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systemagazin Adventskalender 2025 – 16. Arist von Schlippe

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Ein kleiner Beitrag zur Beobachtung zweiter Ordnung zum Advent

Es gibt in diesen Zeiten vieles, was zu Besorgnis Anlass gibt. Ich möchte aus den vielen Ereignissen, zu denen man etwas sagen (vielleicht auch schreien) müsste, zwei herausgreifen: die Feiern vom 3.10. zum diesjährigen Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung und zu einem Zeitungsartikel der vergangenen Wochen, zu dem hier der Titel genügen soll: „Brüssel stellt Fahrplan zur Aufrüstung vor“. 

Beide sind für mich Anlass, zu fragen, wie eigentlich jenseits von „Kriegstüchtigkeit“ eine Kommunikationsstrategie aussehen müsste, die von dem Bewusstsein ausgeht, dass Kriege Formen von Kommunikation und Ergebnis von Kommunikation sind. Wer das nicht im Blick hat, macht sich blind dafür, wie er (oder leider auch sie) mit seiner Art zu kommunizieren die Gefahr mit heraufbeschwört, vor der gewarnt wird. Seit dem Angriff auf die Ukraine scheint die westliche Welt einer kollektiven Kriegslogik zu folgen, wie sie etwa Luc Ciompi oder Fritz Glasl beschreiben (s. die von Tom Levold und mir herausgegebene Familiendynamik 4/2024). Einseitig wird die Notwendigkeit eigener Rüstung betont, ohne diese Schritte gleichzeitig durch intensive Kommunikation zu begleiten, die das Risiko von Missverständnissen und damit der Kriegsgefahr begrenzt. Schon vorsichtige Zeichen von Verständigungsbereitschaft werden als Schwäche ausgelegt. Europa wird als Festung verstanden, die sich nun eng gegen Russland zusammenschließen müsse – dabei gehört auch dieses Land zu Europa. Was hätte es geschadet, wenn bei den Feiern zum 3. Oktober von verantwortlicher Stelle deutlich gesagt worden wäre, wie dankbar wir Deutschen dem russischen Volk sind (oder meinetwegen sein sollten), dass uns vor 35 Jahren auch von dieser Seite aus die Wiedervereinigung ermöglicht wurde, wie groß unser Interesse ist, in eine gute Beziehung zu den Menschen in Russland zurückzukommen, und dass wir bereit sind, alles dafür zu tun, dies langfristig wieder zu ermöglichen? Stattdessen wird ein Europa beschworen, das sich gegen Russland zusammenschließen müsse und das damit alle Menschen dieses Landes explizit ausschließt, auch die nachdenklichen, kritischen und so die Feinde mit erzeugt, gegen man sich abgrenzt. Eine Friedenslogik würde neben vielleicht notwendigen Aufrüstungsschritten immer wieder unmissverständliche kommunikative Signale senden, die es der anderen Seite erschweren, diese Schritte als Bedrohung wahrzunehmen. Von Haim Omer habe ich gelernt, dass dies eine wesentliche Qualität von Konfliktkommunikation ist: auf eine Weise zu sprechen, die die Vielstimmigkeit auf „der anderen Seite“ vergrößert. 

Es gilt zu erkennen, dass der eigentliche „Feind“ die Eskalation ist – und diese beginnt in der Kommunikation und setzt sich langsam aber stetig, schrittweise fort. Ohne eine klare Kommunikationsstrategie folgen wir wie die Schlafwandler der Logik des Krieges.

Schließen möchte ich mit einem meiner liebsten Zitate, es ist von Max Frisch:

„In gewissem Grad sind wir wirklich das Wesen, das die anderen in uns hineinsehen, Freund wie Feinde. Und um­gekehrt. Auch wir sind die Verfasser der anderen; wir sind auf eine heimliche und unentrinnbare Weise verantwort­lich für das Gesicht, das sie uns zeigen…. Wir sind es, die dem Freunde, dessen Erstarrtsein uns bemüht, im Wege stehen, und zwar dadurch, dass unsere Meinung, er sei erstarrt, ein weiteres Glied in jener Kette ist, die fesselt und langsam erwürgt. Wir wünschen ihm so, dass er sich wandle, o ja, wir wünschen es ganzen Völkern! Aber darum sind wir noch lange nicht bereit, unsere Vorstellung von ihnen aufzugeben. Wir selber sind die letzten, die sie verwandeln. Wir halten uns für den Spiegel und ahnen nur selten, wie sehr der andere seinerseits eben Spiegel unseres erstarrten Menschenbildes ist, unser Erzeugnis, unser Opfer.“ (Max Frisch (1964). Tagebuch 1946-1949. Frankfurt: Suhrkamp, pp. 33f; Kursivsetzung: AvS)

10 Kommentare

  1. Dr. Arist von Schlippe sagt:

    Lieber Herr Bleckwedel,

    lange habe ich gezögert, noch „einen draufzusetzen“ und damit evtl. dazu beizutragen, dass auch wir in eine Eskalationsspirale geraten. Nachdem mich aber Ihr Kommentar und die, wie ich finde, völlige Verdrehung meiner Aussagen dazu bringen, ständig in Gedanken mit Ihnen zu diskutieren (und die Vehemenz Ihres Beitrags legt nahe, dass Sie dies auch mit mir getan haben), will ich doch wenigstens ein paar Worte loswerden.

    Zu Argumentieren gäbe es (zu) viel, nur ein paar Gedanken.
    Kern meiner Aussage ist, dass, wenn wir Kriege als eine (perverse) Form der Kommunikation sehen, wir zu einer erkennbaren Kommunikationsstrategie kommen müssten, die die Gefahr von Missverstehen reduzieren kann. Unsere Zeitungen sind voll vom Reden über Aufrüstung (die ich derzeit übrigens nicht infrage stelle!), Abgrenzung und Abschottung usw. Über praktisch alle anderen Kommunikationsformen (ich denke dabei überhaupt nicht daran, dass man hier mit Angeboten oder Versprechungen operiert) wird nicht berichtet, hoffen wir, dass es im Geheimen noch Verbindungen gibt… Das Kappen aller Kommunikationskanäle nach Russland nach 2022 sehe ich als einen großen Fehler. Ich sprach damals mit einem Uni-Präsidenten, er sagte, dass sie die Order hätten, alle Verbindungen zu unterbrechen. Damit verliert man aber den Kontakt gerade zu den nachdenklichen Kolleginnen und Kollegen (ich bin mit einigen noch in direkter Verbindung).

    Und wie steht es mit Kontakten auf Regierungsebene? Frieden schließen funktioniert nicht, wenn man nur mit Freunden redet. Ich empfehle noch einmal den Text von F. Glasl in der „Familiendynamik“, der auch nicht vom Frieden „schwadroniert“ (wie in einem anderen Kommentar gesagt wurde), sondern der (so wie auch Luc Ciompi) auffordert zu prüfen, in welcher Logik wir uns bewegen. Denn wenn wir in Reaktion auf das fürchterliche Geschehen in der Ukraine in Kriegslogik verfallen, hat die „andere Seite“ bereits einen großen Erfolg zu verbuchen! Wie sagte Bateson: „Wenn wir die Fundamentalisten bekämpfen, bringen wir uns in einen Zustand der Hirnlosigkeit, der ihrer eigenen entspricht“ (Gregory Bateson in „Ökologie des Geistes“, S. 444).

    Aber, nein, ich kann nicht alles sagen, was mir durch den Kopf geht. Sie haben ja selbst auch schlaue Leute zitiert, ich habe das ja gerade auch schon angefangen. Ich hatte meinen Text an Haim Omer gesendet. Er meinte, ich verträte eine Position wie Erasmus von Rotterdam, von dem ich bis dato herzlich wenig wusste. Er empfahl mir das Buch von Stefan Zweig über diesen Menschen (das man übrigens für -,49 € (!) bei Kindle herunterladen kann). Ich habe es mit Faszination gelesen – für den Autor wie für den Porträtierten. Eine seiner Aussagen geht mir nach Ihrem Brief nicht aus dem Kopf: „Immer werden jene vonnöten sein, die auf das Bindende zwischen den Völkern jenseits des Trennenden hindeuten“. Mehr zu sagen, war nicht mein Interesse“ Als ich schrieb, dass Russland auch zu Europa gehöre, wollte ich die Dynamik des blinden Ausschlusses eines ganzen Volkes kennzeichnen, und natürlich nicht meinerseits indirekt die Ukraine ausschließen (absurd).

    Ein Letztes: In der aktuellen ZEIT schreibt ein Pastor und Psychologe über die jahrelangen Bemühungen, die extrem verfahrene Lage in Irland zu entspannen. Ein Satz zum Schluss daraus: „Wie schafft man einen moralischen Rahmen, der den Menschen ermöglicht zu erkennen, dass sie andere Möglichkeiten haben, als sich weiter gegenseitig umzubringen? Dieser moralische Rahmen wurde dann allmählich zu einem politischen Rahmen, ein langwieriger Prozess.“
    https://www.zeit.de/politik/ausland/2025-12/nordirland-konflikt-friedensabkommen-nahost-terroristen
    Wie auch immer es weitergeht, es wird lange dauern. Aber wir sind es, die heute Eckpunkte dafür setzen können, die „Wahrscheinlichkeit konstruktiver Anschlußinteraktion zu erhöhen“ um den geschätzten Niklas Luhmann zu zitieren.

    Freundliche Grüße!

    • Lieber Arist von Schlippe,

      Unser kleiner Kommentar Diskurs zeigt ja, wie wichtig das direkte Sprechen über die schmerzlichen Entwicklungen, die wir gerade sehen und erleben, wäre, um Missverständnisse, die allzu leicht entstehen, auszuräumen. Ich persönlich habe kaum Kontakt zu russischen Kolleg:innen, lese aber die Artikel und die Literatur geflüchteter russischer intellektueller. Die geflüchteten Kolleginnen aus der Ukraine, die wir hier in Bremen unterstützen, erzählen mir von Ihren zerrissene und zerbrochenen Herzen angesichts der russischen Aggression. Mit der gleichen Intention, die auch sie vielleicht bewegt, nämlich der Frage wie es denn danach weitergehen könnte. Und es wird hoffentlich ein danach geben, so wie es für das nationalsozialistische Deutschland ein danach gegeben hat, wofür ich sehr dankbar bin.

      Stefan Zweig ist hier ein besonderer Fall und Hero, über dessen Position sich ein langes Gespräch sicher lohnen würde.

      Ich persönlich bevorzuge eine klare Unterscheidung zwischen Konflikt und Verbrechen. Dies sind für mich zwei unterschiedliche Kategorien. Der Krieg Russlands gegen die Ukraine ist für mich ein Verbrechen. Auf dieser Unterscheidung (die Glasl meines Wissens nach nicht macht), möchte ich gerne bestehen , auch in anderen Zusammenhängen, denn es ist für mich eine prinzipielle Unterscheidung, ohne die ich nicht leben möchte. Dabei gehe ich davon aus, dass auch für Sie diese Unterscheidung wichtig ist.

      Aber sie haben natürlich recht mit ihrer Frage und vielleicht auch ihrer Sorge, die ich jetzt besser verstehe. Wie geht es denn danach, nach den Verbrechen weiter? Auf diese Frage haben wir als Menschheit bisher noch keine sehr guten Antworten gefunden, was für mich bedeutet, dass wir uns auf die Suche begeben könnten.

      Mit kollegialen Grüßen, Jan Bleckwedel

  2. E. Engel-Yamini sagt:

    Dieser Krieg ist ein ZIVILISATIONSBRUCH. Period.

  3. E. Engel-Yamini sagt:

    Danke Herr Bleckwedel. Wir müssen zwar alle, alles tun, um Krieg oder Kriege zu vermeiden. Aber Tatsachen, Bilder von Mord, vergewaltigung, Folter, Entführung, Drohungen zu verharmlosen, dazu noch den Pazifismus zu bemühen, macht mich zornig. Systemisch heisst, Realitäten wahrnehmen, mit allen Sinnen. Läsungen zu suchen, aber sich nicht vorauseillend verbiegen. Ich persönlich verdanke mein Leben, dass Hitler mit Hilfe von Allierten und UDSSR nicht über den Kaukasus gekommen ist. Sonst wäre ich wahrscheinlich heute nicht existent. Meine Familie wäre deportiert wurden. Aber die Gleiche Rote Armee, die unter massiven Opfern Leben gerettet hat, bombadiert jede Nacht Häuser, Kindergärten, Energieanlagen der Ukraine. Putin droht Europa notorisch mit Atombomben. Wer das nicht befreifen will, soll mal ein Praktikum in Kremel machen. Wie kann man sich hinstellen und von Frieden schwadronieren? Das Wort schwadronieren ist respektlos. Das weiss ich. Das entsetzt mich. Ich verliere damit Mein Vertrauen in die moralische Urteilsfähigkeit dieser Fraktion, in die Aufklärung und Menschenrechtsdeklarationen. Ich erwarte wenigstens Empathie. Etwas wie Solidarität. Ja D.T. und Putin nehmen Europa in den Schwitzkasten. Sieht man das nicht? Ja das kommt Der EU teuer zu Stande. Und Schwächst die Demokratie im Innern. Siehe AFD. Man kann das Geld nun mal nur einmal ausgeben. Nach dem Krieg war Deutschland Paria unter den Völkern. Halbverhungerte Familien bekammen grosszügig Carepackete. Menschenleben ist das höchste Gut. Aber die Sehnsucht nach Frieden dafür missbrauchen? Nein. Es fällt mir der Spruch ein, Juden haben aus Auschwitz gelernt, nie wieder Opfer sein. Was haben manche Deutsche davon gelernt? Ukraine hat nicht einen Diktator gestürzt und ist nicht auf den Maidan gegangen, um sich von einem brutalnationalistisch und faschistisches Regime unterjochen zu lassen. Right? Frieden und Freiheit sind hohe Werte. Nach der Logik, sollten sich doch die Menschen in Iran mit dem Mollahregime mal friedlich arrangieren. Sollen sich nicht so anstellen. Das bisschen Diktatur. Nein. Frau, Leben, Freiheit.

  4. Lieber Frist von Schlippe,

    Dein Beitrag zeigt mir wieder einmal, wie unterschiedlich die Welten sein können, in denen wir leben.

    Du schreibst: „Seit dem Angriff auf die Ukraine scheint die westliche Welt einer kollektiven Kriegslogik zu folgen“: Ich würde eher sagen: Seitdem die Ukraine, ein souveränes Land, völkerrechtswidrig und gegen alle Verträge, die es mit Russland geschlossen hatte, heimtückisch (wie soll man die bis zum letzten Moment geheim gehaltene „Spezialoperation“ sonst nennen?) überfallen und mit einem grausamen und brutalen Krieg überzogen wurde, der nun ins vierte Jahr geht und viele 100.000 Tote und Millionen Flüchtlinge zur Folge hatte und hat – ein Krieg der zu jeder Stunde von Vladimir Putin, dem neuen diktatorischen Zaren im Kreml, beendet werden könnte – denkt Europa darüber nach, wie es sich gegen den neuen-alten Imperialismus dieses Regimes schützen kann, auch militärisch.

    Daraus ergibt sich für die europäischen Staaten eine Dilemmasituation zwischen: (A) der ursprünglichen, auf (a) universellen Werten basierenden und (b) im Vertrauen auf die Einhaltung von Verträgen geschlossenen Friedensordnung in Europa und andererseits (B) das Vorbereitet sein auf einen imperialistischen Angriff und eine Kriegslogik-und Taktik (begleitet von einer entsprechenden Kriegsrhetorik), die mit allen Mitteln arbeitet, auch mit dem Mittel der Arglist und Täuschung, vor allem aber mit dem Mittel der Drohung (Androhung atomarer Gewalt!) unter Berufung auf das Recht des Stärkeren. Wie lösen wir dieses Dilemma auf? Wie schützen wir unsere Freiheit, unsere Werte und Rechte, notfalls auch mit militärischen Mitteln, wie es gerade das ukrainische Volk versucht – und verfallen nicht gleichzeitig dem Militarismus?

    Du schreibst: „Einseitig wird die Notwendigkeit eigener Rüstung betont, ohne diese Schritte gleichzeitig durch intensive Kommunikation zu begleiten, die das Risiko von Missverständnissen und damit der Kriegsgefahr begrenzt. Schon vorsichtige Zeichen von Verständigungsbereitschaft werden als Schwäche ausgelegt“. Ich frage: Wie ist es möglich einen solchen Satz zu schreiben, in diesen dramatischen Tagen, in denen das ukrainische Volk, gezwungen durch den amerikanischen Präsidenten, dem russischen Regime ein Friedensangebot unterbreitet, dass einer Kapitulation gleich kommt (und böse Erinnerungen an München 1938 weckt), ein Angebot, dass vom Putin Regime zynisch abgelehnt und mit Bomben beantwortet wird, um die ukrainische Bevölkerung auch zu Weihnachten zu demütigen und zurück in die Steinzeit zu bomben?

    Du schreibst: „Europa wird als Festung verstanden, die sich nun eng gegen Russland zusammenschließen müsse – dabei gehört auch dieses Land zu Europa“. Ich frage: Gehört die Ukraine nicht zu Europa? Und historisch gesehen: Deutschland ist ein Land in der Mitte Europas, es gehört und gehörte zu Europa und doch schlossen sich die Alliierten zusammen, um den Faschismus zu besiegen? In den Krieg gezwungen durch Adolf Hitler. Schon vergessen? Russland ist nicht nur aber auch ein europäisches Land, ja, gerade deshalb muss sich Europa gegen einen neuen totalitären Imperialismus ala Putin mit allen Mitteln wehren. Oder etwa nicht?
    ..
    Du schreibst: „…dass uns vor 35 Jahren auch von dieser Seite aus die Wiedervereinigung ermöglicht wurde, wie groß unser Interesse ist, in eine gute Beziehung zu den Menschen in Russland zurückzukommen, und dass wir bereit sind, alles dafür zu tun, dies langfristig wieder zu ermöglichen?“ Dazu sage ich: Die Wiedervereinigung wurde ermöglicht durch die damalige Sowjetunion (deren Teil damals noch die Ukraine war!), und zwar unter Gorbatschow und unter dem Vorzeichen einer Abkehr vom Sowjet Imperialismus unter Stalin (deren Restauration sich das Putin Regime auf die Fahnen geschrieben hat). Gebührt dann nicht der Dank auch dem ukrainischen Volk? Kann man darüber einfach so hinweg gehen? Wir haben nicht nur jedes Interesse daran, zu allen Völkern der ehemaligen Sowjetunion ein gutes Verhältnis zu pflegen, und, ja, auch wieder herzustellen, wenn dies möglich ist, sondern geradezu eine Verpflichtung. Wir, die Deutschen profitierten wie kein anderes Volk von den ausgestreckten Händen anderer Nationen und Völker. Wir wurden, nachdem Deutschland die halbe Welt überfallen hatte und in Schutt und Asche legte, trotz alledem wieder in den Kreis der Nationen und Völker aufgenommen.

    Dies kann und soll auch mit Russland geschehen, nachdem das verbrecherische Regime besiegt ist oder in sich zusammenfällt. Wer heute schon Freundschaft schließen will mit den russischen Menschen, der könnte den 100 tausenden von Journalisten, Künstlern und Intellektuellen zuhören (!), die vor diesem mörderischen Regime fliehen mussten, fliehen wie vormals die deutschen Emigranten, die Deutschland verlassen mussten, weil sie mit Folter, Tod und der Verbrennung ihrer Bücher rechnen mussten.

    Du schreibst: „Stattdessen wird ein Europa beschworen, das sich gegen Russland zusammenschließen müsse und das damit alle Menschen dieses Landes explizit ausschließt, auch die nachdenklichen, kritischen und so die Feinde mit erzeugt, gegen die man sich abgrenzt“. Was für eine seltsame Konstruktion? Wenn man Interviews mit russischen Schriftsteller wie Boris Akunin, Maxim Ossipow, Viktor Jerofejew hört oder deren Bücher liest, dann wird schnell klar: Sie wünschen sich nichts weniger als Schönfärberei und Beschwichtigung und nichts mehr, als dass sich das freier Europa gegen dieses blutrünstige Regime, dieses Russland mutig zusammenschließt. Wenn man schon in historischer Vergessenheit nicht auf die Stimme Thomas Manns hören will, dann könnte man zumindest auf die Stimmen geflohener russischer Schriftsteller hören und zur Kenntnis nehmen was sie heute und jetzt zu sagen haben.

    Und dann dieser Satz: „..der eigentliche „Feind“ (ist) die Eskalation – und diese beginnt in der Kommunikation und setzt sich langsam aber stetig, schrittweise fort“.

    Als Therapeut kann man vielleicht einen solchen Satz formulieren, aber was bedeutet dieser Satz im KONTEXT des Überfalls auf die Ukraine? Dass die Ukraine, das ukrainische Volk also selbst, oder zumindest mit Schuld ist am Überfall des Putin Regimes? An der eskalierenden Kommunikation? Im Vergleich: Wie war es dann beim Überfall Deutschlands auf Polen? Waren dann die Polen nicht doch auch irgendwie mit Schuld an der Eskalation (weil, es wurde ja „zurückgeschossen“)? Waren die Juden, nimmt man den obigen Satz als feststehenden Satz ohne Kontext ernst, vielleicht doch auch irgendwie mit Schuld daran, dass die Deutschen versuchten sie im industriellen Massenmord zu vernichten? Oder die Sklaven, oder die Missbrauchten, oder…?

    Lieber Aris, ich bin mir sicher, dass du all dies nicht meinst. Dein Freund und Mitautor Haim Omer hat ein wunderbares und bemerkenswertes Buch über Feindbilder geschrieben, in dem ich immer wieder blättere. Was aber, wenn ein anderer Dich zu einem Feind erklärt, der ausgelöscht werden muss? Meinem Vater ist dies in Deutschland passiert, und es passiert heute wieder überall auf der Welt. Hätten die Badenden am Strand von Sydney die zu ihrer Tötung entschlossenen Todesschützen mit deeskalierender Kommunikation aufhalten können (Oder waren sie vielleicht doch an der Eskalation der Situation irgendwie kommunikativ beteiligt, weil sie der jüdischen Gemeinde angehörten und Jom Kippur feiern wollten…?).

    Es gibt schmerzliche Fragen, auf die es keine einfachen Antworten gibt, und auf die wir, die Humanisten, bisher keine guten Antworten gefunden haben. Ich nehme an, Hannah Arendt wollte auf diese Fragen hinweisen als sie schrieb: „Der europäische Humanismus, weit davon entfernt, die Wurzel des Nazitums zu sein, war auf diesen oder auf irgendeine andere Form totaler Herrschaft so wenig vorbereitet, dass wir uns beim Verständnis dieses Phänomens und bei seiner Einordnung weder auf die begriffliche Sprache noch auf die traditionellen Metaphern dieses Humanismus verlassen können. Darin liegt jedoch eine Bedrohung für alle Formen des Humanismus: Ihm droht die Gefahr, irrelevant zu werden“ (Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft).

    Herzliche Grüße, Jan Bleckwedel

    • Einen Zusatz möchte ich gerne anfügen, Auszüge aus der Dankesrede Karl Schlögels zum diesjährigen Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2025:

      „…in einem Augenblick, da einem mit Blick auf die neue Weltunordnung die Grenzen der eigenen Urteilskraft auf schmerzlichste Weise zu Bewusstsein kommen. Es geschieht das Ungeheuerlichste: Unter unseren Augen werden ukrainische Städte Tag für Tag, Nacht für Nacht von russischen Raketen beschossen, und Europa scheint nicht in der Lage oder nicht willens, sie zu schützen. Fassungslos waren wir Zeugen des mörderischen Pogroms der Hamas am 7. Oktober 2023 und der Verwandlung Gazas in ein Schlachtfeld mit Abertausenden von Opfern unter der Zivilbevölkerung. Von den apokalyptischen Szenarien des Bürgerkriegs im Sudan nimmt die Welt kaum Notiz.

      …Die Erforschung der Ursprünge von Kriegen und der komplizierten Wege zum Frieden – die Waffen zum Schweigen zu bringen, das Töten zu beenden, den Aggressor zu entmachten, vielleicht zu einem Friedensvertrag zu kommen, dem dann auch eine Aussöhnung folgen kann – bietet ein unendlich reiches Anschauungsmaterial für das, was Diplomatie vermag und was nicht, aber sie liefert keine für alle Zeit anwendbaren Rezepte, da Geschichte sich eben nicht wiederholt. Und dann stellt man fest, dass man, trotz all des Wissens, trotz all der Erfahrung vorangegangener Generationen, doch noch einmal wieder ganz von vorne beginnen muss, und dass einem in tiefer Ratlosigkeit die Worte fehlen, mit denen man beschreiben kann, was unter unseren Augen vor sich geht. Die Begriffe, mit denen man die neuen Verhältnisse erfassen möchte, sind diesen nicht angemessen. Es verschlägt einem die Sprache für das, was geschieht. Das ist mehr als nur ein Mangel an Begriffen oder schriftstellerischem Talent, sondern das Wegbrechen eines Erfahrungshorizonts, in dem man groß geworden ist und wo alles, was man im Laufe eines Lebens zusammengetragen hat, in Frage gestellt, entwertet scheint, ja in Trümmern liegt.
      Ich konnte mir nicht vorstellen, dass Russland noch einmal zurückfallen würde in Zeiten, die in Vielem den Praktiken des Stalinismus gleichen, dessen Erforschung ich Jahre meines Lebens gewidmet hatte; ich konnte mir nicht ein Amerika, das ich als Student kennengelernt hatte, vorstellen, in dem sich einmal Angst vor einem autoritären Regime würde ausbreiten können. Ganz fremd war mir der Gedanke, dass auch in der Bundesrepublik etwas ins Rutschen kommen könnte. Vor allem aber: dass der Krieg, der für mich etwas war, das ich nur vom Fernsehen oder aus Dokumentarfilmen kannte, etwas Reales in der nächsten Nachbarschaft werden könnte. Das aber ist geschehen. Und es kommt mir so vor, als wären nun wir – wenn ich einmal im Kollektivsingular sprechen darf –, die an eine scheinbare Friedenszeit gewohnte und friedensverwöhnte Generation, an der Reihe, noch einmal alles von Anfang an zu durchdenken, eine Art Bilanz und Prüfung einer Generation, die unwahrscheinliches Glück gehabt hat, und die nun sich unerhört schwertut, Abschied zu nehmen und sich auf den Krieg in Europa und alles, was damit zusammenhängt, einzustellen.“
      Karl Schlögel ist ein deutscher Historiker, Hochschullehrer und Publizist, der sich wie kaum ein anderer mit der Geschichte Osteuropas beschäftigt hat, und zwar nicht vom grünen Tisch aus, sondern in der Beschäftigung und im Dialog mit den dortigen Menschen. Seine Forschungsschwerpunkte sind russische und ukrainische Moderne und Stalinismus, russische Diaspora- und Dissidentenbewegung, sowie die Kulturgeschichte ostmitteleuropäischer und osteuropäischer Orte und Städte, die er immer wieder besucht bzw. besuchte.

      J.B.

    • Lothar Eder sagt:

      Lieber Herr Bleckwedel, als ich Ihren Kommentar gelesen habe, habe ich mich gefragt, ob Sie das tatsächlich ernst meinen mit Ihrer Absicht (Wunsch, Sehnsucht), Putin besiegen zu wollen? Sie stellen eine Menge Bezüge zur deutschen Geschichte her. Von daher ist Ihnen ja sicherlich der letzte deutsche Russlandfeldzug vor 80 Jahren und auch sein Ende bekannt? Deutsche Russlandfeldzüge enden in Stalingrad. Das nächste Stalingrad läge mit Sicherheit in Mitteleuropa, möglicherweise in Ihrer Nähe. Wollen Sie das?
      Und gerade mit der deutschen Geschichte im Hintergrund verbietet sich jede Kriegsrhetorik, die Sie in meinen Augen bzw. Ohren betreiben. Wir sollten ein Volk von Friedenstaubenzüchtern sein statt „kriegstüchtig“ zu werden. Ein Naziwort. Verwendet z.B. in einer Depesche Görings an Hitler 1940. Und jetzt schon wieder. Im Ernst?
      Mein Weihnachtswunsch: dass wir Deutsche innerlich abrüsten und uns nicht schon wieder einspannen lassen für Interessen, die nicht im Sinne der Frauen, Männer und Kinder dieses Landes sind.
      Von daher mein Dank an Arist: danke lieber Arist für deine Vernunft und Deine Worte.
      Erinnert sei an das Wort von John Lennon: Fighting for peace is like fucking für virginity.

  5. Wolfgang Röttsches sagt:

    Danke lieber Arist,
    vor 55 Jahren musste ich mich der Kommission zur Überprüfung meiner Gewissensentscheidung stellen. Wer heute die allseits geforderte Erhöhung der Verteidigungsbereitschaft kritisiert, wird belächelt und als Verleugner der Wirklichkeit diffamiert.
    Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland Artikel (Art. 4 Abs. 3 GG):
    „Niemand darf gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Das Nähere regelt ein Bundesgesetz.“

  6. Jürgen Wernicke sagt:

    Vielen Dank für diese leider viel zu selten geäußerte Sicht. Ich bin erschüttert darüber, dass „wir“ so stark dazu neigen, uns einseitig festzulegen, eine Seite der Polarität als alternativlose einzige Option zu propagieren – und zwar sowohl die „Kriegsfreunde“ als auch die „Pazifisten“. Wie wenig Bewusstsein dafür ist, dass auch in einem Krieg zivile Arbeit geleistet werden muss, dass auch ein Frieden möglicherweise mit Verteidigungsbereitschaft durch Waffen ermöglicht wird. Dass es Okay ist, kein Soldat werden zu wollen, aber eben auch Okay als Soldat zu dienen. Dass eine allgemeine Dienstpflicht viel mehr Bewusstsein für einen Dienst an der Gemeinschaft ermöglicht als eine Festlegung auf Wehrdienst. Dass nicht nur Veteranen mit einem Gedenktag aufgewertet werden, sondern jeglicher Einsatz für die Gesellschaft. Ich könnte noch viel mehr Beispiele nennen, das soll aber erstmal reichen.
    So klar wie in Ihrem Beitrag, Herr von Schlippe, habe ich diesen Gedanken noch nirgendwo gelesen oder gehört, auch nicht bei den eigentlich dafür zuständigen Philosophen, Friedensforschern und dergleichen. Vielen dank!

  7. M. Ochs sagt:

    Danke, Arist, für das schöne Max Frisch Zitat – das wunderbar veranschaulicht, was mit epistemologischem sozialen Konstruktionismus gemeint ist… Herzlich, Matthias

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