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Antidoron – die Geschichte vom gesegneten Brot

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Weihnachten rückt näher. Zwei Tage vor dem Fest lässt uns Cornelia Tsirigotis, Schulleiterin einer Förderschule für Gehörlose in Frankfurt am Main und Herausgeberin der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung hinter ihr Adventskalendertürchen schauen:

Meinen kulturellen Rucksack habe ich in unterschiedlichen Lebensphasen gefüllt und umsortiert: Bruder mit Austauschschüler aus Griechenland, Kindheit mit ersten Gastarbeiterfamilien, deren Babys ich spazieren fahren durfte, ein Jahr in Griechenland nach dem Studium in einer Hütte ohne Strom und Wasser, mit Olivenernte, Arbeit in der Kneipe, mit Lektüre griechischer Zeitungen und Gedichte… und dann mit meinem Mann in nunmehr über 30jähriger bikultureller Lebenspartnerschaft mit vielfältigen Erfahrungen mit dem deutschen Umfeld wie mit der Familie in Griechenland. All das hat meine Perspektive und meine Haltung zum Thema Kultur immer wieder verändert, manchmal mit Tränen, immer bereichernd.
In den unterschiedlichen Arbeitskontexten hatte ich es immer wieder mit KlientInnen, SchülerInnen, kundigen Menschen mit Migrationshintergrund zu tun und mit ganz unterschiedlichen Zugängen und Modellen der Gestaltung ihres eigenen kulturellen Wandels. Oft hat mir in Elterngesprächen mein griechischer Nachname als erster Türöffner geholfen: die Unterstellung, Diskriminationserfahrungen beim Leben in Deutschland zu kennen, oder Familiendruck aus der Heimat…
Die Art, wie wir Geschichten aus der Arbeit mit KlientInnen aus anderen kulturellen Kontexten erzählen, verraten etwas von unserer Beobachterperspektive und von der Einstellung unserer Brille im kulturellen Rucksack. Vielleicht führt das dazu, dass mir die diesjährige Adventskalendergeschichte nicht so leicht aus der Feder fließt wie „Kongressgeschichten“ oder „systemische Begegnungen“.
Mein derzeitiges Arbeitsfeld ist eine Schule und ein überregionales Beratungs- und Förderzentrum mit dem Förderschwerpunkt Hören. Die Schülerinnen und Schüler, die meine Stammschule besuchen und nicht in Regelschulen „inklusiv“ beschult werden, haben zu 80 % Migrationshintergrund, durch ihre Hörschädigungen ist ihnen der Zugang zur Kommunikation doppelt erschwert, viele Familien sind von Armut betroffen. Darüber hinaus ist auch die Gehörlosen- und Gebärdenkultur ein Teil der kulturellen Herausforderungen meines Arbeitsalltages.
Eine griechische Schülerin, nennen wir sie Aliki, hat und macht vielfältige Schwierigkeiten. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlt, flippt sie aus. In der Vergangenheit waren Aggressivität und das Erlangen von Selbstkontrolle immer wieder ein Thema. Die Kolleginnen haben sich angewöhnt, wenn sie mit ihr nicht mehr klarzukommen, sie zu mir zu schicken. Manchmal beruhigt die Muttersprache sie, manchmal, wenn sie gar nicht mehr zugänglich ist, redet sie auch mit mir „nur“ deutsch. Wenn sie dann wieder griechisch spricht, ist sie wieder „ansprechbar“, ist die Kraft der zuwendenden Beziehung wieder da.
Die wenigsten „meiner“ SchülerInnen sind katholisch, der katholische, gebärdenkompetente Gehörlosenpfarrer sehr engagiert. Er hat zurzeit eine Lerngruppe, die sich mit unterschiedlichen Religionen beschäftigt. So meldet er für die vergangen Woche eine Exkursion in die griechisch-orthodoxe Kirche an, die mich zu einem spontanen: “Ich gehe mit!“ veranlasst. Der dortige Pfarrer hat den Schülern sehr schön erklärt, was in der orthodoxen Kirche wichtig ist, die Ikonen, die Symbolik. Aliki wusste ganz viel und der Pfarrer bedankte sich immer wieder, da sie ihn an etwas erinnert hatte. Die anderen SchülerInnen waren interessiert und aufmerksam genug. Alle haben sich gut benommen. Aliki wurde als Expertin akzeptiert, das war eine ganz neue und sehr aufregende Erfahrung für sie.
Wir bekamen, weil Feiertag war, ein gesegnetes Brot, Antidoron, geschenkt. Das konnten wir dann erst am nächsten Tag anschneiden. 
Dazu hatte Aliki die Gruppe in der Pause zusammengetrommelt, ich hatte das Brot schön auf einen Teller mit Weihnachtsserviette platziert – und das Messer vergessen. Aliki stürzt hilfsbereit los, um eins zu organisieren. Wegen einiger Vorerfahrungen geben die Kollegen Aliki kein Messer, ich muss es selbst holen. Sie erklärt mir noch einmal, wie ich das Brot anschneiden soll. Ich lasse sie es selbst machen. Sie macht dreimal mit dem Messer das Kreuz darüber, wie es sich gehört vor dem Anschneiden. Sie verteilt das Brot an die Gruppe, an dazu kommende Lehrerinnen, an andere SchülerInnen, die interessiert dazu kommen. Wir heben je ein Stück für ihre Eltern, für unsere griechischen Putzfrauen und für meinen Mann auf. Aliki erlebt sich als Expertin für ihre Kultur, als selbstwirksam und von den anderen geschätzt. Ein Rahmen, in dem ein ganz anderes Verhalten möglich ist.
Mich freut einfach so eine Entwicklung. Den Umständen zum Trotz.

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