systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Mit Achtsamkeit in Führung

| 1 Kommentar

Paul J. Kohtes & Nadine Rosmann (2014): Mit Achtsamkeit in Führung

Paul J. Kohtes & Nadine Rosmann (2014):
Mit Achtsamkeit in Führung

Das Thema Achtsamkeit erlebt derzeit einen erstaunlichen Boom, nicht nur in der Mediationsszene, der Psychotherapie und Beratung, sondern auch in der Managementliteratur. Nun sind wir es gewohnt, dass jedes Jahr ein neues Führungsparadigma die Sau abgibt, die durchs Dorf getrieben wird, allerdings könnte man beim Thema Achtsamkeit auch auf die Idee kommen, dass es sich um einen Bewegungsimpuls handelt, der dem immer weiteren Drehen an der Leistungsschraube und der Eskalation von Verwertungsdenken etwas entgegensetzen könnte. Spannend ist also, ob es sich nur um einen Hype von vielen handelt oder ob sich tatsächlich die Einsicht durchsetzen kann, dass Beschleunigung nicht die Lösung aller Probleme ist. Im Klett-Cotta-Verlag ist in diesem Herbst das Buch Mit Achtsamkeit in Führung. Was Meditation für Unternehmen bringt. Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Best Practises von Paul J. Kothes (der Welt zufolge Deutschlands „PR-Papst) und Nadja Rosmann erschienen, die Meditation als systematisch einsetzbares Tool der Personal- und Führungskräfteentwicklung im Sinne der Unternehmensinteressen betrachten. Liane Stephan ist seit langem mit diesem Thema als Coach und Organisationsentwicklerin unterwegs und hat das Buch für systemagazin gelesen. Ihr Resümee: „Paul Kothes und Nadja Rossmann ist es gelungen, einen weiten Bogen zu spannen und Achtsamkeit nicht nur als Methode, sondern als Schlüssel, als grundlegende Voraussetzung, als Haltung für konstruktive Veränderungen zu beschreiben. Achtsamkeit als eine Möglichkeit der Kultivierung von Wachheit und Präsenz – eine Brücke im Spannungsfeld zwischen den Werteräumen von Person, Unternehmen und Gesellschaft. Die Frage bleibt, ob Achtsamkeit von den Unternehmen wirklich erwünscht sein wird, ob es als Instrument zur Erreichung der Unternehmensziele in Betracht gezogen wird. Vielleicht ist der kleine Same, der durch eine niederschwellige Herangehensweise gesät wird, eine gute Möglichkeit: denn wenn ein Mitarbeiter sich anders verhält, hat dies hoffentlich auch Auswirkungen auf Andere!“

Liane Stephan, Bergisch Gladbach:

Endlich! Endlich ein Buch über die Wirksamkeit von Meditation und Achtsamkeit im Wirtschaftskontext: „Mit Achtsamkeit in Führung!“

Achtsamkeit ist in aller Munde, die einschlägigen Pressemedien überschlagen sich seit geraumer Zeit mit dem Thema Achtsamkeit, selbst „Manager Magazin“ oder auch „Die Zeit“ veröffentlichten Artikel über meditierende Manager und den Benefit, den es augenscheinlich für sie und ihre Unternehmen hat. Man könnte sagen, dass Achtsamkeit in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Darüber ein Buch zu schreiben, ist eine Herausforderung, ist doch Meditation „eine sehr persönliche Angelegenheit, denn sie geschieht im Inneren eines Menschen, unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Mit dieser Innenwelt beschäftigen sich die meisten Unternehmen so gut wie gar nicht … (S. 16)“, so die Autoren.

Es ist nicht das erste Buch, das Paul Kohtes und Nadja Rossmann gemeinsam schreiben. „Hören Sie auf zu rennen  – Was Manager von Hase und Igel lernen können!“, war 2006 die erste Koproduktion.

Paul Kothes (Jg. 1945) gründete mit 28 Jahren die heute wohl erfolgreichste deutsche PR-Agentur und wurde zum führenden Berater für Unternehmenskommunikation in Deutschland. 1998 gründete er die „Identity Foundation“, die mit Ihrem „Meister-Eckhart-Preis“ einer der angesehensten Wissenschaftspreise vergibt.

Parallel zu seinen Aktivitäten entdeckte Paul Kothes die Zen-Mediation vor über 30 Jahren für sich. Seine Leidenschaft, Gegensätze zu vereinen, ließ ihn bald versuchen, Zen-Meditation in die Wirtschaftswelt zu integrieren. So initiierte er mit anderen Kollegen das Führungskräfteprogramm  „Zen for Leadership“, spezialisierte sich auf das Coachen von Führungskräften und leitet bis heute Zen-Seminare für Führungskräfte. Er wirkt als Ko-Veranstalter seit 2010 bei dem alle zwei Jahre stattfindenden Kongress „Meditation und Wissenschaft“ mit, den seine Ko-Autorin Nadja Rossmann organisiert.

Nadja Rossmann (Jg. 1972) ist Kulturanthropologin und beschäftigt sich seit ihrem Studium mit Identitätsforschung – vor allem mit der Identität in der Arbeitswelt sowie mit Meditation. Für die Stiftung Identity Foundation realisiert sie wissenschaftliche Studien rund um das Thema Identität. Als Redakteurin und Mitarbeiterin unterschiedlicher Magazine war und ist sie engagiert tätig. So berichtet sie z.B. im Weblog think.work.different seit 2006 regelmäßig über neue Trends zum Thema „authentic business“.

Beiden Autoren liegt daran, mit dem vorliegenden Buch konkrete Anwendungskontexte aufzuzeigen, in denen Achtsamkeit und Meditation im Unternehmen wirksam werden können: Die Entwicklung von Soft Skills für die Führungskräfte, die Erhöhung des Wirksamkeitsgrades von fachbezogenen Fortbildungen durch Achtsamkeitspraktiken oder die Mobilisierung von Veränderungspotentialen mittels achtsamkeitsbasierter Komponenten beim Einzelcoaching. Sie stellen Überlegungen an, wie  sie „den Blick für Unternehmenskulturen- und strategien schärfen und damit deren Weiterentwicklung begünstigen können“ (18) und wie sich durch Achtsamkeit das Spannungsfeld zwischen unternehmerischen Anforderungen und gesellschaftlichen Erwartungen überwinden ließe, zumindest zum Teil eine Annäherung der Pole realisieren ließe.

Die Reiseroute des Buches ist in 2 große Teilabschnitte und deren jeweilige Kurzstrecken aufgeteilt:

Teil 1: Perspektiven und Zugangswege

  • Meditation und Achtsamkeit: Methoden, Wirkungen, wissenschaftliche Befunde
  • Perspektiven von Meditation in Unternehmen und in der Arbeitswelt

Teil 2: Best Practices

  • Wege zur konkreten Umsetzung-Praxiserfahrungen
  • Ausblick

Am Ende der Route werden Kontaktadressen, Meditationszentren  sowie Links zu relevanten Forschungsarbeiten zur Vertiefung  etc. veröffentlicht, um den Reisenden die Möglichkeit zu geben, auch im Anschluss an die Lektüre sich weiter in das Thema Achtsamkeit zu vertiefen.

Für wen ist dieses Buch geschaffen? Aus meiner Sicht bietet es eine gelungene Einführung in das Thema Achtsamkeit und deren Implementierung in den Unternehmensalltag für Personaler, Trainer, Entscheider. Hinreichende Praxisbeispiele und die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse rund um das Thema Achtsamkeit verdeutlichen den Sinn und die Effektivität von achtsamkeitsbasierten Methoden im Unternehmenskontext.

Oder ist alles doch nur ein Hype?

Nein, denn die Autoren möchten Achtsamkeit als Haltung verstanden wissen. Sie sind davon überzeugt, dass sich aus der Haltung der Achtsamkeit heraus für die Herausforderungen der aktuellen Unternehmenswelt … „neue Antworten entwickeln lassen“ (20).

In den großen spirituellen Traditionen findet sich Meditation als eine Möglichkeit, den Geist auszurichten, das Bewusstsein zu erweitern und sich von einer übertriebenen Ich-Bezogenheit zu lösen. Achtsamkeitsmeditation (lat. Meditatio – zur Mitte hin ausrichten) ist eine Praxis der Aufmerksamkeitsfokussierung, die absichtslos und bestenfalls anstrengungsfrei ist. Die regelmäßige Praxis verändert die Wahrnehmung  und entwickelt ein erweitertes Bewusstsein. Viele Studien haben dies bewiesen.

Eine ansteigende Zahl an Studien – unterstützt durch die neuen Erkenntnisse der Neurowissenschaften – zeigt auf, dass durch Achtsamkeitspraktiken deutliche Effekte auf medizinischer, physiologischer, kognitiver, sozialer und emotionaler Ebene hervorgebracht werden können. „Die Hirnforschung hat darüber hinaus gezeigt, dass Meditationsverfahren geeignete Methoden zur Erforschung des menschlichen Bewusstseins sind“ (35).

Achtsamkeit taugt schon deshalb nicht als „Hype“, weil es seit 2.500 Jahren als Erfahrungswissen verfügbar ist. Den Autoren zufolge kann und wird sie als Verfahren einen großen Beitrag zur Verbesserung von Unternehmenskultur leisten.

Dabei unterscheiden sie zwischen bewegten (Tai Chi, Qigong, Yoga u.a.) und Meditationsverfahren ohne Bewegung (Zen-Meditation, Achtsamkeitsmeditation, MBSR u.a.). Alle diese Verfahren zielen gleichermaßen auf eine ganzheitliche Balance von Körper und Geist.

Nun stellt sich die Frage, wie diese Verfahren in einer komplexen und rasanten Unternehmenswelt, die eher nach starken ich-betonten Persönlichkeiten sucht, die  linear und direkt ihre Macht in den Hierarchien durchsetzen sollen, ihre Wirksamkeit unter Beweis stellen können.

Vor allem im Bereich des immer größere Bedeutung erlangenden Gesundheitsmanagements von Unternehmen scheint ein logischer Anknüpfungspunkt zu liegen. Produktionsausfälle durch Fehlzeiten von Beschäftigten  kostet die deutsche Wirtschaft rund 46 Milliarden Euro jährlich. Dabei scheint kein Ende in Sicht zu sein. Informationsflut und die zunehmende Geschwindigkeit von Produktion, Kommunikation und Kooperation rufen subjektiv empfundenen Stress hervor.

Hier können achtsamkeitsbasierte Methoden, die Körper, Geist und Emotionen gleichermaßen erreichen, eine Unterstützung in der Bewältigung von Stress bieten und Selbstheilungsprozesse stärken.

Studien haben belegt, dass bei Langzeitmeditierenden eine Zunahme der grauen Substanz im Gehirn nachgewiesen werden kann und zwar in den Bereichen, die mit der Selbstwahrnehmung  und der Verarbeitung von Sinneseindrücken sowie mit der  Körperwahrnehmung und der exekutiven Kontrolle über die eigenen Handlungen zu tun haben.

Meditation verbessert also insgesamt das Leistungspotential des Gehirns, was zur Entfaltung der eigenen Persönlichkeit beitragen dürfte. In den Unternehmen werden heutzutage Persönlichkeiten gebraucht, die auf komplexe Geschehnisse Antworten haben. „Flexibles Denken, Mut und Schnelligkeit beim Entscheiden [sind Skills, die als Haltungen aus] der Tiefe der menschlichen Persönlichkeit erwachsen“ (39).

Regelmäßig praktizierte Achtsamkeitsmethoden können  zu einer Verkleinerung des Angstzentrums führen und die Entwicklung von Gleichmut und Offenheit fördern. Durch die Wirkung auf den orbitofrontalen Cortex (Emotionsregulation) reduziert sich die Abhängigkeit von Emotionen und somit eine natürliche Distanz zu äußeren Einwirkungen. Auch der Einfluss von meditativen Techniken auf den Hippocampus, der für die Gedächtnisleistung, Bewertung von Situationen und Erregungsregulation zuständig ist, kann mit einem veränderten Blick auf die Welt einhergehen. So entstehen „grundlegende Fähigkeiten, um die eigene Identität immer wieder mit äußeren Veränderungen in Abgleich zu bringen“ (40).

Ebenso wird auf Meta-Studien hingewiesen, „die die Wirkung von Meditation bei Gesunden analysieren [und zeigen,] dass die regelmäßige Innenschau auch Ängste und negative Gefühle verringert, neurotische Haltungen mildert, die grundsätzliche Achtsamkeit und Wahrnehmungsfähigkeit fördert, zu einer besseren Selbstkenntnis führt und die Kultivierung positiver Gefühle begünstigt“ (41).

So ergeben unterschiedliche Studien eine relevante Verbesserung von Resilienzfaktoren durch regelmäßige Meditation: 54 % erleben sich im Berufsleben leistungsfähiger, 52 % können äußeren Anforderungen besser begegnen, 73 % fühlen sich authentischer, nur noch 15 % sind von den Meinungen anderer abhängig und 56 % meinen, dass sie unabhängiger als zuvor berufliche Entscheidungen treffen (43f.). Solche Ergebnisse unterstreichen die Relevanz von Meditation für den Unternehmenskontext.

Die Autoren fokussieren in ihrer weiteren Ausführung  auf die unterschiedlichen Vermittlungsansätze von Achtsamkeitsmethoden für Menschen mit unterschiedlichen Wertehaltungen. Denn Meditation berührt die Werte der Menschen. So differenzieren die Autoren zwischen Mitarbeitern mit traditionellen Werten, modernen Werten und postmodernen Werten.

Allerdings sind hier nicht nur die personalen Wertorientierungen der Mitarbeiter angeprochen, auch jedes Unternehmen hat seine eigene Kultur und seinen eigenen Wertekanon, die wiederum Orientierung und Rahmung für Mitarbeiter bieten. Es vermittelt Werte hinsichtlich dessen, was als gut und richtig anerkannt wird. Allerdings: „Dieses unternehmensinterne Wertegefüge [ist] eingebettet in einen gesamtgesellschaftlichen Wertekanon, der, wie noch zu zeigen sein wird, diese Innenperspektive bisweilen in Frage stellt“ (76).

Da viele Unternehmen in der Kritik stehen, keine Werte mehr zu haben, ist „…der Erfolg von Achtsamkeitsangeboten im Wesentlichen davon abhängig, dass die bestehende Dynamik zwischen den unterschiedlichen Werteräumen geschickt ausbalanciert wird“ (ebd.).

Die äußeren Einflüsse auf das Handeln im Innen und Außen von Unternehmen nehmen zu. Ein Unternehmen ist in der heutigen Zeit daher gefordert, immer neu dazu zu lernen und sich neu auszurichten. So unterscheiden die Autoren – wie schon zuvor bei den persönlichen Wertehaltungen der Mitarbeiter – auch die Unternehmenskulturen in traditionelle, moderne und postmoderne Varianten, die jeweils ihre eigenen Herausforderungen in sich tragen. In der Regel vereinen Unternehmen zentrale Aspekte aller drei Wertesysteme in unterschiedlicher Gewichtung.

Dennoch gehen die Interessen der Unternehmen nicht immer mit den Interessen des Gemeinwohls einher. „Vier bis fünf Führungskräfte bekunden dass sie im Beruf stets nach Ihrem Gewissen handeln, was im Umkehrschluss bedeutet, dass immerhin jeder fünfte dies nicht tut“ (90). Viele Manager erleben die äußeren Zwänge als bestimmender für ihr Handeln als ihre innere Wertehaltung und handeln daher wider ihre eigene Überzeugung.

Hier wird deutlich, wie sehr die Entwicklung einer ethischen Geisteshaltung „ein zutiefst persönlicher Vorgang ist, der die Fähigkeit voraussetzt, vor allem in Situationen, die durch Spannungen oder Widersprüche geprägt sind auf einer neuen Ebene zu Klarheit und Eindeutigkeit zu finden“ (93). Achtsamkeit kann hier einen wichtigen Beitrag leisten.

Den Autoren gelingt aus meiner Sicht eine tiefgründige Untersuchung des Beitrages von Achtsamkeit im Spannungsfeld von Person, Unternehmen und Gesellschaft. Achtsamkeit wird als nicht nur zur persönlichen Weiterentwicklung unterstützend wirksam beschrieben, sondern als wesentlicher Beitrag zur Entwicklung von Unternehmenskultur und Gesellschaft.

Wie sich dies langfristig auf breiter Basis durchsetzen kann, ist eine Frage, die sicherlich noch zu beantworten ist, jedoch zeigen kleine Ansätze, wie diese Implementierung schon jetzt geschehen kann und sich Unternehmen als achtsame Organisationen ethisch klar positionieren könnten.

So beschreiben Kohtes und Rosmann, wie eine systematische Integration von Meditation im Unternehmensalltag gefördert werden kann und wie Führungskräfte dadurch ihre Konzentration, Kreativität und Innovationsfähigkeit, ihre Fähigkeit zur Toleranz gegenüber Divergenzen der Selbstwahrnehmung und der angenommenen Verpflichtungen erhöhen können. Wie sie ihre  Resilienz und eine authentische und stabile innere Haltung kultivieren, wirkliche Begegnungen für ehrliche Kommunikation mit ihren Mitarbeitern kreieren und ihrer Intuition mehr Vertrauen entgegenbringen können.

Dabei ist nicht auszuschließen, dass das Üben von Achtsamkeitsmethoden die Spannungsfelder andererseits noch spürbarer werden lässt. Was vorher nicht so deutlich ins Bewusstsein gerückt war, wird nun deutlich und kann zu persönlichen Turbulenzen führen, nicht immer im Sinne des Unternehmens.

Deshalb wird es für die meisten Unternehmen am sinnvollsten sein, mit niederschwelligen Angeboten zu starten, deren Wirkung zu evaluieren, um dann weitere Maßnahmen anzustoßen. Vor diesem Hintergrund ist es hilfreich, Mitarbeiter im Bereich achtsamkeitsbasierter Methoden zu qualifizieren. Unterschiedliche Ausbildungen, wie zu  MBSR-, Yoga- oder Tai Chi sowie Meditationlehrer sind Optionen, die allerdings nur außerhalb der üblichen Managementfortbildungen zu belegen sind und meist den Privatbereich berühren.

Immer mehr Trainer und Berater qualifizieren sich in diesen Bereichen, es bleibt jedoch auch hier noch die Frage, inwieweit es Anbieter gibt, die wirklich die beiden Welten gleichermaßen vertreten können, vor allem wenn es um mehr als „reine“ Persönlichkeitsentwicklung geht und die Implementierung einer achtsamen Kultur betrifft.

Im zweiten Teil des Buches stellen die Autoren schon bestehende Achtsamkeitsprogramme und deren Auswirkungen auf die Kultur von Unternehmen vor, von  „Zen for Leadership“ über ein „Sales leader programm“, „Achtsamkeit im Arbeitsalltag“ u.a. mit den jeweiligen Kursleitern und deren Kontaktdaten. Er gibt einen tiefen Einblick in die unterschiedlichen Ansätze, die alle das Ziel verfolgen, das Bewusstsein der jeweiligen Zielgruppe zu erweitern, die Aufmerksamkeit zu steigern und sich wieder mehr aufeinander zu beziehen, sinnstiftende Begegnungen und eine ganzheitliche Betrachtung des Menschen im Unternehmenskontext zu ermöglichen.

Paul Kothes und Nadja Rossmann ist es gelungen, einen weiten Bogen zu spannen und Achtsamkeit nicht nur als Methode, sondern als Schlüssel, als grundlegende Voraussetzung, als Haltung für konstruktive Veränderungen zu beschreiben. Achtsamkeit als eine Möglichkeit der Kultivierung von Wachheit und Präsenz –  eine Brücke im Spannungsfeld zwischen den Werteräumen von Person, Unternehmen und Gesellschaft.

Die Frage bleibt, ob Achtsamkeit von den Unternehmen wirklich erwünscht sein wird, ob es als Instrument zur Erreichung der Unternehmensziele in Betracht gezogen wird. Vielleicht ist der kleine Same, der durch eine niederschwellige Herangehensweise gesät wird, eine gute Möglichkeit: denn wenn ein Mitarbeiter sich anders verhält, hat dies hoffentlich auch Auswirkungen auf Andere!

„Möge die Übung gelingen!“ – mit diesem Satz endet das Buch, einem Wunsch, dem man sich nur anschließen kann!

links

Ein Interview mit Paul J. Kothes auf changeX: Anhalten, entspannen, nachdenken

Inhaltsverzeichnis und Leseprobe

info

Paul J. Kohtes & Nadine Rosmann: Mit Achtsamkeit in Führung. Was Meditation für Unternehmen bringt. Grundlagen, wissenschaftliche Erkenntnisse, Best Practises

Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2014

276 Seiten, gebunden

Preis: 29,95 €
ISBN: 978-3-608-94865-3

Verlagsinformation:

Die Autoren bieten einen Leitfaden, der Szenarien und Strategien für Achtsamkeit in Unternehmen entwickelt. Sie stellen Tools und erprobte Methoden vor, mit denen Unternehmen Meditation effektiv nutzen können – und zwar unter gängigen unternehmerischen Kriterien.
Im Mittelpunkt des Buches steht ein umfangreicher Best- Practise-Teil mit konkreten Implementierungsstrategien für

  • das betriebliche Gesundheitsmanagement
  • die Burnout-Prophylaxe bzw. -Behandlung
  • die Führungskräfteentwicklung und
  • die persönliche Potentialentfaltung.

Die Autoren sehen Meditation als systematisch einsetzbares Tool der Personal- und Führungskräfteentwicklung und verbinden Unternehmensinteressen mit methodischen Möglichkeiten rund um das Thema Achtsamkeit. Das Buch ist eine einzigartige Handreichung für Entscheider, Personaler und Trainer, die die Thematik auf Basis der aktuellsten wissenschaftlichen Erkenntnisse angehen wollen.

80 Prozent der 36- bis 45-jährigen Arbeitnehmer stehen ständig unter Stress, so die Techniker Krankenkasse. Laut Zukunftsinstitut reagieren bereits viele dieser »Zermürbten« auf den wachsenden Druck, indem sie zu »Sinn-Karrieristen« werden und sich bewusst um ihre mentale Kraft und ihr gesundheitliches Wohlbefinden kümmern. Diese Entwicklung stellt Unternehmen vor die Frage, wie sie auf dieses Bedürfnis nach innerer Balance Antworten finden und dem um sich greifenden Burn-out konstruktiv begegnen können.

In seinem neuen Buch »Mit Achtsamkeit in Führung« zeigt »PR-Papst« Paul J. Kohtes (Welt am Sonntag), wie Meditation zu einem strategischen Baustein für die Organisationsentwicklung werden kann. Selbst seit mehr als 30 Jahren der Meditationspraxis verbunden und heute vor allem als Führungskräfte-Berater und Zen-Lehrer engagiert, machte der erfolgreiche Unternehmer die von ihm gegründete Kommunikationsberatung Kohtes Klewes (heute Ketchum Pleon) zum Marktführer in Europa. Basierend auf seiner Erfahrung in der Beratung von Dax-Konzernen und Mittelständlern entwickelte er Zugangswege, wie sich durch Meditation die Herausforderungen in Fragen der Leadership, Personalentwicklung und Ressourcenentfaltung gezielt adressieren lassen.

Das Buch liefert einen Überblick über die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse zur Wirkung von Meditation, stellt gängige Methoden vor und entwickelt Implementierungsstrategien für das betriebliche Gesundheitsmanagement, die Burnout-Prophylaxe bzw. -Behandlung, die Führungskräfteentwicklung und die Förderung persönlicher und fachlicher Fähigkeiten. Best practices aus Unternehmen wie PUMA, dem WDR, der hessischen Verwaltung sowie aus den Bereichen Vertrieb, Versicherungen, Coaching und Resilienzförderung zeigen, wie Firmen Meditationsprogramme entwickeln können, die im Einklang mit ihren unternehmerischen Erfordernissen stehen. Personalvorstände, Human-Reccources-Verantwortliche, Personalentwickler, Berater, Coaches und alle im beruflichen Gesundheitswesen Tätigen finden in dem Strategiebuch den State of the Art der Forschung und das notwendige Fachwissen, um adäquate Angebote zu Meditation und Achtsamkeit im betrieblichen Umfeld zu realisieren.

Über die AutorInnen

Paul J. Kohtes (*1945) ist einer der führenden Berater für Unternehmenskommunikation in Deutschland. Der Internationale PR-Agenturen-Verband nahm ihn 2006 als ersten Deutschen in seine »Hall of Fame« auf. Seine Spezialgebiete: Führungskräfte- Coaching und Zen- Meditation. Außerdem ist er Gründer der Identity Foundation, die mit dem Meister Eckhart Preis einen der angesehensten Wissenschaftspreise verleiht.

Rosmann (*1972), Dr., Kulturanthropologin und Trainerin für Entspannungsverfahren, beschäftigt sich als Journalistin, wissenschaftliche Projektmanagerin und Beraterin seit mehr als 15 Jahren mit Identität in der Arbeitswelt, Leadership, Meditation und Stressmanagement. In ihrem Weblog berichtet sie regelmäßig über Trends rund um ein authentisches Business.

Print Friendly, PDF & Email

Ein Kommentar

  1. Das freut mich, dass das Thema Achtsamkeit oder „mindfulness“ nun auch im SYSTEMAGAZIN angekommen ist. Ich behaupte, dass dieses Thema das Potential in sich trägt, den systemtheoretischen Diskurs weiter voranzubringen. Dass Achtsamkeit in diesem Diskurs bisher kaum existiert, ist kein Zufall, wird er doch von der Luhmannschen Unterstellung dominiert, dass es „Systeme gibt”. Achtsamkeit kann dann nicht mehr beobachtet werden, sie verschwindet im blinden Fleck.

    Wenn man statt dessen – wie auch Dirk Baecker jetzt vorschlägt, wenn ich ihn richtig verstehe – Beobachter dabei beobachtet, wie sie Systeme konstituieren, dann kann Achtsamkeit in den Blick kommen, als Haltung eines Beobachters. Das hieße aber, das (nie zu Ende geführte) Projekt Maturanas wiederaufzunehmen: Beobachten nämlich als eine Operation lebender Systeme zu sehen und den menschlichen Beobachter als ein lebendes System zu erklären (wobei „erklären“ heißt, als Beobachter anderen Beobachtern einen entsprechenden generativen Mechanismus vorzuschlagen…).

    Der menschliche Beobachter ist aus dieser Sicht ein Doppeltes: Er ist nicht nur ein lebendes System, ein homo sapiens sapiens. Er ist ZUGLEICH auch ein immer schon vergesellschafteter, in-Sprache operierender Beobachter, der sich im Inszenieren und Erzählen von Geschichten konstituiert und damit letztlich aus „reinen Relationen” be- bzw. ent-steht. Das ist ein Paradoxon, denn es ist erst einmal nicht erkennbar, wie diese „reinen Relationen” immer wieder in die Physis eines lebenden Systems so ein-treten können (re-entry), dass es seine Autopoiesis bewahren kann.

    Achtsamkeit lässt sich, so schlage ich vor, als jene Haltung von Beobachtern beobachten, die sich bewusst diesem Paradoxon stellen, d.h. ohne durch fest-stellendes Beobachten gleich wieder nach dem nächsten Rettungsanker zu greifen. Das heißt: eine Haltung von Beobachtern, die sich der Frage stellen, wer sie „eigentlich sind“ („Wer bin ich? Wer sind wir? Was heißt es eigentlich, Mensch zu sein?“). Das „Ich“ erscheint dann als ein „rekursiver Operator von unendlicher Tiefe“ (Heinz von Foerster) oder wie ein Zen-Koan – es geht letztlich nicht darum, eine definitive Antwort zu finden (es gibt sie nicht) als vielmehr darum, überhaupt bewusst „in“ dieser Frage zu sein.

    Achtsamkeit bedeutet dann systemtheoretisch gesehen das Kultivieren eines „Bewusstsein(s) für den Hintergrund, für das Nichts, aus dem die Dinge entstehen“ (L. Kauffman). Man lernt, sich selbst als Beobachter beim Beobachten zu beobachten: das dabei auftretende Oszillieren zwischen Erkennen und Wollen (Fremd- und Selbstreferenz) geschehen zu lassen, d. h. sich als Beobachter von dem Oszillieren nicht mitreißen zu lassen; vielmehr den Unterschied zwischen dem Beobachteten, der Tätigkeit des Beobachtens und dem, der all dies beobachtet aufrechtzuerhalten; dabei aber die BLOßE MÖGLICHKEIT des Zusammenstimmens beider Seiten im „Sinn“ zu behalten („Möglichkeits-Sinn“) – um dann AUS DIESER HALTUNG HERAUS Unterschiede so zu unterscheiden, dass sie „allgemein mitteilbar“ (Kant in der „Kritik der Urteilskraft“) werden; das heißt so, dass sich mit minimalem Aufwand, also mit Leichtigkeit, eine maximale Zahl von Anschlussmöglichkeiten eröffnet. Beim viel zitierten, aber wenig verstandenen „Imperativ“ Heinz von Foersters („Handle stets so, dass sich eine größere Zahl von Möglichkeiten ergibt“) geht es genau darum.

    So gesehen bedeutet Achtsamkeit, durch die Art seines Beobachtens (= dialogische Beobachter-Haltung) in einer Beobachtung dritter Ordnung bewusst einen MÖGLICHKEITSRAUM zu schaffen – eine „MATRIX WHICH EMBEDS“ (Heinz von Foerster), die neue Anschlussmöglichkeiten und neue Muster erkennbar werden lässt, durch die sich, wenn sie realisiert werden, rückwirkend dann wiederum die Bedingungen des Beobachtens erweitern.

    Damit wird aber noch etwas Anderes deutlich: Solche Beobachtungen dritter Ordnung, ob nun bewusst oder unbewusst vorgenommen, bilden letztlich die NOTWENDIGE BEDINGUNG FÜR DIE MÖGLICHKEIT MENSCHLICHEN BEOBACHTENS (= „Objekte“ identifizieren) ÜBERHAUPT. Maturana (Biologie der Realität, Fr. /M. 2000, S. 69) spricht in diesem Zusammenhang von einem „Substrat für die Realisierung sprachlicher Äußerungen“, das wir aus epistemologischen Gründen annehmen müssen, obwohl wir es nicht beobachten, d. h. nicht beschreiben können.

    Genau hier könnte / müsste dann aber der Luhmann’sche Kommunikationsbegriff anschließen, also die von Maturana so vehement abgelehnte „Autopoiesis sozialer Systeme“. Erst dieser Anschluss – das Muster, das Maturanas und Luhmanns Beobachten verbindet – macht das Beobachten des Beobachtens vollständig.

    Um das Paradoxon des Beobachters kreativ aufzulösen, dazu hätten Maturana und Luhmann ihren Dialog seinerzeit nicht vorzeitig abbrechen dürfen…

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zur Werkzeugleiste springen