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Rudolf Welter: Großwuchs

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Rudolf Welter (Foto: T. Levold)

Rudolf Welter
(Foto: T. Levold)

Zum heutigen Sonntag gibt es den vierten Text der Serie von literarischen Texten von Rudolf Welter (siehe hier) im systemagazin-Salon:

Rudolf Welter: Großwuchs

Mit einer Größe von 2,39 Metern schaffte ich es locker, in das Guinness-Buch der Rekorde aufgenommen zu werden. Diese Größe ist für einen weiblichen Großwuchs doch ungewöhnlich.
Schon in der Kindheit begann ich beängstigend schnell zu wachsen. Meine Eltern versuchten alles in ihrer Phantasie und Macht liegende zu nutzen, um herauszufinden, ob mein rasches Wachsen gestoppt werden könnte. Alle Anstrengungen blieben erfolglos, ich wuchs und wuchs. Und meine Nachforschungen bestätigten die Tatsache, dass das Phänomen Großwuchs ein sehr seltenes ist, was mich auch nicht gerade tröstete.
Im Erwachsenenalter trat ich einer Selbsthilfegruppe bei, die sich Gruppe Riesenerfolg nannte. Der Name begeisterte mich auf Anhieb, sagt er doch aus, dass wir Riesen im Leben auch Vorteile haben. In der Gruppe tauschten wir Erfahrungen aus, die wir im Alltag in unserem Umfeld erlebten. Das war für mich besonders wichtig, weil ich in meinem engeren Umfeld keine andere Großwüchsige kannte. Bald wurde ich in den Vorstand gewählt, in dem ich über zehn Jahre tätig war.
An einem Treffen unserer Gruppe hat ein Mitglied eine Horrorgeschichte erzählt, die er auf einer USA – Reise in einer Zeitung gelesen hatte. Am Ort soll ein Mann im Alter von siebzig Jahren verstorben sein. Mit einer Länge von zwei Metern und dreißig Zentimetern passte der Tote nicht in die gebräuchliche Sarggröße. So fragten die Angehörigen den örtlichen Sargmacher, ob er für sie einen überlangen Sarg anfertigen würde. Dem verweigerte er sich aber wegen gewerkschaftlichen Vorschriften. Er hätte ihnen dann den Rat gegeben, dem Toten die Beine oberhalb der Knies zu amputieren. Dies wurde dann vom Leichenpräparator heimlich durchgeführt. Nun passte der tote Körper in den Sarg, in den noch die Füße mit Schuhen des Verstorbenen gelegt wurden. Nun begab es sich aber, so im Zeitungsbericht, dass diese Geschichte den lokalen Sheriff ereichte. Der ordnete an, den Sarg aus dem Grab zu Tage zu fördern und zu öffnen. Tatsächlich bewahrheitete sich die Geschichte. Daraufhin wurden der Leichenpräparator und die Angehörigen zu einer hohen Geldbusse verurteilt.
Wie ich oben angedeutet habe, hat mir mein Großwuchs auch Vorteile beschert. Ich arbeitete über Jahre in einer großen Buchhandlung, in der Bücher in bis zu vier Meter hohen Regalen gestellt werden mussten. Mit meiner Größe schaffte ich es locker, Bücher, die auf einer Höhe von drei Meter standen, herunter zu holen und sie wieder hinauf zu hieven. Höher gelegene musste ich mit einer kleinen Leiter herunter holen. Und da geschah auch eines Tages das Unglück. Ich fiel von der Leiter und brach mir das rechte Bein. Da die Knochen bei uns Großwüchsigen des schnellen Wachstums wegen keine hohe Belastung aushalten, zersplitterten sie unter meinem relativ großen Gewicht. Die Ärzte rieten mir zu einer Amputation des Beines anstelle einer Operation. Ein Schock für mich. Ein zweiter Schock traf mich, als ich von meiner Krankenversicherung vernahm, dass solche Fälle für uns Hochrisikopatienten nicht gedeckt seien. So musste ich auf eine moderne Prothese, aus festem Plastikmaterial gefertigt, verzichten und mit einer Holzprothese vorlieb nehmen.
Da mit dem Alter auch meine Vergesslichkeit zunimmt, kam mir die Idee, den hölzernen Oberschenkel mit einem Nagel zu versehen, an den ich meinen Wohnungsschlüssel hängen kann, um ihn nicht immer suchen zu müssen. Kommen Freunde mit ihren Kindern zu Besuch, wollen sie diese Hängeeinrichtung immer wieder sehen. Ich lasse es dann zu, wenn sie an den Nagel aus Spaß andere Gegenstände wie Armringe, kleine gerahmte Bilder, einen Schuhlöffel oder eine Schere hängen.
Ich habe mein Leben lang gelitten, wenn mir diskriminierende Ausdrücke wie die ist zu lang, die ist zu groß, die ist überlang oder übergroß nachgesagt wurden. Oder wenn ein Verkäufer eines Bettes die Kausalität umkehrte und sagte, dass ich zu groß für Betten wäre, statt zu sagen, dass Betten zu kurz gebaut wären für uns Großwüchsige.
Schön finde ich, dass es Blumen gibt, die maßstabsgerecht für mich wachsen: Ich habe eine wilde Malve, die gut zwei Meter hoch steht, Königskerzen erreichen eine Höhe von etwa zwei Meter und fünfzig, einzelne Fingerhüte und das Eisenkraut schaffen es, über zwei Meter zu wachsen.

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