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systemagazin Adventskalender – Inspiration auf der Glienicker Brücke: eine Bildergeschichte

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Ulrich Schlingensiepen, Potsdam:

Ich kann mich beim besten Willen nicht erinnern, wo ich am 9.11.1989 war. In Stuttgart, so viel ist sicher. Aber ich erinnere mich sofort an meinen Vater, der über viele Jahre Pakete und Päckchen zu seinem Kriegskameraden und seiner Familie nach Klingenthal geschickt und mit im Mantel eingenähten D-Mark-Scheinen seinen Freund dort besucht hat. Für ihn wäre dieser Tag ein Fest gewesen.

Also ich hatte keine Erinnerung an diesen Tag, aber ich war neugierig. Und so fuhr ich am 10.11.2019 nach Potsdam zur Glienicker Brücke, Schauplatz während des Kalten Krieges. Über diese Brücke tauschten die USA und die Sowjetunion Spione und Agenten aus, sie wurde am 10.11.1989 geöffnet.

Ich wollte mal nachprüfen, wie es mir an diesem aufgeladenen Tag an diesem Ort so geht. Was immer auch geschieht, es ist das einzige, was geschehen kann. Und Bier- und Currybuden gab’s ja auch. Die Stadt hatte eine große Veranstaltung geplant. Die Brücke war weiträumig für den Autoverkehr gesperrt, angestrahlt, Videoprojektionen des Agentenaustausches zwischen Ost und West, Bier- und Sektbuden, Diskussionsrunden, Tafeln mit Erläuterungen zur Geschichte der Brücke im Kalten Krieg. 

Also: dem Zufall und der Inspiration eine Chance geben und so machte ich mich mit der Kamera auf den Weg, in der Hoffnung Resonanzen zu erzeugen.   

Die Brücke war voller Menschen, die den Aufenthalt sichtlich genossen, Eigentlich ein Kunstwerk, ein Environment, begehbarer Raum mit einer Verdichtung der letzten 30 Jahre an diesem Tag. Und die Menschen haben sich dieses „Kunstwerk“ zu Eigen gemacht. In den Gesprächen war die Lebendigkeit und Freude zu spüren, an diesem Tag wie in einem Simulator zurück zu schauen und die Vereinigung zu feiern, sich zu freuen und den eigenen Resonanzen Raum zu geben.

Zu fotografieren ist vielleicht ein kleiner Trick. Die Kamera spricht nicht und durch den Sucher experimentiert man mit der eigenen Wahrnehmung. Man bräuchte keine Bilder, wenn sie auch zu sagen wären. 

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