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systemagazin Adventskalender – Ambiguitätstoleranz leben

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Ulrike-Luise Eckhardt, Berlin:

Erinnerungen an den 9. November 1989 sind neben den reichlich dargestellten geschichtlichen und allbekannten Ereignissen bei mir fest verbunden mit einem Seminar zur Familienmediation mit Josef Duss-von Werdt, zu dem er an unser Berliner Institut für Familientherapie, Systemische Therapie, Beratung, Supervision und Fortbildung e.V. (BIF) kam. Das Seminar sollte Samstag und Sonntag am 11. und 12.11.1989 stattfinden. Sepp kam mit seiner Kollegin ein paar Tage eher nach Berlin und erlebte den Mauerfall live mit. Er erzählte oft, wie sehr ihn das bewegt und berührt hat und ich habe seine Bewegung hautnah mitbekommen, habe ich doch als Organisatorin der Seminare auch immer die Referenten „betreut“, also vom Hotel abgeholt und kleinere Stadtrundfahrten mit ihnen gemacht. So ist dieser Mauerfall auch immer mit der Erinnerung an Sepp verbunden, der uns lange Jahre ein treuer Begleiter und Berater im BIF war und dessen Tod kürzlich mich persönlich auch sehr berührt hat.

Ich selbst habe den Mauerfall verschlafen und erfuhr erst am Freitag, dem 10.11., früh in den Nachrichten davon. Ich war fassungslos und schaltete zwischen Radio und Fernseher hin und her und bewegte mich nicht von der Stelle. So erlebte ich die ersten begeisterten Anrufe meiner Verwandten und Freunde aus den USA und England und dann Köln (in der Reihenfolge) und die freudigen Reaktionen. Der etwas peinliche Auftritt der damaligen Politiker auf dem Balkon des Schöneberger Rathauses enthielt neben der falschgesungenen Nationalhymne den Hinweis, dass heute Abend die Glienicker Brücke geöffnet wird. Ihr erinnert Euch: die Brücke des Agentenaustausches zwischen Wannsee und Potsdam. Das war mein „Dorf“ und sofort mobilisierte ich Freunde, dort hinzufahren. Das meist gehörte Wort in der allgemeinen Freude der menschlichen Begegnungen war „Wahnsinn“. Anders konnte man das Ganze nicht bezeichnen. Und da fiel mir der 7. Oktober 1989 ein: Rosemary Whiffen und Magret Dennis waren aus London zu uns zu einem Seminar gekommen und wollten am 7.Oktober nach Ost-Berlin. Sie kamen enttäuscht zurück, sie wurden an der Grenze zurückgewiesen mit den Worten: „Heute sei kein guter Tag die Hauptstadt der DDR zu besuchen“ (40. Jahrestag der DDR). Stattdessen machte ich eine Stadtrundfahrt mit ihnen, u.a. an die Glienicker Brücke. Sie fragten mich, wie lange die Mauer wohl noch stehen würde und ich antwortete, dass ich bis dahin dachte, noch 50 Jahre – aber nach dem heutigen Ereignis vielleicht noch 100 Jahre oder aber doch nicht mehr so lange.

Da hatte ich noch nicht die Eindrücke meines Besuches in Ost-Berlin am 2.11.1989, zwei Tage vor der großen Demonstration am 4. November auf dem Alexanderplatz. Ich erlebte eine total andere Stimmung als bei vorigen Besuchen, eine Offenheit, eine Aufbruchsstimmung, die Menschen schauten sich an und redeten, auch mit uns Wessis. Da glaubte ich, dass es wohl weder 100 noch 50 Jahre dauern wird, aber schon eine Woche später war das dann doch eine Überraschung.

Meine Mit-Zeitzeugen in diesen Tagen kamen aus dem Ausland und gaben mir ein etwas anderes Bild: eins der Begeisterung einerseits und der Skepsis andererseits. Einige Freunde aus New York sind deutsche Juden (Überlebende der Shoah) und es gab durchaus Ängste, wie es nun in Deutschland weitergeht. Sie erinnerten sich an einen anderen 9.November: 1938. Die „Reichsprogromnacht“ oder auch „Kristallnacht“ wie Andreas Nachama sie dann doch aus historischer Sicht wieder nannte, macht ein ganz anderes Gedenken nötig. Und auch die 9. November 1918 (Ende des 1. Weltkrieges und das Ausrufen der Republik) und 1923 (Hitler-Putsch), lassen diesen Tag als typischen Gedenktag der deutschen Geschichte vierfach begehen und beschreiben so vielleicht die Ambiguitätstoleranz, die wir als Nation und vielleicht auch individuell aushalten müssen. Unterschiede oder Gemeinsamkeiten in Ost und West? Bis 1945 hatten wir alle dieselbe Geschichte und die lebt in uns, in den Familien mehrgenerational weiter, was besonders in der Arbeit mit Familien, in Therapien oder auch in der Selbsterfahrung der Herkunftsfamilie in den Weiterbildungen immer eine Rolle spielt.

Ich erlebte nach dem Mauerfall u.a. das Glücksgefühl der gemeinsamen Sprache (als Berliner) und ein Heimatgefühl als Berlinerin stellte sich sofort ein. Wir sprachen die gleiche Sprache, den gleichen Dialekt (im Westen versteckt, im Osten offenener), aber bald musste ich feststellen, dass wir zwar die gleiche Sprache sprachen, aber nicht dieselbe. Als Systemikerin halfen mir da die Erlaubnis zu fragen, auch Sprache zu hinterfragen und erst einmal nichts zu verstehen. Das hatte ich aus meiner Ausbildung in USA mitgebracht: Ich verstehe erst einmal nichts und frage nach, auch bei eigentlich selbstverständlichen Begriffen.

Die Angst meiner Freunde vor evtl. wieder auflebenden Antisemitismus hat sich leider bestätigt und auch andere Entwicklungen in unserem Land lassen uns hoffentlich wachsam bleiben oder werden. Es gibt natürlich unendlich viele Gemeinsamkeiten und auch unendlich viele Unterschiede, aber nicht nur zwischen Ost und West, sondern auch und vor allem schon immer zwischen Nord und Süd, Stadt und Land und vielem mehr. Diese als Bereicherung zu erleben, auch durch die Menschen, die aus anderen Ländern zu uns kommen ist wünschenswert, aber nicht unter Aufgabe der eigenen Identität aller Menschen und den Verfall in die Beliebigkeit.

Ich bin immer noch froh und dankbar, dass die Menschen in der DDR die friedliche Revolution gewagt haben und unser gemeinsames Land soviel reicher gemacht haben, ohne Leid und Enttäuschungen, vielleicht auf beiden Seiten, nivellieren zu wollen.

Ich hatte schon vor der Wende zu Verwandten in der DDR viel Kontakt, allerdings ergaben sie nur eine Seite des Bildes von der DDR, da sie mehr oder weniger im Widerstand waren. Trotzdem hat mich mein Studium an der Freien Universität in Berlin in den 70er Jahren auch geprägt und da zeichneten wir ein positives Bild in der Kritischen Psychologie und Soziologie. Schon da lernte ich vielleicht die Ambiguitätstoleranz zu leben und beiden oder mehreren Perspektiven einen gleichberechtigten Platz zu geben.

Um die Zukunft zu gestalten halte ich das Erinnern für sehr wichtig, daraus zu lernen und statt alter lieber neue Fehler zu machen, also reflektiert zu handeln, anstatt „gut gemeint“ auf die möglichen Auswirkungen zu schauen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gutes neues Jahr 2020.

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