systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systeme 1992

Heft 1

M. Kellenbenz Epstein & Eugene K. Epstein (1992): Der Diskurs der Gesundheitspsychologie: Ein Plädoyer für die Anwendung systemischer Ansätze. In: systeme  6 (1), S. 3–14.

abstract:  Am Beispiel der Gesundheitspsychologie werden die politischen und sozialen Prämissen psychologischer Fragestellungen und Handlungsstrukturen diskutiert. Die Konsequenzen einer individuumzentrierten Sichtweise der Gesundheitspsychologie zeigen sich in der Vernachlässigung kontextueller Gegebenheiten und einer Fokussierung auf Verhaltensprävention, bzw. -änderung. Wir plädieren daher dafür, systemtheoretische Ansätze auch auf andere Berufsfelder der Psychologie anzuwenden. In der Gesundheitspsychologie könnte eine solche theoretische Ausrichtung dazu beitragen, die begrenzten Denk- und Handlungsmodelle zu erweitern und alternative Diskurse zu ermöglichen.

Harlene Anderson & Harold A. Goolishian (1992): Therapie als ein System in Sprache: Geschichten erzählen und Nicht-Wissen in Therapien. In: systeme  6 (1), S. 15–21.

abstract:  Unsere theoretische Auffassung von Therapie nähert sich immer mehr einem hermeneutischen, interpretativen Standpunkt an, der „Bedeutung“ als etwas sieht, das von Menschen, die miteinander im Gespräch sind, geschaffen und erfahren wird. Von dieser neuen theoretischen Grundlage aus stellt sich uns Therapie nun als eine Arena beweglicher Systeme dar, die nur in der unberechenbaren, wunderlichen Welt von Sprache, Diskurs und Konversation existieren. Diese Arena ist im Bereich der Semantik, des Geschichtenerzählens beheimatet; einer ihrer Grundpfeiler ist die Annahme, daß menschliche Handlungen in einer Realität von Verstehen stattfinden, die durch soziale Konstruktion, Sprache und Dialog geschaffen wird (Anderson und Goolishian 1985, Anderson et al. 1986, Anderson und Goolishian 1988). In früheren Arbeiten beschrieben wir diese Ideen mit Bezeichnungen wie problem-determinierte, problem-organisierende, problem-lösende und sprachliche Systeme (Anderson und Goolishian 1985, Anderson et al.l986, Anderson und Goolishian 1988, Goolishian und Anderson 1981, Goolishian und Anderson 1987).

Günter Schiepek & W. Schoppek (1992): Synergetik in der Psychiatrie: Simultation schizophrener Verläufe auf der Grundlage nicht-linearer Differenzgleichungen. In: systeme  6 (1), S. 22–57.

abstract:  Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, Schizophrenie als dynamische Krankheit (sensu Mackey und an der Heiden) zu verstehen. Im Sinne der Synergetik werden die unterschiedlichen Verlaufsformen der Schizophrenie als kohärente dynamische Muster interpretiert, die auf der Grundlage eines komplexen bio-psycho-sozialen Systems entstehen. Eine entsprehende, Computersimulation schizophrener Verlaufsmuster beruht auf der nicht-linearen Interaktion von fünf in der Forschung als wesentlich erachteten Variablen (bzw. Konstrukten): Kognitive Störungen, Streß, Rückzug, Expressed Emotions und Wahn. Es läßt sich zeigen, daß das entwickelte Modell je nach Parametereinstellung ganz unterschiedliche Verlaufsmuster zu erzeugen in der Lage ist.

Stefanie Friedlmayer (1992): Arbeit mit Pflege-und Adoptivfamilien. In: systeme  6 (1), S. 58–66.

abstract:  Der folgende Artikel diskutiert sowohl aus der Sicht des Praktikers, als auch aus der Sicht des Forschenden die Fragen, welche Unterschiede für Berater/Therapeuten bedeutsam sind, welche Rollenklischees wirksam werden, wenn Pflege- und Adoptiveltern Beratung oder Therapie für ihr nicht leibliches Kind in Anspruch nehmen.

Uwe Grau & Jürgen Hargens (1992): Beratung von Politikern aus konstruktivistischer Sicht. In: systeme  6 (1), S. 67–77.

abstract:  Im folgenden möchten wir unsere Überlegungen und Erfahrungen in einem bisher wenig beschriebenen Bereich psychologischer Tätigkeit – der Beratung von Politikern – vorstellen. Bei unserem Ansatz folgen wir einer radikal-konstruktivistischen Erkenntnistheorie (vgl. von Foerster 1985, von Glasersfeld 1985, Watzlawick 1981), aus der sich u.a. ergibt, dass die Forderung einer objektiven und beobachter-unabhängigen Erkenntnis nicht zu erfüllen ist. Wahrnehmung, Erkennen, Wissen und Bewerten sind demnach Prozesse, die sich gewissermaßen „im Kopf“ der betroffenen Person abspielen – vielfältig vernetzt, verknüpft und rekursiv beeinflusst von den verschiedenen Systemen, in denen die Person darüberhinaus Mitglied ist (vgl. Ludewig 1987). Aus dieser Perspektive erscheint es uns zunächst wichtig, die unterschiedlichen Kompetenzbereiche der zusammentreffenden Experten-Systeme (Politiker und Psychologen) abzugrenzen: Die Beschreibung des Arbeitsbereichs „Politik“ fällt in den Kompetenzbereich des Politikers und die Beschreibung des Arbeitsbereichs „Beratung“ bleibt uns als Psychologen überlassen. So werden wir im folgenden auch nur einige allgemeine Überlegungen zum Hintergrund der Interaktion Politiker-Psychologen darlegen, die uns notwendig scheinen, unseren Beratungsansatz – das Kiel-Meyner-Konsultationsmodell (vgl. Hargens & Grau 1992) zu strukturieren.

Elke Tholen (1992): Rezension – Ludwig Reiter & Corina Ahlers(Hrsg) (1991): Systemisches Denken und therapeutischer Prozess. Berlin/Heidelberg (Springer). In: systeme  6 (1), S. 78-79.

Stefanie Friedlmayer & Eva Reznicek (1992): Bericht vom 1. Werkstattgespräch im Institut für Ehe- und Familientherapie, am 9. und 10.12.1991. In: systeme  6 (1), S. 82-84.


Heft 2

Wolfgang Loth (1992): Lösungsorientierte Kurztherapie: Konzepte, Prämissen und Stolpersteine. In: systeme  6 (2), S. 3–22.

abstract:  Der Begriff „Kurztherapie“ erweist sich in den letzten Jahren zunehmend als Sammeibecken für eine Reihe von effektiven, innovativen und motivierenden Ansätzen zur Gestaltung klinischer Praxis im psychosozialen Bereich. Dar überhinaus scheint die Verknappung von Mitteln in der öffentlichen psychosozialen Versorgung nach solchen Verfahren geradezu zu verlangen. Auf diesem Hintergrund befaßt sich der vorliegende Beitrag mit einigen Stolpersteinen und problematisch erscheinenden Kurzschlüssen, die sich daraus ergeben, die emanzipations-förderlichen Prämissen kurztherapeutischer An sätze auf den Nutzen-Effekt reduzieren zu wollen. Einige z. Zt. wesentliche lösungsorientiert-kurztherapeutische Konzepte werden skizziert. Ein Beispiel aus der Praxis wird angeführt.

Ewald Johannes Brunner & Thea Stäudel (1992): Modellbildung – Ein Trainingsansatz zum Umgang mit komplexen und vernetzten Problemen und dessen Relevanz für die systemische Diagnostik in der Klinischen Psychologie. In: systeme  6 (2), S. 23–32.

abstract:  In der vorliegenden Untersuchung wurde ein Training entwickelt, um den Umgang mit komplexen und vernetzten Problemen zu erleichtern. Aus den theoretischen Überlegungen ergab sich, daß Modellbildung einen entscheidenden Faktor beim Umgang mit komplexen und vernetzten Problemen darstellt. Eine Experimentalgruppe von 15 Teilnehmern erhielt ein Training zur Modellbildung. Eine Kontrollgruppe von 15 Teilnehmern erhielt ein Kreativitätstraining als Placebotraining. Die Experimentalgruppe schnitt in der anschließenden Computersimulation zur Evaluation des Trainings hinsichtlich zwei von insgesamt drei der Zielvariablen signifikant besser ab als die Kontrollgruppe. Bei der Simulation handelte es sich um das ökonomische System MANUTEX, das als komplex und vernetzt bezeichnet werden kann. Die Versuchspersonen agierten dabei als Geschäftsführer der Unternehmung MANUTEX, die Hemden. Hosen und Blusen produziert mit der Aufgabe deren Gewinn zu maximieren. MANUTEX musste über 18 simulierte Monate hinweg geleitet werden. Weiters äußerten die Probanden der Experimentalgruppe signifikant mehr Kausalanalysen über Systemzusammenhänge als die Probanden der Kontrollgruppe. Da mögliche Moderatorvariablen, wie Intelligenz. Heuristische Kompetenz, Gedächtnisleistung und Einfluß des Versuchsleiters kontrolliert wurden, ist dieser Unterschied auf das Training zurückzuführen. Das Training kann insgesamt als positiv und seinen Zweck erfüllend bewertet werden. Dazu mag auch beigetragen haben, daß sowohl die Übungsbeispiele als auch das System MANUTEX ökonomische Inhalte hatten, was für die Versuchspersonen (Studenten der Betriebswirtschaftslehre und verwandter Fächer) einen Anreizwert gehabt haben mag.

Ulrike Russinger (1992): Systemische Einzeltherapie mit einer Klientin mit bulimischem Verhalten. Ungestillter Hunger oder die Sehnsucht »Löcher im Inneren zu stopfen«. In: systeme  6 (2), S. 33–43.

abstract:  Der vorliegende Beitrag unternimmt den Versuch, eine eineinhalb Jahre dauernde Einzeltherapie mit einer 26-jährigen Studentin, die an bulimischem Verhalten leidet, zu skizzieren. Es werden die wichtigsten Themen, die mit der Klientin bearbeitet worden sind, kurz dargesteilt. Die Klientin nimmt auch selbst Stellung in Bezug auf ihre Sicht der Entwicklung ihres bulimischen Verhaltens und der Veränderungen im Verlauf der Therapie.

Christian Wratzfeld (1992): Systemische Beratung im Unternehmen. In: systeme  6 (2), S. 44–52.

abstract:  Der vorliegende Artikel nimmt ein konkretes Beispiel aus der Beratungspraxis zum Anlass, um eine systemtheoretisch fundierte Diagnose und Beratung anzuschließen. Daher die Intervention auf der strukturellen Ebene, die Personal-, Ablauf- und Aufbaustruktur umfaßt. Der Ansatz kumuliert in der Vorstellung der selbstähnlichen Untemehmensgliederung, die fraktalen Gesetzmäßigkeiten unterliegt und daher besonders langlebig ist.

Robert Scheu (1992): Hilfe in der Not. In: systeme  6 (2), S. 53–55.

Josef Schröger (1992): Rezension – Renate Krisch &Madelaine Ulbing (Hrsg.)(1992): Zum Leben finden. Beiträge zur angewandten Gestalttherapie. Köln (Edition Humanistische Psychologie). In: systeme  6 (2), S. 56-56.

Gerda Klammer (1992): Rezension – Arnold Retzer (Hrsg.) (1991): Die Behandlung psychotischen Verhaltens. Psychoedukative Ansätze versus systemische Ansätze. Heidelberg (Carl-Auer-Verlag). In: systeme  6 (2), S. 57-58.

Ferdinand Wolf (1992): Rezension – Karl W. Kratky (Hrsg.) (1991): Systemische Perspektiven: Zur Theorie und Praxis systemischen Denkens. Heidelberg (Carl-Auer Systeme). In: systeme  6 (2), S. 59-60.