systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

systemagazin Adventskalender – Vom Unzulänglichen beim Engagieren

| 3 Kommentare

Andreas Wahlster, Ladenburg: Vom Unzulänglichen beim Engagieren

Der Adventskalender ist mir eine schon liebgewordene Tradition, so wollte ich auch dieses Jahr einen Beitrag schreiben. Die Einladung hat mich auch angesprochen, dennoch entstand zunächst keine Idee. Ich musste wohl erst Mut fassen zum Schreiben, denn es geht auch um mich.

Die Frage von Tom nach der Existenz von systemischen Werten, nach Anhaltspunkten für ein „gutes Leben“ führt mich zur Kybernetik 2. Ordnung. Das kybernetische Modell hat sowohl in meinem beruflichen Tun als auch im privaten Leben Auswirkungen, die nicht immer nur bekömmlich sind. Denn mich selber beim Beobachten zu beobachten, konfrontiert mich mit meinen Filtern, es deckt auf, was bisher mir verborgen blieb an möglicherweise destruktiven Impulsen, an Vorurteilen. Meine Unzulänglichkeiten, meine Prägungen, meine (Vor-) Urteile sind mir in diesem Jahr bewusster und massiver denn je begegnet. Jedes Gespräch darüber mit vertrauten Menschen ist kostbar und nicht immer einfach, denn es wird persönlich, gar intim.

Andreas Wahlster

Die Menschen aus den vielen Ländern, die in unserem Land Zuflucht gefunden haben und sich vielerorts wieder schützen müssen vor dümmlichen verbalen und sogar tätlichen Angriffen, sie zeigen uns den Spiegel unserer Angst vor dem Fremden. Das Gewahrwerden der eigenen Unzulänglichkeiten ist dann eine der nicht so bekömmlichen Auswirkungen einer reflexiven Sicht auf sich selbst. Zwei Beispiele:

  • Als teilnehmender Beobachter eines Theaterprojektes mit geflüchteten Frauen, in dessen langer Probezeit zum Beispiel ein syrischer Mann seine Ehefrau krankenhausreif geschlagen hat, weil sie nicht mehr richtig gehorsam sei und anschließend im Verbund mit anderen syrischen Männern dafür gesorgt hat, dass deren Ehefrauen sich nicht mehr getraut haben, weiterhin zu den Proben zu kommen. Gleichzeitig zu meiner Empörung ist bei mir jedoch auch die Frage entstanden, wie würde es mir in einem fremden Land gehen, wenn ich meine kulturellen Prägungen so bedroht sähe.
  • Als Mitbegründer eines Vereins, der künstlerische Aktivitäten von geflüchteten Menschen unterstützen will, damit konfrontiert zu sein, dass manche dieser Menschen sich nicht gerade solidarisch untereinander oder dankbar zeigten. Was für ein Hochmut von mir.

Ich habe mich sehr im Adventskalenderbeitrag von Corina Ahlers wiedergefunden, sie schreibt zu ihren Erfahrungen mit Geflüchteten, die zwei Jahre in ihrem Haus lebten:

„Im Alltag mit den syrischen Gästen ist man persönlich gefordert. Der subjektive Zugang in der Begegnung bringt die tiefe Auseinandersetzung auf mehreren Ebenen der Betrachtung mit sich“. Und weiter: „In den zwei Jahren habe ich mich in Bescheidenheit geübt und viel über die Widersprüche in mir und meiner Öffnung zum Fremden erfahren. Heute sehe ich den Möglichkeitsraum als Mischung zwischen behutsamer Neugierde und Konfrontation mit der Differenz.“

Engagement ist nie frei von persönlichen Motiven, sich ihrer bewusst zu sein, schafft Freiheit und Demut zugleich. Diese Erkenntnis ist nicht neu, dennoch kann sie nicht oft genug gespürt werden.

Im ZEIT-Magazin wird Janosch gefragt:

„Herr Janosch, gibt es das Paradies auf Erden – wenn ja, wo ist es zu finden?“ Antwort von Janosch: „ Sartre sagt, das Paradies gibt es auf Erden nur in deiner Seele. Die Seele hat man ja immer dabei, deshalb kann man ruhig in der Küche sitzen bleiben“. Ich habe herzhaft gelacht und Erleichterung verspürt.

3 Kommentare

  1. Lieber Andreas,
    danke für Deine Reflexionen über das Beobachten des eigenen Beobachtens und über Erfahrungen mit Engagement im Umgang mit Menschen, die Zuflucht und Obdach suchen. Du schreibst:“ wie würde es mir in einem Land gehen, wenn ich meine kulturellen Prägungen so bedroht sähe“.
    Und dann ist uns beim Lesen Deiner Zeilen wieder einmal diese reflexhafte Entgegnung zur Technik des „Beobachtens des eigenen Beobachtens“ ins Hirn gesprungen: der blinde Fleck beim Beobachten wird durch das Hirn immer mit schon Gewusstem gefüllt (wie soll es auch anders gehen), das wird auch durchs eigene Beobachten nicht besser!
    Beim darüber Reden aber konnte eine Erweiterung entstehen, die wir gerne mit Dir (und den anderen Leser*innen) teilen. Und so erweitern wir Deine Geschichte vom verstörenden Umgang zwischen Männern und Frauen bzw. Frauen und Männern aus einer fremden kulturellen Umgebung, indem wir unseren „Filter“ aus der Arbeit mit traumatisierten Menschen beisteuern (danke für den Begriff, lieber Wolfgang):
    Was Dich/ uns verstört beim Beobachten dieses Umgangs zwischen den Geschlechtern ist vielleicht weniger, dass Männer Frauen Gewalt antun oder dass Frauen den Anordnungen ihrer Männer Folge leisten – sondern die uns fremde Art der kulturellen Kodierung dieses Verhältnisses, die eine andere ist als die in Deutschland allgemein etablierte.
    Anders gesagt: bei der Beobachtung dieser unvertrauten Form kultureller Kodierung eines auch bei uns etablierten Geschlechterverhältnisses wird die Unterdrückung der Frau durch den Mann auf einmal wahrnehmbar: der durch die eigene kulturelle Kodierung etablierte blinde Fleck fällt weg! Zur Absicherung unserer Argumentation: bis 1977 benötigten Frauen in Deutschland die Erlaubnis ihres Mannes für eine Berufstätigkeit; Gewalt in der Ehe ist in Deutschland erst seit 2002 (Gewaltschutzgesetz) ein Strafdelikt; die ZEIT schreibt am 24.11.d.J.: „Etwa 80.000 Körperverletzungen, 357 Tötungen und 7.600 Stalkingfälle: Im vergangenen Jahr ist die Zahl der Opfer partnerschaftlicher Gewalt erneut gestiegen. Knapp 82% der Opfer waren Frauen.“
    Wir würden uns freuen, wenn unser Beitrag als anregend wahrgenommen werden kann – anregend für weiteren Austausch, denn „das ANDERE war ganz verschieden von dem, was sonst immer war. Das ANDERE war spannend. Das normale Leben war natürlich auch gut“(denkt Stachel-Charlie in „Stachel-Charlie löst ein Problem“). In diesem Sinne möchten auch wir den Advent als Vorbereitung auf das Unerwartbare denken, so wird das Andere weniger Bedrohung als Chance.
    Liebe MMGrüße bis zum nächsten persönlichen Austausch Peter und Renate

  2. Lieber Andreas, sei bedankt. Mir scheint, dass die Sphäre eigener Unzulänglichkeit(en) unvermeidbare Heimat ist, sobald es um praktisches Tun geht (nicht nur beim samaritischen Tun). Aus ideologischer Perspektive, wenn es um „Menschheit“ geht und nicht um Menschen, kann Unzulängliches ausgeschlossen, vernebelt, geleugnet oder auch zur Kennzeichnung der vom „Wir“ Auszugrenzenden genutzt werden. So wie Du Deine Erfahrung des Unzulänglichen beschreibst und reflektierst, hilft es beim Zurechtfinden in dieser (einem vielleicht fremden) Heimat. Mir ist das sehr sympathisch. Eine hilfreiche, schöne und respektvolle Geschichte für einen Adventskalender! Advent selbst ist ja eine Metapher des (noch) Unzulänglichen. Wozu sonst sollte ich etwa darauf hoffen, dass am Ende (des Advents) der Himmel sich öffnet und (z.B.) Hirn herausgibt. Schade, dass ich bei dem Theaterabend in Neuss nicht dabei sein konnte, schreibt Dir mit herzlichen Grüßen, MMGenährtem sentiment und unter dem Pseudonym „Immanuel Provokant“ Dein
    Wolfgang

    • Lieber Wolfgang, hab herzlichen Dank für Deine Worte. Du schreibst vom Zurechtfinden, das trifft es. Sich zurecht suchen und finden, da ist das Unzulängliche ein verlässlicher Begleiter. Ich grüße Dich mit Freude und Freundschaft, ein wunderbares Gefühl. Dein MMG Andreas

Kommentar verfassen

Zur Werkzeugleiste springen