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Wir erschaffen unsere Wirklichkeit – Werner Vogd im Interview

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2014 ist im Carl-Auer-Verlag das Buch  „Welten ohne Grund. Buddhismus, Sinn und Konstruktion“ von Werner Vogd erschienen, der Professor für Soziologie an der Universität Witten/Herdecke ist. Zusammenfassend heißt es über dieses Buch auf der Verlagsseite: „Konstruktivistische Ideen und buddhistische Lehre haben mehr gemeinsam als allgemein gedacht. Werner Vogd zeigt jene Gemeinsamkeiten auf, die sich von anderen philosophischen oder religiösen Anschauungen radikal unterscheiden. Er macht dies an drei Leitgedanken fest: a) Der Versuch, sich selbst zu finden, führt in die Irre. In uns ist letztlich nichts anderes zu finden als Projektionen, die verschleiern, dass es das Selbst als isolierbaren Wesenskern nicht gibt. b) Konstruktivismus und Buddhismus weisen den Anspruch zurück, aus unseren Erfahrungen eine absolute Wahrheit oder eine explizite Sinngebung abzuleiten. Maturana und Varela sprechen von der Zwecklosigkeit aller biologischen Formen, die buddhistische Lehre betont immer wieder die Essenz- und Substanzlosigkeit all unseres sinnlichen Erlebens. c) In der rational nicht greifbaren Basis unseres Seins zeigt sich jedoch eine unerwartete Tiefendimension. Jenseits äußerlicher Vorschriften und Regeln offenbart sich im menschlichen Sein eine implizite Ordnung: Mitgefühl und Liebe.
In diesem Sinne kann der Dialog zwischen Buddhismus und Konstruktivismus für alle Partner ein Nachhausekommen bedeuten. Wir lernen, in einer Welt ohne Grund heimisch zu werden, und beginnen, unser Leben als Praxis oder als Übung zu begreifen. Diese Übung ist die Übung schlechthin: Es geht um die Kunst des Lebens als Kultivierung der Fähigkeit, das Geschenk der Vergänglichkeit annehmen zu können und auf einer tiefen Ebene glücklich zu sein.

Peter Riedl, Radiologe, Meditationslehrer und Autor sowie Gründer und Herausgeber der buddhistischen Zeitschrift Ursache & Wirkung hat mit Werner Vogd über dessen Buch und seine Thesen ein langes Gespräch geführt.

4 Kommentare

  1. Wer sich mit Varelas und Maturanas Haltungen zu Wissenschaft, Buddhismus und Meditation, Liebe und Mitgefühl sowie Konstruktivismus beschäftigen möchte, dem sei der Film „monte grande – what is life?“, Teil 1 eines mehrteiligen DVD-Albums von Franz Reichle über Francisco Varela sowie das Buch „The Origin of Humanness in the Biology of Love“ von Humberto Maturana Romesin und Gerda Verden-Zöller empfohlen. Bereits auf einer Konferenz in 1986 berichtete Heinz von Foerster auf die Frage, was wohl Francisco Varela sagen würde, wenn man ihn nach Herrn Luhmanns Übernahme des Autopoiesis-Begriffs fragen würde, dass sich wohl wiederholen würde, was Maturana vor Erich Jantsch niederkniend sagte:“Ich flehe Sie an, mir zuliebe, verwenden Sie den Begriff nicht!“ (Nachzulesen auf S.134 mit vielen weiteren aufschlussreichen Äußerungen von Varela in dem Buch „Lebende Systeme“, herausgegeben von F.B. Simon und 1997im Suhrkamp Verlag erschienen). Auf S. 267 der deutschen Übersetzung des Buches „Der Baum der Erkenntnis“ (1984/1987) von Maturana und Varela heißt es:“Aus diesem Grund ist das, was wir in diesem Buch dargelegt haben, nicht nur eine Quelle für eine naturwissenschaftliche Erforschung, sondern auch für das Verständnis unseres Menschseins, unserer Menschlichkeit. Wir sind hier auf eine soziale Dynamik gestoßen, die auf einen grundlegenden ontologischen Zug der Conditio humana hinweist, der nun nicht mehr eine bloße Annahme ist: Wir haben nur die Welt, die wir zusammen mit anderen hervorbringen, und nur Liebe ermöglicht uns, diese Welt hervorzubringen. Wenn es uns gelungen sein sollte dem Leser dies einsichtig zu machen, wäre ein weiteres Ziel unserer Arbeit erreicht.“ Im Klappentext des Buches ist zu lesen: „Die in der Menschheitsgeschichte von Weisen, Mystikern und Philosophen erkannte Einheit von Subjektivität und Objektivität, von Ich und Welt, von Bewusstsein und Sein, wird von Maturana und Varela klar bestätigt und mit naurwissenschaftlichen Forschungsergebnissen belegt.“ Die Entwicklung von Mitgefühl bildet neben dem Erlangen von Weisheit das Herzstück der buddhistischen Übung. Varela sagte schon 1984: „There are many different forms of knowledge… But there is only one form of wisdom: It’s based on love.“ Auf Missverständnisse in systemtherapeutischen Kreisen bei der Übernahme der Ergebnisse von Maturanas und Varelas Forschungen hat Kriz 2009 in der Zeitschrift Familiendynamik auf Seite 103ff. hingewiesen. Sie scheinen bis heute weitestgehend unerkannt geblieben zu sein. Buddhistische Übung findet übrigens nicht nur auf dem Kissen sitzend statt. Wer sich zum Beispiel über das Wirken von Thich Nhat Hanh, der für einen sozial engagierten Buddhismus steht, informieren möchte, dem sei der Film „Mein Leben ist meine Botschaft“ ans Herz gelegt.

  2. Sehr interessante Perspektive, die Vogt da eröffnet, knüpft an an die Gespräche, die Varela et. al. bereits in den 80er Jahren mit dem Dalai Lama geführt haben. Ein wesentlicher Unterschied zwischen Konstruktivismus und Buddhismus allerdings ist die Art und Weise der Erkenntnis. Hier verlässt der Konstruktivismus allein auf die diskursive Verstandestätigkeit, während der Buddhismus im wesentlichen prädiskursive Erkenntnisformen pflegt. Während das Hauptorgan der Erkenntnis des Konstruktivisten der Kopf ist, ist es beim Buddhisten wesentlich das Gesäß – schweigend zu sitzen und dabei jenseits der verstandesgeborenen Konzepte zu gelangen.

  3. Die östliche Philosophie ist für mich auch ein relevantes Ding (sekundär ein Ding an, und für, sich. Die Primärebene scheint es nicht zu geben oder ist nicht zugänglich). Und verbindungsmöglich zur westlichen Philosophie, der rationalistischen, der postmodernistischen und ggf. (falls man das als Herkommens- und Wanderungsrichtung[en] auf der gleichen Ebene [re-]konstruiert) der konstruktivistischen Perspektiven.

    Der Strukturalismus — ob als natürlich-universelles oder als menschliches Wahrnehmungs- und Interpretations-Phänomen — ist das Muster (bzw. dessen Interpretation), das die Menschen gleichzeitig aufeinander treibt und sich hierarchisch trennen lässt. Meine These: Nur wer den Strukturalismus als ontologische anthropologische&soziale Ambivalenz überwinden könnte, könnte eine intersubjektive Ethik entdecken.

    U.a. Dao und Buddhismus (einzeln und als Chan-Buddhismus) wollen das gar nicht. Das ist „in (Nicht-)Ordnung“ bzw. ein Weg.

  4. Warum wohl ist Varela, ziemlich emphatisch, abgerückt vom Konstruktivismus?–um diesen ausgerechnet im Buddhismus wiederzufinden?? „Becoming aware“ -so sein letztes (Kooperativ-)Opus- ist auf bloß konstruktivistische Weise doch gar erreichbar. Sicher hätte er auch vor den momentan grassierenden szientistischen Versionen von Buddh gewarnt (trotz Mind-Life-Konferenzen mit dem Dalai Lama)——

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