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systemagazin Adventskalender – Meine kleinen Geschichten um die Wendezeit herum

| 5 Kommentare

Ulrike Jänicke, Halle:

Ich bin 1950 geboren in Mainz, wuchs aber seit 1957 in der damaligen DDR auf – bin also ost-sozialisiert. Die Wende war ein großes Glück für mich, für uns als Familie, für unendlich viele Menschen im Osten.

3 kleine Anekdoten mag ich teilen:

Es war 1990 und ich ging mit meiner Familie (Ehemann und meinen 12 und 14-jährigen Töchtern ins Neue Theater in Halle/Saale – einem Ort für gutes Denken und modernes Theater. Einige namhafte Journalist*innen aus dem Westen waren gekommen, um über die DDR und das Jetzt zu diskutieren. Wir waren gespannt. Aber was sich da auftat, war über die Zeit fast nicht auszuhalten, weil es sehr einseitige Betrachtungsweisen gab. Meine durchaus per se nicht so extrovertierten Töchter waren nach einer Stunde fast nicht auf ihren Plätzen zu halten, weil sie eigentlich immer rufen wollten: „Nein, so ist es nicht, nein, so war es nicht, ich habe keinen Schaden im Kindergarten genommen und nein, auch die Schule war nicht schrecklich, weil wir immer beide Seiten kannten, die DDR-Meinung und das West-Fernsehen und die Diskussionen zu Hause“. – Ein wenig stolz war ich da schon.

Ich habe bis 1992 als Oberärztin in der Psychiatrie an der Universität in Halle gearbeitet. Wir hatten seit zwei Jahren einen neuen Chef aus Bonn. Am letzten Arbeitstag gab es ein Abschlussgespräch. Nach den üblichen Dingen im Austausch fragte er mich ganz offen und ein wenig ratlos, was denn falsch lief. Er bemühe sich so und die Kolleginnen und Kollegen folgten ihm so wenig. Er wollte wirklich einen Rat. Ich sagte ihm sehr offen: „Sie haben uns keine Fragen gestellt, Sie haben nur Antworten gegeben. Wir hätten auch was einbringen können und zu sagen gehabt.“ Er war verdutzt und ich weiß nicht, was davon er verstanden hat.

1990 wurde ich als „Exotin“ zu einem Workshop auf einer Tagung von Systemiker*innen eingeladen zur Frage, wie es mir als Frau in der DDR gegangen ist. Ein wenig aufgeregt nahm ich an. Denn: Ich hatte das sichere Gefühl, dass ich es als Frau es in der DDR gut gehabt habe: ohne Mühe Krippen- und Kindergartenplatz, feste Arbeitszeiten, Freistellung von Nachtdiensten bis zum 6. Lebensjahr meiner Kinder, einen Haushaltstag pro Monat für die Erledigung welcher Dinge auch immer, gleiches Gehalt, einen Frauenförderungsplan für wissenschaftliches Arbeiten mit zeitlicher Freistellung, einen Mann, dem die Gleichberechtigung im Alltag selbstverständlich war und wir uns gut in die Kinderbetreuung hineinteilen konnten. Ich erzählte munter und engagiert davon, beantwortete Fragen dazu und hatte dennoch durchaus kritische und irritierte Zuhörerinnen. Meine Erzählung passte nicht zum Frauenbild, das damals im Westen da war und es schien unvorstellbar, dass ich das, worum in der BRD noch so hart gekämpft wurde, für mich schon realisiert sah.

Und: Ich habe über die vielen Jahre verstanden, warum ich so eine heftige Liebesbeziehung mit dem Systemischen eingegangen bin und mich nicht mehr trennen werde: ich kann fragen, fragen, fragen. Ich kann neugierig sein auf Menschen, Lebensweisen, Sichtweisen und Haltungen und ich weiß, dass ich nicht der Nabel der Welt und des Wissens bin. Ich kann Dinge von den unterschiedlichsten Seiten betrachten und ich kann die Toleranz leben, die ich in meiner Herkunftsfamilie schon mit der Muttermilch aufgesogen habe.

Was mir tatsächlich aber fehlt (oder ich nur nicht in den passenden Gremien bin), ist das Einbringen der Systemiker*innen in die aktuelle gesellschaftspolitische Diskussion. Ich denke oft, wir hätten war wichtiges beizusteuern, wir müssten das tun, wir sollten das tun, wer, wenn nicht wir?….

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5 Kommentare

  1. Ja, liebe Frau Jänicke, erscheint mir absolut stimmig! Danke für den Beitrag, der wieder Mal unsere systemisch gesehene Einfalt zeigt.
    Wir schauen nur aus unserer Perspektive und werden zum Helfer oder auch Leidenden und Muten uns so anderen zu bzw. geben den Anderen eine solche Rolle. Gilt übrigens auch für Klienten. Natürlich wirken Menschen mit und erschaffen für sich etwas Gutes. Schwierig wird halt die Machtfrage. Man muss auch mitmachen dürfen. Aber das ist ja in den Demokratien und Gesellschaften auch nicht so ohne Weiteres möglich.

  2. Wer, wann, wo, wie, mit wem, wofür …

  3. Liebe Frau Jänicke, mich hat die Begründung für Ihre Liebesbeziehung zum Systemischen sehr angesprochen – verbunden mit dem Wunsch, aktuelle gesellschaftspolitische Diskussionen systemisch anzureichern. Ich erlebe es auch so, dass wir da viel beitragen können und sollten – und wer, wann, wie? Danke für das Türchen im systemischen Denken

  4. Liebe Frau Ulrike Jänicke, so interessant! Danke! Die Geschichten eröffnen einen wichtigen Blick für viele oft einseitige Fokussierungen. Und: Ja, bringen wir uns mit unseren systemischen Haltungen und Sichtweisen in die gesellschaftspolitischen Diskussionen ein! Welche Vorgangsweise wäre dafür nützlich?
    Herzliche Grüße aus Österreich
    Max Puerstl

  5. Liebe KollegInnen

    Ein paar wunderbare kleine, aber essenzielle Geschichten, die sich anschliessen an das gestern im Kalender Erschienene. Und Dies nicht nur, weil ich seit vielen Jahren mit einer “Ossi” verheiratet bin und wir in den ersten Jahren viel von dem auch bei uns mitgekriegt haben, sondern weil hier auch der Zusamenhang mit dem Systemischen schlicht, aber herzhaft hervorgestrichen wird.

    Mit herzlichem Gruss aus der Schweiz
    Martin Rufer

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