
Die aktuelle Ausgabe der Familiendynamik kann man in gewisser Weise als eine „italienische Ausgabe“ bezeichnen – in ihrem Titel würdigt sie „50 Jahre Mailänder“, wobei diese Zeitangabe nicht ganz stimmt. 1967 gründete Mara Selvini-Palazzoli zunächst mit mehreren Kolleg:innen das „Centro per lo Studio della Famiglia e delle Tecniche di Gruppo“ in Mailand, das noch stark psychoanalytisch geprägt war. 1971 verließ sie dieses Institut und bildete gemeinsam mit Luigi Boscolo, Gianfranco Cecchin und Giuliana Prata die schulbildende „Mailänder Gruppe“ bzw. das „Mailänder Team“, das das Mailänder Modell der systemischen Familientherapie entwickelte. Unter der Gastherausgeberschaft von Laura Galbusera, Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie mit Schwerpunkt Systemische Therapie an der Medizinischen Hochschule Brandenburg und Familiendynamik-Herausgeberin Christina Hunger-Schoppe bietet das aktuelle Heft einen Blick in die aktuelle italienische systemtherapeutische Landschaft und verweist auf ein Erbe, das in der zeitgenössischen systemischen Ausbildungslandschaft zunehmend an Sichtbarkeit verliert.
Die Mitglieder der Mailänder Gruppe waren Pioniere einer fundamentalen epistemologischen Wende in der Familientherapie. Ausgehend von psychoanalytischem Hintergrund integrierten die Gründer systemische Gedanken von Gregory Bateson und des Mental Research Institutes (Palo Alto) und entwickelten auf der Basis einer kybernetische Erkenntnistheorie ihr bahnbrechendes Werk „Paradoxon und Gegenparadoxon“ (1975) und etablierten später mit einem weiteren Schlüsselwerk „Hypothesizing, Circularity, and Neutrality“ (1980) drei zentrale Prinzipien: Hypothesenbildung, zirkuläres Fragen und eine Haltung der Neutralität, die bis heute für die systemische Praxis bedeutsam sind. Unter dem Einfluss von Gregory Bateson entwickelte sich ein Verständnis von Therapie als kontinuierliches Fragen, das Unterschiede sichtbar macht, statt Probleme zu „lösen“.
Die Trennung der Gruppe um 1980 führte zu unterschiedlichen Wegen. Während Selvini Palazzoli einen stärker strukturell-diagnostischen Weg verfolgte und sich auch anderen Anwendungsfeldern zuwandte, schlugen Boscolo und Cecchin eine konstruktivistisch-dialogische Richtung ein, die sie auch hierzulande in vielen Workshops vermittelten. Diese Differenzierung ermöglichte multiple Weiterentwicklungen, die in dieser Ausgabe dokumentiert werden.
Umberta Telfener und Enzo De Bustis schildern die Entwicklung des Centro Milanese von ursprünglich strategischen Interventionen zu einem dialogischen, relationalen Verständnis von Therapie, geprägt von Neugier, Offenheit und Aufmerksamkeit für Beziehung und Kontext. Sie verstehen Therapie als Prozess 2. Ordnung, in dem Veränderung durch „Koordination der Koordination“ entsteht. Der Fokus liegt auf Neugier, relationaler Reflexivität, der Dekonstruktion festgefahrener Narrative und der ästhetischen Dimension therapeutischer Begegnung.
Die systemisch-familiär-individuelle (SFI) Schule (Selvini Palazzoli) verfolgt unter Matteo Selvini (Selvinis Sohn), Stefano Cirillo und Anna Maria Sorrentino einen innovativen Ansatz, der systemische Perspektiven auf Familienmuster mit der Fokussierung auf individuelle Subjektivität verbindet. Das SFI-Supervisionsmodell (Redaelli, Codecá, Selvini) soll Therapeuten ermöglichen, gleichzeitig systemisch, familiär-relational und individuell-intrapsychisch zu arbeiten.
Valeria Ugazio entwickelt ein Konzept „semantischer Polaritäten“ zur Erklärung und Behandlung von Angst-, Zwangs-, Ess- und depressiven Störungen. Therapeutische Veränderung wird verstanden als Ermöglichung größerer Beweglichkeit im semantischen Raum des Subjekts, nicht als Beseitigung von Symptomen.
Laura Fruggeri, Francesca Balestra und Elena Venturelli entwickeln methodische Überlegungen zur therapeutischen Positionierung und zeigen, wie Therapeuten ihre Praxis reflexiv gestalten können. Dies adressiert ein Kernproblem: Wie kultiviert man nicht bloß Technik, sondern eine reflexive, epistemologisch bewusste Haltung?
Christina Hunger-Schoppe und ihr Kollegenteam machen aus der von der Mailänder Gruppe erfundenen Intervention der Symptomverschreibung gleich ein neues „Heidelberger Modell“: „Wenn du ein Symptom hast – nutze es!“.
Die Manualisierung der Psychotherapie und ihre Integration in das kassenfinanzierte Versorgungssystem haben dazu beigetragen, dass eine tiefgreifende epistemologische Reflexion zunehmend als praxisfern erlebt wird. Während jüngere Generationen von Psychotherapeuten kaum noch Zugang zu einem epistemologischen Wissen finden, das gerade in einer Zeit zunehmender Medikalisierung und Toolorientierung unverzichtbar ist, betonen die Beiträge in diesem Heft Reflexivität und Komplexität als Gegengewichte zu aktuellen reduktionistischen Tendenzen.
Die vorgestellten verschiedenen Spielarten systemischer Weiterentwicklung stellen organische Weiterentwicklungen der ursprünglichen Konzepte dar – mit größerer Aufmerksamkeit für Körper, Imagination und kontextuelle Dimensionen – während sie ihre Kernprinzipien bewahren.
Neben diesem Themenschwerpunkt gibt es noch einen Nachruf von Michael Wirsching auf Norbert Wetzel, ursprünglich Mitglied der Heidelberger Gruppe um Helm Stierlin in den 1970er Jahren, der am 27.4.2025 im Alter von 88 Jahren verstorben ist. Bis kurz vor seinem Tod war er in den USA unermüdlich mit seinem gemeindeorientierten Ansatz tätig. Schön, dass die Familiendynamik einen seiner letzten Texte von 2024 aus der Family Process auch einem deutschsprachigen Publikum zugänglich macht. Sein Beitrag „Die Anderen umarmen“ erinnert an eine fast vergessene Kernkompetenz: die Gemeindebasierung, die Ungleichheiten, Armut, Gewalt und Rassismus als strukturelle Wirkfaktoren adressiert. Dies ist radikales Denken in einer individualisierten Zeit – die Einsicht, dass „Ich bin, weil wir sind.“