
Jens Förster, Psychologe, Sänger, systemischer Therapeut und Gesellschafter und Lehrtherapeut am Institut für Familientherapie Weinheim, hat ein Methoden-Buch über den Einsatz von Seilen in der Aufstellungsarbeit bei Vandenhoeck & Ruprecht veröffentlicht. Haja Molter, systemisches Urgestein und selbst lange beim IFW, hat das Buch für systemagazin rezensiert.
Haja Molter, Düsseldorf:
Im Frühjahr 1976 nahm ich im großen Ballsaal des Ambassadorhotels in Los Angeles vor 1000 Leuten an einer Live Demonstration von Virginia Satir teil. Das Hortel hatte eine traurige Berühmtheit erlangt, weil dort am 5. Juni 1968 Robert Kennedy kurz nach seiner Siegesrede nach den kalifoirnischen Vorwahlen und dem Verlassen des Ballsaales ermordet wurde. Virginia Satir hielt keine Vorlesung. Gleich nach den Eröffnungsworten bat sie Teilnehmerinnen und Teilnehmern auf die Bühne und begann ihre Arbeit mit u. a. mit Seilen zu demonstrieren. In ihrer Skulpturarbeit legte sie Seile um Subsysteme. Verband eine Mutter mit ihrem Sohn mit einem Seil. Damals wirkte das auf mich verstörend und befremdlich. Das änderte sich als ich Virginia Satirs Arbeit, die in ihrer Arbeit mit Familien und Auszubildenden viele analoge Zugänge anbot, kennen lernte. Diese Zugänge sind heute in der systemischen Therapie, der systemischen Supervison, dem systemischen Coaching und der systemischen Organiastionsberatung selbstverständlich.
Jens Förster hat jetzt nach seinem vielbeachteten Buch „Black – Box – Methoden“ mit „Mit Seilen, Grenzen setzen, achten, fühlen“ eine praxisorientierte Methodensammlung vorgelegt, in der die Arbeit mit Seilen eine entscheidende Rolle spielen. Dabei geht er davon aus, dass Grenzen – seien es Ichgrenzen, System – oder Wertegrenzen – nicht nur kognitiv verstanden, sondern erfühl – und erfahrbar gemacht werden sollten. So gelingt es ihm, dass seine Klientinnen und Klienten mit Seilen als wahrnehmbare Marker für Grenzlinien, Felder, Schwellen oder Rollen in so induzierten systemischen Prozessen an ihren Anliegen arbeiten können.
Zunächst ein kurzer inhlatlicher Überblick:
- Theorie. Darin wird die Arbeit mit Grenzen mit ihren psychologischen Mechanismen und Dynamiken beschrieben.
- Praxis. Fall – und Anwendungslogik: wie Arbeit mit Seilen im realen Setting stattfinden kann.
- 33 klar strukturierte Aufstellungsübungen mit Impulsfragen, Kurzbeschreibungen und Punkten zur Nacharbeit
Seile dienen dabei als „dritte Hand“, sie unterstützen die Wahrnehmung und Selbstwirksamkeit der Klientinnen und Klienten während des systemischen Prozesses. Sie helfen, um eine viel zitierte Tautologie Gregory Batesons zu benutzen, „Unterschiede zu machen, die einen Unterschied machen.“
Jens Förster verfügt als Sozialpsychologe über eine große Erfahrung als Wissenschaftler und Forscher. Er übernimmt die Erkenntnisse aus seiner eigenen Forschung und der anderer Wissenschaftler und übersetzt sie in eine Sprache, die man auch ohne großes theoretisches Vorwissen gut versteht. Statt sich in komplizierten Modellen oder Fachbegriffen zu verlieren, erklärt er seine Ideen anhand von anschaulichen Beispielen und Situationen aus der Arbeit (Fallbaspielen) mit seinen Klientinnen und Klienten, sodass Leserinnen und Leser den Nutzen direkt erkennen und die Inhalte leicht auf die Praxis übertragen können.
Die vorgestellten 33 Übungen im Buch mit ihrer kreativen Raumarbeit als Zugang lassen sich – Seile werden als symbolische und sinnliche Resonanzflächen genutzt – für breite Anwendungsfelder einsetzen, sie sind geeignet für Therapie, Supervision, Coaching und Organisationsberatung.
Ich betrachte Jens Försters Arbeit als Erweiterung und fruchtbare Bereichung in der Aufstellungs- und Skulpturarbeit. Sie ist eine wertvolle innovative Ressourcenquelle und sollte unbedingt bei Neuauflagen in etablierte Standwerke über Skulptur- und Aufstellungsarbeit aufgenommen werden. Ich glaube, man würde den Autor missverstehen, wenn man seine „Seilearbeit“ als „die“ analoge Methode systemischen Denkens und Handelns verstehen würde. Er empfiehlt den Anwendern eine flexible methodenneutrale Haltung und die Bereitschaft im Prozess, wenn es hakt, zu improvisieren. Für Klientinnen und Klienten, die bereit sind, sich auf diese Übungen einzulassen – auch Neinsagen wird ausdrücklich gewürdigt – bieten sie eine präzise, bewegungs- und sinnlich-orientierte Zugangsweise.
Das Buch bestärtkt mich in meiner Praxis weiter den physkalischen Raum und Angebote zur Bewegung mit oder ohne Seile zu nutzen. Innerhalb eines zeitgemässen methodisch vielfältigen Repertoires nimmt es eine hervorragende Stellung ein. Ich wünsche ihm eine breite Leserschaft.

Jens Förster (2025): Mit Seilen Grenzen setzen, achten, fühlen. 33 Aufstellungsmethoden für Therapie, Coaching und Supervision. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht)
247 Seiten, mit zahlr. farb. Abb., Paperback
Illustriert von Wiebke Lückert
ISBN: 978-3-525-45341-4
Preis: 35,00 €
Verlagsinformation:
Wie kann die Aufstellungsarbeit mit Seilen Prozesse in der Therapie, im Coaching, in der Supervision und Organisationsentwicklung in Schwung bringen? Und warum ist das so? Jens Förster erläutert, wie das Nutzen von Seilen neue Zugänge zu alten Problemen eröffnet, den Selbstwert und die Selbstwirksamkeit von Klient:innen stärkt und zu einer erhöhten Fähigkeit führen kann, sich abzugrenzen. Denn Seile ermöglichen es, Grenzen deutlich werden zu lassen: Ich-Grenzen, Systemgrenzen, Wertegrenzen, alle Arten von Grenzen, die für Klient:innen von Bedeutung sind. Seile können Schwellen, Ordnungssysteme, Grundrisse, verschiedene Felder, Gebiete, Plätze repräsentieren. Auch Bilder, Symbole, Metaphern können mit Seilen gelegt werden. Jens Förster stellt in diesem Buch seine vielfältige Arbeit mit Seilen höchst praxisnah und reichhaltig illustriert vor. Er möchte Kolleg:innen inspirieren, im Raum zu arbeiten und dabei auf kreative Weise zu neuen Impulsen zu kommen. Auf Basis der Übungen können außerdem maßgeschneiderte Methoden für Klient:innen je nach individuellem Anliegen entwickelt werden. Das Downloadmaterial umfasst alle 33 Übungen mit Kurzanleitungen, Impulsfragen und mehreren Seileillustrationen und kann als handliches Kartenmaterial ausgedruckt werden.
Über den Autor:
Jens Förster, Diplom-Psychologe, Dr. habil., ist Co-Direktor des »Systemischen Instituts für Positive Psychologie« in Köln und Gesellschafter am IF Weinheim. Er war von 2001 bis 2017 Professor der Sozialpsychologie und arbeitete u. a. an der Columbia University in New York, der Newschool for Social Research in New York und der Universiteit van Amsterdam. Er ist systemischer Coach, Therapeut, Supervisor, Organisationsentwickler und Teambuilder, Lehrtherapeut und Lehrsupervisor (SG). Er gibt Trainings und hält Vorträge zu Themen wie Vorurteile, Systemisches Handeln und Denken, Sinngebung in Unternehmen, Kreativität, Selbstmanagement- und Selbstregulation, Gesundheit, Motivation, Embodiment, Lebensziele und Krisenintervention. Er hat über 100 wissenschaftliche Artikel und viele populärwissenschaftliche Bücher verfasst und zahlreiche internationale Preise für Forschung und Lehre erhalten. Er ist Redakteur der »systhema«, Fachgruppensprecher in der DGPPF und im Kuratorium der FSF. Jens Förster hat zudem Operngesang und Schauspiel studiert, er hat Theaterstücke und Lieder geschrieben und als Regisseur gearbeitet.