systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

28. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Ciompi goes online

Luc Ciompi, der in diesem Jahr unglaubliche 90 Jahre alt wird, hat die Entwicklung des systemischen Ansatzes seit Beginn der 80er Jahre nicht nur mit seinen revolutionären Strategien zur Behandlung psychiatrischer Patienten in Bern, sondern vor allem mit seinen Arbeiten zu affekt- und emotionstheoretischen Fragestellungen begleitet. „Affektlogik“ ist sein bekanntestes Werk aus den 80er Jahren. Auch heute ist er ungebrochen kreativ, nicht nur als Maler, sondern auch mit wissenschaftlichen und biografischen Beiträgen. Auf der website des Verlages Vandenhoeck & Ruprecht hat er in diesem Jahr einen Blog gestartet, in dem er unter den Rubriken-Titeln „Mein Stand des Irrtums“, „Mein Blick aufs Ganze“ und „Mein Weg mit der Schizophrenie“ Einblicke in seine eigene Entwicklungsgeschichte und die damit verbundenen Einsichten in die Zusammenhänge von Affekten, Kognitionen und Körper, von Denken, Fühlen und Handeln, von Schizophrenie und ihrer Bewältigung eröffnet. Diese Geschichte ist maßgeblich durch seine Erfahrungen mit einer Mutter geprägt, die selbst unter einer „schleichenden Schizophrenie“ litt. Seine Fähigkeit, die eigenen privaten und beruflichen Lebenserfahrungen u.a. auch schreibend zu reflektieren und damit auch zu bewältigen, macht diesen Blog unbedingt lesenswert – ein großes Geschenk eines wirklichen Meisters an seine Leserschaft.

Bedauerlicherweise ist die website des Verlages derzeit nicht wirklich voll funktionsfähig – so gelangt man nur durch die Suchfunktion auf die Beiträge im Blog und nicht durch eine vernünftige Menüführung – das sollte mit diesem Link aber gelingen. Einer Lektüre des Blogs, den man wohl auch nicht abonnieren kann, sollte das aber nicht im Wege stehen. Zu den Beiträgen geht es hier …

20. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Auswirkungen systemischer Beratung und Therapie in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle auf die Bindungssicherheit verhaltensauffälliger Kinder im Grundschulalter

In einem von der DGSF geförderten Forschungprojekt hat der Dipl.-Soz.Päd. Mathias Berg die Veränderung im Bindungsverhalten von Grundschulkindern im Zuge der Beratung an einer EFL untersucht. Die vollständige Studie, die auch als Dissertation an der Universität Siegen eingereicht wurde, ist im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht erschienen.

Weiterlesen →

16. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Jede fünfte Person lebte 2018 in einem Einpersonenhaushalt

WIESBADEN – Im Jahr 2018 gab es 41,4 Millionen private Haushalte in Deutschland. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) nach Ergebnissen des Mikrozensus weiter mitteilt, hatten darunter Einpersonenhaushalte mit 42 % den größten Anteil. Damit lebten rund 17,3 Millionen Menschen oder etwa jede fünfte Person in Deutschland in einem Einpersonenhaushalt. In 58 % der Haushalte (24 Millionen) lebten zwei oder mehr Personen. Unter den
Mehrpersonenhaushalten hatten Zweipersonenhaushalte mit 34 % aller Haushalte den größten Anteil. Dreipersonenhaushalte machten 12 % und Vierpersonenhaushalte 9 % aus. Nur in 3 % der Haushalte lebten fünf oder mehr Personen. Damit hielt der langfristige Trend zu kleineren Haushalten an: Von 1991 bis 2018 ging die durchschnittliche Haushaltsgröße von 2,27 Personen auf 1,99 Personen zurück.
(Quelle: Statistisches Bundesamt https://www.destatis.de/pressemitteilungen)

15. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Systemischer Forschungspreis 2020

Die Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und die Systemische Gesellschaft (SG) vergeben gemeinsam einen wissenschaftlichen Forschungspreis.

Mit ihrem wissenschaftlichen Forschungspreis verfolgen die systemischen Verbände das Ziel, den wissenschaftlichen Nachwuchs zu fördern, die Weiterentwicklung der Forschungs- und Praxismethoden im Kontext des systemischen Denkens anzuregen und die Bedeutung des systemischen Ansatzes für die therapeutische und beraterische Praxis zu verdeutlichen.

Der Preis ist als Förderpreis konzipiert. Angenommen werden Masterarbeiten, Dissertationen, Habilitationen oder Forschungsarbeiten aus einem Projekt, das in oder auch außerhalb der Hochschule durchgeführt wurde. Erwünscht sind aktuelle Forschungsarbeiten, die nicht oder bei Einreichung nicht länger als ein Jahr veröffentlicht sind.

Der Preis ist mit 3.000 Euro dotiert. Weiterlesen →

13. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Die Person in der Institution …

… lautet das Schwerpunktthema der aktuellen Ausgabe der Familiendynamik. In ihrem Editorial schreiben die Herausgeberinnen dieses Heftes, Ulrike Borst und Ann-Kristin Hörsting: „Was stört uns eigentlich daran, wenn in Teams gesagt wird: »Der Patient (der Jugendliche/der Gefangene/etc.) hat sich gut bei uns eingelebt«? Wir (Gast-) Herausgeberinnen waren bzw. sind viele Jahre in Institutionen tätig und fragen uns schon lange, wie Institutionen gestaltet sein sollten, damit die darin – zeitweise – lebenden Personen möglichst gut aus ihnen austreten und im »wirklichen Leben« weiterleben können. Auf diese Frage richten wir den Fokus der vorliegenden Ausgabe. Eine von uns (UB) hatte in den ersten Jahren ihrer Tätigkeit in einer Psychiatrischen Klinik ein Schlüsselerlebnis: Ein Professor der Universität Konstanz wollte mit seinen Studentinnen und Studenten anreisen, um zu untersuchen, ob die Klinik noch Merkmale einer totalen Institution aufweise. Die überaus engagierte, der Klinik und ihrem Chef loyal verbundene Psychologin überflog das einschlägige Standardwerk von Erving Goffman und befand: Alles längst überwunden! Wir sind offen, haben die Rehabilitation vom ersten Tag an im Blick, schicken die Patientinnen und Patienten am Wochenende nach Hause. Gegenüber den Besuchern argumentierte sie überzeugend. – In den nächsten Ferien las sie das Buch gründlich und erkannte zu ihrem Entsetzen in den mikrosoziologischen Analysen Goffmans vieles wieder, was auch im 3. Jahrtausend noch zum Klinikalltag gehört.“
Asmus Finzen und. Bruno Hildenbrand steuern Beiträge zum Thema „Totale Institution“ bei, darüber hinaus geht hier in weiteren Beiträgen um das Soteria-Konzept und geschlossene Einrichtungen zur Krisenintervention für Jugendliche. Ein Bericht aus Shanghai beschreibt die Implementation des SYMPA-Projektes in eine große psychiatrische Klinik der Region.

Alle bibliografischen Angaben und Abstracts zu diesen und vielen anderen Beiträgen finden Sie hier…

6. Juli 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Personalien

1. Fritz B. Simon in der Hamburger Elbphilharmonie mit dem WinWin-Innovationspreis des Mediation DACH e.V. geehrt

Wie der Carl-Auer-Verlag mitteilt, wurde im Rahmen der 18. Internationalen Mediationstage in Hamburg Fritz B. Simon der renommierte WinWinno-Preis des Verbandes für Mediation DACH Deutschland, Austria, Schweiz für sein Lebenswerk verliehen. Mit dem WinWin-Innovationspreis – hierfür steht das Kürzel WinWinno – werden Menschen und Organisationen geehrt, die sich in besonderer Weise für den WinWin-Gedanken engagieren. Die Verleihung fand in der Hamburger Elbphilharmonie statt.
Glücklicherweise hat Fritz Simon die Preisverleihung überlebt, was offensichtlich für ihn keine Selbstverständlichkeit war: „Ich habe gezögert den Preis anzunehmen. Denn als ich das letzte Mal einen Preis für mein Lebenswerk bekommen habe, lag ich anschließend eine Woche im Koma und wäre beinahe gestorben – offenbar hatte ich das mit dem Lebenswerk falsch verstanden…“, so Fritz B. Simon in seiner launigen Dankesrede.

2. Hans Schindler zum Präsidenten der Bremer Psychotherapeutenkammer gewählt

Die 40. Kammerversammlung der Psychotherapeutenkammer Bremen hat am 18. Juni 2019 den Systemischen Therapeuten und langjähriges Vorstandsmitglied der SG Hans Schindler zum Vorsitzenden der Kammer in Bremen und Nachfolger von Karl Heinz Schrömgens gewählt. Damit ist hat erstmals ein Systemiker das Amt eines Präsidenten einer deutschen Psychotherapeutenkammer angetreten.

3. Dirk Rohr zum Präsidenten der “European Association for Counselling (EAC)” gewählt

Im April dieses Jahres wurde DGSF-Mitglied Dr. Dirk Rohr, Sprecher der Fachgruppe Systemische Beratung, zum Präsidenten der “European Association for Counselling (EAC)” gewählt. Die EAC ist der Beratungs-Dachverband in Europa. Sie besteht aus ‚Individual Members‘ und nationalen Verbänden. DGSF-Mitglieder können ihr als Einzelpersonen beitreten und sich zertifizieren lassen, gleichzeitig ist die DGSF über die Deutsche Gesellschaft für Beratung (DGfB) als Verband in der EAC vertreten. Alle National Associations deligieren eine Person in den erweiterten Vorstand der EAC. Seit April 2017 ist Dirk Rohr als DGfB-Vertreter in eben diesem ‚Governing Board‘ tätig. 2018 richtete er mit seinem Arbeitsbereich Beratungsforschung der Universität zu Köln die EAC Annual Conference mit 600 Teilnehmer*innen aus. Seit April gehört er nun als deren Präsident zum Executive Council und will v.a. die Berater-Rolle der EAC für die Europäische Union ausbauen.

systemagazin gratuliert den Preis- und Amtsträgern von Herzen!

27. Juni 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Die Kunst zu hören

Im April 2018 hat das Berliner Institut für Familientherapie, Systemische Therapie, Supervision, Beratung und Fortbildung (BIF) sein 35-jähriges Jubiläum mit einer Fachtagung zu einem Thema gefeiert, das im systemischen Diskurs bislang nicht sonderlich gut vertreten war: »Die Kunst zu hören«. Initiatorin dieser Tagung war für das BIF Regina Riedel. Die unterschiedlichen wissenschaftlichen, praktischen und sinnlichen Beiträge zu dieser Tagung inspirierten die Herausgabe eines Kontext-Themenheftes, das als Heft 1/2019 erschien, das die beiden Hauptvorträge der Tagung sowie einen weiteren Originalbeitrag enthält.

Peter Rober von der Universität Löwen in Belgien eröffnet das Heft mit seinem Beitrag über die Komplexität des Zuhörens in der Familientherapie, vor allem unter Einbezug auch der jüngeren Kinder. Ihm geht es in seinem narrativen Zugang zu den Geschichten der Familien um verschiedene Arten des Zuhörens, nämlich das Zuhören mit den Ohren, mit den Augen und mit den Herzen. Nur im Zusammenklang dieser drei Arten des Zuhörens entsteht so etwas wie empathische Responsivität.

Tom Levolds Arbeit zielt darauf, dem Zuhören einen bedeutsameren Platz im systemischen Diskurs zu verschaffen, der einerseits von einer Dominanz visueller Metaphern geprägt ist, anderseits hinsichtlich der Gesprächsführung eher mit Fragen als mit Zuhören beschäftigt ist. Er arbeitet die Unterschiede zwischen Hören und Zuhören und die Bedeutung der Erfassung unterschiedlicher linguistischer und paralinguistischer Elemente von Klientennarrativen im therapeutischen Gespräch heraus, in dessen Verlauf verborgene Aspekte des Problemerlebens als »Thema hinter dem Thema« sowie mögliche Lösungen erkennbar werden.

Weiterlesen →

21. Juni 2019
von Tom Levold
1 Kommentar

Mara Selvini Palazzoli (15.8.1916 – 21.6.1999)

Mara Selvini Palazzoli

Heute vor 20 Jahren starb in Mailand Mara Selvini Palazzoli, die ab 1971 aufgrund ihrer Auseinandersetzung mit Batesons Kybernetik und Watzlawicks Kommunikationstheorie gemeinsam mit Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata eine Wegbereiterin der systemischen Therapie wurde. Nach ihrer gemeinsamen Veröffentlichung von Paradoxon und Gegenparadoxon wurde die Vorgehensweise des Viererteams als Mailänder Modell weltbekannt. Nach der Trennung von Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin gründete Selvini Palazzoli gemeinsam mit Giuliana Prata 1982 ein neues Institut unter dem Namen Nuovo Centro per lo Studio della Famiglia.

1984 erschien im Journal of Strategic and Systemic Therapies ein Artikel des Psychiaters Vincenzo DiNicola mit dem Titel „Road Map to Schizo-Land: Mara Selvini Palazzoli and the Milan Model of Systemic Family Therapy“, in dem die theoretische Entwicklung von Mara Selvini nachgezeichnet wird. Im Abstract heißt es: „This article examines the development of Selvini Palazzoli’s thinking that has led to her current exploration of the ?invariant? prescription. Her previous contributions in the understanding of such areas as the referring person problem, hypothesizing, circularity, neutrality, and positive connotation are reviewed as is her more recent concern with the isomorphisms between families and larger systems. The ?invariant? prescription is described in some detail.“
Der Artikel kann hier heruntergeladen werden…

18. Juni 2019
von Tom Levold
1 Kommentar

Trauma ist ziemlich strange

Steve Haines ist ein englischer Chiropraktiker und unterrichtet Craniosakral-Therapie auf der ganzen Welt. Sein Schwerpunkt ist die Behandlung von Schmerzen und Traumata. Im Carl-Auer-Verlag sind nun drei originelle Bücher von ihm über Angst, Schmerz und Trauma erschienen, die wissenschaftliche Informationen in Comic-Form aufbereiten und sich insofern auch an ein großes, nicht fachlich vorgebildetes Publikum richten. Lothar Eder hat den Comic „Trauma ist ziemlich strange“ für systemagazin gelesen und empfiehlt die Lektüre nachdrücklich.

Lothar Eder, Mannheim:

Traumata sind wirklich so eine Sache. Es gibt Stimmen, die meinen, es würde in der Psychotherapie viel zu schnell von „Traumatisierung“ gesprochen. Selbst manche Psychotherapie-Gutachter können mit entsprechenden Anträgen nichts anfangen und weisen sie entsprechend zurück. Dem entgegen steht die Meinung, Traumatisierungen würden viel zu häufig nicht erkannt. Oft genug wird die Rolle einer Traumatisierung für ein seelisch belastendes Geschehen für Therapeuten und Betroffene erst im Laufe einer längeren Therapie erkennbar. Sowohl Peter Levine als auch (im deutschsprachigen Raum) Joachim Bauer belegen zudem sehr eindrücklich, dass zahlreiche und schwerwiegende somatische Erkrankungen wie z.B. chronisch entzündliche Prozesse oder Immunkrankheiten v.a. auf sog. Entwicklungstraumata zurückzuführen sind. Traumata sind also nicht nur „besonders“, sie erfordern eine bestimmte Perspektive und entsprechende Kenntnisse bei Behandlern – denn man sieht nach Goethe nur was man kennt. Zur Vermehrung von derlei Kenntnissen trägt das hier besprochene Werk bei.

Weiterlesen →

14. Juni 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Erfasse komplex, handle einfach!

Martin Rufer

Unter den Systemikern in Deutschland ist er vor allem durch seine Publikationen und seine rege Beteiligung an den psychotherapiepolitischen Debatten bekannt. Sein Buch „Erfasse komplex, handle einfach. Systemische Psychotherapie als Praxis der Selbstorganisation – ein Lernbuch“, das 2012 im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht herausgekommen ist, versucht, mit einem synergetischen Paradigma allgemeine Wirkfaktoren und Kriterien ausfindig zu machen, die helfen, Komplexität zu verstehen und zu vereinfachen. Jürgen Kriz hat in der Familiendynamik 2012 das Buch euphorisch rezensiert, ein guter Grund, die Rezension zum Geburtstag von Martin Rufer (mit freundlicher Genehmigung der Familiendynamik) noch einmal zu veröffentlichen.

Heute feiert Martin Rufer aus Bern seinen 70. Geburtstag – und systemagazin gratuliert von Herzen. Nach seiner Ausbildung zum Primarlehrer (1966-70) studierte er Psychologie, Pädagogik und Soziologie mit Abschluss Erziehungsberatung (lic.phil.). ein Bereich, in dem er neben der Kinder- und Jugendpsychiatrie langjährig tätig war. Seit 1990 hat er eine Privatpraxis als Psychologe und Psychotherapeut für Therapie, Supervision, Fort- und Weiterbildung und arbeitet als Kursleiter von Fortbildungskursen in systemischer Therapie (Uni Zürich, Basel, FSP, SPV , FMH). Er ist Mitglied der Schweizerischen Gesellschaft für systemische Therapie und Beratung (SGS) sowie der Expertenkommission Psychotherapie der FSP und hatte von 2001 bis 2009 die Geschäftsleitung des Zentrums für systemische Therapie und Beratung in Bern inne.

Lieber Martin, zum 70. alles Gute, bleib gesund und dem systemischen Diskurs auch weiterhin mit dem einen oder anderen Beitrag erhalten!

Weiterlesen →

13. Juni 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

Systemische Familienberatung wirkt: Erste empirische Befunde zur Verbesserung der Bindungssicherheit

(Köln) – Systemische Familienberatung erhöht die Bindungssicherheit von verhaltensauffälligen Kindern im Grundschulalter, reduziert Verhaltensauffälligkeiten und verbessert das Erziehungsverhalten von Müttern. Das zeigt ein von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) gefördertes Forschungsprojekt, in dem Beratungsprozesse in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle in Kerpen untersucht wurden.

Erziehungs- und Familienberatung ist die meistgenutzte Hilfe zur Erziehung im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe. Dabei ist systemische Beratung und Therapie das dominierende Verfahren. Erziehungsberatung und der systemische Ansatz in der psychosozialen Beratung sind hinsichtlich ihrer Wirksamkeit und ihrer Effekte im Vergleich zur Psychotherapie allerdings noch wenig erforscht. Mathias Berg untersuchte die Beratungsprozesse bei 61 Grundschulkindern in seiner als Dissertation angenommenen Interventionsstudie “Auswirkungen systemischer Beratung und Therapie in einer Erziehungs- und Familienberatungsstelle auf die Bindungssicherheit verhaltensauffälliger Kinder im Grundschulalter”.

Hauptsächliches Forschungsziel war es, mehr über eine potentielle Veränderung der Bindungssicherheit bei Kindern nach der Beratung herauszufinden, zentraler Bestandteil der systemischen Intervention waren dabei die Eltern beziehungsweise die Familie des Kindes. Untersucht wurden Beratungsprozesse mit sechs- bis elfjährigen Kindern, die wegen Verhaltensauffälligkeiten angemeldet wurden (Ein-Gruppen-Design; Prä-Post-Post-Messung). In der Studie wurden neben der Bindung der Kinder (Geschichtenergänzungsverfahren zur Bindung; GEV-B) auch deren Verhaltensauffälligkeiten und Kompetenzen (Child Behavior Checklist; CBCL) erfasst. Außerdem wurden die Bindungsrepräsentation der Mutter (Adult Attachment Projective; AAP) und deren Erziehungsverhalten (Deutsche erweiterte Version des Alabama Parenting Questionaire; DEAPQ-EL-GS) erhoben. Kinder und Mütter wurden weiterhin mit einem eigens für die Untersuchung konstruierten Evaluationsfragebogen befragt. Die Beratungen erfolgten in der Erziehungs- und Familienberatungsstelle Kerpen des Caritasverbandes für den Rhein-Erft-Kreis.

Die Ergebnisse zeigen, dass sich bei rund einem Drittel der Stichprobe Bindung nach der Intervention neu strukturierte. Dabei ließen sich Wechsel in Richtung größerer Bindungssicherheit im Vergleich zu unsicherer Bindung signifikant nachweisen. Die Verhaltensauffälligkeiten der Kinder gingen hochsignifikant zurück und inkonsistentes Elternverhalten bei den Müttern nahm deutlich ab. Zudem waren Mütter und Kinder sehr zufrieden mit der Beratung und schätzten das Ausmaß ihrer Probleme zum Ende der Beratung als wesentlich vermindert ein. “Diese erfreulichen Befunde legen nahe, dass noch deutlich mehr Wirksamkeitsforschung in der Jugendhilfe sinnvoll und nötig wäre, um Hilfen effektiv gestalten und deren Effizienz gegenüber den Kostenträgern noch deutlicher darstellen zu können”, kommentiert DGSF-Vorsitzender Dr. Björn Enno Hermans die Forschungsergebnisse. 

Die DGSF fördert bereits seit Jahren Forschungsprojekte aus allen Bereichen des systemischen Arbeitens. Mit “Anschubfinanzierungen” möchte der Fachverband weitere Forschungsprojekte anregen.

Ein Abschlussbericht zum Forschungsprojekt ist auf den Internetseiten der DGSF einsehbar, eine detaillierte Darstellung als Buch bei V&R unipress unter dem Titel “Die Wirksamkeit systemischer Beratung” veröffentlicht. (Quelle: DGSF).

28. April 2019
von Tom Levold
3 Kommentare

Psychotherapeutische Vergütung konstruieren – Systemische Therapie als Kassenleistung

Bei allem Jubel über die sozialrechtliche Anerkennung, mit der Systemische Therapie zukünftig als Kassenleistung abgerechnet werden kann, stellt sich die Frage, was denn da genau abgerechnet werden soll. Auf jeden Fall die „Behandlung von Störungen mit Krankheitswert“, die von Systemikern dann natürlich auch als solche ausgewiesen werden müssen. Ebenso spannend ist die Frage, ob ein Herzstück des systemischen Ansatzes, nämlich die Arbeit mit Mehrpersonensystemen bzw. die Einbeziehung der relevanten Kontexte in den therapeutischen Prozess angemessen bezahlt wird. Damit ist nicht zu rechnen. Ähnlich wie in Österreich jetzt schon wird Systemische Therapie sich daher im Setting und der Organisation nicht wesentlich von den anderen jetzt schon kassenfinanzierten Verfahren unterscheiden – was auf die Arbeit mit individuellen Patienten und ICD-Diagnose hinausläuft.

Klaus G. Deissler und Ahmet Kaya aus Marburg haben ein Papier verfasst, in den sie für die Bezahlung „durchgeführter Einheiten der Zusammenarbeit im Mehrpersonensystem plädieren“, die auch den Einsatz bewährter Vorgehensweisen wie z.B. des Reflecting Teams ermöglichen könnte. Mit einer Realisierung dieses Vorschlages darf nicht gerechnet werden.

Zum vollständigen Text geht es hier…

3. April 2019
von Tom Levold
Keine Kommentare

In eigener Sache

Liebe Leserinnen und Leser des systemagazin,

der letzte Eintrag im systemagazin liegt nun schon einige Wochen zurück. Mich erreichen viele Anfragen, was mit dem systemagazin los sei und ob es mir gut geht. Aus diesem Grund hier eine kurze Zwischenmeldung: ich hatte in der Tat in den letzten Monaten einige gesundheitliche und alltagspraktische Herausforderungen über das normale Maß hinaus zu bewältigen. Das ist mir ganz gut gelungen, ich bin wieder im Besitz meiner Kräfte und freue mich, dass diese Zeit hinter mir liegt und ich den Frühling genießen kann. Durch die Belastungen der letzten Wochen ist aber bei mir so vieles an dringlichen Aufgaben und Angelegenheiten liegen geblieben, dass ich nicht mehr dazu gekommen bin, regelmäßig etwas im systemagazin zu posten. Ich gehe davon aus, dass ich nach den Osterferien wieder regelmäßig hier im systemagazin in Erscheinung treten werde. Ich möchte mich bei allen Kolleginnen und Kollegen herzlich bedanken, die sich um mich Sorgen gemacht haben und mir das auch mitgeteilt haben. Ich wünsche euch und Ihnen allen einen schönen Frühling. Bis bald bin ich mit ganz herzlichen Grüßen

Tom Levold

Herausgeber systemagazin

Zur Werkzeugleiste springen