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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Virginia Satir (26.6.1916 – 10.9.1988)

| 2 Kommentare

Satir05Heute würde Virginia Satir ihren 100. Geburtstag feiern. Sie wurde am 26. Juni 1916 in der tiefsten Provinz der USA, dem Kleinstädtchen Neillsville in Wisconsin (2010: 2.463 Einwohner) geboren. Als sie 13 war, bestand ihre Mutter darauf, dass die Familie umzog, um der Tochter den Besuch einer High School zu ermöglichen, die sie 1932 abschloss. Im gleichen Jahr begann sie ihre Ausbildung am Milwaukee State Teachers College (jetzt University of Wisconsin-Milwaukee), die sie mit einem Bachelor beendete. Nach einer Zeit der Tätigkeit als Lehrerin machte Satir noch eine Ausbildung zur Sozialarbeiterin und begann schon 1951, in eigener Praxis mit Familien zu arbeiten, was zur damaligen Zeit völlig außergewöhnlich war. Ab 1955 unterrichtete sie das Fach Familiendynamik am Illinois Psychiatric Institute. In einer Zeit, in der alle namhaften Familientherapeuten Männer waren, setzte sich als einzige Frau mit großem Selbstbewusstsein durch. Ende des Jahrzehnts zog sie nach Kalifornien, wohin sie 1959 von Don D. Jackson und Jules Ruskin in das Gründungsteam des Mental Research Institute in Palo Alto bei Stanford (USA) berufen wurde. Hier übernahm sie die Leitung der Ausbildungsabteilung des Instituts und entwickelte das erste familientherapeutische Ausbildungsprogramm in den USA, das auch eine Weltpremiere darstellte.Ende der 70er und Anfang der 80er Jahre war Virginia Satir auch häufig in Deutschland zu Gast, um hier Workshops und Kurse zu geben. Vor allem hat sie durch ihre Verbindung mit dem Weinheimer Institut für Familientherapie viele systemische Therapeutinnen und Therapeuten geprägt, die ihre professionelle Entwicklung im IFW begonnen haben. Die starke Orientierung an der sogenannten Mailänder Schule um Mara Selvini Palazzoli einerseits, die konstruktivistische und systemtheoretische Wende, die die Familientherapie Anfang der 80er Jahre hierzulande nahm, andererseits führte jedoch dazu, dass der Ansatz von Virginia Satir, der u.a. Arbeit mit Familienskulpturen, Familienrekonstruktion und das Konzept des Selbstwerts in den Vordergrund rückte, außerhalb der humanistisch geprägten psychotherapeutischen Szene nicht sehr breit rezipiert wurde. So habe ich Virginia Satir nie selbst erlebt, mich aber auch nicht darum bemüht, da mir ihre konzeptuellen Überlegungen nicht besonders zusagten. Ihre geschichtliche Bedeutung für die Familientherapie habe ich erst viel später realisiert.
Neben ihren historischen und inhaltlichen Beiträgen ist Virginia Satir vor allem für ihre besondere Art der Präsentation und des Umgangs mit Menschen berühmt geworden, die durchaus gelegentliches „Fremdeln“ oder zumindest Ambivalenz hervorrufen konnte, wie auch aus dem einen oder anderen folgenden Beitrag hervorgeht.
Da ich nie ein „Satir-Schüler“ war, sie aber zum 100. Geburtstag angemessen würdigen wollte, habe ich ein paar KollegInnen, die die Gelegenheit hatten, von ihr zu lernen, gebeten, kleine Erinnerungen an Virginia Satir für das systemagazin aufzuschreiben.
Eingeleitet werden diese Bilder mit einem kleinen Text aus der Familiendynamik, die Virginia Satir 2014 ein Themenheft (anlässlich ihres 25jährigen Todesdatums 2013) gewidmet hat und in dem Arist von Schlippe von einer interessanten Begegnung Virginia Satirs mit Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin auf dem ersten Weinheimer Symposion 1986 in Osnabrück berichtet. Die Fotos in diesem Posting stammen übrigens aus Arist von Schlippes Privatbesitz und finden sich ebenfalls im Familiendynamik-Artikel – systemagazin bedankt sich für die freundliche Überlassung.

Im Anschluss daran kommen einige persönliche Erinnerungen von Stephan Theiling, Haja Molter, Bernd Hoch, Michael Grabbe, Irene Wielpütz, Claudia Terrahe-Hecking und Arist von Schlippe. Viel Spaß bei der Lektüre – und wenn Sie selbst mit der Kommentarfunktion auch eigene Erinnerungen beisteuern wollen, sind Sie herzlich dazu eingeladen.

Tom Levold

Arist von Schlippe: Virginia Satir – eine kleine Erinnerungsreise in Bildern

(Aus Familiendynamik 39(4), 2014, S. 314-315; mit freundlicher Genehmigung)

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts hatte Virginia Satir begonnen, in Deutschland Kurse in Familientherapie zu geben. Ihre Kurse waren lebendig, emotional und aktionsorientiert: Wenn jemand eine Frage stellte, sah er/sie sich unversehens von Virginia eingeladen (»Why don’t you come up here?«) und sie baute aus der Frage eine Skulptur oder ein Rollenspiel. 1981 sah ich sie zum ersten Mal, die meisten Fotos sind in diesem Seminar entstanden. Sie pflegte ihre Gesprächspartner anzufassen (wie auf dem Bild unten auf der folgenden Seite, bei dem sie jemandem offenbar etwas erklärt – dieser »Jemand« war ich, auch wenn ich mich in der Haartracht kaum wiedererkenne).
1986, kurz nach dem Unfall von Tschernobyl, war sie auf dem ersten Weinheimer Symposion in Osnabrück. Dort trafen Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin, die das „Mailänder-Modell“ vertraten, das erste Mal auf Virginia und tauschten sich über ihre Arbeitsweise aus. (Eines der Bilder) zeigt sie im Gespräch mit den Beiden.

Um die Stimmung bei diesem ersten Treffen der bereits weltbekannten FamilientherapeutInnen einmal wiederzugeben, sollen die beiden Italiener einmal kurz zu Wort kommen. Sie kommentierten ein Therapievideo von Virginia wie folgt (1):
Boscolo: »Some time ago I was told at Milano that we would do ›cold joining‹. We sit in the same chair, we don’t move, we just ask questions, while for instance Minuchin does ›warm joining‹. And there I saw for the first time Virginia doing very ›hot joining‹. … what impressed me most, is the co-creation of reality that this can have … The little girl co-created very powerfully by rising emotions, emotions and ›tons of emotions‹ to create a new reality …«
Satir, Boscolo, CecchinCecchin: »I was interested to see the similarities … I was wondering before about Virginia’s idea of positivity, almost like a position of positivity: You must be positive! It doesn’t look very neutral. We are kind of very concerned. about being neutral. But now I can see a little difference there. Looking back at the tapes, she looks almost like a priest who is creating marriages in the family. But marriages, what was interesting, in the good and in the bad: ›You can be together by saying ›No‹ to each other, and you can be together by saying ›Yes‹. So she introduces marriages in the good, and in the bad, which is very interesting, because it brings back the neutrality we are talking about most of the time, about: Who’s together? How are you together? Without saying you should be together! This was the fear, I mean, the doubt I had before: that Virginia is telling people they should be together.
That is not so: ›I want to know how you are together.‹ So I think, there is a similarity to our thinking. That we always look at: ›What is the important marriage in this family?‹, ›Who is married to each other?‹, ›What are the connections?‹ – without telling them, how the connections should be … Another thing I noticed is: When you put steps under the people (2): It’s like denying hierarchies. There is no hierarchy in the family: mother, father, children. That’s very interesting, too. That’s getting away from the concept that a family only functions, when the hierarchical levels are clear. What we are talking about: Family functions, when the connections are clear. So that’s another similarity to our approach.«

(1) Quelle: A. v. Schlippe u. J. Kriz(1987): Familientherapie, Kontroverses – Gemeinsames. Stuttgart (Bögner-Kaufmann), S. 28.
(2) Anm. von AvS: Virginia hatte im Gespräch die Familienmitglieder mit Hilfe von kleinen Stufen auf Augenhöhe einander gegenübergestellt

Stephan Theiling, Osnabrück:

Satir06Virginia Satirs Metapher des Selbstwert-„Potts“ war für mich Initialzündung, immer wieder über die Frage von „Wirksamkeit“ bzw. über mögliche „Zielgrößen“ in Psychotherapie bzw. Beratung sowie Supervision und Coaching nachzudenken: Was ist gerade in dem Pott? Wie voll bzw. leer ist er?
Aus einer Ausbildungssozialisation kommend, in der das Wissenschaftsparadigma der Operationalisierbarkeit und Messbarkeit von „Erfolgen“ innerhalb von Psychotherapie als eine fragwürdige Konstruktion betrachtet wird, kann ich mir den „Selbstwert“ einer Person oder das „Selbstwertpotenzial“ eines Systems sehr wohl als Kategorie vorstellen, die (wenn schon gewünscht) eine Zielgröße (nicht nur) humanistisch-systemischer Therapie darstellen kann.
Nach Satir ist das Gefühl des eigenen Wertes nicht angeboren, sondern es ist erlernt. Und sie betrachtet die Familie als den Ort, wo dieses Gefühl von Wert bzw. Unwert erfahren wird: Satir zufolge „ist die Kommunikation wie ein riesiger Regenschirm, der alles umfasst und beeinflusst, was unter menschlichen Wesen vor sich geht. Sobald ein Mensch zur Welt gekommen ist, ist Kommunikation der einzige und wichtigste Faktor, der bestimmt, welche Arten von Beziehungen er mit anderen eingeht und was er in seiner Umwelt erlebt. (…) Kommunikation ist der Maßstab, mit dem zwei Menschen gegenseitig den Grad ihres Selbstwerts messen, und sie ist auch das Werkzeug, mit dem dieser Grad für beide geändert werden kann“.
Ich hatte 1986, als ich Virginia Satir beim Weinheimer Symposion als Psychologie-Grundstudium-Absolvent und Hilfskraft beim Weinheimer Symposion live in meinem damaligen Studienort Osnabrück erlebt habe, nicht den blassesten Schimmer, welche Bedeutung diese Zusammenhänge für meine Arbeitsidentität und mein professionelles Wertesystem haben würden. Hierfür immer wieder Dankbarkeit.

Haja (Johann Jakob) Molter, Düsseldorf:

Wenn Virginia Satir noch lebte, würde ich ihr von ganzen Herzen zu ihrem 100. Geburtstat gratulieren!
Satir04Im deutschsprachigen Raum hat ihr Beitrag zur Entwicklung der systemischen Therapie erst in den letzten Jahren die Würdigung gefunden, die er verdient.
Virginia Satir habe ich im Herbst 1975 bei einem Megaworkshop in Los Angeles kennengelernt. Damals waren in dem Ballsaal, der durch die Ermordung Robert Kennedys eine traurige Berühmtheit erlangt hat, um die sechshundert Leute versammelt. Ich stand in dieser Zeit mehr auf struktureller Familientherapie und Massenveranstaltungen gegenüber hatte ich ein zwiespältiges Verhältnis. Ich kann mich noch erinnern, daß wir ziemlich schnell in Triaden und Sechsergruppen arbeiteten, ständig wurden Stühle verschoben und auf der Bühne führte Virginia Satir mit Freiwilligen „Seiltricks“ vor.
Sie war der Überzeugung, daß kleine Schritte für die persönliche Entwicklung wichtiger sind als die großen Entwürfe. In ihren „fünf Schritten der bewussten Veränderung“ hat sie gezeigt, daß Lösungen durch die Einführung eines neuen Elementes konstruiert und gewagt werden können. Dieses pragmatische Vorgehen kann man als Vorläufer einer Standardintervention Steve de Shazers sehen, wenn gar nichts mehr geht, „mache irgend etwas anders“.

Was neben den von ihr entwickelten Grundfertigkeiten im Umgang mit Systemen bei mir am meisten Spuren hinterlassen hat, ist ihre Haltung, alles zu gebrauchen, was passt und ihre Ermutigung, immer wieder Neues zu erfinden. Therapie darf auch Spaß machen, Humor ist erwünscht, der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt. Dabei stand im Mittelpunkt die Begegnung und Beziehungsgestaltung mit den Klienten. Die therapeutische Beziehung hatte absoluten Vorrang vor der Anwendung von Techniken.

Im Mittelpunkt steht schlicht und einfach der Mensch.

 

Bernd Hoch, Dortmund:

Du bist die Mitte der Veränderung

Virginia Satir zum 100. Geburtstag

Satir02Ihre „fünf Freiheiten“ kommen mir heute noch genau so aktuell vor, wie vor 32 Jahren, als ich sie bei einem ihrer jährlich stattfindenden „month long trainings“, die sie „process community“ nannte, in Crested Butte, Colorado kennenlernen durfte.

Hier zur Erinnerung:

The Five Freedoms

– The FREEDOM to see and hear what is here, instead of what should be, was, or will be.
– The FREEDOM to say what you feel and think, instead of what you should.
– The FREEDOM to feel what you feel, instead of what you ought.
– The FREEDOM to ask for what you want, instead of always waiting for permission.
– The FREEDOM to take risks in your own behalf, instead of choosing to be only “secure” and not rocking the boat.

Virginias (alle sprachen die damals beinahe 70jährige mit ihrem Vornamen an) hier formulierte Grundhaltung war ein selbstbewusstes Amalgam verschiedenster Schulen und Denkrichtungen, die wir damals in der humanistischen Psychologie gerade begonnen hatten kennen zu lernen.

Sein eigener chairman (be your own chairman – im TZI) zu sein, den eigen Gefühlen zu vertrauen (trust your unconscious – but don’t believe it – bei Milton Erickson; Virginia hatte dafür eine besondere Körperregion definiert, die sie „wisdom box“ nannte und sie in der Körpermitte – dem Hara aus dem Zen Buddhismus – verortete), sind nur einige der Zutaten, aus denen sie ihren ganz besonderen Ansatz, der Welt zu begegnen, kreierte.

Ihre Skulpturarbeit hat sie vermutlich dem Psychodrama entlehnt. Der Kongruenzaspekt aus den „Freedoms“ ist allen personenzentrierten Therapeuten in der Nachfolge Carl Rogers selbstverständlich, sie nannte Carl „a friend“.

In der Arbeit der undogmatischen Denkerin fand das alles Platz und wurde von ihr mit Wärme und Herzlichkeit verbunden. Selbst das F-Wort war für sie noch aussprechbar . Ihr Satz zum Selfcare der TherapeutIn lautete „if it isn’t fun, fuck it“ und hat mir manchmal geholfen, die eigene Gesundheit nicht ständig in 14-Stunden-Arbeitstagen zu verbrennen und auch das in die eigene Verantwortung zunehmen.

Michael Grabbe, Melle:

Virginia hat bzw. hätte Geburtstag. Zum 100. Mal. Da gehen die Erinnerungen zurück und Erfahrungen von Begegnungen tauchen auf.
Mir kommen spontan zwei lebendige Bilder.
Satir01Zum einen, wie sie – es war im Mai 1987 – mit einem Kollegen händehaltend auf dem Podium stand – für längere Zeit als man es für schicklich halten könnte. Doch dem Kollegen schien es nichts auszumachen, als junger Mann mit einer deutlich älteren Frau, die er gerade erst persönlich kennengelernt hatte, so vertraut vor großem Publikum dort zu stehen. Hinterher berichtete er, er habe das Händehalten gar nicht bemerkt.
Für Virginia Satir war Kontakt äußerst wichtig. Kontakt ist Voraussetzung für Beziehung. Beziehung kann zu Vertrauen führen. Beides gilt als Voraussetzung für Lernen, für Veränderungsschritte und einen therapeutischen Erfolg.

Einerseits sprach sie dem personalen Raum besondere Bedeutung zu. Damit meinte sie sowohl das Recht auf Unversehrtheit des eigenen Körpers und, humanistisch geprägt, einen Verzicht auf Gewalt Anderen gegenüber. Andererseits meinte sie auch den interpersonalen Raum – hinsichtlich der zu respektierenden Grenzen, der Distanz zwischen den personalen Subsystemen wie auch einer angemessenen sozialen Nähe von Menschen. Zusätzlich zur Körpergrenze spricht sie dabei von der „second skin“ und dem „sacred space“. Als komfortabel bezüglich Nähe und Distanz erachtete sie die Länge des angewinkelten (rechten) Armes (ca.45 cm) – also beim Händereichen 90 cm insgesamt. Geht die Hand zu weit zum Gegenüber, wirke das abweisend oder bedrängend und unangenehm, ebenso, wie wenn die Hand in den eigenen Raum hineingezogen würde. Wer kennt nicht das unangenehme Gefühl in einer überfüllten U-Bahn, wenn jemand in diesen Raum eindringt und einem zu nahe kommt, auch wenn es auf Grund der Enge unvermeidbar und nicht von unlauteren Absichten geprägt ist.

Sind besondere Emotionen beteiligt, dann verändert sich der gefühlte Raum: bei Ärger würde der gefühlte Abstand größer, bei Depressionen zum Beispiel fühle man sich deutlich in einen ‚Schatten‘ hineingezogen.

Wir kennen auch Persönlichkeiten, die durch ihre Präsenz „den ganzen Raum“ füllen und denen man sich kaum entziehen kann – negativ akzentuiert wie positiv.
Bei Intimitäten benötige es eine Einladung, in den Raum zu treten, ansonsten würde es als invasiv und bedrohlich erlebt.
Obwohl Virginia dieses alles nahezu normativ beschreibt, war meine Wahrnehmung eher anders. In der eingangs beschriebenen Situation waren die Hände nicht starr in der Mitte der beiden. Virginia spielte, liebevoll anmutend, mit den Händen, wie kalibrierend. Die Hände waren nicht immer in der Mitte, sondern oft etwas dichter beim Kollegen. Sie hatte offenbar ein wunderbares Gefühl für den Punkt, wo sich die beiden unterschiedlichen „second skins“ berührten – die Hände hielten sich auf der Grenze. Der „sacred space“ wurde dabei respektiert. Der Kollege berichtete, er habe sich verbunden und gehalten und dennoch sehr autonom gefühlt.

Das zweite Bild: Das IF-Weinheim veranstaltete im Mai 1986 in Osnabrück das Symposion: „Familientherapie. Kontroverses-Gemeinsames“. Virginia agierte auf der Bühne. Ich saß im Publikum und fühlte mich zugleich als Teil der zahlreichen Zuschauer im gefüllten Saal wie auch allein – um mich herum niemand Vertrautes. Dann unterbrach Virginia plötzlich ihren Beitrag und ließ mutig über die Stuhlreihen hinweg ‚Triaden‘ bilden. Das war für mich ungewöhnlich und sollte aber von dieser Erfahrung an eine Intervention werden, die ich liebend gerne bei Vorträgen und Lectures einsetzte – gerade bei großem Publikum. Denn ich fühlte mich damals sofort angenehm aufgehoben, konnte meine angesammelten Gefühle und Gedanken aussprechen und war im Kontakt, was besonders wichtig für mich war, da während des Symposions bekannt wurde, dass der Reaktor in Tschernobyl hochgegangen war und ich verstärkt ein Bedürfnis nach Austausch hatte. Maria Bosch, die wohl in den Anfangsjahren für die Präsenz Virginia Satirs in Deutschland maßgeblich war, gehörte damals zu ‚meiner‘ Triade.
Herzlichen Glückwunsch an Virginia zu Deinem Geburtstag und Glückwunsch an alle, die sie erleben durften.

 

Irene Wielpütz, Köln: Zum 100. Geburtstag von Virginia Satir

Satir03Zuletzt habe ich über oder zu Virginia 10 Jahre nach ihrem Tod geschrieben, das war 1998. An sie denken, über sie reden, von ihr erzählen, das mache ich bis heute. Sie war für mich in meiner Ausbildung die wichtigste Person und ist es in meiner therapeutischen Tätigkeit geblieben.

So wie ich in Zeiten, in denen ich ausbildete, die „Entwicklungsorientierte“ war, was hieß, man wurde Virginias Methode zugeordnet, kann man mich bis heute dort antreffen. Allerdings, Virginia war keine Methode, sie war eine therapeutische Haltung; diese bestand aus ihrem Respekt vor Menschen, vor ihrer Individualität, vor ihrem Geworden-Sein, vor ihren Ängsten und Nöten, ihren Fehlern …

Jetzt hier zu sitzen und etwas zu ihrem 100. Geburtstag schreiben zu wollen, löst eine große Welle der Erinnerung aus, angefangen von dem überwältigenden, vierwöchigen Seminar 1978, über verschieden Kongresse bis zu dem letzten Seminar, zu dem sie mich als „Tänzerin“ eingeladen hatte. – Und der Gedanke: ich bin jetzt bald so alt, wie sie, als sie starb. Wie viel Zeit ist vergangen!

Von einer kleinen Situation möchte ich erzählen, weil sie auf eine Weise typisch für sie war – spontan und persönlich:

Es war auf einem Weinheimer Symposium, das letzte, bevor sie starb. Ich hatte ein Workshop angeboten : „Familie getanzt“, ich war zu der Zeit sehr mit Tanz beschäftigt und fand z.B. Virginias Kommunikationsformen interessant zum vertanzen.

Zum Anfang machte ich ein Aufwärmtraining, es hatten sich Paare gebildet, einer lag am Boden, der andere sollte nacheinander die Beine nehmen, die Arme und kräftig schütteln, usw. Wir hatten gerade angefangen, da kam Virginia herein mit ihrer Dolmetscherin, ich wollte unterbrechen, sie sagte nein, ich solle ihr erklären, was wir da machen und genauso weitermachen wie ich es vorhatte. Sie zog die Jacke ihres lindgrünen Kostüms aus, sie hatte immer diese bonbonfarbenen Kostüme an, legte sich, groß und kräftig wie sie war, auf den Boden und wies die Dolmetscherin an, alles zu machen was ich ansage, schütteln, massieren, usw.
Als wir fertig waren, half die Dolmetscherin ihr auf, sie glättete ihren Kostümrock, strahlte wie ein Kind und sagte: „That was really nice!“ Dann wollte sie wissen, wie es weiter geht.
Jetzt war ich sehr aufgeregt, weil ich nicht wusste, wie sie auf das, was ich vorhatte, reagieren würde, da ich ja ihre Idee von Skulpturen benutzen wollte: die Teilnehmer sollten je eine Familie bilden, einen Konflikt als Skulptur stellen und dann mit verschiedenen Musiken, die ich hatte, eine Veränderung tanzen …
Virginia fragte die Teilnehmer, ob sie zusehen dürfe. Die waren genauso nervös wie ich; die große Virginia in unserem Kurs!
Alle waren einverstanden, sie bekam einen Stuhl und ich bat die Gruppe, jetzt eine tolle Performance für sie zu machen, die sie so noch nie gesehen hätte. Und sie machten! Virginia begeistert, ich begeistert und die Gruppe großartig. Wir lagen uns am Ende alle in den Armen, Virginia mitten drin.

Dann fragte sie mich, ob sie vielleicht die Musik, die ich benutzt hatte, haben könne und ob sie meine Ideen benutzen dürfe, und dass in einem ihrer nächsten Seminare etwas „mit Tanz“ entwickeln wolle. Ich stand sprachlos da und konnte nur nicken.
Sie umarmte mich nochmal, bedankte sich und ging.

Claudia Terrahe-Hecking, Hamm: Über Virginia Satir

Gehört habe ich von ihr 1991 in meinem ersten Weinheim-Seminar bei Heiner Ellebracht. Sätze wie: „Entwicklung und Wachstum ist zu jedem Zeitpunkt Deines Lebens möglich!“, „Der Selbstwert ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben“, „Die Fünf Freiheiten“ – und ihre Ideen zu den Kommunikationsstilen und der Bedeutung des Selbstwerts, zu den Begriffen von Kongruenz, Authentizität, Verantwortung und Reframing wurden wichtige Begleiter für mich. Vielfach habe ich mich danach orientiert und tue es heute noch.

Damals nach weiblichen Vorbildern suchend freute es mich, dass sie eine so selbstverständlich selbstbewusste Rolle in der psychotherapeutischen, meist männlich dominierten Welt einnahm.

Sie hat mich gelehrt, das gesprochene Wort in einer Skulptur oder einem Symbol zu verdeutlichen. Das wurde über viele Jahre zu einer Sammelleidenschaft für Materialien, die ich in der systemischen Lehre und Therapie und Supervision nutze. Steine, Tücher, Bälle, Malutensilien, Karten, Seile, Gummis, Musik, Geschichten, Bewegung, Spiele u. a. m. und vor allem: nicht „Immer nur reden?“, sondern das Thema erfahrbar machen, dazu hat sie mich durch ihre Art, Menschen zu begegnen und ihren Spirit zu verbreiten, ermutigt. Damals war das auf keinen Fall so selbstverständlich wie heute, es nahm der Therapie das Unnahbare, Distanzierte. Es schien mir so ein menschlicher, wertschätzender Umgang miteinander zu sein, der von ihr repräsentiert wurde.

„Sei neugierig“, „vertraue Deiner inneren Weisheit“, „sei mutig“, „gehe in Beziehung“, „Du kannst jederzeit Entscheidungen treffen“, „stärke Deinen Selbstwert“.
Sie hat uns vieles, sehr Wertvolles hinterlassen.
Für mich war sie eine der ganz großen Vorbilder.

Arist von Schlippe, Osnabrück/Witten:

Satir Arist von Schlippe

Virginia Satir mit Arist von Schlippe

Ich traf Virginia 1978 zum ersten Mal. Ein großes Seminar war angekündigt, etwa 100 Teilnehmer. Als ich sie traf, war ich im ersten Moment enttäuscht. Sie sah aus wie eine „amerikanische Mutti“: Kostüm, Dauerwelle, lackierte Fingernägel, Goldschmuck. Irgendwie hatte ich jemand anderen erwartet. Doch sobald sie Blickkontakt aufnahm und begann zu sprechen, änderte sich der Eindruck. Ich saß neben ihr und sie stellte mir Fragen über meine Familie, erzählte auch von sich und wir waren schnell in ein intensives Gespräch vertieft. Ich habe selten jemanden erlebt, bei dem ich mich vom ersten Moment an so selbstverständlich angenommen, vertraut und wohl fühlte. Vielleicht war das ja ihre „Zauberei“: die Fähigkeit, den anderen so anzusprechen, dass das Selbstwertgefühl nicht bedroht ist – für sie war das ja der Ausgangspunkt kongruenter Kommunikation. Später sah ich sie dann bei verschiedenen Gelegenheiten arbeiten. Vieles beeindruckte mich – gut, manchmal fand ich, dass sie den Leuten sehr nah kam, selten sprach sie mit jemandem, ohne seine Hand zu nehmen oder ihn anders zu berühren. Doch habe ich sie in unmittelbarem Kontakt immer sensibel für die von mir gewünschte Distanz (und zugleich die gewünschte Nähe) erlebt.

Besonders schön ist ein Satz, den sie mir sagte, als wir über die „Präsenz“ eines Menschen sprachen, sie nannte es auch die „Grenze der Gegenwärtigkeit“, also eine Art „Aura“, die jemanden umgibt und der so etwas ist wie der persönliche Raum, mit dem man sich umgibt. Sie sagte schlicht zu mir: „You have a nice presence! I can feel that!“
Das war ein schönes Geschenk, das mich seither begleitet, wenn ich an sie denke.

Hilarion Petzold,  Hückeswagen:

Virginia – ich hatte sie 1972 am Esalen Institut kennen gelernt und war fasziniert. Eine große lebendige Frau, eine „Präsenz“ von Warmherzigkeit, eine Empathiegigantin. All das kann man mit sehr großen Worten von dieser großen Therapeutin sagen. Ich hatte sie dann 1974 zu ihrem ersten Seminar nach Deutschland an das Fritz Perls-Institut eingeladen. Es war schwierig, sie hatte weltweit immer mehr Termine, als sie wahrnehmen konnte. Wir hatten eine Familientherapie-Ausbildung am FPI in „Integrativer Familientherapie“ begonnen und 1975 dazu Martin Kirschenbaum eingeladen. Sie war darüber ärgerlich, konnte selbst aber terminlich nicht selbst eine Weiterbildung leiten. Ich hatte sie in das „editorial board“ der von mir begründeten und herausgegebenen Zeitschrift „Integrative Therapie“ eingeladen, in dem sie bis zu ihrem Tod mitwirkte. Ihre wichtigen Bücher hatte ich dann in deutschen Übersetzungen in der von mir herausgegebenen Buchreihe „Innovative Psychotherapie und Humanwissenschaften“ im Junfermann Verlag, Paderborn, veröffentlicht – verlegerisch ein Goldgriff. Auch hier war sie unglücklich, dass wir (Thies Stahl und ich) auch das erste NLP-Buch (Turning Frogs into Princes) herausbrachten. Verlegerisch ein Platingriff. Virginia hielt davon sehr wenig, ja sie warnte. Es wurde bei Junfermann eine eigene NLP-Reihe gemacht. Ich wollte das nicht in meiner Reihe der „Innovativen Humanwissenschaften“ haben. Das war zu expansiv und hätte die Reihe vereinseitigt. Überdies teilte ich Virginias Skepsis.
Virginia war gegen manipulative Therapieansätze. Sie setzte auf Begegnung, auf Herzensbeziehungen, auf persönliche Integrität, auf kreative Technik. Letzteres hatte sie von Moreno, an dessen Institut in Beacon – so J. L. Moreno und sie selbst – am Anfang ihrer Karriere Workshops besucht hatte. Moreno hatte ja schon in den 1930er Jahre Familientherapie praktiziert (1), er war einer der ersten, wie sie mir gegenüber einräumte. Ansonsten sah sie sich selbst als die große Innovatorin und damit hatte sie wohl – gerade mit Blick auf die Praxis – recht. Sie hatte natürlich ein klassisches Modell der „American Family“ (Pa, Ma two Kids) im Hintergrund. Inwieweit ihre Konzepte auf die „postfamilialen Familien“ (Beck-Gernsheim) zugepasst werden können wird eine Aufgabe der Familientherapie werden, die sich diesen Themen insgesamt stellen muss. Virginia wäre da sicher etwas eingefallen.

(1) Theo Compernolle (1981): J.L. Moreno: An Unrecognized Pioneer of Family Therapy. Family Process, 3, 331–335.

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2 Kommentare

  1. Auf gute Weise in Erinnerung gebracht.
    Gern erinnere auch ich mich an das 1. Weinheimer Symposium hier an der Unis Osnabrück, mit Virginia, den beiden “Mailändern” und H. Aponte – und den wirklich spannenden Arbeiten zuvor mit EINER Familie (die dann in Ausschnitten in den Filmen dokumentiert wurden). Virginia war mit ihrer Präsenz einfach überragend…
    DANKE
    jürgen kriz

  2. Ja, auch ich bin zu einem großen Bewunderer von Viriginia Satir geworden. Danke das ich sie kennen lernen durfte! L. G. Utta

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