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systemagazin Adventskalender – Wie die Zeit vergeht…

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Tanja Kuhnert, Köln

Wie die Zeit vergeht.

Bei Maueröffnung war ich 14 Jahre alt. Ich erinnere mich noch daran, dass ich es gar nicht glauben konnte, war doch die DDR das Land, in dem meine Tante lebte und die zu besuchen immer irgendwie besonders war…

Der Weg war weit: Damals. Mit dem Auto fuhr man von der Eifel bis zum Bezirk Leipzig manchmal bis zu acht Stunden. Je nach Witterung (wir fuhren oft zu Silvester „rüber“), je nach Verkehrssituation, der Schlange an der Grenze (werden wir kontrolliert oder nicht?), je nach Straßenzustand hinter der Grenze …

Der Grenzübertritt war immer aufregend: Einmal hatten meine Eltern meinen Kinderausweis vergessen und befürchteten, dass wir die 8 Stunden wieder zurückfahren müssten, ohne Besuch bei meiner Tante. Aber wir gerieten an einen Grenzsoldaten, der uns wohl gesonnen war: Ich musste mit ihm allein als 8-jähriges Kind in ein Grenzerhäuschen, wo er mir samt neuem Foto einen neuen Ausweis ausstellte.

Die Reise zur Familie meiner Tante war immer spannend. Ich spürte als Kind und Teenager, der noch keine richtige Ahnung davon hatte, warum es BRD und DDR gab, dass irgendetwas ganz anders war, gleichzeitig aber auch nicht.

Es roch anders, die Straßen und Orte sahen anders aus – irgendwie dunkler und farbloser. Die Menschen trugen andere Kleidung – so viele Pelzmützen hatte ich noch nie gesehen. Im Konsum gab es weniger zu kaufen, weniger Auswahl, oft waren ganze Regale leer. Die Erwachsenen sprachen irgendwie anders miteinander, es war stiller, geheimnisvoller, es gab mehr Unausgesprochenes.

Die Städte waren leerer. Man durfte im Café nicht überall sitzen, manche Tische waren für irgendjemanden reserviert. Für das Ostgeld, welches wir eintauschen mussten, gab es immer Unterwäsche, Schlafanzüge und Arbeitskittel für meinen Vater. „Es gibt ja sonst nix … und wir müssen die Ostmark ausgeben, die können wir nicht mit zurück nehmen“ war die Aussage. Manchmal brachten wir Bücher für Studierende mit zurück, z. B. ‚Krieg und Frieden‘. Auch die Bücher sahen anders aus und rochen anders. Sie fühlten sich anders an und wirkten zerbrechlicher.

Aber da war auch Leben! Wenn wir zu Besuch kamen, öffnete meine Tante ihren wohlgefüllten Vorratskeller – hier gab es keinen Mangel. Es gab viel Selbstgemachtes, Gutes aus wenig gemacht, Experimentierfreude und Kreativität. Es gab Feierfreude, Kartenspiel, ein offenes Haus – Familie!
Ja, Familie. Die Familie meines Vaters stammt ursprünglich aus Schlesien. Das gesamte Dorf ist von dort nach Sachsen geflohen und wurde dort sesshaft. Meine Großeltern bekamen Land zugeteilt. Aber in den 50er Jahren empfanden sie die Veränderungen in der DDR zunehmend als bedrohlich. Sie entschlossen sich in den Westen zu gehen. Meine älteste Tante war bereits verheiratet und blieb. Meine Oma und mein Opa gingen mit vier Kindern nach Berlin, um sich von dort auf den Weg zu machen. Mein Opa schaffte im Voraus Sachen zu einer Schwester nach West-Berlin. Am 26.12.1957 fuhren meine Großeltern an der Friedrichstraße über die Ost-West-Grenze. Sie wurden im Aufnahmelager Marienfelde aufgenommen. Im März 1958 wurden sie zu sechst nach Westdeutschland ausgeflogen.

Sie landeten im Rheinland. Auch wenn die Familie in einer Wohnsiedlung Land bekam, wo auch andere Vertriebene lebten, wurde meine Oma dort nie mehr heimisch. Selbst ihre Wohnstraße wurde nach ihrem Heimatort „Militsch“ benannt. Doch sie litt ihr Leben lang darunter, dass sie ihre Heimat verlassen hatte und von ihrer ältesten Tochter und deren Familie getrennt war. Im Haus meiner Oma habe ich als Kind viel Traurigkeit gespürt.

Die Themen Entwurzelung, unterschiedliche Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten und die Trennung durch Grenze, Mauer und zwei politische Systeme hat meine Familie sehr beeinflusst. Aber auch die Erfahrung, dass es nach Krisen und Lebensbrüchen weiter geht und „gut“ werden kann, prägt Teile meiner Familie bis heute. Ich denke, mit diesen Themen sind wir nicht allein, diese oder ähnliche Erfahrungen haben viele Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und Zeiten gemacht.

Wir Systemiker*innen können in verschiedenen Kontexten viel dazu beitragen, einen Umgang mit diesen Themen als Einzelner, Familie und Gesellschaft zu ermöglichen. Meiner Ansicht nach brauchen wir gesellschaftliche Räume, die es ermöglichen, Unterschiede und Gemeinsamkeiten, Geschichte und Geschichten auszutauschen, so dass Altes losgelassen und Neues geschaffen werden kann.

Als Systemiker*innen wissen wir um die Logiken von Systemen, die beachtet werden müssen, um Veränderung begegnen zu können: Vergangenes würdigen, die erworbenen Ressourcen bewusstmachen und für Neues nutzen. Systemregeln und -dynamiken spürbar machen, beschreiben, um ihren Sinn zu verstehen und ggf. gemeinsam Neues zu entwickeln. Allein diese Überlegungen wären nützlich, um die deutsch-deutsche Geschichte nicht allein in Unterscheidungen zu beschreiben, sondern ein gemeinsames Bild zu entwickeln, indem wir uns wertschätzend mit unseren jeweiligen Narrationen begegnen und die Geschichte gemeinsam weiterschreiben. Ich würde mir wünschen, dass auch die beiden systemischen Verbände (DGSF/SG) ihre gesamtdeutsche Vernetzung nutzen, um Räume, Worte und Möglichkeiten zu finden, damit Kolleginnen aus Nord, Süd, Ost und West in einen gemeinsamen Austausch, eine gemeinsame Reflektion und Bearbeitung deutsch-deutscher Themen kommen. Wir hätten der Gesellschaft einiges zu bieten.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen besinnliche Weihnachtstage und einen guten Start ins neue Jahr!

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