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systemagazin Adventskalender – Fragmente aus einer Wendezeit

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Dörte Foertsch, Berlin:

Aus meiner heutigen Sicht scheint mir der „Osten“, also die damalige DDR als sie es noch gab, näher gewesen zu sein als in den Jahren nach dem 9. November 1989. Heute, 30 Jahre später, gibt es immer noch Fremdheitsgefühle, sie sind aber sporadisch geworden und manchmal plötzlich, besonders wenn Menschen von früher erzählen und wie es damals so war.

Seit 1976 lebe ich in Berlin-West, das ist auch heute noch so. Ich habe anfangs in der Nähe der Mauer in Kreuzberg gewohnt und an manchen Stellen drüber schauen können. Der Osten war ja nah, der Alex immer zu sehen – außer wenn es neblig war. Oft bin ich am Tränenpalast über die Grenze oder auch an der Oberbaumbrücke oder an der Sonnenalle, jetzt wohne ich wieder dort. Manchmal fällt es mir noch ein, wie und wo das war, manchmal ist das vergessen. Warschau oder Prag waren nicht weiter weg als Hamburg oder Köln. In welcher Richtung die Grenze zu überschreiten war, es war immer mit gewissen Ängsten verbunden, wie lange wird es dauern, werden wir gefilzt, was werden sie finden was die Reise verhindern wird, meine Reisepässe von damals sind voll mit Stempeln der verschiedenen Grenzübergänge.

An der FU gab es den Studiengang „Kritische Psychologie“, eine politische und gesellschaftliche Sicht auf die Psychologie in Abgrenzung zu naturwissenschaftlichen Konzepten, verbunden mit einer manchmal verklärenden Sicht auf den Sozialismus in der UDSSR und der DDR. Das Thema Ökologie in der DDR wurde komplett ausgeklammert, obwohl ich die verpesteten Städte Cottbus, Schwedt und Eisenhüttenstadt besucht hatte. Die Theaterkarten und Bücher in Ostberlin waren eben billig, aber man wurde auch schwer bewacht, wenn man an der Friedrichstrasse in den Osten wollte, die Silhouette der bewaffneten Vopos an der gläsernen Bahnhofsfront werde ich nicht vergessen.

Nach dem Studium ging ich ans BIF, das Berliner Institut für Familientherapie, Systemische Beratung, Supervision und Fortbildung e.V. Systemische Therapie zu lernen war eine konsequente Entscheidung nach dem Studium. Am BIF gab es seit 1988 Kontakte zu einer Ostberliner Gruppe von Psycholog*innen und Sozialarbeiter*innen mit Interesse an einer Weiterbildung in Familientherapie. Vor dem Fall der Mauer fuhren Kolleg*innen nach Ost-Berlin zu „konspirativen“ Treffen, um dort eine Weiterbildung zu organisieren. Auch ein fairer Preis für den Umtausch von Ost-Mark in West-Mark wurde verhandelt, der Beginn sollte 1990 sein. Dann fiel die Mauer und alles schien viel einfacher zu werden, der Kurs startete mit allen Ostberliner Kolleginnen nach den curricularen Regeln, also: Bewerbungsgespräche, Verträge, Bezahlung in West-Mark, Termine am BIF usw. und nichts war einfacher geworden. Es gab erhebliche Widerstände, sich aufeinander einzulassen, auch das BIF gehörte nun zu einer dieser Westinstitutionen welches „die DDR übernommen hatte, geschluckt und überrollt“. Die Spielregeln waren klar, und es war auch klar dass wir Kolleg*innen uns nicht verstanden. Das Thema Selbsterfahrung als Teil der Weiterbildung war besonders schwierig, Themen der Vergangenheit und familiärer Biografien mussten auf der Strecke bleiben. Die Dimension gegenseitiger Bespitzelung und die Rolle der Stasi war mit im Raum und ich war zu naiv, dies nicht zu berücksichtigen. Wir brauchten eine gemeinsame Idee und kein hierarchisches Verhältnis, wir brauchten, um weiter zu kommen, mehr Augenhöhe und gegenseitige Anerkennung. Ich gehörte bis 1989 immer zu denjenigen, die eine gegenseitige Anerkennung von BRD und DDR befürwortet hatten. Diese Idee musste in unserem kleinen Kosmos umgesetzt werden. Mit Unterstützung einer Kollegin fanden wir Räume in Berlin-Treptow, jetzt der Nachbarbezirk von Kreuzberg ohne eine Mauer dazwischen, um eine Beratungsstelle gemeinsam aufzubauen. Drei der noch in der Weiterbildung lernenden Kolleginnen konnten über die damals so genannten ABM- Stellen finanziert werden, ich übernahm die Leitung als freiberuflich Tätige.

Wir lernten Familien in ernsthaften Krisensituationen kennen, weil sie nicht wussten, wie es beruflich und persönlich weiter gehen könnte, Krisen die auch zu Aufenthalten in der Psychiatrie führten. Meine systemische Arbeit und Sicht auf Diagnosen war für meine Kolleg*innen neu und unverständlich. Aber da war auch wieder dieser Unterschied im Wege, ich hatte die Leitung, die anderen waren angestellt, zwar besser bezahlt als ich, aber gefühlt auch abhängiger. Wir haben mindestens fünf Jahre gebraucht, um annähernd gleichberechtigter zu werden, finanziell und in Bezug und Einfluss auf die inhaltliche Ausgestaltung dieser Beratungsstelle. Die Verhandlungen mit dem Berliner Senat um eine finanzielle Fortführung wurden schwieriger. Nach fünf Jahren änderte sich die Finanzierung, das Thema Ost-West war politisch erledigt. Die Kolleginnen aus der damaligen Weiterbildungsgruppe lösten sich als Gruppe auf, sie gingen ganz erfolgreich eigene Wege.

Fünf Jahre waren zu kurz. Für mich ist das ein Beispiel, wie sehr die Art und Weise und nicht eine Tatsache die Menschen prägt. Das wirkt in angespannten oder manchmal scheinbar unlösbaren Konflikten viel länger nach als die Entscheidung selber. Ich habe in den fünf Jahren viel gelernt über die Ausbildungs- und Arbeitssituation von Psycholog*innen in der DDR und deren politische Bedeutung – manch eine Desillusionierung über „Kritische Psychologie“ musste stattfinden. Aber ich habe mich auch darüber geärgert, wie viele Menschen damals Helmut Kohl und die CDU wählten.

Später lernte ich einen Mann aus Ostberlin kennen, wir hätten Tür an Tür wohnen können, wenn die Mauer nicht gewesen wäre. Wir sind seit 25 Jahren eine „Patchworkfamilie“, er und seine drei Söhne sind zu mir in den Westen gezogen. Ihre Schulzeit war von Diskriminierung einerseits und bis heute anhaltenden Freundschaften andererseits geprägt. Meine zwei Töchter haben kaum eine Erinnerung mehr an den Abriss der Mauer, an der wir am 10.9.1989 standen.

Manchmal erzählen wir von früher, ich von den wunderbaren Zeiten, auf einer Insel in Westberlin zu leben, er von den aufregenden Zeiten der Hausbesetzungen im Prenzlauer Berg, ich vom „Taschengeld“ welches aus der BRD nach Westberlin gezahlt wurde, er von seinen ersten Reisen in die Mongolei als Arbeitsstudent und dem „Begrüßungsgeld“ im Westen. Ich erzähle wie es war, beim Umzug eine Plastiktüte zu öffnen mit einer alten Ausgabe des „Neuen Deutschland“ die so sehr nach DDR roch wie damals die Flugzeuge mit Interflug nach Kreta und er erzählt, wie es war als die Rolling Stones auf der anderen Seite des Brandenburger Tors spielten.

Manchmal sind die Geschichten ganz lustig und anekdotisch, manchmal sehr ernst. Meine Festnahme aus unerklärlichen Gründen bei einer Reise nach München und die Knasterfahrung seines Bruders im August 1989. Seine Stasiakte und die Geschichte dahinter und meinen Verwandten, der für den BND arbeitete. Diese Vergangenheiten sind manchmal für die jetzt erwachsenen Kinder ganz spannend, lustig, aber auch uninteressant. Sie sind ganz selbstverständlich Geschwister geworden. Es bleibt wie immer die Frage: wann ist es wichtig, auf die Vergangenheit und die dadurch prägenden politischen und kulturellen Unterschiede zu achten und wann können sie überlebt und unwichtig geworden sein.

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