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Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemisch – was fehlt? Die Familie

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4adventCorina Ahlers, Wien:

Ich mache mir in letzter Zeit darüber Gedanken, inwiefern eine systemische Einzeltherapie so systemisch sein kann, wie das allgemein behauptet wird. Daran knüpft sich die Erfahrung der letzten Jahre, dass das Mehrpersonensystem in systemischen Kreisen – sowohl in der Ausbildung wie auch in der Praxis – aus dem Zentrum des Interesses rückt. Manche unserer Studentinnen schaffen es, bis zum Ende ihrer Ausbildung keine einzige Familie zu sehen. Manche geben zu, mit Kindern nicht arbeiten zu wollen, das sei langweilig, und man müsse da „Mensch ärger dich nicht“ spielen. Und wie könne man dafür Geld verlangen, und dass sei ja wie Freizeit, usw. Ja und wenn nicht alle kommen, und keine Zeit haben, es sei ja nicht machbar, alle auf einen Termin zu bringen, usw.

Corina Ahlers

Corina Ahlers

Dann gibt es bei uns die Fans für das Wegstreichen des Wortes „Familie“ aus dem systemischen Ansatz. Ihr merkt es schon: Ich gehöre zum anderen Club. Ich fühle mich bei der Systemischen Familientherapie zu Hause und ich finde, jeder Mensch hat oder hatte eine Familie, welche auch immer! Insofern bin ich dafür, diese irgendwie in die Therapie miteinzubeziehen.

Im Mehrpersonensystem werden Beziehungen zum Therapeuten anders gelebt als in der therapeutischen Dyade. Deshalb kann die therapeutische Beziehung, mittlerweile auch ein Zauberwort der Psychotherapieforschung, in der therapeutischen Arbeit mit Paaren und Familien nicht dasselbe bedeuten. Es bleibt ein blinder Fleck im dominanten Diskurs zur Psychotherapie, indem der Unterschied ignoriert wird. Systemikerinnen tragen nicht dazu bei, das Verhältnis aufzuklären. Eine etwas boshafte, mögliche Erklärung: Viel intimer, gemütlicher, gefahrenloser und angenehmer ist doch die therapeutische Dyade.

In den frühen neunziger Jahren plädierten Jenkins & Asen (1992) dafür, die Arbeit im Mehrpersonensystem nicht aus simpler Bequemlichkeit aufzugeben, denn man verliere den Effekt der transparenten Konsensualisierung der Mitglieder an der Therapie für eine gemeinsame Sache. Die Autoren beschreiben die Anfänge der relationalen Arbeit mit Einzelnen, denen ihre Angehörigen durch zirkuläre Fragen virtuell nahegebracht werden. In diesem Sinne sei eben eine Familientherapie ohne Familie möglich. Sie betonen aber gleichzeitig, dass Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse sich in der Einzeltherapie anders gestalten würden als in der Familientherapie. Der Therapeut werde vom Klienten anders in die Beziehung genommen, er sei automatisch Projektionsfläche und heilende Erkenntnisse würden über die therapeutische Beziehung ausgetragen.

Seit der Jahrtausendwende nimmt die systemische Arbeit mit Einzelnen zu, Familien und Paare zerbrechen immer öfter, deren „Scherben“ werden einzeltherapeutisch gut bedient. So wird auch die Patchworkidentität in der Teilarbeit, in der hypnosystemischen Ressourcenarbeit, als lösungsorientierte Auftragsbezogenheit und im narrativen Dialog geheilt.

Im jährlichen Treffen der Psychotherapieforscher – diesmal in Kopenhagen (45 annual meeting , SPR 2014) – widmeten sich familientherapeutische Forschungsteams genauso wie alle anderen Forscher dem Thema der therapeutischen Bindung oder Beziehung (Therapeutic Alliance). Drei verschiedene Instrumente (STIC, SOFTA, SRS) wurden vorgestellt, sie sind mittlerweile alle als Computerprogramm erhältlich. Keiner der Vortragenden schien Selvini-Palazzoli zu kennen, von Neutralität war nicht die Rede. Als europäischer Familientherapeut fühlt man sich diesem Kreis nicht sehr nahe. Eine absurde Nebenbemerkung zu Pinsofs STIC (SPR 2014): Kinder dürfen diesen einstündigen Fragebogen zur Therapiesitzung in den USA aus ethischen Gründen nicht ausfüllen, dessen Ergebnisse als Überblick vor dem Beginn jeder nächsten Stunde vom Familientherapeuten überflogen werden. Somit wird die Meinung der Kinder – in schwarz auf weiß –ignoriert.

Für mich ist systemische Arbeit und systemisches Denken eigentlich fast immer mit der Idee einer Gemeinschaft verbunden: Wer aller ist an der Veränderung beteiligt und wie? Wen kann man nutzen und wie profitiert jeder davon? Könnte Jemand an der Veränderung des Anderen leiden? Wie können wir alle damit umgehen? Schaffen wir es gemeinsam? Usw!

Dazu kann ich jetzt nur noch ein adventzeitliches Moralsprüchlein hinzufügen:

„Systemisches“ ist komplizierter als manche von uns denken, und es erfordert mehr Emotionen und Hirnschmalz als wie es heute vermarktet wird.

Machen wir es doch 2015 etwas anders!

Literatur:

Escudero, V., Friedlander, M. L., Varela, N. & Abascal, A. (2008). Observing the therapeutic alliance in family therapy: associations with participants’ perceptions and therapeutic outcomes. Journal of Family Therapy, 30, 194-214.

Duncan B L , Miller S D, Sparks J A , Claud D A, Reynolds L R, Brown J, (2003) The Session Rating Scale: Preliminary Psychometric Properties of a “Working” Alliance Measure. Journal of Brief Therapy, Volume 3, Number 1 : 3-12

Jenkins H & Asen K (1992): Family therapy without the family: a framework for systemic practice. Journal fo Family Therapy 14: 1-14

Pinsof W (2014) SPR 45 th anual meeting, Copenhagen,25 th to 28 th June, structured discussion Panel 112

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