“ beschreiben. Gerade umgekehrt ließe sich ja argumentieren: Dass moralische Eindeutigkeit („klare Kante“) oft die diffuseste Form des Denkens ist – weil sie Komplexität durch Empörung ersetzt.
      Die Frage bleibt: Wer bestimmt, was „menschenverachtend“ ist? Wer zieht wo die Grenze? Und was folgt daraus konkret? Wenn Sie schon eine politische Diskussion in ein politikfremdes, und dann auch noch ausgerechnet therapeutisches Feld importieren möchten, müssten Sie derlei Fragen eben auch beantworten, anstatt in „diffuser Verwaschenheit“ anderen Menschenverachtung und Demokratiefeindlichkeit zu unterstellen. Denn damit machen Sie sich nur selbst zu einem Teil dessen, was Sie zu bekämpfen vorgeben.

      Viele Grüße
      Stefan Beher

      • Lothar Eder sagt:

        Lieber Herr Beher, ich danke Ihnen sehr für Ihre wie immer klugen und reflektierten Kommentare und Ihren Mut, den Sie in der DGSF-Auseinandersetzung gezeigt haben!

      • Dr. Sabine Hedwig Klar sagt:

        Lieber Herr Beher,

        Sie haben mich zu Antworten auf Ihre Fragen aufgefordert – also versuche ich es mal.

        „Wozu genau sollen wir uns bekennen?“

        Da ich mit Systemiker:innen spreche wie geschrieben dazu: auf das „aus systemischer Sicht unerlässlich Wesentliche, das uns in unserer Identität ausmacht. Bei allem nötigen Interesse für diverse Wissensinhalte und technische Spielarten muss unser „Standbein“ die offene, „noch-nicht-genug-wissende“ Haltung bleiben, die sich im Klient:inneninteresse nicht mit Vorannahmen und Vorgehensweisen identifiziert und darauf fixiert. Diese offene Haltung ist aber (wie wir wissen) nichts Beliebiges – sie erfordert Klarheit, Differenzierung, Auseinandersetzung und die Bereitschaft, auch in schwierigen Situationen von und mit anderen zu lernen.“

        Sie sagen, dass es „… keine privilegierten Beobachterpositionen gibt und dass jede Wirklichkeitskonstruktion kontextabhängig ist. … Wie lässt sich dies mit der Forderung nach „klarer Positionierung zugunsten marginalisierter Sichtweisen“ vereinbaren? Ist nicht gerade die Offenheit für unterschiedliche Perspektiven – auch unbequeme! – das Wesentliche systemischer Arbeit?“

        Ja meine Beobachterposition ist kontextabhängig – ich gehe davon aus, dass ich in diesem spezifischen Kontext nicht mit meinen Klient:innen rede, sondern mit meinen systemischen Kolleg:innen. In bestimmten Kontexten kann es aus meiner Sicht sinnvoll sein, klare Positionierungen zu fordern.

        „Gleichzeitig wählen Sie eine grammatische Form (Klient:innen, Kolleg:innen), von der empirisch gut belegt ist, dass sie von 60-80% der deutschsprachigen Bevölkerung – also auch der potentiellen Klientel – abgelehnt und selbst unter Linken oder unter Frauen mehrheitlich als ärgerlich angesehen wird.“

        Wow, so objektivistisch plötzlich! – und das (inkl. dem Verweis auf Statistiken, deren Ursprung und Qualität mir nicht bekannt sind) ist jetzt keine kontextabhängige Beobachterperspektive? Zum Gendern in der Sprache: ich bewege mich offenbar in einem Kontext, der gendersensible sprachliche Formen für wichtig hält und sich (im Rahmen meines Ausbildungsvereins) auf diese spezifische Form geeinigt hat. In anderen Kontexten – zB bei Klient:innen, die sich darüber ärgern – würde ich es nicht tun, weil mir da der Zugang zu ihnen wichtiger scheint. Ich habe übrigens nichts dagegen, wenn Sie in Ihren eigenen Texten nicht gendern – aber ich habe etwas dagegen, wenn Sie mich daran hindern wollen, eine sprachliche Form zu wählen, die mir persönlich angemessen vorkommt. Gendern in der Sprache schafft (in welcher kreativen Form auch immer) aus meiner Sicht ein Bewusstsein für Vielfalt. Außerdem hab ich etwas dagegen, mich in diesem Themenbereich mit Gruppierungen zu verbünden, deren entwertende Haltung bestimmten Menschen gegenüber ich ablehne.

        „Für mich stellt sich hier die Frage, ob nicht bereits die Rede von „sensiblen Gruppen“ hier womöglich als ein euphemistischer Begriff dafür zu verstehen ist, dass bestimmte Perspektiven nicht mehr kritisch hinterfragt werden dürfen? Ihr eigener Text fordert ja gerade das kritische Nachfragen – aber soll dies nun selektiv nur für bestimmte Positionen gelten? Die Unterscheidung in marginalisierte Sichtweisen, die zu unterstützen sind, und andere Sichtweisen erfordert jedenfalls bereits eine normative Setzung, die aus meinem Verständnis von „systemisch“ eher selbst der kritischen Befragung bedürfte.“

        Da gebe ich Ihnen insofern recht als ich mit dem Begriff „sensible Gruppen“ im nachhinein auch nicht glücklich bin – er kommt mir selbst ein bisschen diskriminierend vor. Andererseits gibts durchaus unterschiedliche Machtverhältnisse unter Menschen und angesichts begrenzter Zeit ist es durchaus eine Frage, wem wieviel Raum in einer Auseinandersetzung eingeräumt wird. Außerdem: darf ich als Systemikerin keine subjektiven normativen Setzungen mehr haben? Haben Sie selbst keine subjektiven normativen Setzungen, wenn Sie das so schreiben?

        „Sind systemisch arbeitende Therapeuten nicht in der Lage, positivistische Paradigmen zu verstehen, kritisch einzuordnen und trotzdem ihre eigene methodische Identität zu wahren? Müssen sie vor kognitiver Dissonanz geschützt werden? Das erschiene mir als ein merkwürdig paternalistisches und letztlich auch herabsetzendes Bild.“

        Wären die Ausbildungsstunden und die Zeit für Auseinandersetzungen nicht so begrenzt, würde ich Ihnen recht geben. Aktuell bekommen wir nur mehr wenig Raum, unsere eigentlich systemischen Haltungen und Perspektiven zu vermitteln – das Lernen zB vom klinisch relevant erscheinenden Inhalten zu diversen Störungsbildern wird in der zukünftigen Ausbildung deutlich dominieren. Die Prüfung aller dieser Inhalte am Schluss der Gesamtausbildung verstärkt diese Schiefhaltung.

        „Im Bereich der Therapie gelten andere Regeln als im Bereich der Politik.“ (Kollege Bleckwedel)

        Wenn ich Zugang zu Klient:innen finden möchte, die über bestimmte Problemlagen und Ziele mit mir reden wollen, werde ich mich in ihrem Interesse um Verständnis auch bei deutlichen weltanschaulichen Differenzen bemühen. Ich werde aber nicht direkt an Zielsetzungen arbeiten können, die mir persönlich als ethisch fragwürdig erscheinen. In der Ausbildung muss ich im Interesse, Psychotherapie zu lehren, unterschiedlichen Perspektiven Raum schaffen – gleichzeitig aber auf einen Umgang achten, der keine Ausgrenzungsprozesse fördert. Tendenziell würde ich in diesem Fall versuchen, die einzelnen Themen bzw. unterschiedlichen Diskriminierungserfahrungen auseinanderzuhalten bzw. nicht zu vermischen.

        „Dass moralische Eindeutigkeit („klare Kante“) oft die diffuseste Form des Denkens ist – weil sie Komplexität durch Empörung ersetzt.“

        Ich habe den Eindruck, dass Sie ebenfalls eine gewisse Positionierung haben bzw. eine bestimmte Sichtweise sehr deutlich vertreten. Warum sollte ich das dann nicht tun?

        „Die Frage bleibt: Wer bestimmt, was „menschenverachtend“ ist?“

        Ich denke, in der Therapie ist das letztlich der Mensch, der sich verachtet fühlt – insofern würde ich versuchen, auch Klient:innen gegenüber respektvoll zu sein, deren Weltanschauung ich ablehne. Das heißt aber nicht, dass ich mit ihnen in jedem Fall arbeiten kann oder will.

        Ich habe hier über systemische Therapie und systemische Ausbildung geschrieben – nicht über Politik. Es gibt in der Gesellschaft, die sich zu politischen Richtungen wählend positioniert, unterschiedliche Meinungen. Manche davon stehen mir persönlich näher, manche kann ich mehr oder weniger oder gerade noch akzeptieren, manche lehne ich dezidiert ab. Zu den politischen Themen, die Sie äußern, habe ich eine persönlich präferierte (zugegebenerweise „linke“) Meinung, aber Politik ist nicht Teil meiner Expertise.

        Der Mensch, der ich halt bin, redet in der Therapie mit – in meiner Rolle als Therapeutin entscheide ich, was davon ich jeweils ins Gespräch einfließen lasse , weil es dem Klienten in seinen Suchprozessen hilft – und was nicht, weil es im Kontext der Therapie nichts zu suchen hat.

        Mit freundlichen Grüßen
        Sabine Klar

        • Stefan Beher sagt:

          Liebe Frau Klar,

          vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für eine ausführliche Antwort genommen haben.

          Auch nach mehrfachem Lesen bleibt für mich eine zentrale theoretische Frage noch offen: Wie lässt sich die von Ihnen geforderte „offene, noch-nicht-genug-wissende Haltung“ mit der gleichzeitigen Forderung nach „klaren Positionierungen“ konzeptionell zusammenführen?
          Ihre persönlichen „subjektiven normativen Setzungen“ stehen für mich dabei außer Frage. Umso hilfreicher fände ich eine weitergehende Klärung der Kriterien, anhand derer entschieden werden soll, ob und gegebenenfalls welche Perspektiven intersubjektiv privilegiert werden. In diesem Zusammenhang ist für mich auch noch offen geblieben, was Sie mit den von Ihnen eingeforderten „Positionierungen“ im Kollegenkreis nun konkret meinen?

          Mein Verweis auf empirische Daten zur Ablehnung von Genderformen war übrigens nicht als „objektivistisch“ gemeint, sondern als Hinweis auf einen relevanten Aspekt der Kommunikationswirklichkeit. Die Daten sind repräsentativ und breit repliziert (u.a. Infratest, Forsa, Allensbach) – damit übrigens ein mögliches, sinnvolles Beispiel für ein Kriterium zur intersubjektiven Privilegierung einer Perspektive. Dass eine Mehrheit – auch unter Frauen und Linken – diese Formen ablehnt, erschien mir nun nicht bloß in Ihrem gegenderten Plädoyer für eine Privilegierung von Klientenperspektiven, das ich ansonsten inhaltlich teile, als eine Art performativer Selbstwiderspruch, sondern eben insbesondere auch für die Frage nach therapeutischer Anschlussfähigkeit nicht irrelevant. Wie mir scheint, sind wir uns in diesem letzten Punkt immerhin einig – und das freut mich sehr, denn da habe ich schon ganz anderes erlebt.

          Mit kollegialen Grüßen

          Stefan Beher

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