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Politische Selbstbeschränkung statt ideologischem Aktivismus

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In Heft 2/2025 der Kontext erschien ein Call for Papers zum Thema „Wie politisch ist Systemik?“, in dem um Beiträge zur Rolle eines systemischen Verbandes angesichts der turbulenten und „politisch aufgeladenen Zeiten“ geworben wurde. Gefragt wurde: „Wie wollen wir es halten mit dem professionsinternen Diskurs? Müssen, sollen, wollen wir bestimmte Dinge, Meinungen, Positionen aus dem Spektrum des innerhalb des Verbandes Vertretbaren ausschließen? Wenn ja, wie sollen die Grenzen dafür gezogen werden? Oder wollen wir einen grundsätzlich unbeschränkten Diskurs haben, in dem – in den Grenzen des rechtlich Erlaubten natürlich – alles gesagt, jede Position formuliert, jedes Weltbild vertreten werden kann?“

Eingereicht wurden 24 Beiträge, zu viele, um alle in einem Heft abgedruckt zu werden. Die Beiträge, die nicht im Print-Heft veröffentlicht wurden (das allen Kontext-Abonnenten wie immer auch als PDF auf der Verlags-Website zur Verfügung steht), können in einer Sonderausgabe (Heft 5/2026) als PDF als open access für alle heruntergeladen werden.

Meinen eigenen Text „Politische Selbstbeschränkung statt ideologischem Aktivismus“ kann man auch hier lesen…

Tom Levold: Politische Selbstbeschränkung statt ideologischem Aktivismus

Abstract: Die Aufgabe systemischer Fachverbände besteht u.a. in der Vertretung systemischer Positionen in allen Bereichen, die die professionelle therapeutische oder beraterische Praxis berühren. Das kann auch Stellungnahmen zu allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen beinhalten. Vor den Karren ideologischer Programme sollten sie sich nicht spannen lassen.

1.  Debatten zur politischen Relevanz systemischen Denkens sind schon zu Beginn der Entwicklung der systemischen Bewegung immer wieder – mit einer gewissen Ambivalenz – geführt worden. Viele Akteure der damals noch eher psychoanalytisch orientierten familientherapeutischen Bewegung der 1970er Jahre waren auch in anderen sozialen Bewegungen der Ökologie, Friedens- oder Frauenbewegung – zumindest als Sympathisanten – aktiv. Als sich der systemische Ansatz innerhalb der Therapieszene zu profilieren begann, war er manchen Angriffen seitens psychoanalytisch orientierter Kritiker ausgesetzt, die ihm den Verrat am gesellschaftskritischen und emanzipatorischen Potential der Psychoanalyse und Anpassung an Systemstrukturen durch Übernahme bestehender konservativer Familienbilder vorwarfen (z.B. dazu  (Overbeck, 1980) und (Schwertl, 1982). 

Mit dem Erfolg systemtheoretischer Konzepte im familientherapeutischen Diskurs gerieten die allgemeinen gesellschaftstheoretischen Fragen in der Tat zugunsten der Klärung epistemologischer Fragestellungen und der allmählichen Professionalisierung des Feldes in den Hintergrund. Während sich Niklas Luhmann, dessen Arbeiten in der systemischen Therapieszene in den 1980er Jahren stark rezipiert wurden, in seiner Systemtheorie der Gesellschaft eigener politischer Stellungnahmen weitestgehend enthalten hat, war Gregory Bateson schon in den 1960er Jahren einer der ersten, der auf die politischen und ökologischen Konsequenzen eines Menschen- und Naturverständnisses hingewiesen hat, das die systemischen Kreisläufe in unseren Ökosystemen ignoriert und in destruktive gesellschaftliche Dynamiken führt.

2. Auch in den systemischen Verbänden wurden politische Fragen immer wieder in Hinblick auf eigene Positionierungen diskutiert. 2013 beschloss die DGSF, „sich in allgemeine gesellschaftspolitische Debatten und Aktionen dann möglicherweise einzumischen, wenn (1) »ihre Mitglieder und/oder deren KlientInnen davon betroffen sind« und (2)»sie hierzu eigene Kompetenz beitragen kann«“ ((Schweitzer, 2018, S. 375f).) Über diese fachbezogenen Stellungnahmen zu den politischen Implikationen des eigenen Arbeitsbereiches hinaus stellte sich aber auch hier schon die Frage, ob die DGSF als politischer Akteur zu allgemeineren gesellschaftspolitischen Fragestellungen Stellung nehmen solle. In einem Themenheft zur Frage der „Gesellschaftspolitik in der DGSF“ wies der verstorbene ehemalige DGSF-Vorsitzende Jochen Schweitzer auf die Ambivalenz dieser Fragestellung hin. So konzedierte er dem systemischen Denken eine „bewusst ambivalente »sowohl-als-auch-Positionierung“, während die klassischen politischen Auseinandersetzungen eher einer »entweder-oder-Logik« gehorchten. Seine Konsequenz damals: „Wenn systemische Therapeuten als Einzelne oder kollektiv in Verbänden sich gesellschaftspolitisch positionieren wollen, dann müssen sie einen Weg finden, »entweder-oder-Positionen« mit »sowohl-als-auch-Positionen« intelligent zu verbinden. Erstere allein sind zu einfältig und dogmatisch, Letztere allein machen politisches Handeln unmöglich“ (ebd. 378).

In diesem Text wies er auch darauf hin, dass seiner Meinung nach in der DGSF kein Platz für rassistische, kolonialistische, religionsfundamentalistische, bellizistische und autokratische bzw. antidemokratische Politikverständnisse sei, während er explizit libertäre und sozialistische Positionen, Konzepte von Demokratie als Herrschaft des Volkes »von unten«, ökologische, gewaltfreie und menschen- und bürgerrechtliche Politikkonzepte durchaus für legitime Positionen in der DSGF hielte (ebd., 379f.). Er äußerte die Hoffnung, dass die „gesellschaftspolitische Praxis in der DGSF als Verband noch konkreter wird als bislang – sich in noch mehr und kraftvolleren Stellungnahmen und Kampagnenmitwirkungen zeigt“ (ebd., S. 381). Kurz vor seinem Tod zog er allerdings ein eher skeptisches Fazit: „Die DGSF wäre mit einem kraftvollen gemeinsamen Auftreten für strittige gesellschaftspolitische Forderungen angesichts ihrer internen Heterogenität überfordert. Die gesellschaftspolitischen Gemeinsamkeiten und die Bereitschaft zu gemeinsamen politischen Aktionen nach außen habe ich anfangs überschätzt. DGSF-Mitglieder suchen und schätzen in der DGSF den politischen Diskurs, aber nicht die Kampagnen – allenfalls wenn deren Themen nahe an der eigenen Fachlichkeit liegen“ (Schweitzer, 2022).

3. Unabhängig von diesen Überlegungen stehen fachpolitische Initiativen und Stellungnahmen als genuine politische Aufgaben der Fachverbände außer Frage und sind auch jeweils satzungsmäßig verankert. In § 2(3)c der DGSF-Satzung wird der Vereinszweck folgendermaßen definiert: „Vertretung der Systemischen Therapie und Beratung, des systemischen Ansatzes und der systemischen Arbeitsweise in der (Fach-)Öffentlichkeit sowie bei sozialen und politischen Entscheidungsträger*innen, auch hinsichtlich der Auswirkungen von gesellschaftlichen Entwicklungen und politischen Entscheidungen auf den Satzungszweck“ (Hervorh. TL), nämlich des berufsgruppenübergreifenden Einsatzes „für die Weiterentwicklung und Verbreitung der Familientherapie und -beratung, der Systemischen Therapie und Beratung, der systemischen Sozialen Arbeit sowie des systemischen Denkens und Arbeitens in Lebens- und Arbeitswelt“ (§ 2[1]).

In der Systemischen Gesellschaft ist der fachpolitische Auftrag laut Satzung noch enger gefasst, dort besteht er nämlich in der „Vermittlung des systemischen Ansatzes bei sozialen und politischen Entscheidungsträgern, z.B. zur sozialrechtlichen Anerkennung systemischer Therapie oder zur Umsetzung systemischer Ansätze in Psychiatrien“, wobei die Zwecke des Verbandes ausschließlich in der „Förderung systemischer Forschung und Theoriebildung“ und der „Förderung der Aus-, Fort- und Weiterbildung“ liegen. In der ursprünglichen Satzung stand noch die Formulierung „Vertretung und Verbreitung systemischen Denkens und Handelns in Gesundheitspolitik, Sozialpolitik, Wissenschaft und Öffentlichkeit“, die angeblich gestrichen werden musste, um die Gemeinnützigkeit des Verbandes nicht zu gefährden.

4. Die Frage „wie politisch ist Systemik?“ würde ich vor diesem Hintergrund reformulieren: welche politischen Positionen und Aktivitäten sind vom konzeptuellen Selbstverständnis des systemischen Ansatzes gedeckt und welches Mandat können systemische Verbände dabei für sich in Anspruch nehmen?

Unbezweifelbar erleben wir momentan weltweit einen massiven geopolitischen Umbruch inmitten einer sich anbahnenden Klimakatastrophe, verbunden mit einem erstarkenden weltweiten Faschismus und Autoritarismus, einer Schwächung demokratischer Institutionen auch in den vermeintlichen Kernländern der Demokratie sowie eine zunehmende Polarisierung der Öffentlichkeit, die in und von den digitalen Medien immer weiter eskaliert wird.

Systemtheoretische Beschreibungsmodelle sind in der Lage, diese gesellschaftlichen Entwicklungen in ihrer zirkulären Dynamik besser zu erfassen und zu analysieren als unilineare Ursache-Wirkungs-Modelle. Auch wenn systemische Konzepte keine einfachen Lösungen anbieten können, lässt sich aus systemischer Perspektive zeigen, welche politischen Strategien eher Teil der zu lösenden Probleme sind und diese nur vergrößern können. Die auf den Forschungen zu den dramatischen Folgen des menschengemachten Klimawandels basierenden Forderungen an die Politik sind exemplarisch für eine systemisch fundierte gesellschaftspolitische Position, in der eine „sowohl-als-auch-Haltung“ keinen Sinn ergibt. Ähnliches gilt für friedenspolitische Positionen. Auch wenn individuelle und gesellschaftliche Verteidigungsbereitschaft und -notwendigkeit wohl kaum bestritten werden kann, hat die Systemanalyse von Konflikten die Destruktivität von militärischen Aufrüstungsstrategien auf Kosten von politischen Verhandlungslösungen und ihre verheerenden Folgen hinreichend aufgezeigt. Darauf hat schon Bateson mit seinen schismogenetischen Überlegungen immer wieder hingewiesen. Sich mit solchen systemischen Forschungsbereichen inhaltlich auseinanderzusetzen, auf destruktive Systemdynamiken hinzuweisen und dazu auch als gesellschaftlicher Akteur eine Stimme zu erheben, steht m.E. systemischen Verbänden gut an.

Stellungnahmen zu politischen Entwicklungen und Entscheidungen, von denen systemisch arbeitende Professionelle wie ihre Klienten direkt oder mittelbar betroffen sind, gehören ohnehin zum politischen Repertoire von Fachverbänden. Die DGSF ist hier seit Jahren vor allem im Bereich der Jugendhilfe und sozialen Arbeit sowie der Arbeit im Bereich von Migration und Flucht ausgesprochen aktiv. 

Im Bereich des Gesundheitswesens vermisse ich allerdings fachpolitische Stellungnahmen der Verbände schmerzlich. Das liegt natürlich auch daran, dass die systemischen Verbände jahrelang das Ziel einer Anerkennung der Systemischen Therapie als Richtlinienverfahren und damit eine eher berufspolitische Perspektive betrieben haben. Eine Kritik an den vorherrschenden Strukturen und dem medikalisierten Mainstream-Modell von Psychotherapie ebenso wie an den epistemologischen Problemen einer immer noch vor allem biologisch-technisch orientierten Medizin erschien in diesem Kontext nicht opportun und wurde bei diesbezüglichen Diskussionen gerne auf die Zeit nach der Anerkennung verschoben. Dazu ist es aber nicht gekommen, vielmehr zielen die politischen Anstrengungen nur noch darauf, sich berufspolitisch möglichst geräuschlos in das bestehende Versorgungssystem zu integrieren. Kritik am medizinischen Modell hat in diesem Rahmen keine Priorität, dabei ist gerade diese Auseinandersetzung ein wichtiger Kontext für die Entwicklung systemischer Konzepte gewesen.

5. Neben den übergreifenden weltpolitischen und den spezielleren fachpolitischen Anliegen, über die innerhalb der Verbände relativ schnell Einvernehmen herzustellen möglich sein müsste, werden aktuelle Debatten – sowohl in den systemischen Verbänden als auch in den einschlägigen Fachzeitschriften – zunehmend von ideologischen und moralaktivistischen Positionen beeinflusst, die weniger im Sinne eines „sowohl-als-auch“ als im Modus des „Entweder-oder“ operieren.

So werden zentrale Konzepte des systemischen Arbeitens wie Neutralität und Allparteilichkeit bewusst in Frage gestellt und zu diesem Zweck völlig verzerrt wiedergegeben, etwa wenn absurderweise behauptet wird, dass Allparteilichkeit hieße, „sich auch parteilich mit diskriminierenden Ideen, Positionen oder gar Handlungen in Systemen zu zeigen – oder zumindest Verständnis dafür. […] In Bezug auf Rassismus würde dies aber auch bedeuten, dass Bi_PoC Kolleg*innen parteilich für bspw. rassistische Deutungsangebote, die im System formuliert werden, stehen müssten“ (Gold & Mmari, 2024, S. 9). Damit verbunden sind Forderungen, dass sich Therapeutinnen und Therapeuten proaktiv in der Arbeit mit Klienten politisch positionieren sollen, damit diese sich sicher fühlen können, dass ihre eigene Weltsicht nicht möglicherweise von Seiten der Professionellen in Frage gestellt wird. So nimmt auch nicht Wunder, wenn aus einer solchen „macht- und diskriminierungssensiblen“ behauptet wird, das „Ziel von Beratung [sei] es, Menschen, denen Ungerechtigkeit widerfahren ist, zu helfen“ (Keil & Rohr, 2025). Auf diese Weise zugunsten einer gesellschaftspolitischen Indienstnahme professioneller Praxis eine zentrale Aufgabe unserer Profession aufgegeben, nämlich als Arbeit am individuellen Fall dazu beizutragen, dass Leid vermindert, Freiheitsgrade vergrößert und Entwicklungsperspektiven eröffnet werden, und zwar unabhängig davon, ob dem Klientensystem Ungerechtigkeit widerfahren ist oder nicht, und ob und in welchem Maße es selbst dazu beigetragen hat, das es zur zu bearbeitenden Problematik gekommen ist.

6. Eine kritische Debatte dieser Fragen ist zweifellos sinnvoll und sollte auch kontrovers geführt werden. Allerdings gibt es auch innerhalb der DGSF Bestrebungen, Diskurse entlang vorgefertigter moralischer Positionen zu kontrollieren. So forderte die sogenannte „Replikgruppe“ etwa in Reaktion auf eine im Kontext erschienene Rezension, in der der  Autor zwar seine positive Einstellung zur Gleichberechtigung der Geschlechter betonte, aber auf polemische Art Zweifel am Sinn aktueller Gleichstellungspolitik äußerte, eine Zensur von Beiträgen in der Verbandszeitschrift: „Grundsätzlich wären – unserer Meinung nach – macht- und statusorientierte und populistische Texte auszuschließen, wie die kritisierte Buchbesprechung und das ihr zugrundeliegende Buch“. Den Verband vor solchen Einschränkungen der Meinungsvielfalt und der damit verbundenen Einführung eines politischen Kontroll- und Zensurgremiums zu schützen, wäre eine wichtige Aufgabe. Allerdings scheinen sich die Verantwortlichen in der Verbandsspitze eher selbst an der beschriebenen ideologischen Positionierung zu beteiligen, z.B. indem eine „systemische“ und eine „gesellschaftliche“ Sichtweise zunehmend als synonym betrachtet wird.

Das zeigt sich z.B. in einer Spendeninitiative des DGSF-Aufsichtsrates und -Vorstandes für Projekte, „die aus systemischer und gesellschaftlicher Sicht diese Unterstützung gut gebrauchen können“ (Kontext 1/25, S. 91). Der Begriff der „gesellschaftlichen Sicht“ ist zwar mehr als vage, reicht aber offensichtlich als Legitimation zur Unterstützung von Initiativen, die sich um sich diskriminierte bzw. sich diskriminiert fühlende Personen kümmern. Jeder dieser unterstützenswerten Initiativen sind Spenden sehr zu wünschen. Aber ist das die Aufgabe eines systemischen Verbandes? Satzungszwecke legen fest, wofür die Mitgliedsbeiträge eingesetzt werden sollen und dürfen. Die finanzielle Unterstützung von systemischen Initiativen und Projekten, die mit dem Satzungszweck vereinbar sind, gehört sicherlich dazu. Schaut man auf die Website der geförderten Einrichtungen, findet man aber definitiv keine Hinweise auf irgendwelche systemischen Bezüge. Es dürfte nicht schwerfallen, noch jede Menge anderer sympathischer Projekte für eine solche Unterstützung zu finden. Mit dem eigentlichen Zweck des Verbandes ist eine solche Politik wohl nicht vereinbar.

7. Die Beobachtung zweiter Ordnung, zurückgehend auf Heinz von Foerster und Niklas Luhmann, ist ein zentrales Konzept systemischer Arbeit. Sie fokussiert nicht auf das Was des Beobachteten, sondern auf das Wie der Beobachtung. Systemische Therapeuten beobachten, wie ihre Klientensysteme beobachten und machen dabei deren „blinde Flecken“ sichtbar. Diese Haltung impliziert grundsätzlich eine Distanz zu eindeutigen Wahrheitsansprüchen und moralisierenden Positionen. Der systemische Ansatz betont Perspektivenvielfalt, Allparteilichkeit und die Kontextabhängigkeit von Beobachtungen.

Hier entsteht eine fundamentale Spannung: Wie kann ein Ansatz, der auf Multiperspektivität und der Dekonstruktion von Gewissheiten basiert, eindeutige politische Positionen beziehen? Die Beobachtung zweiter Ordnung würde eigentlich dazu anregen zu fragen: Wie kommt ein Verband zu der Überzeugung, bestimmte politische Positionen vertreten zu müssen? Welche blinden Flecken entstehen durch moralisierende Haltungen? Welche Perspektiven werden durch eindeutige Positionierungen ausgeschlossen?

8. Als politisch interessiertes Verbandsmitglied nehme ich mein Recht in Anspruch, mich politisch zu äußern, ein Recht, dass ich jedem anderen Mitglied auch zugestehe. Ein Fachverband, dessen Mitgliedschaft sich ausschließlich durch gemeinsame fachlich-professionelle Interessen ergibt, kann aber nicht wie eine Einzelperson für sich in Anspruch nehmen, zu jeder beliebigen gesellschaftlichen Problematik Stellung zu nehmen. Das unterscheidet ihn von einer politischen Vereinigung, die ihre Mitglieder eben gerade nach dem Kriterium ähnlicher politischer Präferenzen rekrutiert.

Während verbandsintern durchaus kontroverse Diskussionen stattfinden müssen, sollten sich die Verbände nach außen mit eindeutigen Stellungnahmen zu gesellschaftspolitischen Themen zurückhalten, wenn sie sich nicht konkret aus einer systemischen Perspektive heraus legitimieren. Nur diese Rückbindung an die Grundsätze der systemischen Theorie und Praxis kann die Integrationsfunktion eines systemischen Fachverbandes gewährleisten. Systemische Verbände würden ihrer eigenen Identitätsgrundlage am besten gerecht, wenn sie auch ihre eigene Tendenz zur politischen Positionierung systemisch – das heißt: beobachtend, hinterfragend und perspektivenerweiternd – betrachten würden.

Literatur:

Gold, I., & Mmari, J. (2024). Macht- und Rassismuskritik als Querschnittsaufgabe für die systemische Praxis. Familiendynamik, 49(01), 4-14. https://doi.org/10.21706/fd-49-1-4 

Keil, K., & Rohr, D. (2025). Wenn Beratung (epistemisch) ungerecht ist … – Eine philosophische Analyse. Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 43(03), 115-121. 

Overbeck, A. (1980). Nachdenken über Ziele und Wertvorstellungen in familientherapeutischen Grundkonzepten. Kontext, 3, 97–101. 

Schweitzer, J. (2018). Gesellschaftspolitik in der DGSF. Motive, Entwicklungen, Stolpersteine und Hoffnungen. Kontext, 49(4), 373-382. 

Schweitzer, J. (2022). Ich hätte da noch eine Idee … Persönliche Geschichten aus 45 Jahren Systemischer Therapie und Beratung. Vandenhoeck & Ruprecht. 

Schwertl, W. (1982). Familientherapie und Politik – eine provokante Anfrage. Kontext, 5, 109–113. 

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