systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung 2019

Heft 1

Tsirigotis, Cornelia (2019): Editorial: Systemische Perspektiven auf …. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 2-2.

Balz, Hans-Jürgen (2019): Systemisches Coaching – ein weißer Schimmel? Zur Bedeutung systemischer Methoden in der Coaching-Praxis und -Weiterbildung. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 3-12. 

Abstract: Die „heimliche“ Erfolgsgeschichte des systemischen Coachings in Deutschland geht einher mit kritischen Beiträgen zur Profilschärfe und zu ihrer Wirksamkeit. Der Beitrag fragt danach, was Coaching als arbeitsweltbezogenes Beratungsangebot auszeichnet und wie sich die Attraktivität des systemischen Ansatzes auf dem Coaching-Markt erklären lässt. Dazu werden marktwirtschaftliche, gegenstandsspezifische und methodenbezogene Argumente bzw. Thesen formuliert, um abschließend Herausforderungen für den systemischen Ansatz in der Coaching-Praxis und -Weiterbildung zu erörtern.

Mazziotta, Agostino (2019): „Mein jüngster Sohn hat mich geschlagen!“ Gewalt gegen Eltern. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 13-23. 

Abstract: Die Misshandlung von Eltern durch ihre Kinder ist auch in Deutschland eine weit verbreitete und tabuisierte Form häuslicher Gewalt. Der Aufsatz gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand zur Elternmisshandlung. Konkrete Anregungen werden gegeben, wie Familien, die von Elternmisshandlung betroffen sind, im Rahmen der Erziehungsberatung unterstützt werden können.

Steber, Michael (2019): Symphonie der Stimmen – systemische Arbeit mit inneren Anteilen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 24-30. 

Abstract: In der Geschichte des systemischen und (familien-)therapeutischen Denkens und Handelns wurden diverse Konzepte, Methoden und Interventionen entwickelt, die sich verschiedenen „Schulen“ oder Richtungen zuordnen lassen. Ich werde hier auf ein Verfahren eingehen, das man unter dem Oberbegriff „Skulpturarbeit“ einordnen kann. Skulpturarbeit ist ein wichtiger, traditionell bedeutsamer Ansatz im Rahmen der systemischen Therapie, der eng mit dem Namen Virginia Satir verknüpft ist (Schwing & Fryszer 2012, S. 175ff.). Im Unterschied zu Skulpturen, die zwischenmenschliche Beziehungen symbolisieren sollen und in denen menschliche StellvertreterInnen unter Beachtung der Variablen Distanz, Blickrichtung, Gestik, Mimik, Botschaft, Impuls etc. in einem Raum aufgestellt werden, wende ich mich inneren Prozessen in der Einzelarbeit mit Klientinnen zu. Konkret geht es um eine systemische Methode, die ich im Folgenden als „Arbeit mit inneren Anteilen“ bezeichnen werde. Im Zentrum der Betrachtung stehen Umsetzung und Vorzüge dieser Arbeit, die sich in meiner Beratungspraxis als nützlich und äußerst effektiv erwiesen hat.

Weibels, Susanne (2019): Konstruktion der eigenen Wirklichkeit als Auslöser für Suizid? In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 31-32. 

Abstract: Suizidalität aus systemisch-konstruktivistischer Sicht zu betrachten, steht bei diesem Artikel im Vordergrund. Dabei spielen vor allem die Schlagworte Wirklichkeitskonstruktion und Kontextualität im Sinne eines systemischen Denkens eine tragende Rolle. Daraus ergibt sich die Annahme, dass „suizidal“ nicht mehr als Eigenschaft einer Person, sondern als situative Kategorie verstanden wird. Bewegung rückt damit an die Stelle von Stillstand, was einen Ansatz und die Grundlage für den Umgang mit Suizidalität schafft.

Reil, Carolin (2019): Systemische Beratung als Beitrag für eine Entwicklung unserer Gesellschaft in Achtsamkeit?! In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 33-34. 

Abstract: Systemische Beratung bewirkt noch mehr für Menschen als ein Wiedererlangen ihrer ganz individuellen Handlungsfähigkeit. Besteht die Möglichkeit innerhalb der systemischen Arbeit, eine achtsame Haltung weiterzugeben und somit einen gesellschaftlichen Beitrag zu leisten? Wie ich mir begegne, so begegne ich meinen Mitmenschen – eine kurze, kritische Auseinandersetzung mit dem „Trendbegriff der Achtsamkeit“ in möglicher Verbindung über das Angebot einer systemischen Beratung einen aktiven Beitrag für unsere Gesellschaft zu leisten.

Hansen, Hartwig (2019): Die Entschärfung einer Atombombe. Ein Wendepunkt in der Paartherapie. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 35-37. 

Bachem-Böse, Gabriele (2019): DGSF-Jahrestagung 2018 – Tagungsbericht. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 38-40. 

Korittko, Alexander (2019): Rezension – Wilhelm Rotthaus (2017): Suizidhandlungen von Kindern und Jugendlichen. Heidelberg (Carl-Auer). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 41-42. 

Rotthaus, Wilhelm (2019): Rezension – Ruthard Stachowske & Christoph Möller (Hrsg.) (2018): Sucht und Abhängigkeit bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Kröning (Asanger). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (1), S. 42-43. 


Heft 2

Tsirigotis, Cornelia (2019): Editorial: Kultur und Migration VII. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 50-50. 

Trost, Alexander (2019): Migration und Bindungswissen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 52-57. 

Abstract: Alle Menschen sind von ihrer Grundkonstruktion her gleich. Sie teilen die gleichen Basisbedürfnisse, sind gleichwertig und gleich würdig. Ihre Entwicklung ist von Beginn an biologisch begründet und sozial konstruktiv ausgestaltet. Dieser Erkenntnis folgt auch die – von Anfang an transkulturell angelegte – Bindungsforschung. Zu Beginn des Aufsatzes werden daher zunächst die Grundannahmen zu gelingender und gestörter Bindungsentwicklung und ihre Konsequenzen für die Mentalisierungsfähigkeit und Identitätsentwicklung referiert. Sodann werden Studien zu den kulturell unterschiedlichen Ausformungen von Bindung beispielhaft dargestellt. Abschließend formuliert der Autor Ideen für eine bindungsbezogene Begegnung mit MigrantInnen.

Barz, Marina (2019): „Zwischen beschützendem Heldentum und Abgrenzung“. Frauen im Unterricht in Willkommensklassen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 58-65. 

Abstract: In diesem Artikel steht die Beratung von Lehrerinnen im Vordergrund, die in „Willkommensklassen“ unterrichten. Der Fokus liegt auf Lehrerinnen, weil meine Erfahrungen ausschließlich aus der Beratung von Frauen herrühren und weil eine meiner Thesen ist, dass Frauen teilweise auch eine sehr eigene Art haben, in diesem speziellen Kontext zu agieren.

Walg, Marco & Gerhard Hapfelmeier (2019): Mit Vernetzung, angepassten Spezialangeboten und modernen Medien traumatisierten jungen Flüchtlingen begegnen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 66-72. 

Abstract: Junge Geflüchtete sind eine Hochrisikogruppe bezüglich psychischer Erkrankungen. Es werden spezifische Belastungsfaktoren dieser Patientenklientel sowie Besonderheiten in Therapie und Beratung erläutert. Insbesondere Vernetzung und präventive klinische und therapeutische Angebote, wie spezielle Sprechstunden und Stabilisierungstraining, sind geeignete Ansätze zur Bewältigung dieser Herausforderungen.

Krüger, Maren (2019): Systemische Beratung in der Kinder- und Jugendpsychiatrischen Ambulanz für Flüchtlinge – Wer will was von wem? In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 73-77. 

Abstract: Die Schaffung eines kurzfristig reagiblen ambulanten Angebotes erwies sich für den Aufbau einer Vertrauensbildung und eines gemeinsam akzeptierten Rahmens als druckentlastend für Familien und Patienten mit Fluchterfahrung, für betreuende Einrichtungen und – auch für die Klinik. Dabei erleichtern eine möglichst im Vorfeld hergestellte Informationssammlung und Transparenz, das Bekanntmachen des räumlichen und zeitlichen Rahmens und nicht zuletzt kompetente Sprach- und Kulturmittler im Termin das „Erkennen des Systems“ und seiner Ressourcen und das gemeinsame Abstimmen von Aufträgen mit den Sorgetragenden. Dennoch ist immer wieder abzugleichen, inwieweit man sich im gleichen Kontext bewegt, was „Fakt“ für den Flüchtling und seine Familie ist und was sein eigentliches „Anliegen“. Gelingen kann der Spagat einer solchen Vorstellung nur, wenn erfolgreich nach Gemeinsamkeiten in den Erwartungen der Vorstellenden gesucht wird (Stabilisierung des Jugendlichen) und eine Einigung über das Erreichen dieses Ziels möglich wird. Systemische Beratung und Therapie kann hier ihre Stärke zeigen, auch in komplexen Zusammenhängen die Anwesenden darin zu unterstützen, nach Lösungen zu suchen, die möglicherweise im System vorhanden sind. Erschwerend wirkt hier allerdings oft die Kollision mit dem eigenen Wertesystem, aber auch immer wieder die Begegnung mit der rechtlichen Seite.

Engel-Yamini, Ellahe (2019): Migrantinnen in Deutschland. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 78-82. 

Abstract: Dies ist kein Artikel, der sich akribisch und ausschließlich auf Zahlen, Statistiken bezieht. Der Beitrag ist geschrieben von einer erfahrenen Migrantin, Sozialarbeiterin und Systemischen Therapeutin. Das Wort „Betroffene“ möchte ich hier gar nicht benutzen. Das heißt, es bestehen mehrere Bezüge und eigene Verbindungen zu dem Thema. Vielmehr spielen Empirie und Erfahrungen eine nicht zu unterschätzende Rolle, da ich über eine langjährige Erfahrung in der Arbeit mit Migranten und Migrantinnen in vielen Epochen und aus verschiedenen Ländern und Ethnien verfüge. Migrantin ist nicht gleich Migrantin. Sie sind in ihrer Würde zwar gleich, aber in diesem Kontext ist anderes entscheidend.

PPSB-Hamburg (Ott, Schader, Käsgen u.a.) (2019): Wer bin ich? – Herausforderung Identitäten. Kultursensibilität oder Begegnung. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 83-86. 

Abstract: Als eine prägende Identität wird die kulturelle Identität betrachtet. Aus diesem Grund hat sich das PPSB-Hamburg in 2017 mit dem Motto „Wer bin ich? – Herausforderung Identitäten“ beschäftigt und in diesem Beitrag mit Herausforderungen aus diesem Themenkreis. In der systemischen Supervision begegnen uns zunehmend Themen aus Migrations-, Flüchtlings-, internationalen Kultur- und Religionskontexten, die zu Problemen und Konflikten mit ansässigen Institutionen, hiesigem Rollen- und Kulturverständnis, Rechts- und Hilfeeinstellungen führen. Mancherorts bilden sich ungewollte Konstrukte wie Parallelgesellschaften nicht nur aufgrund kultureller Identität und politisch motivierter Isolation und Abgrenzung, sondern sogar mithilfe professioneller sozialer Arbeit, die eigentlich das Gegenteil bewirken wollte. In diesem Zusammenhang begegnete uns immer wieder der Begriff der „kultursensiblen Sozialarbeit“, der als besonderes Qualitätsmerkmal dargestellt wird. Unter kultursensibler Arbeit wird im Helfer_innen-System häufig Folgendes verstanden: „Menschen aus einem anderen Kulturkreis sollten von Professionellen aus dem gleichen Kulturkreis betreut und beraten werden. Die Idee dabei ist: Zum einen soll die gleiche oder ähnliche Muttersprache den Zugang zu den hilfesuchenden Menschen vereinfachen. Zum anderen wird den Helfer_innen ein tieferes kulturelles, religiöses, familiäres, soziales, psychisches Verständnis unterstellt, was die Annahme und Lösung der ermittelten Aufträge und Probleme günstig beeinflusse.“

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Alexander Trost (2018): Bindungswissen für die systemische Praxis. Ein Handbuch. Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 87-88. 

Loth, Wolfgang (2019): Rezension – Fritz B. Simon (2018): Formen. Zur Kopplung von Organismus, Psyche und sozialen Systemen. Heidelberg (Carl-Auer). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 89-90. 

Tsirigotis, Cornelia (2019): Rezension – Alexandra Liedl, Maria Böttche, Barbara Abdallah-Steinkopff & Christine Knaevelsrud (2017): Psychotherapie mit Flüchtlingen – neue Herausforderungen, spezifische Bedürfnisse. Ein Praxisbuch für Psychotherapeuten und Ärzte. Stuttgart (Schattauer). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 91-91. 

Tsirigotis, Cornelia (2019): Rezension – Theresa Koch & Alexandra Liedl (2019): Stark: Skills-Training zur Effektregulation – Ein kultursensibler Ansatz. Therapiematerial für Menschen mit Flucht- und Migrationshintergrund. Stuttgart (Schattauer). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 2), S. 92-92. 


Heft 3

Manteufel, Andreas & Cornelia Tsirigotis (2019): Editorial: Psychiatrie im Wandel. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 98-99.

Hohendorf, Gerrit (2019): Psychiatrie im Nationalsozialismus – Ethische Implikationen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 100-110. 

Abstract: Der Artikel fasst die menschenverachtenden Verbrechen der Psychiatrie im Nationalsozialismus zusammen. Die Rolle der Psychiatrie war dabei eine aktive und gestaltende. Die Lehren, die wir aus dieser Geschichte zu ziehen haben, werden als „ethische Implikationen“ ausführlich dargestellt. Dabei werden als zentrale, kritische Punkte das Übergewicht „kollektiver“ Gesundheitsutopien („Volksgesundheit“) gegenüber der Fürsorge für das Individuum, die auch heute noch bestehenden Ausgrenzungstendenzen gegenüber psychisch Kranken und die Gefahren der Ökonomisierung des Psychiatriesystems diskutiert.

Manteufel, Andreas (2019): „Jede Jeck is anders“ – Rheinische Perspektiven der Psychiatriegeschichte nach dem zweiten Weltkrieg. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 111-119. 

Abstract: Die Psychiatrie war im Rheinland immer schon groß aufgestellt, so dass die wesentlichen Entwicklungen, die sich hier vollziehen, über die Gebietsgrenzen hinaus Gültigkeit haben – bei allen regionalen Besonderheiten, die es überall gibt. Der Landschaftsverband Rheinland (LVR) als großer Klinikbetreiber hat seine Archive geöffnet und der Geschichtsschreibung zur Verfügung gestellt. Auf der Grundlage der entsprechenden, aktuellen Veröffentlichung fasst dieser Artikel Meilensteine der Rheinischen „Anstalts“-Psychiatrie seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zusammen.

Spitczok von Brisinski, Ingo (2019): Kinder- und Jugendpsychiatrie im Wandel. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 120-141. 

Abstract: Kinder- und Jugendpsychiatrie etablierte sich ab dem 19. Jahrhundert. Unvollständige Ich-Entwicklung, Pubertät als krankheitsbegünstigende Lebensphase, somatische Ursachen und nichtkrankhafte Entwicklungsvarianten wurden früh benannt. Ab 1910 wurden pädagogische, heilpädagogische, entwicklungspsychologische, tiefenpsychologische und verhaltenstherapeutische Ansätze berücksichtigt. Während des Naziregimes war die Kinder- und Jugendpsychiatrie in das Euthanasieprogramm involviert. Ab Ende der 1970er nahm die Zahl niedergelassener Fachärzte zu. Familientherapie wurde ambulant und stationär zunehmend integriert. Seit 1991 legt die Psychiatrie-Personalverordnung den Bedarf an Ärzten, Psychologen, Pflege- und Erziehungsdienst, Sozialarbeitern und Fachtherapeuten für Krankenhausbehandlung fest. In den 1990ern gab es eine Rückbesinnung auf biologische Aspekte psychischer Erkrankungen, Psychopharmakotherapie nahm zu. Die Zahl tiefenpsychologisch geführter Kliniken nahm ab, Verhaltenstherapie verbreitete sich. Hinzu kommen Säuglingspsychiatrie, spezifische Angebote für Flüchtlinge, tiergestützte Therapie, Traumatherapie, DBT-A, Schematherapie und Multi-Familien-Therapie. Für Niedergelassene gibt es eine Sozialpsychiatrie-Vereinbarung zur Zusammenarbeit medizinischer, psychologischer, pädagogischer und sozialer Dienste. Stationäre Behandlung hat sich in den letzten 25 Jahren deutlich verkürzt, Akutaufnahmen nahmen stark zu. Stationsäquivalente Behandlung erfolgt im häuslichen Umfeld.

Schweitzer, Jochen (2019): Von der unendlichen zur allzu eiligen Psychiatrie – Spielräume systemisch-familienorientierter Therapie in psychiatrischen Kliniken in Deutschland: Erlebte Veränderungen zwischen 1984 und 2019. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 142-144. 

Abstract: Vorbemerkung von Andreas Manteufel zum Beitrag „Von der unendlichen zur allzu eiligen Psychiatrie – Spielräume systemisch-familienorientierter Therapie in psychiatrischen Kliniken in Deutschland: Erlebte Veränderungen zwischen 1984 und 2019“ – von Jochen Schweitzer:

Bei der Vorbereitung unseres psychiatriehistorischen Heftes fiel Cornelia Tsirigotis und mir eine frühe Ausgabe dieser Zeitschrift aus ihrem zweiten Jahrgang, dem Jahre 1984, in die Hände. Damals wurde die „Zeitschrift für systemische Therapie“ (in Zusammenarbeit mit dem „Journal of Strategic and Systemic Therapies“) von Jürgen Hargens herausgegeben. Für Heft 5 des zweiten Jahrgangs regte er eine Diskussion der Frage „Wie verhält es sich mit der Vereinbarkeit systemischer Ansätze und tradierten institutionellen Strukturen der psychosozialen Versorgung (Psychiatrie)?“ an (S. 1). Während andere Autoren auf eine „gelingende Ko-Evolution“ zwischen systemischen Ansätzen und der Psychiatrie hofften und Beispiele gelungener sytemischer Nischenbildung in psychiatrischen Insitutionen illustrierten, nahm Jochen Schweitzer in seiner Replik eine warnende Position ein: „Meine Kritik richtet sich auf den defensiven Opportunismus, der das dargestellte Verhältnis der Autoren zur Psychiatrie charakterisiert. Der Zufriedenheit mit einer Nische, deren konkrete Ausgestaltung nicht mehr diskutiert wird, entspricht m.E. eine abstrakt bleibende und daher unkritische Darstellung der Psychiatrie. Die Phantasie endet […] an der Anstaltspforte; die vorwärtstreibende und evtl. subversive Kraft des systemischen Therapieansatzes bleibt auf der Strecke. Sollen wir in der Psychiatrie mit Nischen zufrieden sein, wo ein Neubau dringend nötig wäre?“ (Schweitzer 1984, S. 47). Der Neubau wäre eine auf systemischen Füßen stehende, ganz andere Art von Psychiatrie gewesen. Wir erinnerten Jochen Schweitzer an die damalige Diskussion in einer „Blütezeit“ systemischer Theoriebildung. Das Selbstbewusstsein des damals neuen Ansatzes wurde gerade in seinem Beitrag sehr deutlich. Da er in den folgenden Jahrzehnten bis heute immer die systemische „Fahne“ im Kontext psychiatrischer Einrichtung hochgehalten hat, wir denken vor allem an das SYMPA-Projekt, baten wir ihn um einen Kommentar zur gleichen Fragestellung aus seiner heutigen Sicht. Der folgende Beitrag ist daher bewusst ganz persönlich gehalten. Wie Jochen Schweitzer dazu anmerkte, spielen wohl nicht nur die Veränderungen im System Psychiatrie, sondern auch solche in seiner eigenen Entwicklung in die heutige Einschätzung mit hinein.

Manteufel, Andreas (2019): Context your Life – Schönen Gruß aus der Zukunft. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 145-145. 

Abstract: Der nachstehende Text wurde im letzten „systemischen Adventskalender“ des systemagazins (www.systemagazin.com) auf Einladung von Tom Levold verfasst. Von ihm erhielt er auch die Überschrift „Context your life“ und mit seiner freundlichen Genehmigung drucken wir diesen „Gruß aus der Zukunft“ hier erneut ab. Gerade war die Grundsatzentscheidung pro systemischer Therapie vom Gemeinsamen Bundesausschuss getroffen worden. Dies war aber nur ein Kontext für eine natürlich ganz subjektive Zukunftserwartung, die hier in nicht ganz ironiefreier Form zu Papier gebracht wurde. In das Rahmenthema dieser Ausgabe passt diese phantasierte Rede unseres Erachtens, weil Geschichte nicht mit dem heutigen Tag endet. Alles Historisieren dient am Ende der Frage, wie wir unser Handeln für Gegenwart und Zukunft ausrichten. Jede Zukunftsvision ist immer auch eine „Intervention“ in der Gegenwart. Ganz im Sinne von Hararis „Geschichte von morgen“ in „Homo Deus“ (2017) kann, ja soll das auch dazu führen, dass sich Dinge anders entwickeln, als in der Vorausahnung.

Manteufel, Andreas (2019): Rezension – Frank Sparing (2018) (Teil I): Zwischen Verwahrung und Therapie. Psychiatrische Unterbringung und Behandlung im Bereich des Landschaftsverbandes Rheinland von 1945 bis 1970; Andrea zur Nieden, Karina Korecky 2018 (Teil II): Psychiatrischer Alltag. Zwang und Reform in den Anstalten des Landschaftsverbandes Rheinland (1970-1990). Beides: Rheinprovinz: Dokumente und Darstellungen zur Geschichte der rheinischen Provinzialverwaltung und des Landschaftsverbandes Rheinland, herausgegeben vom Landschaftsverband Rheinland, Band 27: Anstaltswelten: Psychiatrische Krankenhäuser und Gehörlosenschulen des Landschaftsverbandes Rheinland nach 1945, Teil I und II. Berlin (Metropol Verlag). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 (3), S. 147-148. 

Manteufel, Andreas (2019): Rezension – Anna Sperk (2018): Neben der Wirklichkeit. Halle/Saale (Mitteldeutscher Verlag). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 148-148. 

Manteufel, Andreas (2019): Rezension – Christian Pross (2016): „Wir wollten ins Verderben rennen“ – Die Geschichte des Sozialistischen Patientenkollektivs Heidelberg (unter Mitarbeit von Sonja Schweitzer und Julia Wagner). Köln (Psychiatrie-Verlag). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 149-149. 

Manteufel, Andreas (2019): Rezension – James Withey & Olivia Sagan (Hrsg.) (2019): Mutmach-Briefe. Von Menschen, die ihre Depression überwunden haben. Stuttgart (Thieme/Trias). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 3), S. 150-150. 


Heft 4

Tsirigotis, Cornelia (2019): Editorial: Professionalisierung und Berufsbild. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 154-154. 

Rohr, Dirk & Robert Baum (2019): Professionalisierung als narratives Identitätsprojekt: Selbsterzählungen als Forschungszugang und Reflexionsinstrument. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 155-163. 

Abstract: Dieser Artikel schlägt eine Perspektivenerweiterung innerhalb beraterischer Professionalisierungsdiskurse vor. Hierbei wird insbesondere der individuelle Professionalisierungsprozess in den Blick genommen und Schnittmengen zwischen einschlägigen Professions- und Identitätstheorien und beraterischem „Selberverständnis“ herausgearbeitet. Besondere Aufmerksamkeit erhalten hierbei – ganz im Sinne der narrativen Therapie – die Geschichten und Selbsterzählungen professionell Beratender. Wir entwickeln vor diesem Hintergrund den Begriff der „narrativen professionellen Identität“ und plädieren dafür, diesen in einschlägige Professionalisierungsdiskurse einzuweben. In einem zweiten Teil schlagen wir einige konkrete Reflexionsübungen vor, die sich den eigenen (professionsbezogenen) Selbsterzählungen widmen.

Herwig-Lempp, Johannes (2019): Ist die systemische Sozialarbeit unter SystemikerInnen angemessen anerkannt? In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 164-171. 

Abstract: In einer kleinen qualitativen Studie werden Mitglieder der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie (DGSF) und andere dazu befragt, wie sie sich als systemische SozialarbeiterInnen in ihrem Verband wahrgenommen sehen. Sie geben damit zugleich eine Reihe von Anregungen und Hinweisen, wie man der systemischen Sozialarbeit – sofern man das wollte – eine (noch) bessere Anerkennung zuteilkommen lassen könnte. Zugleich wird ge- zeigt, wie eine Forschung mit systemisch-konstruktivistischem Anspruch durchgeführt werden kann.

Metzmacher, Clemes (2019): Auftragsgestaltung im Zwangskontext – die Grundlagen für konstruktive Arbeit schaffen. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 172-177. 

Abstract: Aus der Perspektive eines Supervisors werden Orientierungen zur Gestaltung von Arbeitsaufträgen mit „schwierigen KlientInnen“ angeboten. Fokussiert wird dabei auf die Arbeit mit Zwangskontexten: Ein Modell wird vorgestellt, welches verschiedene Rollen und die Kooperation beteiligter Instanzen beschreibt und die konstruktive Arbeit auch mit abweisenden KundInnen erleichtert.

Herwig-Lempp, Johannes (2019): Plädoyer für einen konstruktivistischeren Umgang mit „Realität“. Im Widerspruch zu Julian Nida-Rümelins Streitschrift „Unaufgeregter Realismus“. In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 178-184. 

Abstract: Wenn ein bekannter deutscher Philosophieprofessor wie Julian Nida-Rümelin in einer „Streitschrift“ für einen „unaufgeregten Realismus“ (Nida-Rümelin 2018 – nachfolgend als „NR“ angegeben) plädiert und gegen Konstruktivismus und Relativismus, gegen „Anti-Realisten“ und postmoderne Auffassungen „plädiert“, werde ich neugierig. Verstehe ich selbst doch Konstruktivismus als ein nützliches Instrument, als ein Werkzeug, das mir in schwierigen Alltags- und beruflichen Situationen nützlich sein kann: es ermöglicht mir zu verstehen, dass die Personen, Dinge und Ereignisse der Welt auch anders gesehen, beschrieben und erklärt werden können, als ich sie momentan wahrnehme und für wahr halte. Er erinnert mich daran, dass meine Wahrnehmung und Auffassung der Welt, dass mein Denken und meine Werte subjektiv bedingt sind – so wie bei allen anderen Menschen auch. Konstruktivistisch zu denken hilft mir beim Zweifeln und beim für mich Scheinbar-feststehende-Wahrheiten-in-Frage-Stellen, beim Erfinden neuer Denk- und Handlungsoptionen. Andererseits bin ich natürlich in vielen (den meisten) Situationen in dem Sinne Realist, als ich Gegebenheiten für wahr nehme und als gegeben ansehe, ohne sie in diesem Moment auch nur ansatzweise anzuzweifeln oder zu relativieren. Die Frage hingegen, ob etwas „wirklich wahr“ ist, also unabhängig von mir oder anderen Subjekten existiert, halte ich – spätestens sobald ich beginne, darüber nachzudenken – eher für überflüssig, wenn nicht gar unsinnig.

Hansen, Hartwig (2019): Der Supervisor als Bauernopfer? In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 185-187. 

Abstract: „Also, sie haben gesagt, dass sie das Vertrauen in Sie als Supervisor verloren haben, und insofern sollen wir uns jetzt einen neuen suchen.“ Die Teamsprecherin berichtet von dem Treffen der Leitungskräfte einer psychosomatischen Klinik, deren Therapeutenteam ich seit Längerem als Supervisor begleite. Und es sieht gerade nicht so gut aus für mich. Mit „sie“ meint die berichtende Psychologin die Klinikleitung und die Therapeutische Leitung, die sich nun nach einem massiven Konflikt mit dem Team gegen mich ausgesprochen haben. Und das nicht in einem direkten Gespräch mit mir, sondern indirekt über die Teamsprecherin zu Beginn unserer heutigen Supervision. Das Team ist spürbar enttäuscht – und ich auch. Das Ganze kam folgendermaßen: Im Zuge der berühmten Steuerungsmaßnahmen zur Ökonomisierung im Gesundheitswesen wurden Stellen gestrichen und die Stelle der Therapeutischen Leitung neu besetzt – mit einer Kollegin aus dem Team. Nach kurzer Zeit formulierte das Therapeutenteam zuerst in der Supervision und dann schriftlich gegenüber der Leitung sein Misstrauen gegen die „aufgestiegene Ex-Kollegin“, die nur, „wenn es ihre Zeit erlaubte und nichts Dringenderes zu tun war“, an den Supervisionen teilnahm. Im Grunde war die Sache von Anfang an „versägt“ und nach meiner Nachfrage, von wem ich in Zukunft weitere Aufträge zur Supervision erhalten würde, kam es zur oben beschriebenen Verkündung, ich sei – auch gegen den ausdrücklichen Wunsch des mit mir zufriedenen Teams – raus. Warum erzähle ich das? Es ist das erste Beispiel für diverse „Sündenbock-Erlebnisse“ als freier Supervisor im Sozial- und Gesundheitsbereich, von denen ich hier berichten möchte.

PPSB-Hamburg (Ott, Schader, Käsgen u.a.) (2019): Gesellschaftliche Anormalität, politische Haltung und systemisches Gesundheitscoaching. In:Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 188-191. 

Abstract: Gesundheit betrachten wir nicht als Momentaufnahme, sondern als lebenslangen Prozess mit Höhen und Tiefen, der einer ständigen Pflege, Bearbeitung und Entwicklung bedarf. Zudem sehen wir Gesundheit im Kontext von Gesellschaft und ihren Zuständen sowie Entwicklungen. Diese korrespondieren miteinander und zeigen dialektische Wirksamkeiten, die sich sowohl hilfreich als auch blockierend bis schädigend zeigen können.
Die häufigsten psychischen Erkrankungen 2017, die zu längeren Krankschreibungen geführt haben, waren neben Depressionen in ihren verschiedensten Ausformungen, Angststörungen, Schlafstörungen, Sucht- und Stresserkrankungen wie zum Beispiel Burn Out.
Dies wirft ein Licht auf eine zum Teil sinnentleerte, satte Gesellschaft ohne Zukunftsvisionen oder Hoffnungslosigkeit im Hinblick auf Ökologie sowie gerechte Verteilung der schwindenden Ressourcen. Die internationalen Entwicklungen in Konflikt- und Krisengebieten ohne Aussicht auf ein Ende, die fehlende Teilhabe der Bevölkerung an wichtigen Zukunftsentscheidungen, wirtschaftliche Gier, die kriegerisch ausgetragen zu rücksichtsloser Vertreibung und Vernichtung von Lebensgrundlagen führt, sind unseres Erachtens nach Zeichen einer Anormalität, die bei Einzelnen eine psychische Entsprechung findet in Form von seelischer Verletzung, Depression, Angst und Überforderung, die wir als gesunde Reaktionen und Alarmsignale auf die gesellschaftlichen Auswirkungen einer verrückt agierenden internationalen Wirtschafts- und Machtachse betrachten können.
Leider werden diese adäquaten Reaktionen von unserer Gesellschaft und unserem Gesundheitswesen als anormale nicht passende oder nicht angepasste behandelt. Wir fragen uns an dieser Stelle, wie es vor uns auch schon Manfred Lütz in seinem Buch „Irre! Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ (2009) getan hat, wer ist hier eigentlich verrückt oder anormal?
Die Geschichte der abendländischen Medizin und Wissenschaft ist eine Geschichte der Abgrenzung gegen jede Form von Unordnung, eine Geschichte der Konstitution von Normen und Normalität – Normalität des Körpers, der Natur, der Geschlechter – was immer das heißen mag. Aber die Anormalität hat sie weder benannt noch versucht zu erklären. Normal ist angepasst, unauffällig, fleißig, arbeitsfähig, unendlich belastbar, gefügig, funktionsfähig, einigermaßen intelligent, unauffällig aussehend, den gesellschaftlichen Normen und Werten entsprechen u.v.m.

Manteufel, Andreas (2019): Rezension – Hartwig Hansen (2019): Lieben ist schöner als Siegen. Paartherapie live in 100 Schlüsselsätzen. Stuttgart (Klett-Cotta). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 192-192. 

Tsirigotis, Cornelia (2019): Rezension – Andreas Eickhorst & Ansgar Röhrbein (Hrsg.) (2019): Systemische Methoden in Familienberatung und -therapie. Was passt in unterschiedlichen Lebensphasen und Kontexten? Göttingen (Vandenhoeck & Ruprecht). In: Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung, 37 ( 4), S. 192-193. 

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