systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Systemische Bibliothek – L

Andrea Lanfranchi, Meilen: Kinder aus Kriegsgebieten in europäischen Einwanderungsländern. Trauma, Flucht, Schule und Therapie

(Unveröffentlichter Vortrag vom 5. Europäischen Kongress für Familientherapie und Systemische Praxis 2004 in Berlin)

Die multikulturellen Städte der Schweiz wie Genf, Basel oder Zürich verfügen über langjährige Erfahrungen mit Zuwanderern aus Krisenregionen: In den 80er Jahren mit den lateinamerikanischen Folteropfern der chilenischen Militärdiktatur und den Erdbebenopfer aus Süditalien, in den 90er Jahren mit den Kriegsopfern aus Kroatien, dann aus Bosnien, vor fünf Jahren aus Kosovo, vor drei Jahren aus dem albanischen Mazedonien, kürzlich aus Tschetschenien. In der Schule manifestieren sich Symptome des ,posttraumatischem Stress’ oder Anpassungsstörungen in Form von Lern- oder Verhaltensproblemen, Depressivität oder Aggressivität. Psychotraumata bei Schulkindern aus Flüchtlingsfamilien werden häufig nicht diagnostiziert bzw. als heilpädagogisches Problem oder „interkultureller“ Konflikt beurteilt.

Die betroffenen Kinder leiden oft beträchtlich – aufgrund der belastenden Erlebnisse und der unsicheren aufenthaltsrechtlichen Perspektiven ihrer Familie im Aufnahmeland. In der Praxis stellt sich immer wieder die Frage, wie solche Kinder behandelt werden sollen. Erfahrungen beim Schulärztlichen-Schulpsychologischen Dienst der Stadt Zürich zeigen, dass gruppentherapeutische Verfahren ein Mittel der Wahl sind, um Verarbeitungsprozesse in Gang zu setzen und um Isolations- und Schuldgefühle durchzubrechen.

Neben therapeutischer Hilfe brauchen kriegstraumatisierte Kinder in der „Fremde“ ein sicheres und emotional unterstützendes Umfeld. Dazu gehören die strukturgebende Stabilität des Schulalltags und die pädagogische Professionalität von interkulturell kompetenten Lehrpersonen. Dazu gehört auch die Einbeziehung und Beratung der verunsicherten Eltern, was jedoch nicht selten sehr schwierig ist. Eltern von kriegstraumatisierten Kindern sind sehr oft selbst durch Flucht und eigener Traumatisierungen beeinträchtig. Manchmal befürchten sie, unter anderem aufgrund der Schulprobleme und Verhaltensauffälligkeiten ihrer Kinder, erneut vertrieben oder ausgeschafft zu werden. Es kann dann sein, dass sie die in der Schule manifestierten Störungen verleugnen und sowohl pädagogische als auch therapeutische Angebote ablehnen.

Matthias LauterbachDie Kunst, (sich) auf das richtige Pferd zu setzen – Metaphern zum Ritt durch die Lösungsräume (erweiterte Version eines Vortrags vom 18.9.03, Magdeburg)

Ziel unseres gemeinsamen Ritts ist es, die Sinne für die metaphorischen Wirklichkeitskonstruktionen in Organisationen zu schärfen. Dazu werden wir uns nach kurzer allgemeiner Einführung an einigen Beispielen die Entstehung, Generierung metaphorischer Beschreibungen anschauen. Anschließend will ich Ihnen einige Grundlagen und exemplarisch auch Methoden zur Arbeit mit Metaphern darstellen, um Ihnen dann mit einem kurzen Ausflug in die bildende Kunst Anregungen für den erweiterten Einsatz metaphorischer Welterzeugung zu geben.

Matthias Lauterbach„Survival kit“ für die abenteuerlichen Reisen zwischen Familie und Beruf (Erstveröffentlichung in:  Perspektiven Vol. I., dlw medien, Hannover, 2003)

Survival kits nimmt man auf Reisen mit, um für den extremen Notfall gerüstet zu sein (Flugzeugabsturz in der Sahara, Reifenpanne am Nordpol…). Je nach Sicherheit des Reiselandes und der Reiseart und je nach dem Absicherungsbedürfnis des Reisenden kommt das Kit zum Einsatz. Wenn wir die unterschiedlichen Lebenswelten wie Arbeitswelt, Familie, Hobby etc., die von Menschen bevölkert werden, mit geographischen Metaphern beschreiben, bietet sich das Reisen als Metapher für den ständigen Wechsel der Menschen zwischen diesen Welten an. Das ist auch nicht abwegig, da viele Menschen tatsächlich zwischen diesen Welten reisen, seien es Arbeitswege oder die Wege zu einem entfernt stattfindenden Bundesligaspiel. In diesem Bild bleibend stellen sich Fragen nach den notwendigen Vorbereitungen für diese Reisen, nach der Ausstattung, dem Kartenmaterial, den Schutzimpfungen etc. und nicht zuletzt nach der inneren, seelischen Vorbereitung und der Konzentration auf die Reise.

Tom Levold, Köln: Schwangerschaftskonfliktberatung aus systemischer Perspektive(Erstveröffentlichung In: System Familie 10(3), S. 120-127)

Ausgehend von einer systemisch- konstruktivistischen Perspektive werden gesellschaftliche, intersubjektive und individuelle Konstruktionen von Schwangerschaft und Abtreibung dargestellt, die im Schwangerschaftskonflikt aufeinandertreffen können. Besonderer Stellenwert kommt der Tatsache der Zwangsberatung zu, die für Beraterinnen wie Klientinnen nur geringen Handlungsspielraum zu eröffnen scheint. Neben Überlegungen zum Problem der Entscheidung in Konfliktsituationen werden abschließend Möglichkeiten eines autonomie- und ressourcenfördernden Vorgehens in der Beratungssituation umrissen.

Tom Levold, Köln: Intimität – Theoretische und klinische Aspekte (PDF)

Ausgehend von einigen Begriffsbestimmungen wird Intimität als historisch und kulturell variables Intersubjektivitätserleben skizziert, welches einen eigenen Raum und eigene Zeit zu seiner Entfaltung benötigt und nicht unabhängig von seiner sprachlichen Thematisierung und seinen geschlechtsspezifischen Beziehungsmodi verstanden werden kann. Im praktischen Teil geht es um die Einführung von Intimität als mehrdimensionales Konstrukt (emotionale, sexuelle, soziale, intellektuelle, ästhetische, spirituelle und freizeitbezogene Intimität) in den Verlauf von Paartherapien.

Tom Levold, Karin Martens-Schmid, Köln: Systemische Therapie (PDF)

Es handelt sich bei diesem Text um eine kompakte Darstellung der Entwicklung und Grundlagen der Systemischen Therapie, die für das “Management Handbuch für die psychotherapeutische Praxis” im Hüthig-Verlag verfasst wurde und mit freundlicher Genehmigung des Verlages an dieser Stelle veröffentlicht werden darf.

Management Handbuch

Tom Levold, Köln: Problemsystem und Problembesitz: die Diskurse der sexuellen Gewalt und die institutionelle Praxis des Kinderschutzes. Teil II. (Erstveröffentlichung in: System Familie 10(2), S. 64-74)

Die zweiteilige Arbeit untersucht die Wechselwirkungen zwischen der institutionellen Kinderschutzpraxis und den zugrundeliegenden Diskursen der Gewalt. Im bereits veröffentlichten ersten Teil 1 wird das systemisch-konstruktivistische Konzept des »problemdeterminierten Systems« von Goolishian und Anderson auf seine Eignung überprüft, diese sozialen Wechselwirkungen abzubilden. Im Ergebnis erweist sich das Modell des Problemsystems als praxeologisches Konzept mit begrenzter Reichweite, jedoch nicht als tragfähige Theorie sozialer Probleme oder gar sozialer Systeme. Exemplarisch wird kritisiert, dass die Affektdynamik des Problemerlebens, Aspekte von Macht und Hierarchie in sozialen Systemen sowie die Eigendynamik sozialer Institutionen systematisch ausgeblendet werden. Im vorliegenden zweiten Teil werden anhand des Konzeptes eines sozialen »Problembesitzes« ideologische und praktische Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Kinderschutzbewegung und der Bewegung gegen den sexuellen Missbrauch dargestellt. Ferner werden die öffentlichen Debatten und Diskurse, die das affektive Klima der Auseinandersetzung prägen, als Ausdruck von Kämpfen um Problembesitz und -verteilung zwischen sozialen Institutionen und Bewegungen interpretiert.

Tom Levold, Köln: Affekt und System. Plädoyer für eine Perspektivenerweiterung. (Erstveröffentlichung In: System Familie 10(3), S. 120-127)

Dieser Beitrag soll das Interesse für die Bedeutung affektiver Kommunikation in zwischenmenschlichen Systemen wecken, er stellt weder eine vollständige noch tiefgreifende Behandlung des Themas dar. Zunächst werden einige relevante Entwicklungslinien der systemischen Therapie skizziert. In einem zweiten Schritt wird anhand von vier Aspekten (Musterbildung, Bedeutung von Geschichte, Verständnis individueller Konstrukte und die Frage des Zugangs zu selbstorganisierten Systemen) die inhaltliche Qualität einer Perspektivenerweiterung angerissen. Abschließend wird die therapeutische Beziehungsgestaltung als ein spezifischer Ort affektiver Kommunikation untersucht.

Tom Levold, Köln: Die systemische Bewegung als lernendes System(Erstveröffentlichung 2003 in systeme 17(2), S. 115-129)

Es geht um die kritische Würdigung vergangener und gegenwärtiger Lernprozesse im systemischen Feld und um die Frage, wie die spezifischen Ressourcen der systemischen Theorie und Praxis für eine solche Betrachtungsweise nutzbar gemacht werden können.

Tom Levold, Köln: Systemische Selbsterfahrung (Erstveröffentlichung 2003 in systeme 17(2), S. 115-129)

Der Artikel behandelt theoretische und praktische Fragen der Selbsterfahrung im Rahmen systemischer Weiterbildung. Ausgehend von dem problematischen Stellenwert, den die organisierte Selbstreflexion in der Geschichte der systemischen Therapie hat, werden Möglichkeiten einer systemischen Konzeption des Selbst vorgestellt. Selbsterfahrung wird in erster Linie als Förderung personenbezogenen Wissens in der Weiterbildung betrachtet und damit in den Rahmen einer Professionalisierungsprozesses gestellt. Abschließend werden mögliche Inhalte und Formen der Selbstreflexion anhand der Erfahrungen im Kölner APF-Institut erläutert und von therapeutischen Fragen sowie Fragen der Eignungsprüfung abgegrenzt.

Hans LiebAuf den Spuren der a prioris: verhaltenstherapeutische und systemtherapeutische Glaubenssätze

Über die Begegnung von Therapieschulen lässt sich aus zweierlei Perspektiven reden: Zum einen von einem Standpunkt außerhalb derselben und zum anderen von einem solchen innerhalb einer Therapieschule heraus, aus dessen Blickwinkel dann die jeweils andere gesehen und bewertet wird. Ich bevorzuge, soweit mir das möglich ist, den ersten Weg. Das erfordert eine andere Bewertungs- und Beobachtungsposition als die der Therapieschulenzugehörigkeit. Für mich sind das primär philosophische Konzeptionen der “Person” bzw. dazugehörige anthropologische Grundpositionen. Mit ersterem meine ich, daß es jeweils Personen sind, die Therapien entwerfen, wählen und anwenden und für deren personale Identität Therapieschulen eine wichtige, aber sekundäre Bedeutung haben. Hier ist aus meiner Sicht die personale Identität vorrangig vor der professionellen und diese wiederum vorrangig vor der Identifizierung mit einer bestimmten Therapieschule.

Hans LiebVerhaltenstherapie, Systemtheorie und die Kontrolle menschlichen Verhaltens. Ein Beitrag zur Paradigmadiskussion in der Psychotherapie

Die wissenschaftlichen Grundlagen und die Menschenbildannahmen der Verhaltens- therapie auf der einen und der Systemtheorie auf der anderen Seite werden im Hinblick auf die Frage einander gegenübergestellt, wie sie sich die Möglichkeit der Kontrolle menschlichen Verhaltens vorstellen. Es wird behauptet, technologische Kontrolle von Verhalten war eines der Hauptziele für die Entwicklung der Verhaltenstherapie. Die Systemtheorie, insbesondere in ihrer Form der Kybernetik II. Ordnung, kommt demgegenüber zum Schluß, die Vorstellung einer Kontrolle menschlichen Verhaltens sei ein epistemologischer Irrtum. Anschließend werden Überlegungen angestellt, wie beide Sichtweisen (Kontrollparadigma – kybernetisches Paradigma) gleichzeitig ihren Platz in psychotherapeutischen Prozessen haben können.

Ronny Lindner: Liebe, Demenz und Soziale Arbeit (Originalbeitrag)

Luitgard Franke beendet ihre Untersuchungen zur „Demenz in der Ehe“ mit der Erkenntnis, dass der Fokus in der Arbeit mit Demenzkranken und deren Angehörigen wesentlich stärker auf Beziehungsaspekte gelegt werden muss als es die derzeitige Praxis tut. Sie zeigt, dass die Orientierung an der Unterstützung von Autonomiebestrebungen bei Angehörigen und die einseitige Betonung ihrer Entlastung in der Regel Widerstände erzeugt, an denen sich die weitere Angehörigenberatung dann recht umständlich abarbeiten muss. Weiterhin verweist Franke darauf, dass im Demenzbereich tätige Organisationen dazu neigen, Aspekte der Erkrankung und des medizinischen bzw. pflegerischen Umgangs mit ihr zu betonen, weil die theoretischen Grundlagen für die Arbeit in Demenzkontexten überwiegend aus eben jenen Fachbereichen stammen. Die Überlegungen der Helfer sind somit an Strukturen ausgerichtet, die eher dazu geeignet sind, krankheitsspezifische und pflegerische Beobachtungen zu machen als beziehungsorientierte. Der Grund für diese unangemessenen Reduktionen liegt nach Franke in einem Theoriedefizit bezüglich der Paarthematik, das auf die praktische Arbeit in Demenzkontexten durchschlägt und das es abzubauen gilt. Der vorliegende Text nimmt diesen Auftrag an. Er fußt auf der Überzeugung, dass Demenzkranken und deren Betroffenen nicht (nur) damit geholfen werden kann, dass man sie zeitweise voneinander trennt und dass intime Beziehungen nach und nach in Pflegebeziehungen überführt werden.

Arndt LinsenhoffMit Stundenbögen über Qualität nachdenken.(Erstveröffentlichung 2000 in: System Familie 13(3), S. 132-139)

Der Artikel beschreibt den Weg der Qualitätsentwicklung, den die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen einer »Ehe-, Familien- und Lebensberatungsstelle mit Anerkennung nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz« genommen haben. Am Ausschnitt der psychologischen und der Schwangerschaftskonfliktberatung wird illustriert, welche Überlegungen zu Qualitätskriterien angestellt und wie Stundenbögen als angemessene Methodik entwickelt wurden, um von den Klienten und Klientinnen Rückmeldungen zur Beratungsqualität zu bekommen. Die Herausforderungen eines solchen Prozesses, förderliche Bedingungen und die Früchte eines solchen Vorgehens werden dargelegt.

Alexander Löcher, Chemnitz: Niklas Luhmann – Politische Theorie im Wohlfahrtsstaat (Originalbeitrag zum Luhmann-Klassiker von 1981)

Niklas Luhmann (1927-1998) genau einer wissenschaftlichen Fachdisziplin zuschreiben zu wollen, dürfte in Anbetracht der Bandbreite und Ausrichtung seines Werkes schwer fallen. Er selbst reklamiert für sich, den Anspruch eine „Theorie der Gesellschaft“ zu entwerfen, was ihn im weitesten Sinne zum Gesellschaftstheoretiker machen würde, obgleich eine solche Bezeichnung als hinlänglich unzureichend erscheinen muss. Luhmann fühlt sich neben der Soziologie als basaler Größe seiner Arbeit noch weiteren Fachwissenschaften theoretisch verpflichtet, die alle unter den Metabegriff der Gesellschaftswissenschaften subsumiert werden können. Dessen ungeachtet lässt er sich von keiner dieser Disziplinen vereinnahmen, vielmehr ging es ihm um die Anwendung seiner allgemeinen Gesellschaftstheorie auf konkrete gesellschaftliche Bereiche, genauer auf ihre einzelnen Funktionssysteme, von der das politische System eines ist. Vor diesem Hintergrund lässt sich Luhmann als „Systemtheoretiker“ bezeichnen, einen Titel, den er nur deswegen akzeptierte, weil man mit keinem Titel bis heute mehr Irritation auslösen kann. Luhmann ist also kein Politikwissenschaftler, sondern interessierte sich im Rahmen der Validation seiner Theorie für diesen gesellschaftlichen Teilbereich. Dennoch ist er mit der Politik von seiner Tätigkeit als Jurist von 1954 bis 1960 am Oberverwaltungsgericht und am Niedersächsischen Kulturmi- nisterium vertraut. Nachdem er sein Studium der Soziologie 1960/61 an der Harvard University, bei Talcott Parsons abgeschlossen hatte, kehrt er nach Deutschland zurück. 1966 dissertiert und habilitiert er bei Helmut Schelsky und Dieter Claessens in Münster. Den Ruf an die Universität Bielefeld erhält er 1968, wo er als Professor der Soziologie bis zu seiner Emeritierung lehrte.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: Berücksichtigen von Zufall in der therapeutischen Arbeit: Indiskutabel oder notwendige Ergänzung?(Erstveröffentlichung in: Zeitschrift für systemische Therapie 7(1):24-32,1989)

Therapeutische Praxis, die sich als ernstzunehmend und seriös erkannt wissen will, tut sich in der Regel schwer mit der Bedeutung von Zufall. Zufall wird eher als störend, denn als Ver- bündeter eingeschätzt. Beschreibungen therapeutischer „Zauberei“ (z.B. NLP) und die empirische Überprüfung „Zauberei“-orientierter Verfahren verfehlen sich daher häufig. Die vorliegende Arbeit versucht, Zufall als notwendige und nützliche Ergänzung zu beschreiben. Als zentral für eine theoretische Begründung wird dabei der Begriff der Kontingenz dis- kutiert. Aspekte der Bedeutung von Zufall in der Praxis kommen zur Sprache, wobei zirkuläres Fragen und mehrsinnige Aufgaben als Beispiele angeführt werden.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach & Kurt Ludewig, Münster: “Ich werde in jeder Therapie ein anderer sein” – Ein Gespräch (Erschienen in: Systhema 8(2), 1994, S.22-31)

Nachdem ich (W.L.) mich schon eine Reihe von Jahren mit seinen theoretischen und konzeptionellen Arbeiten auseinandergesetzt hatte, bot sich mir im April dieses Jahres die Gelegenheit, Kurt Ludewig drei Tage lang bei seiner Arbeit in der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster zu begleiten und zu beobachten. Mich interessierte besonders der Überschneidungsbereich zwischen Theorie und Pra- xis. In diesem Zusammenhang fand das folgende Gespräch statt.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: Intuition: Erkunden einer Dauerbaustelle (Erstveröffentlichung 2001 in Systhema 15(3): S.230-242)

In diesem Beitrag beschreibe ich einige Überlegungen dazu, wie Intuition im professionellen Rahmen genutzt werden kann. Intuition wird im weitesten Sinne als die Dynamik reflektiert, die unter bestimmten Bedingungen eine neue Gestalt auftauchen lässt. Während die neue Gestalt sich präziser Vorhersage entzieht, wird der Umgang mit den »bestimmten Bedingungen« zum Ansatzpunkt verantwortlichen professionellen Handelns. Bildlich gesprochen: beim professionellen Umgang mit Intuition steht nicht der Traum im Vordergrund, sondern die Bedingungen, unter denen das Träumen stattfinden kann. Die beschriebenen Überlegungen stellen eine Notiz von unterwegs dar.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: „Therapie“ und „Evaluation“ – nützlich, schön, respektvoll? (Erstveröffentlichung 1990 in: Zeitschrift f. systemische Therapie 8(1): 41-48)

Als kritischer Punkt in der Diskussion therapeutischer Praxis erweist sich das Thema „Evaluation“. Im vorliegenden Aufsatz wird der Frage nachgegangen, welche Konsequenzen sich ergeben aus dem Anwenden der vorgeschlagenen Evaluationskriterien „Nutzen, Schönheit, Respekt“ (LUDEWIG 1988a). Dabei scheint das jeweilige Verständnis der Beziehung von „Therapie“ und „Evaluation“ von Bedeutung zu sein: Was geschieht, wenn von „Therapie“ und „Evaluation“ als unterscheidbaren sozialen Systemen ausgegangen wird? Eine Gewichtung der vorgeschlagenen Kriterien wird vorgenommen. „Respekt“ wird dabei als Leitkriterium vorgeschlagen und im Zusammenhang mit Fragen einer „therapeutischen Ethik“ diskutiert.

Wolfgang Loth, Bergisch Gladbach: Was soll’s? – Eine Annäherung an „systemisch-plus“ (Erstveröffentlichung 2010 in Zeitschrift f. systemische Therapie 28(1): 9-19)

Die Prägnanz des Begriffs »systemisch« vermag zu täuschen. Die Diskussionen um systemisches Störungswissen zeigten das auf. Sowohl ontologistische als auch konstruktivistische Positionen können im Prinzip sinnvoll mit systemischen Perspektiven in Verbindung gebracht werden. Im vorliegenden Beitrag versuche ich daher, die entsprechenden Prämissen zu entwirren. Es lässt sich ein Kern herausfiltern, der systemische Prämissen zusammenfasst und ein weites Feld von Handlungsoptionen eröffnet (das Fokussieren auf Kontexte als notwendiges Bei-Werk von Systemen, sowie auf das Organisieren von Hilfe über das Berücksichtigen von Sinngrenzen als Hort der System-Umwelt-Dynamik). Die jeweilige Auswahl aus diesen Optionen lässt sich aus dem Kern jedoch nicht eindeutig ableiten. Hier wirken andere Orientierungen. Ich bevorzuge daher die Verknüpfung des Begriffs »systemisch« mit einem »plus«. Das »plus« stände dann für die Absicht, wie ich zu einem systemisch angelegten Hilfegeschehen beisteuern möchte. Ich bevorzuge dabei eine »existenzielle« Orientierung.

Kurt Ludewig, Münster:  Von Familien, Therapeuten und Beschreibungen. Vorschläge zur Einhaltung der “logischen Buchhaltung” (Erstveröffentlichung 1986 in Familiendynamik  11, S. 16-28).

Anhand der epistemologischen Erkenntnisse zeitgenössischer Autoren wie Maturana, Varela und von Foerster wird ein Rahmen abgesteckt, der es erlaubt, widersprüchliche Auffassungen aus der neueren Literatur zur Familientherapie kritisch zu sichten, und sie nach Überprüfung ihrer logischen Stimmigkeit wieder zu einem theoretischen Ganzen zu integrieren. Hierfür wird als notwendig erachtet, die Bereiche physikalischer, biologischer und sozialer Phänomene getrennt zu behandeln. Es wird gezeigt, dass Konzepte wie Linealität, Zirkularität, Individuum und Familie durchaus sinnvoll verwendet werden können, sofern sie auf den ihnen gemäßen Phänomenbereich bezogen werden. Genauso kann man von der Therapie mit Familien sprechen, obwohl es sich dabei um die therapeutische Interaktion mit Individuen handelt.

Kurt Ludewig, Münster: 10 + 1 Leitsätze bzw. Leitfragen. Grundzüge einer systemisch begründeten klinischen Theorie im psychosozialen Bereich(Erschienen in: Zeitschrift für systemische Therapie 5: 178-191, 1987)

Nach einer kurzen Würdigung seiner Herkunft in Mailand wird der Entwurf einer systemisch begründeten Klinischen Theorie dargelegt. Dem vorangestellt sind eine Bestimmung des Adjektivs “systemisch” und der Voraussetzungen, die systemische Theorien wissenschaftlich erfüllen sollen. Im Rahmen der Darstellung des eigentlichen Theorieentwurfs wird hier insbesondere auf die formale und methodische Definition der Therapie im psychosozialen Bereich eingegangen. Diese Überlegungen münden schließlich in der Aufstellung von 10+ 1 “Leitsätzen” bzw. “Leitfragen”, die dem Therapeuten als Orientierung seiner Praxis dienen können.

Kurt Ludewig, Münster: Nutzen, Schönheit, Respekt – Drei Grundkategorien für die Evaluation von Therapien (Erschienen in: System Familie 1: 103-114, 1988)

Der Beitrag schlägt vor, das übliche Kriterium der Bewertung therapeutischer Prozesse und Ergebnisse, nämlich den Nutzen, mit zwei weiteren Kriterien zu ergänzen: Ästhetik und Ethik. Von einer derart ergänzten Bewertung wird erwartet, dass sie eher mit jenen dem systemischen Denken zugrundeliegenden Auffassungen kongruent ausfällt, zumal sie so an die Verantwortung des Beurteilenden angebunden werden kann statt an lineal-kausale und sog. objektive Annahmen. Dieser Diskussion geht eine kurze Darlegung einiger Grundannahmen systemischen Denkens voraus; ihr folgt ein erster empirischer Operationalisierungsversuch.

Kurt Ludewig, Münster; Humberto Maturana, Santiago (Chile): Gespräche mit Humberto Maturana. Fragen zur Biologie, Psychotherapie und den “Baum der Erkenntnis” oder: die Fragen die ich immer stellen wollte (deutsche Erstveröffentlichung, PDF 480 Kb)

Dieser neue Band der Reihe Ensayos bietet die seltene Gelegenheit, Zeuge eines Gesprächs zwischen zwei Persönlichkeiten zu sein, deren persönliches Driften gekennzeichnet ist von einer ungewöhnlichen Leidenschaft am Phänomen Mensch. Dr. Kurt Ludewig ist Begründer und Direktor des Instituts für Systemische Studien in Hamburg. In einer unkomplizierten und direkten Art und Weise – wie es nur einem Freund und profunden Kenner Maturanas möglich ist – führt er mit dem Biologen und Erkenntnistheoretiker, Dr. Humberto Maturana, ein Gespräch über die Fundamente und Ableitungen seines epistemologischen Standpunkts. Ungeachtet des Bekanntheitsgrades, den Humberto Maturana durch frühere Werke erreicht hat, sind wir von der klarstellenden Bedeutung dieser Gespräche im Hinblick auf das Gesamtverständnis seiner Ideen und Postulate überzeugt. Eine solche Klarstellung könnte nicht nur für den mit der Biologie wenig vertrauten Leser hilfreich sein, sondern besitzt nebenher den Vorteil, uns Antworten auf die Fragen eines nicht von der Biologie herkommenden Experten zu liefern. Durch seine Fragen bringt Kurt Ludewig jene Zweifel an der Theorie Maturanas mit viel Geschick und Sachkenntnis zur Sprache, die auch unsere eigenen sein könnten.

Kurt Ludewig, Münster: Die therapeutische Intervention – Eine signifikante Verstörung der Familienkohärenz im therapeutischen System (Erstveröffentlichung 1983 in K. Schneider (Hrsg.): Familientherapie in der Sicht psychotherapeutischer Schulen. Paderborn: Junfermann 1983: 78-95)

Frau Welter-Enderlin (1980, S. 11) warnt in ihrer Einleitung des Kongresssammelbandes zum Zürcher Symposium “Familientherapie” 1979 vor der Gefahr, die Anwendung der systemisch- ökologischen Denkweise auf dem Gebiet der (Psycho)-Therapie zum Dogma zu erheben, bevor sie überhaupt aus ihrer vorwissenschaftlichen Phase herausgetreten sei. Wenige Zeilen später gibt sie ihrer Hoffnung Ausdruck, dass in einigen Jahrzehnten eine einheitliche Feldtheorie vorliegen möge, welche uns der Frage nach den menschlichen Bedingungen näher gebracht habe. Bereits in diesen beiden Bemerkungen offenbart sich die unsere Lage kennzeichnende Problematik, wenn wir uns als Therapeuten2 um eine ganzheitliche Sichtweise menschlichen Verhaltens bemühen: auf der einen Seite befinden wir uns auf der Suche nach einem Paradigma, das ein prozessorientiertes, holistisches Verständnis des komplizierten Gefüges sozialen Seins ermöglicht, auf der anderen Seite hegen wir aber dennoch die Hoffnung, eines Tages doch noch einen aufgeklärten Zustand zu erreichen, in dem das Beobachtete – das menschliche Verhalten – für den Beobachter eine erfassbare Konstanz gewonnen hat. Anders ausgedrückt: Wir bauen uns einen Weg, dessen Befolgung das Ziel sein soll, und erwarten dennoch, eines Tages ans Ende des Weges zu gelangen. Wir streben nach Ganzheit und hoffen zugleich auf Gerichtetheit.

Kurt Ludewig, Münster: Schritte in die Vergangenheit – Mit dem Familienbrett ins Land der Mapuche (Erstveröffentlichung 1989 in Familiendynamik 14, 163-177)

Nach 24 Jahren des Lebens im Ausland wurde ich in meine Heimat, Chile, eingeladen. Mit Unterstützung des DAAD sollte ich während einer einmonatigen Kurzzeit-Gastdozentur über systemische Theorie und ihre Anwendung auf Therapie lehren. Die Einladung ging von einer der jüngsten Universitäten des Landes, der Universidad de La Frontera – UFRO – (»Universität der Grenze«), in Temuco aus. Diese Stadt von ca. 230.000 Einwohnern ist dabei, ein kommerzielles und kulturelles Zentrum im Süden des Landes (ca. 700 km südlich von Santiago) zu werden. Wie überall in jungen Einrichtungen hat die UFRO den Vorteil der Wahl, sich entweder nachahmend an den älteren Hochschulen zu orientieren oder ein eigenes Selbstverständnis aufzubauen. Nicht anders geht es dem Departamento de Psicologia dieser Universität. Nur so lässt sich verstehen, dass die Mitarbeiter dieser Abteilung es vorzogen, einen Vertreter des systemisch-konstruktivistischen Wissenschaftsverständnisses, einer sonst in akademischen Kreisen nicht recht akzeptierten Sichtweise, einzuladen. Wie sich später herausstellte (rekonstruierte), ging damit die anfangs noch eher vage Erwartung einher, sich eine eigene, fortschrittliche Identität zu geben. Eine solche Herausforderung, ein ganzes Institut für Psychologie gewissermaßen als »Kunde« in »Kurzzeit- Therapie« zu übernehmen, war mehr als verlockend. Zudem sollte dies mein erster Versuch werden, mich in meiner mit knapp 21 Jahren verlassenen Heimat professionell zu erproben. Der Aufenthalt fiel in die Zeit September-Oktober 1987, also mitten in den südhemisphärischen Frühling, umgeben vom tiefen Grün einer unaufhörlich verregneten Landschaft, fast wie »zu Hause« in Hamburg. Er wurde für mich in vieler Hinsicht eine Zeit lehrreicher und unvergesslicher Erlebnisse. Über eines dieser Erlebnisse soll hier berichtet werden.

Kurt Ludewig, Münster: Vom  Stellenwert diagnostischer  Maßnahmen in systemischem Verständnis von Therapie (Erstveröffentlichung 1987 in Schiepek, G. (Hrsg.), Systeme erkennen Systeme. Individuelle, soziale und methodische Bedingungen systemischer Diagnostik. München, Weinheim, Psychologie Verlags Union).

In der zweiten Hälfte unseres Jahrhunderts vollzieht sich im Bereich der psychosozialen Therapie und somit auch der Psychodiagnostik1, wohl im Zuge von Veränderungen der Sichtweisen in der Philosophie und den Naturwissenschaften, ein Wandel der theoretischen Grundlagen. Der Blick verlagert sich von der Betrachtung einzelner Ursachen und Bedingungszusammenhänge zunehmend auf die Beobachtung von Prozessen, die den Beobachter in das Beobachtete prinzipiell einschließen. Einheit des Denkens ist ein aus Beobachter und Beobachtetem zusammengesetztes System. Damit ist die Wissenschaft aufgefordert, anstelle weiterer Theorien über die Welt eine umfassende Theorie des Beobachters zu entwerfen, die dem Veständnis Rechnung trägt, dass alles, wovon geredet wird, von einem Beobachter hervorgebracht worden ist (vgl. von Foerster, 1985; Maturana, 1982; Maturana & Varela, 1984). Der vorliegende Beitrag setzt an diesen Punkt der historischen Entwicklung der Diagnostik an. Er untersucht den Stellenwert bzw. die Notwendigkeit einer Psychodiagnostik im Kontext eines “systemischen” Verständnisses von psychotherapeutischen Aktivitäten. Hierbei ist mit “systemisch” ein nicht weiter präzisiertes Kürzel gemeint, das für eine allgemeine Theorie von Systemen bzw. für eine wissenschaftliche Orientierung steht, wie sie von Autoren wie Humberto Maturana (1982; 1983), Francisco Varela (1979), Heinz von Foerster (1984), Niklas Luhmann (1984) und anderen postuliert wurde.

Kurt Ludewig, Münster: Systemische Therapie. Grundlagen klinischer Theorie und Praxis. Klett-Cotta 1992

Kurt Ludewig, Münster: Begegnungen mit einem vielseitigen Mann – zum beruflichen Abschied von Ludwig Reiter (Erstveröffentlichung 1998 in systeme 12(1) – 3-7)

Kurt Ludewig, Münster: “Selbstreflexion in der systemischen Weiterbildung – zum Sinn und Unsinn eines traditionellen Vorgehens” (Erstveröffentlichung 1999 in System Familie 12(4) – S. 159-164)

Bei aller Notwendigkeit, die persönlichen Aspekte angehender systemischer Therapeutinnen und Therapeuten im Rahmen einer Weiterbildung zu beachten, den traditionellen Standards angemessen zu entsprechen und den gesetzlichen Forderungen nachzukommen, bleibt der Sinn von Selbsterfahrung als unabdingbarer Bestandteil einer Weiterbildung als Vorschrift inhaltlich und empirisch fragwürdig. Dieser Kurzaufsatz analysiert in groben Zügen die geltenden Standards, mahnt zur Skepsis gegenüber der Selbstverständlichkeit eines Selbsterfahrungsmythos, stellt in aller Kürze das Konzept des Instituts für systemische Studien Hamburg vor und endet mit einem Plädoyer, die wertvollen Vorteile systemisch-konstruktivistischen Denkens für die Theorie und Praxis der Systemischen Therapie nicht leichtfertig zu verspielen.

Kurt Ludewig u. Günter Reich: »Es kann auch anders sein« Kurt Ludewig im Gespräch mit Günter Reich. (Erstveröffentlichung 2009 in Kontext 40(4), S. 387-398).

Kurt LudewigProblem – “Bindeglied” klinischer Systeme. Grundzüge eines systemischen Verständnisses psychosozialer und klinischer Probleme.Erstveröffentlichung in: L. Reiter, E.J. Brunner & S. Reiter-Theil (Hrsg.) (1988): Von der Familientherapie zur systemischen Perspektive. Berlin/Heidelberg/New York (Springer), S. 231-249. Eine erweiterte Neuauflage liegt unter dem gleichen Titel seit 1997 (S. 305-329) vor.

Dieser Beitrag erkundet in Anlehnung an zeitgenössische erkenntnis- und systemtheoretische Auffassungen Sinn und Nutzen des Konzepts “Problem” (bzw. “Problemsystem”) als Ausdruck für ein interaktionelles, sprich systemisches Geschehen für die klinische Praxis im psychosozialen Bereich. Er trägt Grundzüge einer Sichtweise zusammen, wonach das “Hervorbringen” (s. unten) klinischer Probleme (sonst Symptome oder psychische Krankheiten genannt) nicht als bloßes, noch so geschultes Konstatieren angeblicher Fakten, sondern als Aktivität eines Klinikers betrachtet wird, die auf diesen zurückverweist und ihn daher unvermeidlich mit definiert.

Kurt Ludewig, Münster: Symptom – Bindeglied einer „klinischen“ Beziehung. (Unveröffentlichter Vortrag am 9. November 1984 bei den 20. Hamburger psychiatrisch-medizinischen Gesprächen: „Die Bedeutung des Symptoms bei Kindern und Jugendlichen” am Universitäts-Krankenhaus Eppendorf der Universität Hamburg.

Der Inhalt des vorliegenden Aufsatzes kann in sinngemäßer Abwandlung eines Zitats von Wittgenstein aus seinen Bemerkungen über die Grundlagen der Mathematik folgendermaßen umschrieben werden: Was ich liefern möchte, ist kein Beitrag über Kuriositäten, sondern über Ideen, an denen niemand gezweifelt hat und die nur deshalb dem Bekanntwerden entgehen konnten, weil sie sich ständig vor unseren Augen herumtreiben.
Getreu meines Selbstverständnisses als systemischer Therapeut werde ich mich im Folgenden um eine Umdeutung bemühen, nämlich um die Umdeutung des Begriffs “Symptom”, zumindest im psychopathologischen Gebrauch. Diese Fragestellung wird übergreifend behandelt und nicht nur auf die Bedeutung des Symptoms bei Kindern und Jugendlichen beschränkt, denn es ist das Anliegen dieses Aufsatzes zu einer allgemeinen Erkenntnistheorie des psychiatrischen und klinisch-psychologischen Tuns beizutragen, d.h. des Tuns, das Symptome benennt und Therapien gestaltet, zumal dieses Tun im wesentlichen nicht altersspezifisch ist.“

 

Revital Ludewig-Kedmi, St. Gallen: Geteilte Delegation in Holocaust-Familien: Umgang mit der Ambivalenz gegenüber Deutschland (Erstveröffentlichung 1998 in System Familie 11, Heft 4, S. 171-178)

Holocaust-Überlebende, die nach 1945 Deutschland als ihren Wohnort wählten und dort Familien gründeten, haben oft ein ambivalentes Verhältnis gegenüber Deutschland. Anhand des Fallbeispiels einer Holocaust-Familie, in der der Vater als Jude mit gefälschten Ausweispapieren in der deutschen Wehrmacht tätig war und die Mutter die Konzentrationslager Auschwitz und Bergen-Belsen überlebte, wird der familiäre Umgang mit dieser Ambivalenz analysiert. Die ambivalenten Gefühle der ersten Generation gegenüber Deutschland werden gespalten und als geteilte Delegation auf die beiden Söhne tradiert. Ein Sohn erhält die Über-Ich-Delegation, nicht »auf dem Massen-grab« zu leben, er wird jüdisch orthodox und emigriert nach Israel. Der zweite Sohn bekommt den »verbotenen« Teil der Delegation, der auf der Es-Ebene liegt, er lebt gut integriert in Deutschland und wird zum »Deutschen« der Familie. Die geteilte Delegation ist damit eine familiäre Bewältigungsstrategie und verkörpert einen Versuch von jüdischen Familien, mit der Ambivalenz zu leben. Das Phänomen der geteilten Delegation als familiäre Bewältigungsstrategie hat auch Relevanz für Therapien mit Flüchtlings- und Immigrantenfamilien bezüglich der Ambivalenz zwischen ihrem Gast- und Heimatland.

Arnold M. Ludwig & Frank Farrelly: Der Kodex der Chronizität. Archives of General Psychiatry, Dez. 15, 1966, Deutsche Fassung erstveröffentlicht im „gepfefferten Ferkel“ 10/2001

Der Loyalitäts-Kodex unter Straftätern, Gefängnisinsassen, Kriminellen und gewissen Gruppen unterdrückter Minderheiten ist ein bekanntes Phänomen. Dieser Verhaltenskodex steht nicht nur für die Anerkennung der Werte einer sozial abweichenden Gruppe, er hin- dert deren Mitglieder vor allem daran, mit Angehörigen anderer Gruppen zu verkehren, insbesondere mit denen, die Macht repräsentieren.

Eine Verletzung des Kodex, der zur Ergreifung oder Bestrafung anderer Gruppenmitglie- der führt, wird mit großer Wahrscheinlichkeit soziale Ächtung, Spott, physische Bestrafung oder gar den Tod des Verräters zur Folge haben. Mit „Spitzel“, „Drecksau“, „Streber“, „Arschkriecher“, „Schnüffler“ werden solche Personen gebrandmarkt, die mit Vertretern der Macht kooperieren, die für die Kontrolle oder Verhaltensänderung ihrer Gruppe ver- antwortlich sind. Interessant dabei ist die ambivalente Haltung der Autoritäten solchen In- formanten gegenüber. Einerseits sind sie auf diese Leute angewiesen, um an wichtige In- formationen zu kommen, andererseits betrachten sie Informanten als verachtungswürdige Verräter. Irgendwie haben also beide Gruppen die abweichende Subkultur wie die Obrigkeit einen ungeschriebenen, informellen Pakt geschlossen, um Leuten, die den Gruppenkodex brechen, Schutz und Trost vorzuenthalten.

Obwohl solche Regeln ausführlich kommentiert worden sind, so ist doch wenig über das Vorhandensein ähnlicher Normen bei hospitalisierten chronisch schizophrenen Patienten geschrieben worden.

Lorenz Lunin: (Re)-Migration und familiäre Krise. Systemische Beratung in einem fundamentalistischen Kontext (Erstveröffentlichung 2000 in: System Familie 13(2), S. 70-76)

Im beschriebenen Fall verdichten sich mehrere beraterisch bedeutsame Themenbereiche: die (Re-) Migration einer bikulturellen Familie, religiös motivierte Kindesmisshandlung und Fragen um Entwicklungs- und Veränderungsmöglichkeiten im Spannungsfeld von kulturell, religiös und weltanschaulich heterogenen und widersprüchlichen Anforderungen. Durch die Migration und durch unterschiedliche Bewältigungsversuche ihrer Eltern entstehen für die älteste Tochter, die beim schulpsychologischen Dienst wegen »Schwermütigkeit« und Lernschwierigkeiten angemeldet wird, Loyalitätskonflikte innerfamiliärer, kultureller und religiöser Art, die ihre Identitätsentwicklung gefährden. Sie, die vom Vater misshandelt wird, fühlt sich ihm gleichzeitig nahe und sorgt sich wegen seiner zunehmenden Isolation um ihn. Vom Berater wird deshalb die Mitarbeit des vom Umfeld dämonisierten Vaters aktiv angestrebt und gleichzeitig versucht, der Mutter ein Gegenüber zu sein, ohne mit ihr in eine Koalition gegen den Vater einzutreten. Dabei können keine raschen oder spektakulären Lösungen angestrebt werden. Vielmehr werden mit den Familienmitgliedern Handlungsspielräume innerhalb der bestehenden Lebenswelt ausgelotet und es wird – im Spannungsfeld zwischen Freiwilligkeit und Kontrolle – versucht, Veränderungen im Dialog und nicht durch strafrechtliche Maßnahmen zu erzielen.

Ernst-Wilhelm Luthe, Braunschweig: Sozialtechnologie (Erstveröffentlichung 2003 im “Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit”)

Soziale Arbeit hat eine Veränderungsabsicht. Sie will aus problembehafteten Menschen teilhabefähige Personen machen, das gedeihliche Zusammenleben und den inneren Zusammenhalt sozialer Gruppen fördern (etwa Familien), angeschlagene Organisationen wieder arbeitsfähig machen (etwa Betriebssozialarbeit) und überhaupt die Welt, in der wir leben, in bessere Zeiten führen. Selbst vor einer Strategie der Selbständerung von Menschen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaft (Hilfe zur Selbsthilfe) schreckt sie nicht zurück. Hierfür ist ihr jedes Mittel recht, auch wenn es nicht ihr eigenes ist: Die Aktivierung von Rechtsansprüchen, das Anzapfen von Geldquellen, der Einsatz von Erziehungsmethoden, die Herstellung und Steigerung des körperlichen und psychischen Wohlbefindens bis hin zur Kommunikation von Sinnfragen, – Prävention und Nachsorge inbegriffen. Soziale Arbeit ist mithin durch und durch technologisch ausgerichtet. Und wenn nicht alles täuscht, liegt hierin überdies ihre einzige Existenzberechtigung.

Ernst-Wilhelm Luthe, Braunschweig: Warum Sozialtechnologie? (Erstveröffentlichung März 2006 in “Nachrichtendienst des Deutschen Vereins für öffentliche und private Fürsorge”, S. 109 ff – Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von NDV)

„Warum Sozialtechnologie?“ ist eine Fortsetzung des im Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit vor- gestellten Grundkonzepts von „Sozialtechnologie“ (Arch sozArb 4/2003, S. 3–49). Im Folgenden geht es um die Frage, ob es für Helfer und ihre Organisationen von Vorteil sein kann, sich in ihren Selbstkonzepten sozialtechnologisch anstatt idealisierend im System der Inklusionshilfe zu verorten. 

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