Peter Fuchs, Soest:
Ich habe in diesen Tagen mit einem etwa zweieinhalbjährigen Kind gespielt, das mich noch nicht kannte. Dabei habe ich auf meinen Schatz von mechanischem Spielzeug zurückgegriffen, hier dann auf ein Blechkrokodil, das man aufziehen kann. Einmal losgelassen, vollzog es – mit dem Gebiss klappernd – einen wilden Lauf.
Das Kind rennt schreiend, dann quiekend davon, ich gehe langsam und vorsichtig hinterdrein, fasse das Krokodil an, hebe es auf und rede begütigend auf das Mädchen ein, das langsam näher kommt, das Krokodil wird in Bewegung versetzt, das Kind rennt wieder weg, aber deutlich gespielter, womit ich die Erlaubnis habe, das Tier mit meinem Mund knurren (knurren Krokodile?) zu lassen, und so geht es hin und her – mit immer neuen Variationen, bis ich aus meiner Hosentasche einen Blechfrosch ziehe, der hüpfen kann und sobald er es tut, nur noch Entzücken, keine Angst auslöst, während mein Uraltkater heranschleicht, völlig angstfrei den Frosch beschnuppert und ungerührt aus dem Felde geht, wahrscheinlich weil das Gerät nicht nach Fressbarem riecht.
Mädchen läuft hinter Katze her, mein Eheweib eilt herbei: „Nicht Kater, nein, nicht … Oliver kratzt“. Die Mutter des Kindes kommt hinzu, schnappt sich das Kind, das ruft: „Kroko … spielen“, lauter: „Alina Kroko … spielen!“. Mutter: „Nein, wir haben keine Zeit mehr … nächstes Mal wieder!“ Kind versteht vermutlich diesen Satz nicht, ist aber trotz der Negation besänftigt oder fällt in Trotz … oder … Weiterlesen →
Meine systemische Entwicklung wurde angestoßen durch ein Buch und Film von Arist von Schlippe et al. „Zugänge zu familiären Wirklichkeiten“ (2000). Ich würde fast sagen, dass ich vorher recht linear interveniert habe. Damals war ich noch als Familientherapeut in einer stationären Jugendhilfeeinrichtung tätig und war eher dem Problem ausgesetzt, dass der Altersunterschied zu den Eltern der Hilfeempfänger recht groß war. Ich kann mich noch immer an die vielen Aussagen erinnern, die mich in meiner Entwicklung als Therapeut retrospektiv positiv beeinflussten: „Kannst Du mir bitte einen Betreuer holen, ich habe ein Elterngespräch…“; „Was wollen Sie mir denn erzählen, Sie könnten mein Sohn sein…!“; „Ist Ihr Vater auch zu sprechen…?“
Es waren aus heutiger Sicht oft nicht die zeitaufwändigeren systemischen Interventionen, wie z.B. die Arbeit am Familienbrett, der Skalierungsscheibe oder Aufstellungsinterventionen im Raum, sondern die scheinbar pragmatischen Techniken, die unglaublich schnell wirkten und die Klienten sofort zum Nach-denken anregten und ein „Aha-Erlebnis“ auslösten. Ebenso waren auch systemische Abschlussszenarien unglaublich hilfreich, um bei mir Entwicklung verdichtet anzustoßen, wie z.B. „Hat Ihnen innerhalb der letzten 6 Sitzungen etwas gefehlt, was Sie bisher nicht angesprochen haben?“; „Angenommen, Sie könnten meine therapeutische Entwicklung positiv beeinflussen, was würden Sie mir empfehlen? Fehlte Ihnen etwas an meinen Vorgehensweisen?“; „Angenommen, Sie wären ein Therapeutentester Undercover – Undercover Reportagen sind momentan ein Trend in Deutschland … was würden Sie an meiner Praxis oder an meinen Eigenschaften als Therapeut konstruktiv kritisieren?“
Liebe Leserinnen und Leser,
Mein Vater war ein aufbrausender, jähzorniger Mann. Aus einem chronischen Gefühl des Ungenügens heraus, jedoch allem Lernen abgeneigt, lebte er mit rasch wechselnden Tätigkeiten in den Tag hinein und tyrannisierte seine Umgebung. Meine Mutter gab dazu das entsprechende Negativ. Eine zierliche, anziehende Frau mit höchsten intellektuellen und emanzipatorischen Ansprüchen, die in krassem Gegensatz zu ihrem gelebten Leben standen, weckte sie in ihrer Umgebung den Wunsch, sie zu erlösen, den sie standhaft zu enttäuschen wußte. Versunken in einem chronischen Gefühl der Leere, das sie mit ihren Kindern vergeblich auszufüllen suchte, blieb sie beschränkt auf ihre zunehmend verhasste und dementsprechend ausgefüllte Mutter- und Hausfrauenrolle. Mein älterer Bruder bekam die Last dieser Verhältnisse ungemindert zu spüren, was ihn für sein Leben zeichnete. Man sollte meinen, der Arme, an dem sich meine Eltern schon einigermaßen abgearbeitet hatten, bevor ich das Licht der Welt erblickte, wirkte als Barriere und Schutzschild gegen deren direkte Einwirkung auf meine zarte Seele. Aber der Böse erwies sich vielmehr als ein Art Brennglas, durch das er alles in höchster Konzentration auf mich weiter leitete. Es braucht kaum erwähnt zu werden, dass ich ein mehrfach seelisch missbrauchtes Kind war, unterdrückt, entwertet, gleichzeitig als Rettungsengel phantasiert. Ohnmacht, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle waren der fruchtbare Boden für eine katholische Erziehung, die sich mir, wenngleich moderat und ohne äußeren Zwang ausgeübt, als kosmische Rechtfertigung des in mir angerichteten seelischen Chaos darstellte. Es erübrigt sich, auszuführen, dass mein Leben den vergeblichen Bemühungen eines Verdammten gleichkam, eine einzige Misere. Leistungsneurotisch und trotz aller möglichen Qualifikationen mein Berufsfeld immer wieder wechselnd, konnte ich nie schätzen, was ich erreichte. Auch im Privatleben unternahm ich mehrere Anläufe, was dazu führte, dass ich heute, umgeben von vielen Kindern, die mich immer noch ausbeuten, allein lebe. Was Wunder, dass mich – verbraucht durch alle die vergeblichen Anstrengungen, meinem vorgezeichnetem Schicksal zu entkommen – zu guter letzt eine lebensbedrohliche Krankheit heimsucht, die sich nun auch noch weigert, dem allen ein gnädiges Ende zu bereiten. Ich erlaube mir, mich durchgängig als gescheitert anzusehen.

