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systemagazin Adventskalender: Systemisches Engagement oder der Mut zur Bewertung

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Rudolf Klein, Merzig: Systemisches Engagement oder der Mut zur Bewertung

Moderne Gesellschaften und deren Wohlstand fußen auf einem Wirtschaftssystem, das fortwährend Wachstumsraten benötigt, um eine gewisse stabile Dynamik zu erhalten. Solche Wirtschaftssysteme sind nicht nachhaltig. Gleichzeitig breiten sie sich mit ihren irrwitzigen Ausbeutungsdynamiken auf der ganzen Welt aus. Dies führt unweigerlich dazu, dass das 21. Jahrhundert kaum überlebt werden kann. Wirtschaftssysteme verkonsumieren ihre eigenen Voraussetzungen und werden niemals „satt“. Im Gegenteil.

Sehr treffend beschreibt Robert Menasse in seinem Roman „Die Hauptstadt“, welches Zukunftskonzept diesem Denken zugrunde liegt. In Bezug auf Vertreter und Verfechter dieses Wirtschaftssystems, den Lobbyisten, schreibt er: “Wenn sie von der Zukunft redeten, dann redeten sie von einer möglichst reibungslosen Verlängerung der Gegenwart und nicht von der Zukunft. Das verstanden sie nicht, weil sie glaubten, die Zukunft bestehe aus den Trends, die sich unaufhaltsam durchsetzen.“ (S. 300)

Kürzlich las ich, dass das Ziel einer nachhaltigen globalen Wirtschaft nur erreichbar sein wird, wenn in den reichen Gesellschaften der Erde auf ca. 80% des heutigen Energieverbrauchs verzichtet würde. Das hätte gigantische Auswirkungen auf Nahrung, Wirtschaft, Mobilität usw. Unvorstellbar und ein ziemlich aussichtsloses Unterfangen. Der Trend deutet in Richtung Untergang.

Rudolf Klein

Dies sind aber keineswegs Effekte, die ausschließlich ökonomisch-ökologisch zu beobachten sind. Sie haben ihren politischen Niederschlag oder ihre politischen Voraussetzungen – Ursache und Folge sind nicht eindeutig festzulegen, Gier scheint aber das verbindende Leitmotiv zu sein – im Aufkeimen nationalistischer Parolen, die in ihrer Naivität und dümmlichen Präsentation im Stile eines „America first“ kaum zu überbieten sind. Nationalismen, die man schon als überwunden wähnte, blühen nicht nur in den USA, sondern auch in vielen Staaten Europas – Ungarn, Holland, Frankreich, Deutschland und nicht zuletzt: Polen.

Ausgerechnet Polen.

Dort, wo der deutsche Nationalsozialismus so viel Unglück, Tod und Elend verursacht hat.

Dort, wohin ich als Deutscher wegen dieser historischen Tatsache mit „Bammel“ Anfang der 90er gefahren bin und seither ein bis zwei Mal pro Jahr systemische Ausbildungen anbiete, meine Haltung trinkenden Menschen gegenüber per Video, live und erzählend präsentiere.

Ausgerechnet dort, wo ich diese phänomenale demokratische und ökonomische Entwicklung der letzten 25 Jahre miterleben durfte und wo eine bereits zweifellos vorhandene Lebendigkeit, Neugierde und Offenheit neuen Ideen gegenüber sich weiter ausbreitete.

Genau dort treiben nun Jaroslow Kaczynski und Beata Szydlo ihr nationalistisches, ausländerfeindliches und homophobes Unwesen.

Hier also habe ich mich – von 1993 bis 1998 unentgeltlich – engagiert, um dieses private systemische Entwicklungshilfeprojekt auf die Beine zu stellen?

Hier habe ich Ideen hingetragen, Freundschaften geknüpft, kollegiale Beziehungen unterhalten?

Und nicht nur ich. Es war auch mein Kollege Jerzy und viele prominente Systemiker, die auf Nachfrage direkt und ebenfalls unentgeltlich bereit waren, dieses kleine private „Entwicklungshilfeprojekt“ zu unterstützen: Luigi Boscolo, Arnold Retzer, Jochen Schweitzer, Fritz Simon, um nur einige zu nennen.

Und nun das?

Man könnte angesichts dieser politischen Entwicklung verzweifeln und resignieren. Kurz dachte ich sogar, mein Engagement einzustampfen, einen „systemischen Privatboykott“ zu betreiben, was ich relativ schnell selbst als ziemlich idiotisch entlarven konnte.

Denn es geht vielleicht gar nicht so sehr darum, ob bestimmte Ziele erreicht werden können, sondern um die Frage, ob wir unser Leben so leben und gestalten, wie wir es leben und gestalten wollen. Ob wir so mit uns, mit unseren Mitmenschen und der Welt umgehen, wie wir das möchten – unabhängig davon, wie es ausgehen wird. Wer weiß das schon?

Diese Gedanken bestärken mich, das von uns gestartete Projekt in Poznan weiterzuführen. Jedes Jahr mindesten einmal nach Polen zu fahren (inzwischen auch nicht mehr unentgeltlich), Kurse zu halten und zu demonstrieren, was ich darunter verstehe, im Kontakt mit Klienten deren Würde zu wahren, zu respektieren und zu versuchen sie (wieder) in Kontakt mit dieser ihrer Würde zu bringen. Und: Kursteilnehmer dazu einzuladen, gleiches zu tun. Vielleicht hat das doch einen Sinn – vielleicht.

Ein Kommentar

  1. „Denn es geht vielleicht gar nicht so sehr darum, ob bestimmte Ziele erreicht werden können, sondern um die Frage, ob wir unser Leben so leben und gestalten, wie wir es leben und gestalten wollen.“
    Das finde ich einen sehr schönen Satz, und ich finde er sagt alles, was man sagen kann in Bezug auf die Frage: Was kann Engagement sein (systemisch oder nicht ist dann zweitrangig)

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