systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin Adventskalender: Was steckt wirklich hinter meinem systemischen Engagement?

| 2 Kommentare

Hartwig Hansen, Hamburg: Was steckt wirklich hinter meinem systemischen Engagement?

„Ich brauche etwas Hilfe bei der Frage, wo meine echten Talente liegen und was ich wirklich kann und möchte … Können Sie sich vorstellen, mir bei diesem Thema behilflich zu sein?“

So lautet die Coachinganfrage einer Klientin, auf die ich antworte, ich könne es ja mal versuchen.

Als wir dann zusammen vor dem noch leeren Flipchart sitzen, sagt sie: „Auf der Fahrt hierher habe ich überlegt, was ich antworten würde, wenn Sie mich fragen: Was sind denn eigentlich Ihre Talente? – Das ist es ja. Ich weiß es gar nicht so genau …“

„Dann bin ich ja froh, dass ich nicht gefragt habe“, sage ich und wir schmunzeln.

„Was wäre wohl anders, wenn Sie es wüssten?“, mache ich einen neuen Anlauf.

Und dann kommt der Satz, der mich wirklich stutzig macht: „Meine Therapeutin hat mal zu mir gesagt, ich hätte ja ohnehin eine neurotische Berufswahl getroffen.“

Upps.

„Was mag das heißen … eine neurotische Berufswahl?“, bringe ich gerade noch heraus.

Hartwig Hansen

„Ja, ich bin ja Kinderärztin und ich hätte mich nur dafür entschieden, sagt meine Therapeutin, weil ich als Kind in meiner Familie schlecht behandelt worden sei.“

Boah, jetzt nicht übereilt antworten … Denn ich spüre spontan meine tiefe Abneigung gegen solch übergriffige Deutungen aus der Psycho(analyse)kiste, die die Betroffenen mehr verunsichern und implizit abwerten, statt sie zu stärken und aufzubauen. Wer will schon neurotisch sein? Und wer will schon aufgrund einer frühkindlich entwickelten Neurose auch noch seinen Beruf ergriffen haben???

Sollte nicht lieber die Therapeutin ihre Berufswahl überdenken und ist die Klientin wegen dieser nach meinem Gefühl dreisten Zuschreibung nun zu mir gekommen, um ihren wahren, weil nicht neurotischen Talente herauszufinden?

Zumindest will sie nicht gerne in dieser Schublade sitzen bleiben und meint: „Ich habe das dann zu Hause auch gleich gegoogelt, bin aber – ehrlich gesagt – nicht viel schlauer geworden.“

Bevor ich mich an diesen Text gesetzt habe, habe ich ihr gleichgetan und fand folgende mickrige Passage: „,Neurotische Berufswahl’ als Kompensationsversuch eigener Ich-Schwäche. Im Mittelpunkt einer neurotischen Berufswahl steht weniger der Patient, sondern mehr der eigene Konflikt und seine Kompensation durch die gewählte berufliche Tätigkeit.“

Übersetzt für unser Beispiel soll das wohl heißen: Nicht die kranken Kinder stehen im eigentlichen Zentrum, sondern die Tiefenpsychologie der neurotischen Ärztin. Fragezeichen!!!

Na super! So weit ist es also schon gekommen, dass man als neurotisch gilt, wenn man sich zum Lebensziel gemacht hat, anderen Menschen beizustehen und zu helfen …

Dabei hatte sie doch gesagt: „Ich glaube, ich kriege das mit den Kindern ganz gut hin. Manchmal fragen sie sogar nach der Untersuchung ihre Mutter: ,Und wann kommt jetzt der Arzt, Mama?’“

Natürlich sprang da gleich – und nun kommt’s – mein eigenes Gedankenkarussell an: Und wie ist das bei dir, mein Lieber? Welche frühkindlichen oder gar pubertären psychischen und innerfamiliären Konflikte willst du in deiner Arbeit als Paar- und Familientherapeut kontrollieren, lösen oder befrieden?

Was steht denn nun wirklich hinter deinem „systemischen Engagement“?

Darüber hatte ich nicht nur schon ausgiebig in meinen Ausbildungen nachgedacht, sondern anlässlich des diesjährigen Adventskalenders in den letzten Tagen auch noch einmal.

Das nach wie vor gültige Ergebnis meiner konstruktivistisch-konstruierten Weltsicht: Ich habe mir meinen Beruf ausgesucht, nicht weil ich noch etwas mit meinen Eltern oder Geschwistern „auszuhandeln“ und zu klären hatte/habe, sondern weil sie mir etwas Grundlegendes mit auf den Weg gegeben haben, das ich auf die Formel bringen möchte: Suche deinen Platz auf der richtigen Seite!

Und diese Seite steht für Solidarität statt ICH-AG, Mitgefühl statt Ellenbogen und für das einfache Motto: Gemeinsamkeit ist schöner als Einsamkeit.

Wahrscheinlich alles ziemlich neurotisch … Zumindest wollen uns die Apologeten, die uns mitunter als „unverbesserliche Gutmenschen“ abwerten, uns das heutzutage weismachen.

Ich finde es aber – und das auch nach Jahrzehnten – viel stimmiger, mich in genannten Sinne auf dieser Seite zu engagieren, als meine innere Befindlichkeit vom aktuellen DAX-Index abhängig zu machen.

Das ist für mich „systemisches Engagement“ – die große Welt ändern zu wollen, ist mir zu anstrengend geworden, auch wenn ich das früher – was ich nicht bereue – auch mal versucht habe. Ich bleibe einfach auf der richtigen Seite und freue mich, wenn die Menschen, die zu mir kommen, sich wieder besser verstehen und verständigen können, wenn sie nach Hause gehen. Wie gesagt: Gemeinsamkeit ist schöner als Einsamkeit.

„Ja, so was, wie Sie machen, finde ich ja im Grunde auch sehr spannend. Das heißt doch systemische Familientherapie, oder? Was meinen Sie, wäre das auch etwas für mich …?“, sagt die Klientin am Ende unserer Sitzung, als wir uns gemeinsam das Flipchart mit ihren nun doch irgendwie gefundenen Talenten anschauen.

„Warum nicht?“, antworte ich spontan und ergänze: „Aber Vorsicht, das wäre dann sicher wieder total neurotisch.“

Das Lachen im Raum klingt befreit.

2 Kommentare

  1. Als konstruktiv wirkungsvoll, jenseits von Verortungen auf richtigen oder falschen Seiten, erlebe ich solche Anfragen meiner Coachees unter bedingungsloser Akzeptanz aller ihrer weiteren Perspektiven auf sie, die sie mit einbringen. Und ja, es braucht starke Helfer im System der Helfenden, damit auch ein gut begründetes Nein zu Zuschreibungen möglich ist.
    Vielen Dank für den Beitrag auch von meiner Seite.

  2. Grins…. herrlich! Und so aufbauend! Hab ich zu FB geschoben- das sollten mehr wissen.

Kommentar verfassen

Zur Werkzeugleiste springen