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systemagazin Adventskalender: Heimat – Wurzeln und Flügel

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Peter Müssen, Köln: Heimat – Wurzeln und Flügel

Das Thema im diesjährigen Adventskalender legt nahe: SystemikerIn zu sein bedeutet, kraftvolles Engagement für hilfreiche und wertorientierte Veränderung.

Zu Recht! – individuell, sozial und politisch. Das versuchen wir, erleben nicht selten wunderbare Prozesse, bei denen wir nützlich sein konnten, und bleiben doch oft auch hilf- und ratlos zurück.

Mir fällt dazu die ganz alte Witz-Frage ein: Was ist der Unterschied zwischen dem Lieben Gott und einem Psychotherapeuten? … Der Liebe Gott weiß, dass er kein Psychotherapeut ist.

Systemische PraktikerInnen sind zuständig für hilfreiche Veränderungsprozesse. Na klar!

Es gibt aber auch eine andere Seite, die ich hier gerne einmal aufschlagen möchte:

Wohl kaum ein Satz wird in systemischen Kreisen so oft zitiert, wie der von Heinz von Foerster: „Handle so, dass die Zahl deiner Wahlmöglichkeiten größer wird.”
Dieser Satz ist sooo oft sooo richtig. Aber …

Peter Müssen

Bei einer Tagung des Berufsverbands für Beratung, Pädagogik & Psychotherapie (BVPPT), bei der ich als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Beratung (DGfB) ein Grußwort auszurichten eingeladen war, ging es um das Thema „Heimat“ und diese Tagung hat mich sehr nachdenklich gemacht.

Wir leben in einer Multi-Options-Gesellschaft und als ich jetzt „The Paradox of Choice: Why More Is Less“ des amerikanischen Psychologen Barry Schwartz gelesen habe, da wurde mir bewusst, dass es heute manchmal auch um etwas anderes gehen könnte als um die Maximierung von Optionen. Bitte: Nicht als ein Dilemma im binären entweder-oder, sondern als ein systemisches sowohl-als-auch.

Vielleicht können wir manchmal ja auch hilfreich sein, wenn wir Menschen helfen, das dankbar zu sehen, was sie haben, was ihnen durch andere geschenkt wird, was Wert hat jenseits aller Veränderungsideen oder -postulate und so etwas wie „Heimat“ ist.

Da Tom Levold so etwas wie eine Brand-E-Mail geschrieben hat, um die restlichen Türchen des diesjährigen Adventskalenders füllen zu können, erlaube ich mir, hier einfach einmal Gedanken zum Thema „Heimat“ anzubieten, die aus meinem Grußwort beim BVPPT stammen.

Der Begriff „Heimat“ – einst von den Nationalsozialisten durch ihre Blut-und-Boden-Ideologie kontaminiert – erlebt eine ungeahnte Renaissance. Die Flüchtlingsströme der vergangenen Jahre drängen zudem das Thema natürlich in den Fokus.

Ganze Ausgaben von Zeitschriften und viele Zeitungsartikel widmen sich diesem Thema, Das ZDF gestaltete im Oktober 2015 eine Themenwoche „Heimat“, das Münchener Tollwood-Winterfestival bietet 2016 auf der Theresienwiese die Veranstaltung „Was macht Heimat aus? Wo bin ich zu Hause, wo gehöre ich hin?“ an, in Lenzburg in der Schweiz kann man seit März dieses Jahres im Zeughaus das Ausstellungsprojekt „Heimat. Eine Grenzerfahrung“ besuchen, neben Bayern gibt es auch in NRW ein Heimatministerium und die politischen Parteien versuchen sich mit diesem Begriff zu profilieren. Die Liste der Beispiele für das Revival des Begriffes ließe sich leicht verlängern.

Der Philosoph und Psychiater Karl Jaspers hat seine Dissertation 1909 über das Thema „Heimat und Verbrechen“ geschrieben und damit die von ihm als „Hirnmythologie“ kritisierte lange Tradition, die z.B. „Heimweh“ als rein physisch-naturwissenschaftliches und forensisches Problem verstanden hat (als morbus helveticus / nostalgia 1688 z.B. von dem Arzt Johannes Hofer / Basel beschrieben), durch eine psychologische Sichtweise ersetzt. Von ihm stammt das bekannte Zitat „Heimat ist da, wo ich verstehe und wo ich verstanden werde“.

Unser Bundespräsident Walter Steinmeier zitiert Jaspers in einer Ansprache beim Hessentag in Rüsselsheim:

„Heimat ist dort, wo ich verstehe und verstanden werde. Ich finde, das ist eine kluge Definition von Karl Jaspers, denn sie zeigt: Heimat ist kein geographischer Ort, sondern ein Sehnsuchtsort – aber einer, der Realität werden kann; und zwar für ganz unterschiedliche Menschen, trotz unserer Unterschiede, und trotz der Umwälzungen um uns herum. Heimat ist nicht rigide – sondern kann sich verändern. Heimat steht offen – aber sie ist nicht beliebig!

Ich will nicht unterschlagen: Wenn für Millionen Zuwanderer Deutschland eine neue Heimat geworden ist, dann hat sich für uns Einheimischen die alte Heimat verändert. Für mich bedeutet das: Ja, wir sollten den Zugezogenen dabei helfen, zu verstehen und sich verständlich zu machen. Aber auch die Einheimischen wollen in ihrem Zuhause verstehen und verstanden werden! Und das wird eben schwierig, wenn die Veränderung zu schnell und zu radikal passiert. Unsere Sprache, die vertrauten Regeln und Gepflogenheiten des Zusammenlebens – all das gehört dazu!

Man braucht das deshalb nicht ‚Leitkultur‘ nennen. Nach meiner Erfahrung ist die Debatte unter dieser Überschrift immer schief gegangen. Sondern verstehen und verstanden werden – ich finde, das ist ein gutes Ziel, für die Neuen und für die Eingesessenen. Beide miteinander müssen diese schwierige Balance hinbekommen.“

Neben diesem politischen Aspekt, den der Bundespräsident anspricht, lassen Sie mich drei weitere Gedanken zum Thema „Heimat“ hinzufügen.

1. Den archetypischen Begriff „Heimat“ gibt es neben dem eher geographischen Verständnis als „Heimatort“ oder „Heimatland“ – die Niederländer sagen „plaats von herkomst“ – auch in der Variante der sozialen „Beziehungs-Heimat“. Beate Mitzscherlich, eine Psychologin aus Zwickau, merkte 2013 in einer Veranstaltung des SWR an der Stuttgarter Hochschule für Medien zum Thema Heimatgefühle an: „Die Qualität von Heimat entsteht nicht durch den Ort an sich, sondern dadurch, dass dieser sozial besetzt ist, dass es dort Vertrautheit und Geborgenheit gibt.“ Sie verweist auf Studien zur innerdeutschen Migrationsforschung aus der Zeit nach der Wende: „Während bei fast allen Befragten – unabhängig davon, ob sie von Ost nach West oder von West nach Ost wanderten – Werte für Depressivität, Ängstlichkeit und Fremdheitsgefühle stiegen, sanken diese erkennbar in dem Moment, wo angegeben werden konnte: Ich habe neue Freunde gefunden. Integration in die Gemeinschaft, die Erfahrung von Zugehörigkeit, Anerkennung und Vertrautheit, ist also eine wesentliche Voraussetzung für Heimat.“

Ich glaube, dass es für jeden Berater und Therapeuten wichtig ist zu wissen, wo und wie sein Grundbedürfnis nach Geborgenheit, Zugehörigkeit, Kohärenz und Stabilität in Beziehungen, sein soziales Heimatbedürfnis, gestillt werden kann. In diesem Sinne gut beheimatet zu sein, ist ein wichtiger Resilienzfaktor im Hinblick auf unsere beruflichen Herausforderungen, gerade dann, wenn wir es mit psychisch Heimatlosen, mit Flüchtlingen oder Migranten zu tun haben. Die Philosophin Simone Weil schrieb: „Verwurzelt zu sein ist vielleicht das Wichtigste und am wenigsten erkannte Bedürfnis der menschlichen Seele.“

2. Verwurzelt erlebe ich mich zweitens aber nicht nur in den sozialen Beziehungen, in denen mein Herz zuhause ist, sondern zudem auch in der Art und Weise, wie ich die Welt verstehe und deute. Dazu gehören meine theoretisch-intellektuellen Überzeugungen und meine Werte.
Dieses „Identifikationsgehäuse“ (Katarina Vojvoda-Bongartz), in dem ich mich geistig-kulturell zu Hause fühle, ist für mich persönlich die systemische Art über Menschen und Beziehungen zu denken: Man kann sich auch in einem Denken, einer Theorie oder in einem Verband und seiner Atmosphäre, einer Partei etc. zu Hause fühlen.
Mir dieser Entscheidung für eine ganz bestimmte Perspektive und Deutung von Wirklichkeit aus den vielen möglichen anderen Sichtweisen – also des Wahlcharakters meiner Heimat – bewusst zu bleiben, halte ich für ein eine weitere wichtige Voraussetzung unseres Berufes, um Ideologisierung, Dogmatismus und trivialisierende Reduktionismen zu vermeiden.

3. Schließlich lassen Sie mich noch eine klassische Coaching-Metapher erwähnen:
Heimat kann auch zur behäbig-stabilen Komfortzone werden, in der – formuliert nach dem Modell der Theorie U von Otto Scharmer – nur noch altbekannte Gedankenmuster und „sicheres“ Wissen abgespult oder ,downgeloadet’ werden, um bestehende Erwartungen an die Wirklichkeit  zu bestätigen. Die Welt wird dann nicht mehr resonant-empathisch aus den Augen des anderen gesehen und die Zone der Herausforderung durch den Anderen oder das Neue nicht betreten. Offen zu bleiben für die Herausforderung einer Musterunterbrechung und den Aufbruch ins Instabile, Neue, Fremde und Dialogische zu wagen, empfinde ich als weiteres Element einer gesunden Heimatverbundenheit. Man könnte vielleicht von der Grundkompetenz einer Offenheit für das Ereignis ‚Resonanz‘ (Hartmut Rosa) sprechen, in der man den ehrlichen Dialog mit anderen Heimaten wagt.

In diesem Sinne lautet der Titel des dritten Teils des großen filmischen Heimatepos’ von Edgar Reitz „Die andere Heimat – Chronik einer Sehnsucht“. In dem Film bleibt der Bauernjunge Jakob Simon in seinem Hunsrück-Heimatdorf Schabbach seiner Sehnsucht nach Leben treu und wandert – wie viele andere auch – in eine andere Heimat aus.

Ganz anders dagegen der Film ‚Chocolat‘ mit Juliette Binoche und Johnny Depp. Vianne Rocher ist ruhelos, bricht immer wieder ihre Zelte ab und zieht mit ihrer Tochter Vianne, vom „listigen Nordwind“ und ihrer verstorbenen Mutter, einer mexikanischen Nomadin, getrieben, von Ort zu Ort – heimatlos. Dabei kommt sie schließlich in das kleine Provinzstädtchen Lansquenet-sous-Tannes. Dort findet sie, lange Zeit vom bigotten Bürgermeister als Fremde im Ort verbittert angefeindet, zusammen mit ihrer Liebe, dem bis dahin auch heimatlosen Zigeuner Roux, endlich eine Heimat – nachdem sie aus der immer mitgeführten Urne die Asche ihrer Mutter vom Nordwind verwehen lässt.

Neben dem Glück einer guten Beheimatung, die „Wurzeln und Flügel“ (J.W. von Goethe) zugleich schenkt, kann es beides geben:

Die Sehnsucht in der alten Heimat nach einer anderen Heimat (Fernweh) wie auch die Sehnsucht in der heimatlosen Ruhelosigkeit nach einer Heimat (Heimweh).

Wichtig scheint mir, dass wir in achtsamer Selbstfürsorge versuchen, uns aus der ‘alten’ und den uns begegnenden ‘neuen’ Heimaten anderer, eine eigene gute Beheimatung zu schaffen, in der unsere Grundbedürfnisse nach Motivation, Autonomie und sozialer Eingebundenheit (vgl. die Self-Determination-Theory von Richard M. Ryan und Edward L. Deci) erfüllt werden.

 

4 Kommentare

  1. Lieber Peter, Dein Beitrag macht nachdenklich. Zur Erheiterung ein Zitat von Gerhard Polt:
    Die Heimat der Salmonelle ist nicht ausschließlich der Kartoffelsalat.
    Ich wünsche Dir alles Gute, Dörte

    • Liebe Dörte,
      herzlichen Dank für deinen Kommentar. Auch ich mag Gerhard Polt sehr.

      Ein frohes Fest – gibt’s bei euch Kartoffelsalat?
      und liebe Grüße
      Peter

  2. Lieber Peter,
    selbst an der Schwelle zu einer Art Heimatwechsel hat mich Dein Beitrag sehr angesprochen. Ein schöner Text, in dem Du den Facettenreichtum des Heimaterlebens andeutest und würdigst. Das hat mich angeregt, Dir hier auch noch einen kleinen Dreifachlimerick aus dem Nachlass von Hieronymus Heveluk zu schicken. Hieronymus Heveluk, dessen nur unvollständig erhaltenes und nur von Zeit zu Zeit sich eher durch Zufall erweiterter Kenntnis erschließendes Werk ich mit der Zeit zu erforschen suche, schrieb, vermutlich vor etwa hundert Jahren folgendes:

    “Heimat ist kein Ort,
    ist auch nicht nur ein Wort.
    Ihr Wesen scheint am wahrsten
    und als Moment am klarsten
    ist man fort von dort.

    Bodenständig sei Verstehen
    nicht allein, weil ohne über Grenzen gehen
    das Verstehen als Erfahrung endet,
    die sich an das Andere wendet –
    das Selbst im Fremden sich zum Lehen.

    So ist Heimat Land und Zelt
    in einem, Ort und Welt,
    bereit zum Dasein und zum Wandeln,
    gewahrt in dem bezog’nen Handeln,
    das aus sich gibt und einen hält.”

    In diesem Sinne: Gute Wünsche für Dich zu Weihnachten und einen Guten Rutsch!
    Herzlich
    Wolfgang

    • Lieber Wolfgang,
      herzlichen Dank für deine Antwort. Der “Limerick” von Hieronymus Heveluk
      ist wunderbar! Bleib bitte am Ball!!

      Herzlich
      Peter

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