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systemagazin Adventskalender: Es lebe das Fremde!

13adventRudolf Klein, Merzig: Es lebe das Fremde!

Die Gegenüberstellung der Begriffe „fremd“ und „vertraut“ lädt ein, über die damit verbundenen Implikationen nachzudenken. Mit der Wahl dieses Begriffspaares werden spezifische Bedeutungen nahegelegt: „Vertraut“ bedeutet laut Duden (www.duden.de) so viel wie „wohl bekannt“, „intim“, „gewohnt“, „eng verbunden“ während „fremd“ mit „nicht dem eigenen Land angehörend“, „unbekannt“, „nicht vertraut“, „anders geartet“ assoziiert wird. Das Fremde ist unbekannt und wird daher eher problematisiert während das Vertraute bekannt ist und eher unproblematisch erscheint.

Bei genauerem Hinsehen lässt sich aber das Fremde, das Nicht- oder Noch-Nicht-Bekannte, die Überraschung, der Zufall, kurz: der Unterschied nicht etwa nur außerhalb des Vertrauten verorten. Das Fremde existiert auch in dem Bereich, in dem man es am wenigsten erwartet: Im Vertrauen nämlich. Dabei muss man noch nicht einmal an die Debatte über Globalisierung, Migration o.ä. denken.

Wer in einer Partnerschaft lebt, weiß, wovon ich rede. Da merkt man, wenn man sich im Laufe der Jahre keine emotionale Hornhaut gegen jegliche Irritation angelegt hat (oft eine Ausgeburt pseudoharmonischer, konfliktvermeidender Beziehungsmythologien), dass Partner fast täglich Unberechenbares hervorzubringen imstande sind. Das kann bei dem nichtauffindbaren Joghurt (nein, gerade eben nicht im Kühlschrank!) losgehen und sich über die Themen Geld (wer gibt wofür, wann, wieviel aus und wer verdient es?), Sex (wann, wie oft, wie, womit, mit wem, ohne wen?) bis hin zu plötzlich neu gestalteten Wohn-, Schlaf-, Bade-, und Arbeitszimmern ausdehnen, von neuen Frisuren und Outfits ganz zu schweigen – um nur die harmlosesten Überraschungen zu nennen.

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Rudolf Klein

Spätestens dann dämmert einem, dass das Fremde der Normalfall ist und man nur deshalb nicht daran denkt, weil man sich durch die unhinterfragte Idee und Wortwahl des „Vertrauten“ im Gegensatz zum „Fremden“ selber in die Irre geführt hat.

So lange man über solche Unterschiede staunen, sie mit Ruhe hinnehmen, sich über neue neuronale Verschaltungsoptionen freuen und man über die Unterschiede und das Fremde meinetwegen auch debattieren, streiten und Konflikte austragen kann, ist die Sache relativ okay. Ja, es kann sogar eine Quelle der Inspiration und Kreativität sein.

Wenn nicht, wird es mindestens interessant, manchmal sogar riskant: Dann erscheint der Partner nämlich im Laufe der Jahre immer unbekannter. Fremd sozusagen. Obwohl man ihn von Tag zu Tag länger kennt. Man hat, so erklären sich manche dieses Phänomen, möglicherweise den falschen Partner erwischt oder er hat sich im Laufe der Zeit negativ verändert.

Öfter wird die zweite Erklärungsvariante gewählt. Und spätestens jetzt sollte man den Partner wieder auf den richtigen Kurs zu bringen versuchen. Auf den eigenen richtigen Kurs, versteht sich. Dummerweise denkt der Partner oft auch so: Die wechselseitige Fremdheit wird zum Problem und soll dem Vertrauten wieder weichen.

Wenn man es einfach ausdrücken will, entsteht Fremdheit als Problem eigentlich nur aus zwei Gründen: Wenn die Idee geteilt wird, dass aus dem Fremden das Vertraute werden, Gleichheit also die Maxime menschlicher Beziehungen darstellen soll und diese Idee als wahres Wissen konzipiert wird. Oder anders ausgedrückt: Wenn eine Gleichheits- bzw. Vertrautheitsmythologie unhinterfragt geteilt wird. Das Fremde wird somit also nicht bekämpft, weil es anders ist (das wäre trivial), es wird bekämpft, weil es nicht so ist wie ich.

Obwohl es theoretisch klar ist, dass Gleichheit nicht herstellbar ist (Fremdheit und Ungleichheit sind der zu erwartende Fall), wird in der alltäglichen Beziehungsgestaltung die Egalisierung immer wieder gerne angestrebt. Das Fremde soll im Extremfall ausgetrieben werden und wird bekämpft: Mit gut zureden, mit pädagogisch ausgeklügelten Strategien, mit Paartherapien, mit Drohungen, Bestechungen und Erpressungen jeglicher Art.

Man ist dann intensiv damit beschäftigt, erste Vorkehrungen für das Begräbnis der Partnerschaft zu treffen. Manchmal geschieht dies dann leider im wörtlichen Sinne – zum Beispiel nach Gewalttaten, bei denen die empfundene Fremdheit und Ungleichheit des Partners so groß erlebt wird, dass sie mit gewalttätigen Mitteln in Richtung Vertrautheit und Gleichheit verändert werden soll.

Vielleicht besteht die Herausforderung darin, eher mit der Unterscheidung zu operieren, im Vertrauten das Fremde und im Fremden das Vertraute aufzuspüren ohne dabei eigene Positionierungen sofort aufgeben zu müssen und ohne bereits vorab wissend vorzugeben, was man für die richtige Entscheidung hält. Und vielleicht ist es sinnvoller, angesichts des unvermeidlich Fremden im Vertrauten und des Vertrauten im Fremden das Staunen, die Neugierde am Anderssein zu entdecken und weniger von der Überlegung sich leiten zu lassen, wie man am besten, schnellsten und effektivsten Vertrautheit herstellen kann – mit allen gewünschten und unerwünschten Nebenwirkungen.

Und während ich das so schreibe, fällt mir mal wieder ein Zitat von Philip Roth ein, das mich seit Jahren begleitet. Er schreibt in seinem Buch „Der menschliche Makel“: „Mit „Jeder weiß“ ruft man das Klischee an und beginnt mit der Banalisierung der Erfahrung, und das eigentlich Unerträgliche sind die Feierlichkeit und das Gefühl der Autorität, mit der die Leute das Klischee aussprechen. Wir wissen nur, dass auf individuelle Weise niemand irgend etwas weiß. Man kann gar nichts wissen. Die Dinge, von denen man weiß, dass man sie nicht weiß. Absicht? Motiv? Folge? Bedeutung? Was wir nicht wissen, ist erstaunlich. Noch erstaunlicher ist, was wir als Wissen betrachten.“ (S. 235)

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