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Ritual zum Abschied

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„Ein Höhepunkt der letzten Zeit war für mich der unerwartete Besuch von Anja, Tochter eines einstmals mit uns befreundeten Paares, das seit zehn Jahren geschieden ist. Wir haben Anja lange nicht gesehen. Kein Wunder. Denn unser Loyalitätskonflikt mit den getrennten Freunden beeinträchtigte während Jahren die Beziehung zwischen ihrer Tochter und uns.
Mit dem feinen Gespür des Kindes hat Anja unser Unverständnis ihren Eltern gegenüber gemerkt und sich zurückgezogen. Sie hat richtig gespürt, und unsere Reaktion war gewiss kein Meisterwerk an Toleranz. Bei ihrem Besuch als erwachsene Frau, die ihren Weg gefunden hat, konnten wir uns unsere Geschichten erzählen und einen neuen Boden des Vertrauens legen.
Damals haben wir nicht verstanden, warum Anjas Mutter so lange brauchte, den Schmerz der Verlassenen zu überwinden und ihre Eigenständigkeit zu beanspruchen, die neben ihrem ausufernden Mann so wenig Platz bekommen hatte. Inzwischen ist sie aus dem Loch heraus gekrochen und hat ihre eigenen kräftigen Flügel ausgebreitet.
Anjas Vater haben wir übel genommen, dass er uns als Statisten einzubinden suchte in die «beste Scheidung des Jahrhunderts», indem er uns deutlich machte, dass wir grosszügig sein und uns freuen sollten über sein neues Glück. Er lud uns zu imposanten Festen im neuen Haus ein, bei denen er der Welt zeigte, was für eine bedeutende Rolle er zusammen mit seiner jungen Partnerin zu spielen gedachte. Irgendwann waren wir der Allmachtsrituale des Arrivierten leid und blieben weg.
Schmerzlich haben wir realisiert, dass wir nie wieder das gemeinsame Glück der alten Zeit erleben werden, als wir noch mit unseren Kindern in zwei kleinen Wohnungen lebten und gemeinsam kochten und Feste improvisierten. Damals fiel es uns leicht, unseren Freund liebevoll über seine expansive Art zu necken. Jetzt irritiert sie uns.
Die Spaltung unserer Loyalität hat natürlich auch mit dieser Irritation zu tun, die weit hinter die Scheidung zurückreicht. Die Idee der besten Scheidung klingt zwar attraktiv, aber sie setzt eine gewisse Gerechtigkeit in den Machtverhältnissen des Paares voraus, die rechtlich nicht zu fassen sind. Wenn diese schief liegen, ist die gleichmässige Loyalität von Freunden und Verwandten zu den getrennten Partnern schwer möglich.
Vielleicht gelingt es uns irgendwann, ein Ritual für scheidungsbetroffene Freunde zu entwickeln, das der Trauer um das, was wir verloren haben, einen guten Platz sichert. Solch ein Abschiedsritual könnte Kindern wie Anja einiges an Leid ersparen.

Im Jahre 2002 hat die im vergangenen Jahr verstorbene systemische Paartherapeutin Rosmarie Welter-Enderlin allwöchentlich Sonntags in der Neuen Zürcher Zeitung eine Kolummne mit dem schönen Titel„Paarlauf“ veröffentlicht, in der sie kleine Beobachtungen und Geschichten aus ihrer paartherapeutischen Praxis für ein größeres Publikum zugänglich machte. Rudolf Welter hat aus diesen Beiträgen eine kleine Broschüre zum Andenken an Rosmarie Welter-Enderlin gestaltet. Mit seiner freundlichen Erlaubnis können die LeserInnen des systemagazin an diesen Sonntagen die Texte auch online lesen.

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