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Re-Education und Gruppendynamik – eine deutsche Geschichte

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Die Kenntnis und Einordnung gruppendynamischer Phänomene gehört heute für professionelle Berater, die als Supervisoren, Organisationsberater oder Coaches mit Organisationen bzw. Teams arbeiten, zu den Selbstverständlichkeiten, die bei den zu bearbeitenden Klärungs- oder Veränderungsprozessen zu berücksichtigen sind. Das gilt unabhängig von den grundlegenden methodischen Orientierungen der Berater. Auch in systemischen Weiterbildungen in Organisationsberatung wird das Wissen um Gruppendynamik hoch bewertet. 

Allerdings ist die politisch hochbedeutsame Geschichte der Gruppendynamik in Deutschland kaum bekannt bzw. aus dem kollektiven Bewusstsein weitgehend verschwunden. Die Geschichte sozialpsychologischer und psychotherapeutischer Entwicklungen seit dem 2. Weltkrieg ist generell ein immer noch recht wenig beackertes Feld. Zumal, wenn es nicht nur um die – selbstverständlich positive – Selbstdarstellung bedeutsamer Akteure geht, sondern um die kritische Hinterfragung solcher Entwicklungen und die Eröffnung neuer Perspektiven auf die eigene Profession. Oliver Königs voluminöses Werk „Experimente in Demokratie“ zeigt auf großartige Weise, wie man eine solche Geschichte auf spannende und analytisch brillante Weise darstellen kann. Auf über 350 Seiten hat er die Entwicklung der gruppendynamischen Bewegung in der BRD (und übrigens auch in der DDR) detailreich nachvollzogen.

König ist selbst ein prominenter Vertreter der deutschsprachigen Gruppendynamik, seine publizistische Aktivität ist außerordentlich breit gestreut: vom Lehrbuch „Einführung in die Gruppendynamik“ (gemeinsam mit Karl Schattenhofer, mittlerweile 11. Auflage) über „Macht in Gruppen“, eines der klassischen Werke zum Verständnis von Machtdynamiken in Gruppenprozessen, über weitere Buchveröffentlichungen bis hin zu zahlreichen Artikeln (zu ganz verschiedenen Themengebieten) in einschlägigen Journals. Was diese Arbeiten verbindet, ist eine konsistent kritische Haltung: König interessiert sich für die Frage, unter welchen Bedingungen Wissen entsteht, wem es nützt, und welche nicht-intendierten Folgen mit seiner Anwendung verbunden sind. Seine Veröffentlichungen zeichnen sich stets durch einen ethnografisch und sozialwissenschaftlich geprägten Blick aus: Er ist einerseits Teil des Feldes, das er beschreibt, vermag aber andererseits auch den notwendigen Abstand einzunehmen, ohne den eine historische Darstellung scheitern muss. 

Im vorliegenden Buch arbeitet er auf eindrucksvolle Weise heraus, wie sich aus dem zunächst primär politischen Ansatz einer von den USA geplanten „Re-Education“ der deutschen Bevölkerung in der Nachkriegszeit allmähliche Professionalisierungsprozesse vollzogen, die die heutige Beratungslandschaft maßgeblich prägen.

Re-Education: kann die deutsche Bevölkerung zur Demokratie erzogen werden?

Der erste Teil rekonstruiert den amerikanischen Diskurs um Re-Education und dessen Umsetzung im besetzten Deutschland unmittelbar nach dem zweiten Weltkrieg. König verfolgt die Geschichte der Gruppendynamik bis zu ihrem Gründer Kurt Lewin zurück und zeigt, wie dieser bereits in den 1930er Jahren die Gruppendynamik als demokratische Führungsmethode (in Abgrenzung zu autoritären und Laissez-Faire-Führungsstilen) konzipierte. Noch vor dem offiziellen Kriegseintritt der USA setzte Lewin sich mit der Frage auseinander, wie die deutsche Bevölkerung nach der Niederlage des Nationalsozialismus zur Demokratie erzogen werden könne. Die Gruppe war hierbei Hoffnungsträger: Sie sollte den autoritären deutschen Charakter „auftauen“ (unfreezing) und demokratische Verhaltensweisen nicht nur kognitiv vermitteln, sondern als „Lebensform“ erfahrbar machen. Lewins theoretisches Erbe – Demokratie als erforschbarer und lehrbarer Interaktionsstil, kooperative Führung als wissenschaftlich überlegenes Modell – stellte den Kern der gesamten Re-Education-Politik dar.

Die war dann schnell mit dem sogenannten „Toleranzparadoxon“ konfrontiert, das auch schon von Karl Popper formuliert wurde: kann eine Demokratie sich womöglich nur gegen ihre Feinde schützen, wenn sie bereit ist, dazu u.U. selbst undemokratische Mittel zu verwenden? Dieses Paradoxon offenbart sich als das zentrale Dilemma aller Anwendungen gruppendynamischer Methoden in einem Re-Education-Kontext. Wie lässt sich Demokratie »verordnen«, ohne dabei ihre Grundprinzipien zu verletzten? Diese Frage bleibt bis heute relevant. Lewin stellt jedenfalls schon 1943 fest, dass „Intoleranz gegenüber intoleranten Kulturen […] für jede Sicherung eines dauerhaften Friedens Voraussetzung“ sei (S. 20).

Ob Re-Education gelingen könne, war schon vor Kriegsende die Frage. König zitiert die Diagnose des einflussreichen amerikanischen Neuropsychiaters Richard Brickners, der 1943 die deutsche Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus in seinem Buch „Is Germany incurable?“ als strukturell paranoid charakterisierte. Dabei weist König darauf hin, dass hinter der Postulierung eines solchen Nationalcharakters auch die Beschäftigung mit eigenen autoritären und antisemitischen Tendenzen in den USA eine Rolle spielte. Es ging also auch um die Frage, „wie die USA davor zu schützen seien. Denn auch dort finden vor dem Hintergrund eines weitverbreiteten Antisemitismus, eines institutionellen Rassismus und der Ideologie der white supremacy nationalsozialistische Ideen Anklang. Wie dies schon bei Lewin anklingt, so kann man die amerikanische Diskussion um Re-Education daher in doppelter Weise lesen: als Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und als Auseinandersetzung mit den gleichen Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft“ (S. 28f.).

Dieser amerikanische Diskurs, an dem sich eine breite intellektuelle Elite beteiligte, so etwa Anthropologen wie Margaret Mead, Psychologen wie Gordon Allport und Soziologen wie Talcott Parsons, fasste die Re-Education nicht nur als technische Herausforderung, sondern als fundamentale Aufgabe der politischen Selbstvergewisserung demokratischer Gesellschaften auf. Die aktuelle Entwicklung in den USA zeigt, dass diese Fragestellungen auch heute noch äußerst aktuell sind.

Protagonisten der Gruppendynamik

Der zweite und bei weitem umfangreichere Teil widmet sich der Geschichte der angewandten Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der frühen Bundesrepublik. König kombiniert historische Sektionen zu spezifischen Bereichen (Wirtschaft, Bildung) mit fünf detaillierten Fallstudien zu Akteuren, die in dieser Zeit prägend wurden: Magda Kelber (1908-1987), Tobias Brocher (1917-1998), Alf Däumling (1917-2011), Peter Hofstätter (1913-1994) und Horst-Eberhard Richter (1923-2011). Die psychologisch-historische Tiefenschärfe, mit der König die wichtigsten Akteure porträtiert, ist ein zentrales Qualitätsmerkmal des Buches. Gerade in diesen Lebensläufen wird sichtbar, wie stark die Gruppenarbeit der Nachkriegszeit von individuellen Erschütterungen, Verstrickungen und Umbrüchen geprägt war.

Als Remigrantin brachte Magda Kelber die amerikanische Social Group Work nach Deutschland, stieß aber auf das Misstrauen einer Gesellschaft, in der die „Gruppe“ noch als nationalsozialistisches Element der Zwangsanpassung an die „Volksgemeinschaft“ erinnert wurde. Kelbers konzeptionelle Orientierung war bemerkenswert breit: Sie verband Gruppenunterricht, therapeutische Gruppenarbeit und Gruppenpflege im betrieblichen Bereich und veröffentlichte ab 1950 die einflussreichen Schwalbacher Blätter. Ihr Credo klingt wie eine frühe Formel des späteren emanzipatorischen Gruppenparadigmas: „Wir wollen helfen, gemeinschaftsfähige Persönlichkeiten zu bilden, die sich in Freiheit und Verantwortung den in ihnen liegenden Möglichkeiten und Gesetzen gemäß entfalten“ (S. 96). Dass ihre Institution trotz enormer Aktivität nie institutionell abgesichert wurde – Es gelang uns nie, irgendwo fest etatisiert zu werden(S. 90), so Kelber selbst –, beschreibt König als exemplarisch für das Schicksal der frühen Gruppenarbeit in Deutschland.

Brocher, neben Alf Däumling eine zentrale Figur der frühen Gruppendynamik in der BRD, der 1969 die Zeitschrift Gruppendynamik mit gründete und bis 1978 als Mitherausgeber fungierte, wird von König als Figur porträtiert, die von Widersprüchen zwischen psychoanalytischer Orthodoxie und innovativen gruppendynamischen Ansätzen gekennzeichnet ist. Brocher stand in der Mitte und konnte weder die eine noch die andere Position vollständig einnehmen. Sein Blick auf die Gruppendynamik war von seinen internationale Erfahrungen geprägt, die anderen deutschen Kollegen fehlten. Gleichzeitig war aber seine Identität als Psychoanalytiker dominant, so dass er sich nicht vollständig zur extern orientierten, auf sozialen Wandel zielenden Sozialpsychologie bekennen konnte. Sein Versuch, ein Institut für Gruppendynamik zu gründen, scheitert – nicht zuletzt aufgrund „der zunehmend ablehnenden bis feindseligen Haltung von Horkheimer und insbesondere Adorno gegenüber der Gruppendynamik“ (S. 148).

Auf diese Weise blieb er der Gruppendynamik selbst gegenüber letztlich distanziert, die er rückblickend in seinen Erinnerungen offensichtlich nur noch als Episode seines Lebenslaufes einordnet. Er verlässt Deutschland mehrfach für lange Aufenthalte in den USA, wo er sich wieder intensiver der psychoanalytischen Arbeit widmet. In einem Brief, den König aus dem Nachlass zitiert, schreibt Brocher aus Amerika: Die deutsche Gruppendynamik sei hochgradig politisiert und zerstritten, „the average level is low“ – ein Urteil, das seine Entfremdung von Deutschland ebenso widerspiegelt wie eine sachliche Kritik an der Gruppendynamik, die „ungerechtfertigterweise mit verwirrender Ideologie statt mit einem nüchternen pragmatischen, sachlicheren Ansatz behaftet“ sei (S. 246).

Däumlings Lebensweg ist das Gegenteil von Brochers Transatlantizismus. Durch pietistisches Elternhaus und Pfadfindererfahrungen geprägt, meldet er sich nach dem Abitur 1935 freiwillig zum Militär – „Ich erfüllte damals alles, was von mir erwartet wurde“ –, macht Fliegertauglichkeitsprüfungen und wird Oberleutnant bei einer Aufklärungsfliegerstaffel. Am ersten Tag des Westfeldzuges 1940 wird er durch den Verlust des rechten Auges front- und fliegeruntauglich; erst das ermöglicht ihm ein Psychologiestudium in München. Promoviert wird er bei Philipp Lersch, einer schillernden Figur der NS-Zeit, die sich 1941 öffentlich für das Euthanasieprogramm ausgesprochen hatte, nach dem Krieg aber als „Mitläufer“ eingestuft wurde und seine Professur  behielt. Dass Däumling sich von Lersch nie distanziert und ihn zeitlebens positiv verbunden bleibt, ist für König ein symptomatisches Beispiel jener Ausblendungsstrategie, die die akademische Psychologie der Nachkriegszeit kennzeichnet. Däumlings Konzeption von Gruppendynamik bleibt von dieser deutschen Tradition dauerhaft überformt: Das Lewinsche Ziel einer Neubegründung von Autorität – kooperative Führung statt autoritärer Hierarchie – gelingt ihm konzeptionell nie vollständig. In seinen späten Jahren wendet er sich zunehmend Parapsychologie und Esoterik zu, besucht den Bhagwan und reist zu spirituellen Gemeinschaften – eine Rückwendung, die König als Annäherung an die spekulativen Vorkriegstraditionen deutet.

Ausführlich wird auch Horst-Eberhard Richter porträtiert. Kein anderer aus diesem Umfeld ist so sehr zu einer öffentlichen Figur geworden, und für keinen anderen wird das Abarbeiten an der eigenen und der deutschen Vergangenheit so sehr zu einem zentralen Lebensthema. „Die Gruppe“ (so der Titel eines seiner berühmtesten Bücher) war für Richter das zentrale Medium der „Hoffnung auf einen neuen Weg, sich selbst und andere zu befreien“ (so der Untertitel). In der Gruppe sah er eine Möglichkeit, Menschen mit unterschiedlichen Anliegen ohne organisationale Vorgaben zusammen zu bringen. Selbsterfahrungs- und Selbsthilfegruppen betrachtete er als emanzipatorische Strategien für soziale Bewegungen, als Gegenmittel zu verordneten und von Experten dominierten Strukturen. „Gruppe erscheint hier vor allem als ein sozialreformerischer Lebensstil, als konstante Selbsterfahrungsarbeit, die sich den Zumutungen der modernen Industriegesellschaft entgegenzustellen versucht, oder als Form der Selbsthilfe, die durch die Professionalisierung der Helfersysteme bedroht ist“ (S. 264). 

Richter gehörte zu den ersten Wegbereitern der Familientherapie in Deutschland, war aber vor diesem Hintergrund ein entschiedener Gegner systemischer Ansätze, die er aufgrund ihrer Professionalisierungsbestrebungen als bloßes soziales Engineering ohne emanzipatorisches Potenzial betrachtete. Als einflussreiche moralische Instanz prägte er der von ihm mitbegründeten der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Familientherapie (DAF) er in den ersten Jahren die Arbeit in kleinen Regionalgruppen nach dem Prinzip der Selbsthilfegruppen auf, gerade um Professionalisierungstendenzen zu verhindern, die sich dann jedoch in den 1980er Jahren zusehends durchsetzten. 

König sieht hier Dilemmata, die den „Diskurs über die Rolle von Gruppendynamik und angewandter Sozialpsychologie seit den 1960er und 1970er Jahren begleiten. Was dort als Gegensatz von (idealistischen) Emanzipationsansprüchen und (technokratischen) Optimierungsversprechungen verhandelt wird, taucht im politischen Raum als Gegensatz von werteorientierter Politik und Realpolitik auf. Der Einzug von Emotionen in den öffentlichen Raum und in die Politik und die Moralisierung von politischen Fragen, zu denen die psychosozialen Verfahren und als einer ihrer bedeutenden Protagonisten Horst-Eberhard Richter beitragen, setzen eben auch Kräfte frei, denen reflexiv nicht mehr beizukommen ist. Die Moralisierung von Problemlagen ist zwar legitimes und häufig auch einziges Mittel, um die politische und öffentliche Aufmerksamkeit herzustellen, sie erschwert aber zugleich an Expertise orientierte Lösungen. Die Losung der 1960er Jahre »Das Private ist politisch« droht – als nicht-intendierte Folge – sich in eine Politisierung unserer Lebenswelten zu verwandeln, die den Raum für einvernehmliche, und d.h. kompromissbereite gesellschaftliche Lösungen enger werden lässt. Gerade aktuell wird dabei deutlich, wie sehr die Vergangenheit in die Gegenwart ragt“ (S. 267f.)

Als Gegenfigur zu diesen – sehr unterschiedlichen – Protagonisten der Gruppendynamik wird Peter Hofstätter im Buch dargestellt. Im Nationalsozialismus Mitglied der NSDAP und Wehrmachtspsychologe, wurde er – u.a. als Autor der ersten deutschen Veröffentlichung, die den Begriff Gruppendynamik im Titel trägt – zu einem der meistzitierten Sozialpsychologen der frühen BRD. „Seine Beschäftigung mit Gruppendynamik ist theoretisch-empirisch orientiert, der Praxis steht er eher skeptisch bis ablehnend gegenüber“ (S. 109f.).  Als Gegenspieler der kritischen Frankfurter Schule entfacht er 1957 einen offenen Konflikt mit Theodor W. Adorno über das „Gruppenexperiment“, eine Studie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung zum Gruppenexperiment, in der Gruppeninterviews zur Auseinandersetzung der deutschen Bevölkerung mit Fragen von Schuld und Verantwortung im Nationalsozialismus geführt und ausgewertet werden und plädiert – in der Zeit der ersten Auschwitz-Prozesse! – öffentlich dafür, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit zu beenden. 

Die Wahl dieser Personen und der damit verbundene semi-biografische Ansatz macht unterschiedliche Zugangsweisen zur Gruppendynamik und unterschiedliche theoretische Ankerpunkte (Psychoanalyse, Pädagogik, Gestaltpsychologie) deutlich und – dies ist entscheidend – zeigt die Widersprüche, Ambivalenzen und Konflikte auf, die den Prozess der Professionalisierung von Gruppendynamik und Gruppenarbeit durchzogen haben.

Professionalisierung und Entpolitisierung

Die konsequente Herausarbeitung der politischen Dimension dieser Entwicklung ist ein wesentlicher Verdienst dieses Buches. König argumentiert überzeugend, dass die professionelle Beschäftigung mit Gruppen und Mehrpersonensystemen nicht einfach aus theoretischen Einsichten entsteht, sondern aus den spezifischen politischen und ideologischen Rahmenbedingungen der damaligen Zeit. Nach 1945 existiert eine (nur kurze) spezifische historische Konstellation: ein besiegtes Land, das demokratisiert werden soll; eine Generation von Intellektuellen, viele von ihnen Remigranten, die es als ihre Aufgabe begreifen, Demokratie zu lernen und zu lehren; ein Land mit enormem Trauer- und Verarbeitungspotential.

König beschreibt jedoch auch den Preis der späteren Professionalisierung: die Entpolitisierung der Gruppendynamik. Mit dem Wirtschaftswunder, mit der Integration in den Westen, mit der Konsolidierung der Bundesrepublik verändert sich die politische Konstellation der Re-Education grundlegend. Gruppendynamik wird nicht mehr primär als Weg zur Demokratisierung verstanden, sondern als Weg zur persönlichen Entwicklung, zur Optimierung von Arbeitszusammenhängen, zum Training gruppenbezogener Skills. Es wird deutlich, wie sich dabei der Pool der Akteure ändert, sich theoretische Orientierungen verschieben und neue Institutionalisierungsformen entstehen. Hier spielt auch Anneliese Heigl-Evers (1921-2002), Ärztin, Analytikerin und sozialpsychologisch orientierte Gruppenpsychotherapeutin, eine wichtige Rolle, die vor allem als Verbandgründerin und -funktionärin des Deutschen Arbeitskreises für Gruppenpsychotherapie und Gruppendynamik (DAGG) bedeutsam wird.

Im Zuge dieser Veränderungen wird die lebendige Verbindung von Gruppendynamik und politischer Bildung lockerer. Klaus Horn (1934-1985), linker „Gegenspieler Brochers“ und Walter Giere (1936-2001), ein zentraler Akteur der Implementierung der Gruppendynamik in der Lehrerfortbildung, versuchen, diese Verbindung zu bewahren – aber sie geraten zunehmend unter Druck. Die Entpolitisierung setzt sich durch, was aber – so König „einen politischen Preis mit sich bringt“ (102).

Mit 1968 kommt es zu einer erneuten Politisierung – aber jetzt unter anderen Vorzeichen. Es geht nicht mehr um Re-Education von oben, sondern um »emanzipatorische Gruppendynamik« von unten. König zeigt, wie diese Phase – die »Psychoboom-Zeit« der 1970er Jahre – zu neuen Formen der Institutionalisierung führt, zu neuen Verbänden, zu neuen Konflikten.

Mit der Konsolidierung der 68er-Bewegung selbst, mit ihrer Institutionalisierung in neuen psychosozialen Berufsfeldern, verliert sich wiederum die politische Schärfe. Am Ende der 1980er Jahre ist Gruppendynamik primär ein Instrument der Organisationsentwicklung und Beratung geworden – professionalisiert, aber auch domestiziert.

Um in Wirtschaft und Gesundheitswesen Fuß zu fassen, weichen die ursprünglich emanzipatorischen Ansprüche oft einer pragmatischen Semantik. Die frühen Definitionen in der Zeitschrift Gruppendynamik belegen dies: Die politisch-demokratische Bedeutung des Begriffs – sein Kern im Re-Education-Diskurs – wird zunehmend aus den Fachdebatten herausgenommen. Der Begriff „Wandel“ (später „Change“) tritt an die Stelle von Demokratisierung oder Emanzipation und ermöglicht eine Entkoppelung vom politischen Ballast – allerdings um den Preis des Verlustes gesellschaftskritischer Schärfe.

Hier wird deutlich, wie sehr professionelle Konzepte immer Kinder ihrer Zeit und der herrschenden politischen Rahmenbedingungen sind. Die Frage, wie viel „Anpassung“ und wie viel „Emanzipation“ gesellschaftlich erforderlich ist, ist heute so aktuell wie damals – zumal in einer Zeit, in der rechtsnationale Bewegungen wie die AfD den Begriff der „Umerziehung“ schamlos als Polemik gegen jede Form demokratischer Reflexionskultur einsetzen und damit an eine nie abgerissene Kontinuität rechten Denkens in der BRD anknüpfen können, die König dokumentiert. So zitiert er den rechtsradikalen AFD-Politiker Björn Höcke, dass „Im Westen (…) die Umerziehung achtzig Jahre ihre negativen Auswirkungen“ habe entfalten können, da „die verstrahlten Aktivitäten der jungen Generation im Westen [anders] nicht zu erklären“ seien. Allerdings: „Die Polemik Höckes muss, um zu funktionieren, der Re-Education-Politik einen Erfolg andichten, den sie so nicht hatte. Im Gegenteil: Die Rückkehr der alten Eliten ab dem Ende der 1940er Jahre, die Verschleppung der Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen, die Verweigerung, Verantwortung und damit verbundene Schuld zu übernehmen und die Opfer zu entschädigen – all dies wird erst Ende der 1960er Jahre bzw. in der Folge von »1968« wieder in Bewegung kommen. Bis heute ist dieser Prozess nicht abgeschlossen, nicht zuletzt aufgrund dieser Verzögerungen und Versäumnisse“ (S. 274).

Gruppendynamik in der DDR: Die vergessene Schwester

Ein besonderes Verdienst von Königs Werk ist, dass es nicht bei der westdeutschen Geschichte stehen bleibt, sondern im vierten Kapitel die parallelen Entwicklungen in der DDR rekonstruiert, ein Gebiet, das in der westdeutschen Literatur zur Gruppendynamik bislang eher unterrepräsentiert blieb. Sozialpsychologie und Gruppendynamik existierten auch in der DDR – nur unter sehr unterschiedlichen Bedingungen.

Die beiden Leitfiguren waren Hans Hiebsch (1922-1990) und Manfred Vorwerg (1933-1989), die zunächst an der Universität Leipzig und später in Jena tätig waren. Unter dem Druck eines autoritären Regimes und massiver ideologischer Kontrolle entstehen ähnliche Problematisierungen wie in der BRD – die Frage nach demokratischen Führungsformen, nach Kooperation, nach der Entfaltung von Subjektivität in Gruppen.

König zeigt, wie Hiebsch und Vorwerg eine »marxistische Sozialpsychologie« entwickeln, die trotz aller ideologischen Verpflichtung gegenüber dem Marxismus, trotz aller Verbeugungen gegenüber sowjetischer Tradition faktisch auf der Grundlage westlicher (insbesondere amerikanischer) Forschung arbeitet. Kurt Lewins Führungsexperimente werden rezipiert, allerdings ohne den Re-Education-Hintergrund ihrer Genese. Die Lewinsche Hoffnung auf Demokratisierung durch Gruppe wird von ihrem Ursprungskontext abstrahiert, während die Spannung mit einem autoritären Regime bestehen bleibt. König nennt dies treffend eine „realsozialistische Doppelkultur“: außen Konformität mit der Parteilinie, innen gut informierte internationale Wissenschaft.

Während in der DDR die Trainerausbildung stärker in den akademischen Kontext eingebunden  und Forschung und Theorie damit stärker betont bleiben, öffnet sich in der BRD das Feld seit den 1970er Jahren durch neue psychologische Dienstleistungen für freiere berufliche Betätigung. Die politische Kontrolle des Diskurses in der DDR führt König zufolge interessanterweise dazu, dass seine – zumindest semantische – Politisierung noch länger aufrechterhalten wird.

Die Wendezeit 1989/90 hätte eine Gelegenheit bieten können, das politische Potential der Gruppendynamik erneut zu beleben. König zeigt aber auf, dass dies nicht geschieht. Die westdeutsche Hegemonie setzt sich durch, und die ostdeutschen Erfahrungen und Traditionen werden nicht als eigenständige Ressourcen integriert, sondern einfach aufgelöst.

Im Mai 1989 wird im Westen die DGSv gegründet, u.a. von mehreren namhaften Gruppendynamikern. Damit wird auch eine entschiedene Wende von Gruppentraining hin zu Supervision vollzogen. „Nach der Wende kommt es zu keinerlei Kontakten zwischen ostdeutschen und westdeutschen sozialpsychologisch orientierten Trainerinnen und Trainern. Eine Rolle dabei mag für den Bereich der DDR die stärkere konzeptionelle Verankerung im Psychodrama spielen. Im Westen wären die ostdeutschen Trainerinnen und Trainer zudem 1989, hätten sie denn Kontakt aufzunehmen versucht, auf einen Fachverband gestoßen, dessen Mitglieder von den ideologischen Kämpfen der 1970er und 1980er Jahre, die zu rigiden Beitrittsbedingungen und Ausgrenzungsdynamiken geführt hatten, erschöpft waren. Es bleibt der Phantasie überlassen, sich die Begegnung dieser beiden Kreise vorzustellen“ (S.292f.).

Warum dieses Buch auch Systemiker lesen sollten

Auf den ersten Blick könnte man fragen: Warum sollten sich Systemiker intensiv mit der Geschichte der Gruppendynamik auseinandersetzen? Die Antwort liegt in der tieferen genealogischen Verwandtschaft der beiden Bewegungen.

Systemische Supervision bzw. Organisationsberatung und Gruppendynamik teilen gewisse Grundannahmen: Beide gehen davon aus, dass es nicht primär um die Pathologisierung von Individuen geht, sondern um die Dynamiken von Interaktion, um Prozesse in Systemen. Beide verstehen Berater oder Trainer nicht als Experten, die von außen Wahrheit dekretieren, sondern als reflektierte Akteure im Feld.

 König zeigt, dass viele Konzepte, die wir heute selbstverständlich nutzen – Mehrpersonensysteme, Beobachtung von Kommunikationsmustern, die reflexive Beziehung zwischen Trainer und Gruppe –, ihre Vorläufer in diesen frühen Gruppenexperimenten haben. Familientherapie entsteht in den USA in den 1950er Jahren „in enger Nachbarschaft zum Gruppenparadigma“ (S. 245), ein Nährboden für die seit den 1970er Jahren entstehenden systemischen Ansätze. Die Beschäftigung mit der eigenen Geschichte ist in der systemischen Szene (im Unterschied zur ohnehin vergangenheitsorientierteren Psychoanalyse) leider weitgehend unterbelichtet, das vorliegende Buch erhellt viele Unterströmungen, die letztlich auch zur Entwicklung der systemischen Ansätze in Supervision und Organisationsberatung beigetragen haben.

Zum Abschluss dieser Rezension möchte ich die außerordentliche Recherche-Leistung dieses Buches hervorheben. Um dieses Vorhaben umzusetzen, brauchte es nicht nur intellektuelle Schärfe und analytisches Vermögen, sondern auch die Bereitschaft, enorme handwerkliche Anstrengungen auf sich nehmen: die Durcharbeitung von Archiven, die Auswertung von Primärquellen, Durchführung von Interviews, die mühsame Rekonstruktion von Korrespondenzen und Netzwerken.

König hat intensiv mit bislang unveröffentlichten Materialien gearbeitet. Die Schwalbacher Blätter sind nicht überall leicht zugänglich. Die Materialien zu den Personen, die er rekonstruiert – ihre Lebensläufe, ihre unveröffentlichten Werke, ihre Briefe, ihre Lebensnarrative – all dies musste mühsam zusammengetragen werden. König tut dies mit einer bewundernswerten Gründlichkeit und Sorgfalt.

Er hat sich dabei nicht nur auf die großen Namen konzentriert, sondern untersucht auch die institutionelle Infrastruktur der Arbeitskreise, Institute, Verbände und Zeitschriften. Er rekonstruiert, wie professionelle Felder entstehen, sich stabilisieren und sich wieder transformieren oder auflösen.

Das Buch enthält einen ausführlichen Anhang mit Forschungsmaterialien, detaillierte Quellenangaben, ein Namenregister – all dies ermöglicht es dem Leser, die Rekonstruktionen nachzuverfolgen und eigene weitere Forschungen anzubahnen.

König hat mit diesem Buch ein Werk geschaffen, das nicht nur als Fachbuch für Gruppendynamiker und Systemiker von Interesse sein sollte, sondern auch für Historiker, Soziologen, und alle, die sich mit der intellektuellen Aufarbeitung dieses speziellen Feldes der Professionsentwicklung auseinandersetzen wollen. Seine Arbeit stellt gleichzeitig ein Modell dar, wie Professionsentwicklung überhaupt verstanden werden kann: nicht als linearer Fortschritt, sondern als Geschichte ambivalenter Prozesse, durchzogen von Versprechen und Verstrickungen, von Hoffnungen und von Desillusionierungen.

In Zeiten, in denen autoritäre Tendenzen wieder erstarken, in denen die Frage nach Demokratisierung erneut dringlich wird, ist dieses Buch nicht nur historische Erinnerung – es ist eine Ressource für die Gegenwart.

Leseprobe aus dem Buch

Eine weitere ausführliche Rezension von Phillip Wagner für H/Soz/Kult

Oliver König (2025): Experimente in Demokratie. Re-Education, angewandte Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der frühen Bundesrepublik. Gießen (Psychosozial-Verlag)

Buchreihe: Psyche und Gesellschaft
ISBN-13: 978-3-8379-3447-2
ISSN: 3053-4976
364 Seiten, Broschur, 148 x 210 mm
Preis: 39,90 €

Verlagsinformation:

Der amerikanische Re-Education-Diskurs der 1930er und 1940er Jahre war geprägt von der Frage, wie mit dem nationalsozialistischen Deutschland nach dem Krieg umzugehen sei. Eine wichtige Rolle spielten dabei die Arbeiten Kurt Lewins, seine Theorie geplanten sozialen Wandels und die Demokratie-Experimente vom Ende der 1930er Jahre. Oliver König zeigt, welche Bedeutung angewandter Sozialpsychologie, Gruppendynamik und Psychoanalyse für eine in Deutschland schrittweise entstehende demokratische Kultur zukommt. Die Gruppe wird dabei mit hohen Ansprüchen verknüpft: Sie soll gleichermaßen Produktivität steigern, Zusammenhalt stiften und individuelle Freiräume schützen. Anhand der beruflichen Lebenswege u.a. von Tobias Brocher, Alf Däumling, Magda Kelber und Horst-Eberhard Richter führt König anschaulich vor Augen, wie Vergangenheitsbewältigung untrennbar mit der Profilierung von Sozial- und Humanwissenschaften verbunden ist – trotz der mitunter komplexen Konfliktlinien und Paradoxien, die diesen Wandel begleiten.

Inhaltsverzeichnis:

1 Einführung: Perspektiven und Fragestellungen

2 Die Entstehung des Re-Education-Ansatzes in den USA und seine Umsetzung im Nachkriegsdeutschland
2.1 »Der Sonderfall Deutschland« – Kurt Lewin und die Probleme kulturellen Wandels
2.2 »Ist Deutschland unheilbar?« – Re-Education in der amerikanischen Diskussion der 1940er Jahre
2.3 »Es ist die eigentliche Gruppendynamik, die zählt« – Kurt Lewin und die Demokratie-Experimente
2.4 »Rekonstruktion aller Muster deutschen Lebens« – Die frühe Re-Education-Politik der Nachkriegszeit
2.5 »Wir sind sehr misstrauisch gegenüber Gruppen, weil wir davon genug gehabt haben« – Deutsche in Amerika und Re-Education in Aktion
2.6 »Der Sieg des demokratischen Herzens über den analytischen Verstand« – Autokratie und Demokratie: Die Demokratie-Experimente 20 Jahre später
2.7 »Demokratisches social engineering ist demokratisch eher in seiner Methode als in seinen Zielen« – eine Erweiterung der Perspektive als Abschluss

3 Die Anfänge angewandter Sozialpsychologie und Gruppendynamik in der Bundesrepublik
3.1 Die junge Republik zwischen Vergangenheitsbewältigung und Modernisierungsprozessen
3.2 »Es gelang uns nie, irgendwo fest etatisiert zu werden« – Magda Kelber und die Gruppenpädagogik von Haus Schwalbach
3.3 »Das Problem der Führung im Betrieb ist das Problem der Führung in der Demokratie« – Gruppendynamik zwischen Demokratisierung des Arbeitslebens und Produktivitätsversprechungen
3.4 »Der Mensch im Plural – Die Kulturerfindung des Menschen« – Peter Hofstätter und die Wiederkehr des Verdrängten
3.5 »[…] bestehen grösste Bedenken hinsichtlich der Anwendbarkeit der Methode in Deutschland« – Schule und Hochschule und die gescheiterte Institutionalisierung der Gruppendynamik
3.6 »In dieser Epoche den Willen zu einem konstruktiven Optimismus beizubehalten und zu ermutigen blieb schwer« – Tobias Brocher auf transatlantischer Wanderschaft
3.7 »Meine Norm ist in einem empathischen Sinne Parteilichkeit« – Walter Giere und Gruppendynamik als politische Bildung
3.8 »Persönlichkeit ist stets ›Struktur‹ und ›Prozeß‹ zugleich« – Adolf Martin (Alf) Däumling zwischen Verharren und Aufbruch
3.9 »Es ging damals einfach bunt zu. Alles war im Werden« – Professionalisierung als Politik der Entpolitisierung
3.10 »Sie sollten mich nie mehr ganz bekommen« – Horst-Eberhard Richter und das Abarbeiten an der Vergangenheit

4 Re-Education 2.0: Angewandte Sozialpsychologie in der DDR und nach der Wende
4.1 »Wir wollen auf unser 68 nicht zwanzig Jahre warten wie ihr«: 1945 – 1968 – 1989, ihre unterirdischen Verbindungen und der Streit um Re-Education
4.2 »Die Vereinigungspolitik agiert so, als hätte ihr der Behaviorismus sein Menschenbild abgetreten« – Gegensätzliche Vergangenheitspolitiken
4.3 »Realsozialistische Doppelkultur« – Marxistische Sozialpsychologie
4.4 »Sozialpsychologische Optimierung von Gruppenleistungen« – Sozialpsychologisches Training
4.5 »Urerlebnis Gruppenwunder« – Gruppenpsychotherapie in der DDR
4.6 »Die hohe Schule der Anpassung« – Walter Giere auf Lehrerfortbildung in Thüringen

5 Schlussbemerkung: Thesen und Fragen zur Sozialpsychologie sozialen Wandels
5.1 1968 als Chiffre für sozialen Wandel
5.2 Das Alte im Neuen
5.3 Angewandte Sozialpsychologie im sozialen Wandel

6 Anhang
6.1 Forschungslage und Darstellungsprobleme
6.2 Recherchen und Materialien
6.3 Danksagung

7 Literatur

8 Namenregister

Über den Autor:

Oliver König, Dr. phil. habil., ist Trainer für Gruppendynamik und Supervisor mit einer Ausbildung in systemischer Therapie. Nach der Promotion in Soziologie 1989 folgte 1999 die Habilitation für das Fachgebiet „Angewandte Sozialwissenschaft“ in Kassel, wo er zwei Jahre als Gastprofessor arbeitete und über 15 Jahre als Dozent und Trainer mit dem Studiengang Supervision verbunden war. 2010-2014 vertrat er an der Fachhochschule Köln eine Professur an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften. Seit 1988 arbeitet er freiberuflich in Erwachsenenbildung, Training, Supervision und Beratung für verschiedene Organisationen und seit 1997 in eigener Praxis in Köln. Schwerpunkt seiner Arbeit heute sind Supervision und Coaching, Ausbildungs-, Lehr- und Kontrollsupervision, sowie Beratung für einzelne und Paare.

4 Kommentare

  1. Lothar Eder sagt:

    Gruppendynamische Formate eignen sich hervorragend für Friedensarbeit. In großer Variation sind sie bei indigenen Völkern bekannt sowohl zur Konfliklösung innerhalb der Gruppe als auch mit anderen Gruppen oder Stämmen außerhalb.
    Re-Education ist ein autoritäres Konzept, seine Umsetzung setzt Macht und Gewalt voraus. Wenn man sich das Verhalten der USA in der Welt nach dem Krieg anschaut, zumal das aktuelle, dann ergeben sich doch deutliche Zweifel daran, ob die Kräfte, die in den USA den Ton angeben, allein vom moralischen Aspekt her die Eignung mit sich bringen, andere „umerziehen“ zu können.
    Kurt Lewins Verdienste um die Sozialpsychologie sind unbestritten. Mich würde zum einen interessieren, ob er sich jemals mit der – in unserer Sprache – gruppendynamischen Friedensarbeit der Indigenen Nordamerikas befasst hat, denn sie waren ja vor seiner Haustür. Zum anderen würde mich interessieren, ob es in Deutschland nach dem Krieg – oder im Vorfeld – jemals derartige dialogische Formate zwischen den Konfliktparteien gegeben hat (also z.B. Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Polen im Dialog).
    Falls jemand zu diesen Fragen etwas weiß, wäre ich sehr dankbar für Informationen, gerne als PN an praxis.eder@t-online.de.

    • König, Oliver sagt:

      Lieber Herr Eder,
      In dem von mir gewählten Kontext ging es mir darum aufzuzeigen, welchen Paradoxien sich eine „Re-Education“ ausgesetzt sieht. Das als „autoritär“ zu etikettieren, geht zu schnell am Problem vorbei, bevor es noch verstanden ist. In einer historischen Situation wie nach dem Krieg ging es nicht ohne Gewaltverhältnis. „Die Umerziehung folgte also im Wesentlichen den gleichen Prinzipien, die sich schon die Nationalsozialisten zunutze gemacht haben. Die Basis dafür ist ein Gedankengang, den Lewin wenig später formuliert: »Die Vorgänge, die die Erwerbung des Normalen und des Unnormalen bestimmen, sind im Grunde gleich« (Lewin & Grabbe, 1945 [1953], S. 93).“ (22).
      Und „Wie dies schon bei Lewin anklingt, so kann man die amerikanische Diskussion um Re-Education daher in doppelter Weise lesen: als Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und als Auseinandersetzung mit den gleichen Tendenzen in der amerikanischen Gesellschaft.“ (29)
      Gleichzeitig hat Lewin in seinen Führungsstilexperimenten seine eigenen Forschungsergebnisse weginterpretiert. Denn die „demokratisch“ geführten Gruppen waren keineswegs leistungsstärker als die „autokratisch“ geführten, es war vielmehr umgekehrt. Interessanter Weise ist das noch von keinem Rezensenten aufgenommen worden.
      Ob sich Lewin explizit mit den Indigenen Nordamerikas beschäftigt hat, vermag ich nicht zu sagen, aber im Zentrum seiner Arbeit in den USA stehen von Anfang an der Umgang mit gesellschaftlichen Minderheiten sowie der virulente Antisemitismus und Rassismus der amerikanischen Gesellschaft.
      Was ihre Frage nach dialogischen Formaten angeht, so berührt das eine Lücke meiner Arbeit, auf die ich selber mit Bedauern hinweise: nämlich die ganze Breite der Jugendarbeit in der frühen BRD, in der die Re-Education Ansätze eine wichtige Rolle gespielt haben.

  2. Wolfgang Loth sagt:

    Sei bedankt, Tom, für diese spannende Besprechung! So, wie Oliver Königs Buch hier vorgestellt wird, erscheint es mir wie ein Generalschlüssel dafür, die Wirkungsgeschichte von Begriffen und Konzepten zu verstehen. Und im vorliegenden Fall dürfte dieses Verstehen auch von erheblicher Bedeutung für die weitere Geschichte der Demokratie hierzulande sein. Die Melange von Interessen, Biographien und Kontexten ist nicht leicht zu durchschauen. Königs Buch dürfte da sehr weiterhelfen. Bin beeindruckt von beidem: vom Buch und von der Besprechung.

  3. Interessantes Buch. Danke für die sehr inhaltsreiche Rezension.

    Angemerkt werden könnte vielleicht noch, dass die sprunghafte Entwicklung von Erziehungsberatungsstellen in der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg nicht nur, aber doch stark durch die Idee der Re-educación und Demokratisierung inspiriert wurde (auch als Remigration von Ideen, die sich während der Weimarer Republik entwickelten). Heute gibt es in Deutschland über 1000 Erziehungsberatungsstellen (Beratungsstellen für Familien, Eltern, Jugendliche und Kinder) mit über 4000 Mitarbeiter:innen (Hinzu kommen in etwa noch 600 Ehe-Familien- und Lebensberatungsstellen). Dieses Feld hat als Attraktor sicherlich nicht unwesentlich zur Veränderung von Erziehungslandschaften beigetragen. Wer Erziehungsrollen und Erziehungsmethoden aus der Nazizeit mit heutigen Erziehungsrollen und Erziehungsmethoden vergleicht, kommt um ein erfreutes Staunen nicht herum. Fortschritt ist möglich und machbar, eine in Zeiten des Roll-Backs und der autoritären Regression vielleicht nicht ganz unerhebliche Feststellung.

    Für Systemiker vielleicht ebenfalls nicht ganz uninteressant: genau in diesem Feld wird die Arbeit mit Mehr-Personen-Systemen besonders geschätzt, gepflegt und entwickelt (auf Grund der besseren Bedingungen und Ausbildungen viel eher als im ambulanten therapeutischen Setting oder in Kliniken).

    Jan Bleckwedel

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