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systemagazin Adventskalender – Die deutsche Vereinigung und ich: Szenen zwischen 1973 und 2018

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Jochen Schweitzer, Heidelberg:

Als westdeutsches „Zonengrenzkind“, geboren in Göttingen , aus Bebra stammend und dort oft bei meinen Großeltern zu Besuch,  war für mich „Drüben“ immer hochinteressant. Aber es war  bis zu meinem 35. Lebensjahr praktisch unbekannter als die USA oder Frankreich. Ich schildere einige wenige mir zentrale Erinnerungen. Meine Haltung wird daraus deutlich werden: klasse, dass dieses Land wieder vereint wurde! Schade und tragisch, dass dies in Form eines einseitigen „Anschlusses“ geschah, der das (Volks-)Vermögen der Menschen im Osten ihnen enteignet und viele ihrer Kompetenzen vorübergehend wertlos gemacht hat. Die aktuellen Probleme des in Ostdeutschland noch umfangreicher als im Westen verbreiterten Rechtsradikalismus erkläre ich mir zu wesentlichen Teilen auch damit, was nach 1989 geschah. 

Irgendwann 1973: Willy Brandt und Willy Stoph oder ihre Unterhändler haben einen innerdeutschen „kleinen Grenzverkehr“ ausgehandelt. Westdeutsche im 30 km Abstand von der Grenze dürfen in den 5-30 km-Bereich auf der ostdeutschen Seite für 24 Stunden reisen, wenn Sie 25 Mark zum Verhältnis 1.1 („Staatswucher“) umtauschen und dort lassen . Mit meinem Vater fahren ich von Bebra nach Eisenach und Mühlhausen, bin tief beeindruckt von der Wartburg, den miserablen Straßen, dem preisgünstigen Mittagessen, unseren freundlichen älteren Verwandten drüben. 

November 1989: Mit noch recht frischem  Baby sitzen wir zuhause am Fernsehen und betrachten darin mit offenen Augen die Ströme von Menschen, die hauptsächlich von Ost nach West, aber auch von West nach Ost fahren. Jeden Abend rufen meine Eltern an, und berichten, wo sie jetzt gerade wieder angekommen sind („Bad Salzungen, Friedrichsroda, Erfurt, Dresden…“). Wir hören es voller freundlichem Neid. Wir sind nicht dabei.

März 1990: Wir haben einen VW-Campingbus gemietet und fahren eine Woche durch Thüringen. Auf dem Marktplatz von Jena, nahe der Bananen- und Wurstwagen aus dem Ruhrgebiet, fragt uns eine freundliche alte Frau, ob das unsere beiden Kinder wären und ob wir aus dem Westen kämen – die beiden sähen so gesund aus. Die Braunkohleschwaden aus Heizungen und Trabis hängen in der Luft, wir können die Kontexte ihres Kommentars erahnen. Am Abend stehen wir mit dem Campingbus in einem Wald zwischen Jena und Weimar und bekommen Angst, als wir in der Nähe sowjetische Truppen im Gelände beobachten. Die tun uns aber nichts.  Am nächsten Morgen in Weimar staune ich, dass Männer im Blaumann morgens um 10 Uhr ihre Arbeit für 30 Minuten und mehr verlassen (können, dürfen, müssen?), um in einer Bäckerei  für die dort angekündigten frischen Brötchen sich in die Schlange zu stellen.

März bis Oktober 1990: Nach den Volkskammerwahlen im Frühjahr wird klar, dass die DDR sich als „Beitrittsgebiet“ der BRD anschließen wird.  In meinem Umfeld löst das Bedauern bis Entsetzen aus. Wir hatten gehofft, es werde „das Beste aus beiden Systemen“ für den gemeinsamen Staat übernommen werden.  Als in den gesamtdeutschen Wahlen Oskar Lafontaine, Warner  vor der sofortigen Einführung der D-Mark im Osten, weil diese die Ost-Wirtschaft sofort konkurrenzunfähig machen werde,  gegen Helmut Kohl verliert und als Bündnis 90/ die Grünen ins gesamtdeutsche Parlament gar nicht hineinkommen, ahnen wir den totalen „Endsieg“ eines nun entfesselten Kapitalismus kommen. Die Frankfurter Rundschau sagt voraus, Ostdeutschland werde sich nie davon erholen, dass nun alles Kapital und  die Verfügungsmacht über die Produktionsmittel dauerhaft im Westen sitze.

1992 bis 1996: Der Nordosten ist in dieser Phase unser spannendstes, weil unbekanntestes Reiseziel –  wir verbringen nun immer abwechselnd einen Sommerurlaub im Südwesten (Frankreich, Italien) und einen im Nordosten (Mecklenburg, Kaschubyen) –  letztere meist auf ehemaligen Betriebscampingplätzen mit Betriebskantinen und Sperrholz-Ostgeruch, aber an herrlichen Seenplatten mit viel Kanufahren.

Herbst 1999: Ich bin nun ein „Wiedervereinigungs-Gewinner“ geworden, mit Ruf auf eine Professur für Sozialmanagement in Jena. Ich erprobe das ein halbes Jahr und sage dann schweren Herzens ab, obwohl ich die Stadt Jena schön finde, Kollegium und Studierende mich total freundlich auf nehmen und ich dort sogar kurzfristig Freunde finde – gleichalte, arbeitslos gewordene  Akademiker, die mich am Ende meiner Zeit zum Hirschbraten und ins Volksbad einladen. Aber das Pendeln bekommt meinem Familienleben nicht, ein Familienumzug erscheint mir zu riskant und die materiellen Arbeitsbedingungen sind ungünstiger als ohne Professur in Heidelberg. 

Frühjahr 2018: ich bin von sächsischen Regionalgruppen der DGSF zu einem Fachtag in Chemnitz eingeladen worden, der sich mit Demokratie, Rechtsradikalismus und Flüchtlingsintegration beschäftigt. Immer noch: Alle planmäßigen Referenten sind Wessis, glücklicherweise fällt einer von denen aus und wird durch zwei hochkompetente Ossis ersetzt. Aus meinem Vortrag scheint der Abschnitt „die Ostdeutschen als Avantgarde“ (Zitat eines Buchtitels von Wolfgang Englert) auf das stärkste Interesse zu stoßen: weil die Ostdeutschen Anfang der 1990er Jahre schon einmal das komplette Ende einer „Arbeitsgesellschaft“ erlebt und sich daran angepasst haben, sind sie auf eine künftige Gesellschaft besser vorbereitet.

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