systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

„Wer depressiv ist, will andern kein Leid antun“

Der in der vergangenen Woche vom Co-Piloten der GermanWings-Maschine offenbar absichtlich eingeleitete Flugzeugabsturz mit 150 Toten hat neben einer Welle des Sensationsjournalismus auch eine Diskussion hervorgerufen, wie denn ein solches Unglück zu verhindern sei. Dabei werden bereits – wie leider bei medienwirksamen kriminellen Taten üblich – schon wieder reflexhaft von den relevanten Akteuren und Interessengruppen aus Politik, Medien und Verbänden weitgehende rechtliche Veränderungen gefordert, als ob diese zukünftige ähnliche Ereignisse ausschließen könnten. Da Informationen über eine frühere psychotherapeutische Behandlung aufgrund einer Depressions-Diagnose vorliegen, hört man schon erste Forderungen nach einer Aufweichung der ärztlichen bzw. psychotherapeutischen Schweigepflicht. Auch von Ärzt_innen und Psychotherapeut_innen zirkulieren nun zunehmend Stellungnahmen, die einerseits Zuständigkeit für die Analyse des Geschehens in Anspruch nehmen (und sich als die kompetentesten Fachkräfte zur Früherkennung einer solchen Gefährdungslage ins Spiel bringen), andererseits von der berechtigten Sorge gekennzeichnet sind, dass nun Menschen mit einer psychischen Problematik unter Generalverdacht geraten und noch mehr als bislang stigmatisiert werden. Ein Problem dieser Debatte ist dabei allerdings, dass die Informationen, auf die hierbei Bezug genommen wird, spärlich sind: über die Verlautbarungen in den Massenmedien hinaus wissen wir nicht viel über den Fall Andreas L.  Umso spannender ist die Auseinandersetzung um die „richtige“ Konstruktion der Wirklichkeit zu beobachten, die die Öffentlichkeit beschäftigt. War es „Depression”, eine „psychiatrische Erkrankung”, ein „erweiterter Suizid“, „Amoklauf“, ein „Verbrechen“ oder „Attentat“? Und was sind die Gründe für solche Zuschreibungen? Welche Schlüsse lässt eine solche Handlung (wenn sie bewusst unternommen wurde) auf die Persönlichkeit und die Biografie des Handelnden zu (Siehe hierzu auch Fritz B. Simon in seiner Kehrwoche)? Fragen über Fragen. Martin Rufer aus Bern hat dazu eine klare Position bezogen, die ich hier im systemagazin zur Diskussion stellen möchte. Wie ist Ihre Sicht auf die Dinge? Ich freue mich auf Ihre Diskussionsbeiträge!

Tom Levold

Martin Rufer, Bern:

Martin Rufer

Martin Rufer

„Ich kann dieses Psychiater-Gesülze nicht mehr hören… Warum äussert sich diese Berufsgattung immer in der Presse“? So ein sichtlich aufgebrachter Herr W. im Online Kommentar  vom 28.03. zum Interview mit  Frau Dr. med. A. Habenstein, Oberärztin bei den Universitären Psychiatrischen Diensten in Bern zum „erweiterten Suizid“ des Piloten A.L.

Die Flugzeugkatastrophe gibt zu reden. Verständlich, denn wo es Unschuldige in unserer Nähe trifft, sind wir in besonderem Masse betroffen.  Von Laien und Fachleuten, oft auch in gegensätzlicher Richtung verlaufend,  wird darüber referiert, spekuliert und polemisiert: Trotzdem oder gerade darum erlaube ich mir, als Vertreter dieser Berufsgattung, als Psychologe zwar, mich zu Wort zu melden. Den Autor dieses Kommentars  einfach als Psychohasser oder  Ignorant  abzutun, wäre genauso falsch wie ihn unkritisch zu beklatschen und  Erkenntnisse der Suizid- und Depressionsforschung  in Abrede zu stellen. Daraus nun schlussfolgern, dass sich „derart seltene Fälle mit einem ausgeklügelten System kaum verhindern lassen“ (Habenstein), ist zwar nicht falsch, aber kaum  zielführend. Auch wenn die Ermittlungen zur Person und Krankengeschichte des Täters, im Gegensatz zur schnellen Auswertung der technischen Daten im voice recorder,  noch nicht abgeschlossen und über Motive dieses Piloten weiter gerätselt wird, eines scheint mir jetzt schon klar: A.L. war krank, schwer psychisch gestört. Im Vordergrund steht damit nicht die Selbsttötung, gewachsen auf dem Boden innerer Verzweiflung und Ausweglosigkeit (Depression), sondern eine extrem gewaltsame und damit kriminelle Tat, die 149 Menschen das Leben kostete.  Dies gilt es, insbesondere auch von uns  Fachleuten für psychische Störungen und psychiatrische Krankheiten auch so zu benennen und nicht einfach mit dem Begriff  „erweiterter Suizid“  oder „Restrisiko“ den Erklärungsbedarf zu stoppen. Dies gilt insbesondere auch für den Umgang mit dem Begriff  „Depression“.  „Wenn das nicht differenzierter diskutiert wird, wird es bald eine Hexenjagd auf Piloten mit Krankengeschichte ,Depression’ geben. Das wird dem Tabuthema ,psychische Erkrankung’ auf keinen Fall helfen“, wie mir eine Kollegin, ebenfalls Psychologin, treffend schreibt. Vielmehr gälte es nach dieser Tragödie noch kritischer als zuvor hinzuschauen,  d.h. zu verschiedenen Zeitabschnitten (!), unvorbereitet  und mit besonderem Augenmerk und offenen Ohren für überangepasste, selbstbezogene, zwanghafte Persönlichkeitszüge.  Es ist richtig, wenn Jean-Martin Büttner im Leitartikel im BUND vom 28.08. schreibt: „Normal heisst nicht unauffällig … dass der Täter ein unauffälliges Leben geführt hat: Das ist noch kein Widerspruch zu seiner  Tat … Das Fehlen von Gefühlen bei ihren Patienten macht Psychologen besonders Sorgen“. Hier gälte es anzusetzen, nicht nur mit normierten psychologischen Test, die oft wenig aussagen und von Könnern auch leicht manipuliert werden können, sondern  im persönlichen Kontakt, im genauen Hinsehen, Hinhören und v.a. auch Konfrontieren eventuell Gefährdeter durch Fachleute.  Zu oft wird in unserer Berufsgattung etwas „vermieden“,  falsch oder am falschen Ort geschont und geschönt („Psychiater-Gesülze“), was letztlich weder dem Gefährdeten hilft noch all den unzähligen qualifizierten Piloten, die sich damit einem Generalverdacht für psychische Labilität als öffentliche Gefahr aussetzen müssten, geschweige denn uns allen, die wir weiterhin immer wieder in gutem Vertrauen in Busse, Züge, Flugzeuge steigen wollen. Nicht nur die Flugsicherheitsexperten mit angepassten Massnahmen, sondern auch wir, die Experten für Psyche und Gehirn, sind aufgerufen, der komplexen Dynamik „gesund-krank“  besser gerecht zu werden. Ansonsten müssen wir uns in der Tat der Frage stellen, ob wir nicht falsch bzw. die Falschen erfassen und behandeln, insbesondere dann, wenn Menschen (allein) an einem Hebel sitzen, mit dem sie über Tod und Leben Vieler entscheiden können …

7 Kommentare

  1. Zunächst ein Dank an Martin Rufer und Tom Levold für den Impuls für diese Diskussion, der aus meiner Sicht zu spärlich aufgenommen wird.
    Mittlerweile scheint zweierlei verifiziert zu sein: der Co-Pilot L. hat die Germanwingsmaschine absichtlich zum Absturz gebracht und damit 150 andere Menschen mit in den Tod gerissen. Zum anderen kam heraus, daß die Lufthansa nach der Ausbildung ihrer Piloten zwar regelmäßige medizinische jedoch keine psychologischen / psychiatrischen Überprüfungen durchführt. Dies ist aus meiner Sicht fahrlässig.
    L., der Co-Pilot der Maschine hatte keineswegs eine Depression, wie vielerorts angenommen wurde und wird. Ein sog „erweiterter“ Suizid bei depressiven Problematiken bezieht bekannte Personen mit ein und nicht wie in diesem Fall 150 weitgehend unbekannte Dritte. L. hatte, wie einige Psychiater (z.B. Stefan Röpke von der Berliner Charité) richtig feststellten, eine psychopathische bzw. soziopathische Persönlichkeitsstruktur. Es ist ernsthaft zu fragen, weshalb dies der Lufthansa nicht bekannt war und folgerichtig zum Flugverbot für L. geführt hat. Denn – entgegen mancher (auch systemischer) Statements – derlei Persönlichkeitsstörungen lassen sich durchaus feststellen; sowohl durch psychiatrische als auch durch testdiagnostische Untersuchungen. Beispielsweise bieten das MMPI und das FPI (beides Persönlichkeitsinventare) sehr verläßliche Testmöglichkeiten. Damit ist keine Garantie verbunden, aber die Wahrscheinlichkeit, daß ein Psychopath ein Flugzeug bedient, kann zumindest entscheidend verringert werden.
    Mit einer (konstruktivistisch, luhmannianisch, maturanaschen …) systemischen Optik auf die Dinge jedoch ist dies nur schwer möglich. Zum einen, da diese Perspektive diagnostische Kategorien als unmöglich bzw. allenfalls als subjektive Meinungen abtut und damit eine differentialdiagnostische Betrachtung per se verunmöglicht (die in diesem Falle m.E. ethisch dringend geboten wäre).
    Zum anderen folgt diese Perspektive dem Glaubenssatz, daß das Innenleben anderer prinzipiell nicht zugänglich sei. Nun ist diese Behauptung keineswegs bewiesen. Im Gegenteil: Sie ist durch die Befunde aus Bindungs- und Säuglingsforschung, der mit dem Mentalisierungskonzept assoziierten Forschung, der konversations- und metaphernanalytischen Forschung und der (nichtsystemischen) Kommunikationsforschung gründlich widerlegt. Diese aber werden von der durch eine soziologisch oder biologisch fundierten Systemtheorie begründeten systemischen Therapie mit beachtenswerter Konsequenz ignoriert (wie u.a. Schmitt in Fam.Dyn. 2/2014 sehr eindrücklich zeigen konnte). Richtiger wäre zu sagen: wer die Dinge ausschließlich aus einer (konstruktivistischen, luhmannianischen, maturanaschen usf.) systemischen Perspektive betrachtet, der findet keinen Zugang zum Innenleben anderer und kann keine entsprechenden Aussagen treffen. Andere Menschen (Mütter, Psychotherapeuten usf.) durchaus. Denn es genügt eigentlich die bloße Alltagsbeobachtung einer Mutter-Säuglings-Interaktionssequenz, um zu verstehen, daß Menschen durchaus Zugang zum Innenleben anderer Menschen haben (vorausgesetzt man setzt sein Sensorium dafür ein).
    Denn was ist die Konsequenz aus dieser Perspektive? Wir können, folgt man ihr, keine Aussagen über die psychische Verfassung anderer treffen, da wir a) keinen Zugang dazu haben und da b) alle Kategorien aus epistemologischen Gründen hinfällig sind.
    M.E. ist dies eine Haltung, die zu Fatalismus und Handlungspassivität führt.
    In diesem Fall – der Frage der Überprüfung von Piloten durch die Luftfahrtgesellschaften – wünsche ich mir Pragmatik und keine philosophischen Erwägungen, inwieweit Kontrolle und diese oder jene Aussagen möglich sind oder nicht. Wenn ich ein Flugzeug besteige, möchte ich (ganz unsystemisch), dass die Fluggesellschaft alles dafür getan hat, dass in der Kanzel kein Psychopath sitzt. Und für alle anderen wünsche ich mir das auch. Und nach meiner Beurteilung ist das innerhalb bestimmter Grenzen, die menschliches Handeln ja immer hat, machbar bzw. optimierbar. Oder, mit Elvis Presley: A little less conversation, a little more action please!

    • Lieber Lothar,
      ich schätze Deinen Einsatz für eine Sicht über die immanenten Grenzen einer systemtheoretischen Betrachtung hinaus sehr und nehme das immer ernst. Erlaube mir auf dieser Basis einen Einwand zu Deinem Beitrag. Manchmal kommt es mir so vor, als ob Du „das Kind mit dem Bade ausschütten“ wolltest. Eine systemtheoretisch inspirierte Betrachtung schließt m.E. nicht aus, einen Zugang zum Innenleben meiner Gegenüber zu bekommen. Eine systemtheoretische Sicht verhindert oder schließt nicht zwangsläufig einen solchen Zugang aus. Was sie allerdings postuliert, ist, dass es keinen eindeutigen Zugang gibt, keinen „von außen gewussten“, insofern keinen im traditionellen Sinn „diagnostizierten“ (durchschauten). Vielleicht sollte ich genauer sagen: Zugang schon, aber keinen Zugriff! Das macht m.E. einen Unterschied. Auch konstruktivistisches Denken, sofern es für unsere Arbeit von Bedeutung ist, vermag sich doch hineinzuversetzen in andere, mag mitspüren, was wohl in jemandem vorgeht, mag mitschwingen, implizit auf noch nicht Explizites reagieren u.ä. . Auch die Mütter mit ihren Kleinkindern, die Du erwähnst, diagnostizieren ihre Kinder nicht, sondern erspüren sie – und die Kinder helfen ihnen dabei (bin seit 3 Jahren Großvater, jetzt 3 EnkelInnen, und beobachte das heute deutlicher als ich es aktiver Vater getan habe…). Da kommen Zugang zum Innenleben des Gegenübers und passendes, empathisches kommunikatives Handeln zusammen. Im Fall professioneller Arbeit kann erwartet werden, dass das darüber hinaus auch noch reflektiert wird und offen gemacht werden kann. Das reflexive Bewusstsein dieses Erspürten (anstelle Gewussten) fließt dann in das miteinander Handeln ein (Kommunikation, Interaktion) und wird auf diese Weise zum gemeinsamen Thema. Ansonsten wären konstruktivistische Zugänge zu unserer Arbeit gar nicht möglich, oder Unsinn. Das zum einen.
      Zum anderen denke ich mir, dass Dein Unbehagen (oder Dein Zorn?) mit konstruktivistischen Ansätzen vielleicht auch damit zu tun hat, was daraus gemacht wurde als Marke, als „Gehabe“ im Konkurrenzkampf um Teilhabe am Brotkorb. Mir scheint, dass dazu das Reduzieren systemischen Denkens auf Verwertbarkeit für Tools&Techniken gehört. Und das ist dann oft dünn, manchmal „seelenlos“, auf Effekt bedacht und mit klingenden Namen versehen. Dazu gehört auch, dass nicht sauber zwischen systemtheoretisch und systemisch unterschieden wird – das eine eine Reflexionsperspektive, das andere ein ernsthaftes Einlassen auf Begegnung und miteinander um Bedeutung und deren Konsequenzen ringen. Miteinander Sinn bestimmen. In diesem Punkt, sollte ich nicht falsch liegen, wäre ich ganz auf Deiner Seite. Vielleicht kann ein Blick darauf ein wenig Spielraum eröffnen, wie Daniel Stern und seine Bostoner Arbeitsgruppe in ihrem Buch „Veränderungsprozesse“ zwischen „Beobachten drinnen“und „Beobachten draußen“ unterscheiden. Beim „Beobachten drinnen“ dominiert die „Ungenauigkeit des Prozesses“, der „nicht-linear, akausal und unvorhersehbar auf der lokalen Ebene“ stattfinde, schreiben sie. Daraus ergebe sich eine unvermeidliche Ungenauigkeit der Beschreibung, wie sie sich aus eben diesem „Binnenblick“ ergibt, „den wir in der Hitze des Gefechts, inmitten der Sitzung erhaschen“. Eine genauere „post-festum-Version (…) erforderte andere theoretische Werkzeuge“, nämlich „die Theorie dynamischer Systeme“ (Stern et al. 2012, S.16f.).
      Und zu Presleys action-Bias, na ja, was soll ich sagen: action ohne conversation ist auch nicht das Wahre, oder? Da bevorzuge ich schon den Luhmann, wenn er sagt, Kommunikation sei schon eine sehr gute, robuste Erfindung: „Man kann immer noch etwas sagen, wenn einem das Wasser bis zum Halse steht“.
      Ich danke Dir nochmals für Dein unverdrossenes Dranbleiben.
      Sei herzlich gegrüßt!

      • Lieber Wolfgang,
        ich danke Dir für Deinen Beitrag, Deine Replik. Wir sind ja seit Jahren in einem Austausch über diese Dinge, und ich finde es wohltuend, daß dieser trotz aller Meinungsunterschiede durchgängig von gegenseitiger Wertschätzung durchzogen ist.
        Ich gebe Dir in manchem recht; sicherlich auch in Deiner Annahme, daß mich mittlerweile vieles in „meinem“ Verfahren schmerzt und ich es mir anders wünsche. In Fällen wie dem Flugzeugabsturz finde ich persönlich es frappierend, wenn erkenntnistheoretische Fragen oder angeblich eindeutige Unmöglichkeiten (man könne keine verlässlichen Aussagen über die psychische Verfaßheit anderer machen) in den Vordergrund rücken und nicht etwa die Frage: was kann man tun? Das fasst mich an und sicherlich geschehen meine Äußerungen dann nicht immer sine ira et studio (tun sie bei anderen aber auch nicht).
        Den m.E. hält „die“ „systemische Therapie“ teilweise an Haltungen fest, die einerseits in Widerspruch zu vorliegenden Befunden liegen. Und andererseits m.E. therapeutisch nicht immer klug sind. Mein eigener Schwerpunkt ist ja die Psychosomatik und da habe ich in vielen Jahren der theoretischen und praktischen Auseinandersetzung festgestellt, dass eine konstruktivistische (luhmannianische, maturanasche etc.) zwar nicht falsch, aber auch nicht hinreichend ist, um zum einen Problematiken zu erklären und ihnen zum anderen praktisch-therapeutisch zu begegnen. Da haben andere (therapieschulenbezogene) Mütter auch schöne Töchter (v.a. die psychodynamischen Ansätze) und die tanzen gar nicht so schlecht.
        Wenn wir in den Bereich von Selbstorganisation gehen oder in familiendynamische Konzeptionen (die m.E. ungerechtfertigterweise in den Hintergrund geraten sind), dann bin ich mit im Boot. Und: natürlich haben auch Konstruktivisten ein Herz, sind Mütter, Väter, Großeltern, emphatische Mitmenschen. Aber, so meine Vermutung, dann sind sie in diesen Situationen resonanzfähige Menschen mit Gefühlen, unbewußten und z.T. biologisch determinierten Dynamiken, die intuitiv die Gefühlslagen ihrer Gegenüber erspüren und „wissen“. Jenseits aller Ein- und Ausschlüsse, die sie im Kopf haben.
        Ich hoffe, wir bleiben im Dialog,
        herzlich, Lothar

  2. Mir scheint (aber ich spekuliere bloß) als ginge es bei vielen der diskutierten Zuschreibungen und Handlungsvorschläge um Antwortversuche auf die Frage bei wem, wo und in welcher Form in Zukunft Verantwortung zu suchen sei, um Sicherheit und Schutz vor Leid, Unglück und Kriminalität zu gewährleisten. Und je nach „labeling“ (Depression, Attentat, Verbrechen, psychiatrische Störung, etc) des Geschehens fühlt sich dann eine entsprechende Berufsgruppe und ihre Vertreter angesprochen. Vielleicht könnten wir andere Fragen stellen, um zu alternativen Antworten zu gelangen und Handlungsmöglichkeiten in diesen Diskursen zu erweitern. Denn eventuell ist die (Re-) Konstruktion der Wirklichkeit des Piloten nicht der passende Ausgangspunkt für solche Überlegungen.Vielleicht könnten einige Fragen anders lauten: Wann fühlen wir uns sicher und was bedeutet „sicher“? Welche Lebensbereiche würde Sicherheit umfassen und auf welche kann man persönlich, institutionell oder politisch zugreifen – und auf welche nicht? Wovor möchte man sich schützen und warum? Was ist Kontrolle, wen oder was betrifft sie und welches Bedürfnis steckt darin? Welche Möglichkeiten gäbe es, neben Kontrolle, diesem Bedürfnis nachzugehen? usw….
    Vielleicht nicht die originellsten Fragen, aber mein Kopf hat nur begrenzte Denkkapazitäten. Andere Köpfe denken – wie wir spätestens nach dem Absturz wissen – anders.

    • Das sind natürlich alles sehr schöne zirkuläre Fragen. Aber wenn ich ein Flugzeug besteige, würde ich es vorziehen, daß die Fluggesellschaft mir ein nicht zu altes und hervorragend gewartetes Flugzeug bereitstellt und alles dafür getan hat, daß in der Kanzel keine Soziopathen sitzen, anstatt mich einer zirkulären (Selbst-) Befragung auszusetzen. Und ich vermute fast, daß es den meisten meiner Mitfliegern ähnlich ginge.

      • Ich wollte damit auch nicht die Wichtigkeit und Notwendigkeit (Flug-) Sicherheit zu gewährleisten in Frage stellen!
        Mein Gedanke dazu war eher einen anderen Ausgangspunkt für die Überlegungen von Handlungskonsequenzen zu wählen. Die Forderungen nach z.B. psychiatrischen Gesundheits-Checks und Schweigepflichtslockerung beziehen sich auf den Ursachenbereich der Katastrophe (der ja nicht ganz klar ist). Wenn man aber Überlegungen anstellt, wie so etwas in Zukunft verhindert werden könnte, wäre vielleicht der Ausgangsbereich ein erweiterter, da der Zielbereich ein anderer wäre. Der hieße dann vielleicht nicht mehr „erklären“, wofür eine Ursache gut geeignet ist, sondern „vorhersagen“, wofür man noch andere Faktoren berücksichtigen muss/ kann. Dann würde man vielleicht eher danach fragen, was man tun kann, um Sicherheit und Schutz vor solchen Geschehnissen bieten zu können. Das tut man zur Zeit, m.E. nicht, sondern folgt der Frage, wie die Ursache in Zukunft erkannt und gebannt werden könne. Für die Frage wie Sicherheit und Schutz geboten werden kann, wäre vielleicht die Überlegung, was „sicher“ bedeutet, nicht ganz unsinnig. Denn die würde evtl. mehrere Bereiche (persönliche, institutionelle, politische…) umfassen oder andere ausschließen. Weitere Forderungen o.g. Art, die vom Ursachenbereich ausgehen wollen, um diese Frage zu beantworten, hätten dann „nur“ die Ursache im Programm, die es anzugehen gilt. Die ist bestimmt notwendig, aber vielleicht auch nicht ausreichend.

  3. Aus dem Atmosphärischen Wochenbuch:

    Psychische Systeme in Gesellschaft – Der Sinkflug

    Matthias Ohler am 01.04.2015

    Die Diskussionen, die über den Abflug der German-Wings-Maschine in den französischen Alpen und seine Verursachung ausgelöst wurden, eigen sich untern aderem gut dafür, zu beobachten, welche Grundüberzeugungen hier in Ansatz gebracht werden. Beispielsweise in der Forderung nach Lockerung oder gar Aufhebung des ärztlichen Schweigegebots.

    Sehen wir davon ab, dass es einigen der Diskutanten und Forderer wohl eh nicht um die Sache geht, sondern ums Fordern und Bemerktwerden. Verschweigen kann jemand – ob Arzt, ob sonstwer – lediglich, was ihm bekannt geworden ist bzw. anvertraut wurde. Das wurde in den Diskussionen schon eingeworfen, findet aber wenig Berücksichtigung. Die Wahrscheinlichkeit, dass dies noch jemandem widerfährt, würde mit dem Lockern oder Aufheben des Schweigebots sicher sinken. Folge: Mehr Unsicherheit, weil weniger Möglichkeit, mitzubekommen, was dies oder jenes Innenleben beschäftigt. Nächste Folge: Abhilfe durch versuchten Zwang. Regelmäßige Untersuchungen, expertliche (?) Diagnose, Aushebelung rechtsstaatlicher Strukturen.

    Die interessantere Frage ist, wie hier das Phänomen des „Zugangs“ zum „Inennleben“ behandelt wird – systemtheoretisch gesprochen: zu psychischen Systemen. Fritz Simon hat in der Systemischen Kehrwoche dazu Stellung genommen. Kerngedanke: „(…) die Idee, man könne psychiatrische Diagnosen in ähnlicher Weise wie körperliche Befunde (z.B. pathologische Blutwerte, EKG-Zacken etc.) objektivieren, (ist) Quatsch. Denn psychische Prozesse und Strukturen sind nun einmal keine direkt beobachtbaren oder gar messbaren Phänomene. Sie werden immer nur aus direkt beobachtbarem Verhalten gefolgert. Und wenn man hier prophylaktisch berufs- oder gar bevölkerungsübergreifend (Muster: Schulzahnarzt) vorbeugend diagnostisch tätig werden wollte, so würde zwangsläufig ein totalitäres System entstehen, die Stasi wäre ein Amateurverein (war sie wahrscheinlich ja eh) im Vergleich zu solch einer “Gesundheits”-Kontrollstelle.“

    Diese Folgen eines Forderns, das sich aus irrigen Annahmen über Sicherheit und Kontrolle und damit verbundenen Vorstellungen unserer Konstitution und Verfassung speist, bleiben so gut wie unerkannt – bis man sie erkennt, wenn sie praktisch gezogen sind und uns nicht mehr herauslassen. Dies sind die Entwicklungen, die wir gerade dabei sind unseren sozialen Systemen angedeihen zu lassen. Finanzierer dafür sind bereits da. Die dazu passenden Überzeugungen werden stark propagiert. Die Luft wird dünner. Man kann das (be)merken.

    Übrigens: Die systemischen Verbände schweigen zu alle dem. Ein Beitrag zur sich anbahnenden Katastrophe. Ein ärgerlicher. Aber genauso unbemerkter.

    April-Scherze sind das alles keine.

    Den kompletten Beitrag aus der Systemischen Kehrwoche finden Sie hier:

    http://www.carl-auer.de/blogs/kehrwoche/psychiatrische-gesundheits-checks/