Heft 1
Peter Scheib (1993): Editorial: Familientherapie zwischen Tabu und Hilfe. In: Kontext 23 (1), S. 3-3.
Annelie Dunand (1993): Der sexuelle Missbrauch von Kindern im Kontext von Familie und Gesellschaft. In: Kontext 23 (1), S. 6–19.
abstract: Der sexuelle Missbrauch von Kindern in der Familie ist ein aktuelles, aber kein neues Thema. Und die Tatsache, dass trotz aller Bemühungen der Professionellen um die betroffenen Kinder, Jugendlichen und Familien noch immer die Gefühle von begrenztem Wissen, Überforderung und Hilflosigkeit vorherrschen, läßt die Widerständigkeit erkennen, mit der wir bei dieser Thematik konfrontiert werden.
Marie-Luise Conen (1993): Die zweite Traumatisierung durch Helfersysteme – Beweissuche oder Unterstützung von Grenzziehung. In: Kontext 23 (1), S. 20–25.
abstract: Sexueller Missbrauch von Kindern und Jugendlichen löst Abscheu und Wut bei HelferInnen aus. Diese Betroffenheit, die der Missbrauch eines Kindes auslöst, bietet oftmals Anlass für HelferInnen zu heftigen Debatten und Auseinandersetzungen untereinander, wer dem Kind am besten helfen will oder kann. Es scheint, als ob die beteiligten HelferInnen in eine Art Wettbewerb träten und sich gegenseitigf unterstellten, daß der jeweilig andere nicht (ausreichend) die Interessen des missbrauchten Kindes oder Jugendlichen vertritt.
Tom Levold (1993): Systemische Therapie zwischen Konstruktivismus und Inquisition. Zum therapeutischen Umgang mit Misshandlung und sexueller Gewalt in der Familie. In: Kontext 23 (1), S. 26–35.
abstract: Gewalt – von den Kriegen bis hin zu den vielfältigen Formen der Misshandlung im Mikrokosmos der Familie – ist eines der großen und immer noch ungelösten Probleme der menschlichen Gesellschaft. Unser Ziel sollte sein, Gewalt besser verstehen und ihre Auflösung oder Vermeidung durch eigenes Handeln anzustreben. Dazu darf man sie nicht als isoliertes Phänomen betrachten, sondern muss sie in größere Zusammenhänge stellen und ihren Kontext beleuchten. Ein solcher Diskurs müsste sich sowohl mit der Eigendynamik gewalttätig eskalierender Konflikte beschäftigen, als auch mit den zugrunde liegenden Motivationen der Beteiligten. Eine weitere wichtige Rolle spielt die soziale Wahrnehmung von Gewalt, ihre Problematisierung und Rechtfertigung, und nicht zuletzt die Reaktionen bzw. Interventionen, mit denen auf Gewalt reagiert wird.
Ingeborg Rücker-Embden-Jonasch (1993): Selbsterfahrung in der familientherapeutischen Weiterbildung. In: Kontext 23 (1), S. 36–45.
abstract: An der Frage, ob die Selbsterfahrung des/der Therapeutin für die familientherapeutische Arbeit unbedingt erforderlich, nützlich, überflüssig oder gar hinderlich sei, erhitzten sich in den 80iger Jahren in den USA die Gemüter der ExpertInnen. Während Haley als Problemlösungstratege bekanntlich zu den Gegnern der Selbsterfahrung gehört und familientherapeutisches Handeln als bloßes Handwerkszeug (skill) betrachtet, können sich entwicklungsorientierte Dynamiker (z.B. Whitacker, Bowen) die Ausbildung ohne Einbezug eigenen Erlebens und eigener Geschichte deslder TherapeutIn nicht vorstellen.
Jürgen Matzat (1993): «Wer nicht denken kann, mub fühlen« – Schwache Erinnerungen an eine Plenaarveranstaltung. In: Kontext 23 (1), S. 46–47.
Hans Christ (1993): Individuelle Entwicklung und Familie – Die Bedeutung früher Bindungsmuster für die Entwicklung epistemischer Systeme. In: Kontext 23 (1), S. 48–59.
abstract: Im folgenden möchte ich einige Gedanken zur Entwicklung epistemischer Systeme vortragen und damit auch zu einer kritischen Auseinandersetzung mit gewissen Tendenzen konstruktivistisch missverstandener Beliebigkeitsideologien von Wahrnehmung und Konversation anregen. Meine Gedanken zur Entwicklung von epistemischen Systemen beziehe ich hier auf drei verschiedene Ebenen. An den Beginn meiner Betrachtungen stelle ich den Bedeutungswandel gruppenspezifischer Episteme (Paradigmata) in Psychoanalyse, Familientherapie bzw. systemischer Therapie. Im Mittelpunkt werden dann Beiträge von Bindungs- und Säuglingsforschung zur Entwicklung persönlicher Episteme stehen. Zum Schluß werde ich mich ausschnittsweise mit therapeutischen Epistemen befassen.
Wolf Ritscher (1993): Rezension – Ricarda Müssig (1991): Familien – Selbst – Bilder. Gestaltende Verfahren in der Paar- uod Familientherapie. München/Basel (Ernst Reinhardt Verlag). In: Kontext 23 (1), S. 60-61.
Marie-Luise Conen (1993): 50th Anniversary AAMFT Conference in Miami Beach. In: Kontext 23 (1), S. 64–67.
DFS (1993): Stellungnahme des Dachverbandes für Familientherapie und Systemisches Arbeiten (DFS) zum geplanten Psychotherapeutengesetz (s. Arbeitspapier des Bundesministeriums für Gesundheit (BMG, Referat 315, v.17.10.1991) und zum Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes. In: Kontext 23 (1), S. 68-73.
Klaus Grawe (1993): Stellungnahme zur Stellungnahme der DAF zum „Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes“. In: Kontext 23 (1), S. 74-77.
Jochen Harnatt (1993): Gespanntes Hören und befreites Lachen: Freud und Leid der Paare. In: Kontext 23 (1), S. 83-85.
Heft 2
Peter Scheib (1993): Editorial: Nach den Pogromen…. In: Kontext 24 (2), S. 3-3.
Peter Scheib (1993): Fremd in Deutschland. In: Kontext 24 (2), S. 6–20.
abstract: Dieser Artikel widmet sich Aspekten der aktuellen bundesrepulikanischen Entwicklungen, die mit der gewalttätigen Fremdenfeindlichkeit in Verbindung stehen. Er ist in vier Teile untergliedert, die in sich heterogen sind: Teil eins greift Momente der politischen und psychologischen Situation auf und versucht (thesenartig) eine theoretische Klärung dieser gesellschaftlichen Phänomene. Teil zwei hat den Status eines „Textes im Text“, Er entspricht im wesentlichen einem älteren Text über die psychotherapeutische Arbeit mit türkischen Migranten. Ich habe diesen Bericht eingefügt, weil er einerseits neue Aktualität gewinnt und andererseits, die im ersten Teil eher abstrakten Überlegungen aus der klinischen Erfahrung heraus untermauert. Der dritte Teil stellt anhand dreier Beispiele eine kritische Verbindung zum „multikulturellen“ Alltag her und im Schluss versuche ich zu benennen, welche Veränderungsansätze für die deutsche Wirklichkeit folgen könnten.
Kadir Kaynak (1993): Systemisches Arbeiten mit türkischen Familien. In: Kontext 24 (2), S. 21–27.
abstract: Ich versuche darzustellen, dass in dieser systemischen Arbeit viele kulturelle sowie migrationsbedingte Aspekte zu berücksichtigen, bzw, zu erlernen sind. Damit für den (die) Berater(in), Therapeuten(in) in diesem Prozess die eigenen Anteile verdeutlicht werden können, habe ich bewusst die Art der Ich-Form-Erzählung gewählt. Weil ich denke, dass die Fachfrau (Fachmann) in dieser Art der Arbeit wesentlich intensiver sich als Person einlassen wird, zum Teil radikale Auseinandersetzungen mit sich und verschiedenen multikulturellen Aspekten führen wird, Diese Auseinandersetzung wird sie (ihn) in der Persönlichkeit und eigener Geschichte intensiver und sensibler erreichen, beeinflussen, als in anderen Bereichen des systemischen Arbeitens. Die verschiedenen kulturellen Aspekte wie die Mystik, verschiedene Rollenverteilungen in der Familie, die Macht der unsichtbaren Kräfte (Geister), Möglichkeiten des Zugangs etc. kommen in verschiedenen Abschnitten des Vortrages zum Ausdruck.
Donatella Salvatori-Wolter (1993): Auswanderung als Ablösungsprozeß: Eine mehrgenerationale Betrachtung aus der familientherapeutischen Praxis. In: Kontext 24 (2), S. 28–39.
abstract: Im folgenden wird die Auswanderung süditalienischer Familien als Ablösungsprozess aus einer Mehrgenerationenperspektive betrachtet. Beschrieben werden sowohl die Schwierigkeiten der Auswanderer im Gastland als auch die konkreten Schwierigkeiten aus der psychotherapeutischen Praxis (u. a, anhand der Darstellung einer Kurzzeitfamilientherapie mit Ritualverschreibung), Die familientherapeutische Herangehensweise hat sich im Laufe der Zeit als die „effektivste“ für die Klienten erwiesen. Die Loyalitätsbindungen der eigenen Ursprungsfamilie gegenüber stellen ein immer wiederkehrendes Thema dar und sind als ein nicht zu unterschätzender Stressor zu bewerten. Die folgenden Beobachtungen und Überlegungen entstanden im Laufe meiner Mitarbeit im Psychologischen Dienst für Italiener in Köln und beziehen sich hauptsächlich auf sizilianische Familien.
Horst Gerhard (1993): Autonomie und Integration. Anmerkungen zur gemeindepsychiatrischen Praxis in der Toskana. In: Kontext 24 (2), S. 40–46.
abstract: Dieser Artikel befasst sich mit einigen Aspekten der gemeindepsychiatrischen Praxis in Italien, In erster Linie geht es um Fragen einer flexiblen, an den individuellen Bedürfnissen orientierten ambulanten Betreuung psychisch Kranker sowie um soziale, gemeinwesenbezogene Aspekte der Rehabilitation. Ausgehend von einer Fallstudie soll ein Modell diskutiert werden, durch das die individuelle Autonomie des Kranken gestärkt und zugleich über die Entfaltung sozialer Netzwerke eine „Kultur der Integration“ belebt wird. In dem Maße, wie der spezialisierte Beziehungsmodus von Patienten und professionellen Helfern zu einem in der sozialen Lebenswelt der Gemeinde verankerten vielgestaltigen Beziehungsgeflecht erweitert wird, werden sozialtherapeutische Handlungs- und Denkperspektiven eröffnet. Mit vergleichbarer Zielrichtung hat Franco RoteIli für die Arbeit in Triest programmatisch formuliert: „Es geht darum, sich mit dem sozialen Netz dieser Stadt zu verweben und in ihr zu arbeiten. Das Irrenhaus kann sich ja – abgesehen von seiner institutionellen Form – überall reproduzieren. In allen Häusern und Straßen.“ (1) Meiner Erfahrung nach gründet in diesem Blick für das Wechselverhältnis von individuellen und sozialen, gemeinwesenbezogenen Aspekten der Rehabilitation eine zentrale Errungenschaft der italienischen Psychiatriereform. Diese aber ist gefährdet durch gesellschaftliche Tendenzen zu einer Gegenreform wie durch den Prozeß einer Rationalisierung gesellschaftlicher Lebensbereiche. Auf diese Gefährdungsmomente möchte ich in meinem Beitrag ebenfalls eingehen. Zum Kontext dieses Beitrags: Ich verfolge den Prozess der Psychiatriereform und die Entfaltung einer neuen Praxis in Italien seit nunmehr ca, 10 Jahren, in Form von Besichtigungen und Hospitationen, sowie durch Gespräche mit Mitarbeitern psychiatrischer Einrichtungen,
Janine R. von Wogau (1993): Der Netzwerkansatz – Ein über die Familie hinausgehendes Netz mobilisieren. In: Kontext 24 (2), S. 47–56.
abstract: Es gibt beliebig viele Methoden, um die meisten Probleme zu lösen, die Schwierigkeit liegt nur darin, herauszufinden, was wohl am besten funktioniert. Systemische Familientherapie mit ihren flexiblen Grenzen und der Vielzahl von Modellen, die sie anbietet, ist ein willkommener theoretischer Rahmen. Die Absicht dieses Artikels ist es, die Aufmerksamkeit auf den speziellen Beitrag, den ein netzwerkartig arbeitender Ansatz in der Arbeit mit benachteiligten und marginalisierten KlientInnen bringt, zu lenken.
Wolf Ritscher (1993): Über die Opfer und TäterInnen des nationalsozialistischen deutschen Faschismus und ihre Kinder – eine sozialpsycholoische und familiendynamische Skizze. In: Kontext 24 (2), S. 57–70.
abstract: Zunächst drei Vorbemerkungen: 1.Wenn ich im folgenden von Täter (l) spreche, meine ich all diejenigen, die durch ihr Handeln eine persönliche Schuld auf sich geladen haben, die also während des deutschen Faschismus direkt an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit beteiligt waren oder sie offen unterstützt haben, Opfer sind in meinem Sinne all diejenigen, die unter körperlichen und psychischen Gewalttaten zu leiden hatten. 2. Meine Diskurse über Täter, Opfer und ihre Kinder können nur einige wenige Facetten dieses so komplizierten sozial-psychologischen Themas beleuchten. Wenn sie als Ausgangspunkt für weitere Reflexion dienen können, haben sie ihren Zweck erfüllt. 3, Wenn ich die Kinder der Opfer und der Täter in einem Atemzug nenne, so mag das unangemessen erscheinen, vielleicht auch auf die Kinder und Kindeskinder der im deutschen Faschismus verfolgten Jüdinnen und Juden verletzend wirken. Aber ich bin neben allen Unterschiedlichkeiten auch an den strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den zweiten Generationen von Opfern und Täter interessiert. Sie zu erkennen, könnte den Dialog zwischen beiden erleichtern. Aus meiner Sicht ist er dringend erforderlich, um eine neue Basis für die Beziehungen zwischen den kommenden Generationen von jüdischen Deutschen, nichtjüdischen Deutschen und Israelis zu schaffen und die kritische politische Selbstreflexion in beiden Gesellschaften zu fördern.
Hermann Scheuerer-Englisch (1993): Die Bindungstheorie als konzeptueller Rahmen für das Verständnis familien-dynamischer Prozesse und die familientherapeutische Praxis. In: Kontext 24 (2), S. 71–89.
abstract: Der vorliegende Beitrag will – aufbauend auf die bisher vorgestellten Konzepte und Befunde der entwicklungspsychologischen Bindungsforschung – aufzeigen, wie die Bindungstheorie für Familientherapeuten als Erklärungs- und Handlungsrahmen beim Umgang mit Familienproblemen nützlich sein könnte.
Manfred Cierpka & Florian Hoffmann (1993): Der Stand der Ausbildungsforschung in der Familientherapie. In: Kontext 24 (2), S. 90–101.
abstract: Die Ausbildungsforschung in der Psychotherapie ist ein Waisenkind. Man bemühte sich zwar in der Ergebnisforschung, Variablen zu identifizieren, die den Effekt der psychotherapeutischen Veränderung beim Patienten bedingen. Wir wissen jedoch noch sehr wenig darüber, welche Variablen wir untersuchen müssen, um die Effektivität der Therapeuten zu verbessern, damit die Therapie des Patienten wiederum an Qualität gewinnt. Gegenüber der Evaluation der Veränderungen beim Patienten ist die Untersuchung der Prozesse beim Therapeuten vernachlässigt worden.