systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Marx, Maturana und die Kunst zirkulären Denkens

| Keine Kommentare

systemagazin-Leser Franz Friczewski, Coach aus Hannover, hat das zirkuläre Denken schon bei Karl Marx entdeckt. Von dort zu Maturana und Luhmann war dann nicht mehr weit, wie er im heutigen Kalendertürchen erzählt:

“Der erste, der mich auf die Spur systemischen – oder wie ich sagen würde: zirkulären – Denkens brachte, war … Karl Marx. Der zweite war ein junger Assistenzarzt in einer Berliner Klinik. Und schließlich dann ein Mann namens Humberto Maturana. Aber der Reihe nach.
Es war etwa 1976. Wie viele Andere damals auch las ich Karl Marx. Ich versuchte das Wesen des Geldes zu verstehen. Geld war für Marx: ein in dinglicher Hülle verstecktes gesellschaftliches Verhältnis. Seltsame Ausdrucksweise… Beim Versuch, sie zu ergründen, stieß ich auf folgendes Paradoxon (Kapital Band I, Kapitel 2):
„Die Waren müssen sich (..) als Werte realisieren, bevor sie sich als Gebrauchswerte realisieren können.
Andrerseits müssen sie sich als Gebrauchswerte bewähren, bevor sie sich als Werte realisieren können.“
Also wie jetzt…?? Die Gedanken begannen, sich in meinem Kopf um sich selbst zu drehen. Aber ich lernte schließlich von Marx: Es geht hier um eine reale, prozessierende Paradoxie. Und ihre – Gewalt implizierende – Lösung ist: das Geld. Das erinnert an Luhmann, aber das wusste ich damals (1976) noch nicht. Jedenfalls, von da an konnte ich nur noch zirkulär denken, nicht mehr dualistisch-linear.
Jahre vergingen. Es muss 1983 gewesen sein. Die Ärzte einer Berliner Klinik hatten mich eingeladen, einen Vortrag über „Herzinfarkt und Industriearbeit“ zu halten. Der Hintergrund: Ich hatte am Wissenschaftszentrum Berlin ein empirisches Forschungsprojekt zum Thema „Herz-Kreislauf-Krankheiten und industrielle Arbeitsplätze“ abgeschlossen. In diesem Projekt ging es darum zu zeigen, dass Herzinfarkt keineswegs nur eine  „Managerkrankheit“ ist. Es war eines dieser klassischen Projekte aus dem Bereich „Humanisierung der Arbeit“. Das zugrundeliegende Paradigma lautete: „Arbeit macht krank“. Man suchte nach „objektiven“ Arbeitsbedingungen wie Zeitdruck usw. auf der einen Seite; und nach „subjektiven“ Verhaltensmustern wie Typ-A-Verhalten auf der anderen; kurz: nach sog. Risikofaktoren, die Herzinfarkt „machen“. Mir war immer unwohl bei diesem Ansatz. Er sieht sich als „humanistisch“, ist aber blind für die subtile Gewalt, die sich in der ihm eigentümlichen Art des Beobachtens verbirgt. Also versuchte ich, zirkulär zu argumentieren: Arbeitsbedingungen als „in dinglicher Hülle versteckte gesellschaftliche Verhältnisse“ und die damit korrespondierenden Verhaltensmuster.
Und nun zu dem Vortrag. Die Ärzte fanden ihn zwar „irgendwie“ interessant, hatten aber, wie zu erwarten, gewisse Rezeptionsprobleme. Am Schluss kam ein junger Assistenzarzt auf mich zu: “also, ich habe ja auch nicht viel verstanden; aber was Sie da sagen, hört sich ganz so an, wie ein Buch, das ich gerade lese.“ Auf meine interessierte Rückfrage nannte er mir einen Titel, der irgendwie spannend, aber zugleich äußerst seltsam klang: „Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit“. Ein paar Tage später hatte ich das Buch Maturanas in der Hand. Ich war, genau wie die Ärzte, „irgendwie“ fasziniert, verstand aber erst mal genau so viel wie sie bei meinem Vortrag: nämlich (fast) nichts. Damit begann aber ein Lernprozess, der bis heute andauert.
Was ich dabei lern(t)e: Maturana zentraler Begriff „Autopoiesis“ zielt nicht auf eine Theorie im klassischen Sinn. Es geht vielmehr darum zu lernen, eine bestimmte Haltung einzunehmen: die Haltung eines Beobachters, der lebendige Zusammenhänge be-greifen will, ohne ihnen durch sein Beobachten Gewalt anzutun. Und dieser Be-griff / diese Haltung erschließt sich uns dann, wenn wir lernen, jene Seite des Erkennens, die wir gewöhnlich ausblenden, immer wieder einzublenden: das vorbegriffliche, sinnlich-ästhetische, körper-nahe Denken, die Welt der inneren Bilder, die wir in unseren Konversationen – mit Händen, Füßen, Mimik und Stimme – fortlaufend gemeinsam erzeugen.
Es ist m. E. der große Mangel der Luhmann’schen Systemtheorie, dass sie die Bedeutung dieser Ebene für gesellschaftliche Synthesis (für das, was Gesellschaft zusammenhält) nicht in den Blick bekommt. Dass sie blind ist für die subtilen Mechanismen der Gewalt, die sich in unserem Vergesellschaftungsmodus verbirgt. Insofern ist Maturana für mich heute aktueller denn je“

Print Friendly, PDF & Email

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Zur Werkzeugleiste springen