systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemisch – was fehlt? Auseinandersetzung

| Keine Kommentare

Sabine Klar, Wien:

23adventWas ich trotz aller Sympathie noch einmal sagen wollte …

… du weißt eh, dass es nerven wird, wenn du wieder die kritische Stimme erhebst, so als ob nicht auch du Teil des ganzen „Systems“ wärst.

Ich bin schon lange nicht mehr so widerständig wie früher, bin so wie alle anderen reifer und etablierter geworden und will in Ruhe „mein Ding“ machen.

Widerstand ist halt einfach auf Dauer für alle Beteiligten sehr anstrengend. Auch du willst, dass dein Leben und das deiner KlientInnen  funktioniert, dass es läuft, das kleine Rädchen in der großen Maschinerie seines sozialen Kontextes. Auch du begeisterst dich schnell für Geschichten, die das ermöglichen. Mit den schwer veränderbaren Lebenslagen, von denen dir manche KlientInnen erzählen – als „Unglück“ oder „Elend“ eher negativ konnotiert – tust auch du dir schwer. Dauernd schaust du aus nach realisierbaren Aufträgen, Zielen Lösungsbewegungen, Möglichkeiten der Veränderung, Handlungs- und Gestaltungsoptionen im Unglück.

Leidende Menschen wird es angesichts der Auflösung des Individuums in relationale Identitäten vielleicht sowieso bald nicht mehr geben. Und Probleme auch nicht, da es sich ja auch dabei bloß um Geschichten handelt.

Sabine Klar (Foto: oeas.at)

Sabine Klar
(Foto: oeas.at)

Es ist einfach entlastend, in Geschichten zu denken. Sie brauchen nicht wahr sein, sie müssen auch nicht klug sein – noch weniger sollen sie wirklich von Grund auf gut tun. Sie haben die Aufgabe, den Schmerz des eigenen lebensfeindlichen Daseins zu lindern, um die reicheren oder ärmeren Sklaven, die wir schließlich alle sind, wieder bereit zu machen für den nächsten Tag.

Deshalb loben wir die KlientInnen auch dafür, dass sie sich hier damit befassen, ihr Elend besser zu ertragen, indem sie mit uns und anderen kooperieren.

Wozu denn auch wirklich begreifen wollen, was einem an sich selbst und der eigenen Lage unerträglich ist? Geht es im Sinn der Lebenskunst nicht bloß um einige gute Plots im Hirn, die in geeigneter Dosierung und gestärkt durch Anerkennung dabei helfen, mit sich und anderen entspannter umgehen zu können? Was ist schlecht daran, sich das Leben über ein solches Tänzeln und Spielen in Zwischenräumen zu erleichtern? Was ist angenehmer als zu lernen, mit anderen Leuten diplomatisch umzugehen? Was ist angenehmer als Harmonie und Respekt? Wir belasten die Klientinnen und uns eben nicht mit allzu viel Beunruhigung und Reibung – wir reden partnerschaftlich darüber, was gelten soll.

Wenn man in unserem beruflichen Kontext Erfolg haben will, dann hält man die eine oder andere mehr oder minder zufällig in der Praxis gewonnene Erfahrung im Umgang mit KlientInnen als „Methode“ fest, um sie in Kongressen präsentieren und mit ein wenig Glück auf dem systemischen Markt verkaufen zu können. Weniger Glückliche oder Fleißige bekommen in diesem Spiel dann die Gelegenheit, das Produkt in Seminaren und Weiterbildungen zu erwerben.

Zweifel strengt eben an Und jede von uns muss schauen, wie sie zurecht und mit ihrem Geld zurande kommt.

Den Zweifel an uns selbst halten wir, trotz unserer angeblich so elaborierten Fähigkeit zur Selbstreflexion, sowieso wohl dosiert – gerade so, dass er nicht weh tut und die eigenen privaten Vorlieben in Ruhe lässt.

Wozu denn überhaupt genauer hinsehen und hinhören, klarer und nüchterner denken, durchdachter formulieren? Wozu den Versuch unternehmen, zu einem vernünftigen Urteil zu gelangen? Wo wir doch gar nicht mehr wissen, was als vernünftig gelten kann.

Stecken dahinter womöglich anachronistische Vorstellungen, eines Menschen, der sich in seiner Fähigkeit eigenständig zu denken, zu sprechen und zu handeln weiter entwickelt? Habe ich ein Konzept von „Freiheit“, das eigentlich bloß ein über Jahrhunderte tradierter dominanter Diskurs ist, der sich – u.a. auch anhand neurobiologischer Erkenntnisse – als Irrtum erweist? Bin ich einfach zurückgeblieben?

Was sollen wir mit dem Wunsch nach ernsthafter Auseinandersetzung denn anfangen? Wollen wir uns denn in unseren Loyalitätsbeziehungen entzweien, Bindungen, Pfründe gefährden?

Da hast du recht – das muss auch ich bedenken. Ich kann mir viel mehr erlauben, wenn ich mir meine Anschauungen unter dem Titel der Subjektivität mehr oder minder ohne Beteiligung der Vernunft wie vertraute Haustiere halte und versuche, jedwede Situation, in die ich mit meinen KollegInnen, Klientinnen und StudentInnen gerate, ganz grundsätzlich in eine positive umzuwerten. Motto: Pass dich an das Unveränderbare an, finde dich damit ab – und nutze die Zwischenräume dazu, dir ein wenig Lebens- und Arbeitslust und die Freundlichkeit der anderen zu erhalten.

Wir sind alle recht gut darin, Geschichten zu erfinden, die es leichter machen, uns und das was Menschen an uns stört zu verbergen. Auch du verwendest viele Künste, diese Störungen so umzuformulieren, dass sie sich für alle Beteiligten leichter ansehen lassen. Das macht auch deine therapeutische Arbeit erträglicher und verhindert das Ausbrennen. Wenn sich jemand dem entzieht, wirst du ungeduldig.

Bei uns muss sich sowieso niemand fürchten, irgendeine Wahrheit unverblümt ins Gesicht gesagt zu bekommen.

Ja, wir sind im großen und ganzen friedlich und schaffen Raum für Würde, Größe und Menschlichkeit. Die Herde ist immer nah, um zu loben und wohlwollend zu konnotieren. Wir nehmen eine respektvolle und neugierige Haltung ein …

… und sind darin so gut, dass niemand merkt, dass wir manchmal gar nicht respektvoll oder neugierig sind. Und unsere Theoriegeschichten dürfen wir aus Versatzstücken zusammenbauen, die sich mehr oder minder zufällig ergeben, wenn wir das eine oder andere lesen oder von KollegInnen hören.

Als ob du das anders machst! Jeder hat wohl inzwischen mitbekommen, dass sich die Lektüre von Fachliteratur bei dir sehr in Grenzen hält.

Manchmal stört mich, dass wir keine wirklich differenzierten und handfesten Kriterien für die Qualität unserer Arbeit haben – weder in der Therapie noch in der Ausbildung. Angesichts dessen gibt es kaum Möglichkeiten der Beurteilung und der Kritik. Man kann machen, was man will, solange man die demokratischen Prämissen teilt, dass jeder aus seiner Sicht Recht hat und gehört bzw. anerkannt werden soll.

Würdest du dir wirklich von irgendwelchen angeblich handfesten Kriterien, z.B. der Wirksamkeitsforschung, vorschreiben lassen, wie du arbeiten sollst? Gerade du, die sogar das Kriterium der Wirksamkeit selbst infragestellt unter dem Motto: wer darf bestimmen, was als Wirkung zu gelten hat?

Aber kann es in Ordnung sein, dass wir uns nicht einmal mehr als Lehrende der Mühe unterziehen müssen, ärgerlich ins eigene, blinde und blöde Angesicht zu blicken? Wie wir wissen, herrscht auch in unseren Ausbildungsgruppen im allgemeinen Harmonie. Man kann sicher sein: wenn es wider Erwarten doch zu gröberen Ärgernissen kommt, setzt man sich wohlwollend zusammen und findet irgendeine praktikable Lösung – schließlich ist die Wahrnehmung eines Ärgernisses auch „bloß“ eine Geschichte, ein Konstrukt.

„Wahrheit“ – was soll denn das vor Hintergrund unseres Denkens und unserer Haltung auch sonst sein außer eine durch die Zustimmung der anderen belegte Geschichte, die sich in einem guten Gespräch gemeinsam entwickelt?

Und das einzige Kriterium einer „guten“ Geschichte über sich und die Welt bestünde dann darin, dass sich dabei das Gesicht entspannt, momentane erleichterte Zustimmung entsteht und sich da und dort Personen finden, die sie bestärken?

Es geht dann vorrangig um die Erfindung von ein paar mehr oder minder guten Plots, die momentan aus Engführungen heraushelfen, und ein paar Schubser dorthin. Für die Kassenfinanzierung wäre es allerdings gut, wenn sich die Wirkung der neuen Geschichten auch auf diversen Bildern von Gehirnen abbilden ließe und die Klientinnen in der Folge wieder arbeitsfähig wären und vielleicht weniger Medikamente brauchen. Obwohl letzteres gar keine so Rolle zu spielen scheint.

Dann haben wir jedenfalls nur mehr mit Geschichten zu tun statt mit Menschen. Den Kontakt von Wesen zu Wesen, bei dem es sich reibt und anstrengend wird, könnten wir uns ersparen. Wir bräuchten auch mit unseren StudentInnen keine Konflikte mehr austragen und müssten ihnen unser Gesicht gar nicht mehr zeigen.

Weil wir dann gar keines mehr hätten. Wäre das nicht schön?

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar verfassen

Zur Werkzeugleiste springen