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systemagazin Adventskalender: Kopplung von Sinnsystemen

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20adventArist von Schlippe, Osnabrück: Kopplung von Sinnsystemen

Was könnte ich denn dieses Jahr für den Adventskalender schreiben?  Ich erinnerte mich an eine kleine Glosse, die ich vor Jahren einmal verfasst hatte, aber ich konnte sie nicht mehr wiederfinden. Da sie mir jedoch nicht mehr aus dem Sinn ging, erzähle ich sie noch einmal neu. Sie ist für mich eine Lehrgeschichte über die Kopplung von Sinnsystemen. Das ist ein Prozess gemeinsamer Sinnfindung, der eben auch Unsinn mit einschließt, denn Verstehen wird in der Systemtheorie ja nicht als intersubjektive Sinndeutung verstanden, sondern als Bedeutungsselektion aus einer übermittelten Information – und die Kommunikation geht weiter, auch wenn ein externer Beobachter das Geschehen ganz klar als Missverstehen deutet.

Arist von Schlippe (Foto: Wifu.de)

Aber genug davon, kommen wir zu meiner Geschichte. 1994 war der damalige chinesische Ministerpräsident Li Peng zu Besuch in Deutschland. Von der deutschen Regierung zu nachdrücklich auf die Menschenrechte hin angesprochen, war er verärgert abgereist, ein Eklat. In dieser Zeit fuhr ich mit dem Zug nach Frankfurt. Die Reisenden standen schon in Erwartung des Bahnhofs vor der Tür, als der Zug noch einmal kurz zum Halten kam. An der Tür, an der ich wartete, standen neben mir dort noch zwei japanische Rucksacktouristen und eine kleine Gruppe erkennbar deutscher Passagiere: zwei Damen mit Täschchen und schicken Hütchen, ein Herr mit einem Lodenmantel, ebenfalls mit Hut („hutpflichtig“ sozusagen). Es entspann sich eine zunächst wortlose Kommunikation, indem vor allem der hutpflichtige Herr den beiden Japanern auf eine Weise zunickte (unterstrichen durch kleine Worte wie „Ja, ja! Ne!“), die mir wie eine Mischung aus freundlich und belehrend erschien. Schließlich sagte er: „Tja, nun ist er ja abgereist, Euer Li Peng!“ (Betonung auf dem „Peng“, es hätte auch ein Revolverschuss gemeint sein können). „Sorry, we don’t understand!“ war die Antwort der Rucksacktouristen. Darauf bemüßigte er sich, weiter zu erläutern: „Ja, das kennt Ihr nicht, nicht wahr? Menschenrechte und so weiter!“ – „No, no, we come from Koblenz!“ war die Antwort der erkennbar unter sinnsuchender Spannung stehenden Japaner. „Wie? Nein, ich meine, hier in Deutschland, Germany, hier ist Demokratie, bei Euch ist Diktatur, verstehen?“ – „Democracy, dictatorship? Sorry, we don’t understand!“ – „China Diktatur, verstehen?“, mischten sich nun auch die Damen ein, „Germany Demokratie. China wie Hitler, Germany not Hitler!“ Plötzlich hellten sich die Gesichter der Japaner auf: „Ah, you hate Hitler?“ Etwas irritiert reagierten die drei deutschen Gesprächspartner: „Wie? Ach, ja sicher, we hate Hitler, klar!“ und begannen zu lachen. Die Japaner fielen in das Lachen ein: „Ah, you hate Hitler, well, that’s good! That’s very good!“

Der Zug rollte in Frankfurt ein, lachend stiegen alle aus (nur ich schmunzelte eher, war ich doch der weise Beobachter der Szene…). Ich vermute, dass die drei Deutschen hinterher sich freuten, dass sie den Chinesen mal so richtig gesagt hatten, was für’n tolles Land doch Deutschland ist und die beiden Japaner waren zufrieden, sich in einem Land zu befinden, wo der alte Diktator ordentlich gehasst wird. Bedeutungsselektion war zustandegekommen, ein Interaktionssystem hatte sich gekoppelt – Dank der Deutschen Bahn zum Glück nur lose :-).

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