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Kanonische Phraseologien in der Zunft der systemischen Therapie und anrainender Sozialberufe

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Peter Fuchs, Soest: Kanonische Phraseologien in der Zunft der systemischen Therapie und anrainender Sozialberufe

Ich weiß, dass ich mich auf verbotenes Gelände begebe, in eine Zone der Tabuisierung. Aber ich lege meine angeborene Scheuheit für diesmal ab. Denn das, worüber ich schreiben werde, kann nicht sein, weil es nicht sein darf. Aber dennoch gibt es dies: eine endemisch wohlmeinende, gefühlig-moralische Phraseologie in systemischer Psychotherapie und systemischer Sozialarbeit. Sie wird sogar gelehrt. Und das ärgert mich maßlos. Die Szene, von der ich rede, scheint nur aus moralischen Überbietungsformeln zu bestehen, die in jedem anderen Fach (sagen wir: in der Physik, in der Soziologe, der Biologie, der Systemtheorie etc.), eigentlich niemanden ernsthaft überzeugen können, denn all jene Formeln kranken an offenbar unheilbarer Sachfremdheit, Pathos und Phrase genannt. Ich gebe einige davon zu bedenken.

Peter Fuchs (Foto: Tom Levold)

Peter Fuchs
(Foto: Tom Levold)

„Unser Leitbild, unser Wertehintergrund, unser Wir etc.“

Da ist zum Beispiel ‚unser Leitbild‘, unser Wertehintergrund, unser ‚Wir‘. Wenige wissen, was diese Ausdrücke bedeuten. Leitbilder sind Phantasmen von Gruppen, die sich darüber verständigt haben, wie die Welt sein soll, und dieses Wissen anderen Leuten, die einem ‚Wir‘ zugerechnet werden, obstinat aufdrängen. Wir alle sind, heißt es, einem Leitbild verpflichtet oder werden dazu verpflichtet, uns zu verpflichten auf solche zugemuteten Verpflichtungen. Pflichtenkollisionen sind zwischen diesen Verpflichtungen nicht vorgesehen.

Noch anders gesagt: Leitbilder sollen Gefolgschaften bilden, sei es in Konzernen, sei es in psychotherapeutischen Kontexten. Wenn jemand folgt, ordnet er sich einer ‚Gemeinschaft‘ ein, deren Mitglieder nicht mehr selbst zu denken brauchen, weil für sie gedacht wird – vom ominösen ‚Wir‘. Sogar der ‚Wertehindergrund‘ ist der von uns allen, denn: Wir sind alle irgendwie eins, ob vegetarisch oder karnivor, ob Sozialistin oder konservativ Grüner.

Sicher ist, dass eine Praxis nicht den Hauch eines eigenen Profils gewinnt, wenn sich alle auf dasselbe Leitbild, auf den gleichen (verordneten und nicht selten dogmatischen) Wertehintergrund einlassen. Darin steckt nicht die mindeste Kreativität, sondern einfach nur ein aufgepumpter Konformismus. Nichts ist entlarvender als Verkündigungen, die sagen: Wir sind kreativ und innovativ und individuell. Das ist ein Widerspruch in sich selbst. Und alles andere als qualitätsfördernd.

„Wertschätzende Offenheit als Grundlage gelingender Kommunikation“

Eine passende Sponti-Weisheit lautet: „Wer für alles offen ist, kann nicht ganz dicht sein.“ Wertschätzende Offenheit, das scheint diese alte Weisheit zu bestätigen. Denn wer ‚wertschätzt‘, schätzt Werte, aber offenbar nicht alle, denn jeder Wert schließt andere Werte aus, und je mehr Werte geschätzt werden, desto ausgedehnter wird die Zone nicht-geschätzter Werte. Das ist nicht zufällig ebenso wie bei Moral: Sie unterscheidet zwischen Achtung/Missachtung. Wer bestimmtes achtet, muss notgedrungen vieles ächten. Moral ist keineswegs und wie automatisch gut, sie kann verheerend wirken.

Aber die Rede ist auch und verwirrenderweise von ‚gelingender Kommunikation‘. Verwirrend ist: Kommunikation gelingt ersichtlich immer, wenn sie stattfindet. Wenn eine Bankräuberin mit einer Pistole in der Hand Geld vom Bankangestellten fordert, so ist die Kommunikation gelungen, wenn ihr der zitternde Mann das Geld gibt; wenn jemand zu seiner Lebenspartnerin sagt: „Ich liebe Dich, Du kannst mich gar so sehr lieben wie ich Dich!“, kann die Replik lauten: „Nööö … kann ich nicht und will ich nicht. Ich wäre ja bekloppt …“, dann hat die Kommunikation schlicht und einfach funktioniert. Und wenn der Mann sagt „Dann gehe ich!“ und die Frau erwidert „Prima, Gott sei gedankt, hau endlich ab!“, kann man kaum von einer misslingenden Kommunikation sprechen.

Es sei denn: Man hat einen Friede-Freude-Eierkuchen-Begriff von Kommunikation. Das scheint allenthalben der Fall zu sein: diese Vermeidung der Referenz auf die Komplexität des Kommunizierens. An diese Stelle tritt die Idee, Kommunikation gelinge, wenn sie irgendwie ‚gut‘ ausgeht, harmonisch, konsensuell, schlimmer noch: nett. Das passt zu habituellen Konfliktvermeidungsstrategien, die weder Konsens über Dissens noch Dissens über Konsens vertragen können.

„Im Zentrum sehen wir die Menschen, mit denen wir arbeiten, den ganzen Menschen mit all seinen Qualitäten, das Recht eines Jeden auf seinen Platz in unserer Gesellschaft, das Recht eines Jeden auf seinen eigenen Lebensentwurf.“

Nun, ich will wieder ganz ehrlich sein. Dieses Zitat ist köstlich. Es wimmelt von Unbedachtheiten. Da ist wieder – natürlich – jenes obskure ‚Wir‘, das noch nie jemand gesehen hat, von dem aber gesprochen wird, wenn man eine wärmende, schwarmartige, gleichsinnig zuckende Gemeinschaft vor Augen hat. Aber das ist noch ganz harmlos, denn wir (wer?) sehen die Menschen, mit denen wir arbeiten, nicht jedoch einfach Leute, die Psychotherapeut/innen einen Auftrag, ein bestimmtes, präzise eingeschränktes Mandat erteilen, sondern eben die Menschen als solche. Man sieht sogar den ganzen Menschen (nackt?), so als ob das Ganzes/Teil-Schema nicht schon längst intellektuell erledigt wäre und als wäre der Mensch noch das Maß aller Dinge und nicht das Maß aller Schneider (Hans Arp).

Ganzheitliche Betreuung, das würde auch Sexualität, Intimität usw. einschließen. Das kann wohl nicht gemeint sein. Und man sieht darüber hinaus den ganzen Menschen mit all seinen Qualitäten. Was – um Gottes und der Teufel willen – sind aber genuin menschliche Qualitäten? Wo lungern sie herum? Qualitas ist das ‚Wie einer Beschaffenheit‘, das (soweit die Wissenschaft) durch Sozialisation zustande gekommen ist – ausnahmslos.

Wer definiert, was wirklich wirklich menschliche Qualitäten sind: der Papst? Oder die Psychotherapie? Sind therapeutische und soziale Berufe verfügungsberechtigt, wenn es um menschliche Qualitäten geht? Wenn sie sich tatsächlich für solche Berechtigten halten und daran glauben, dass sie sind, wovon sie glauben, dass sie es seien, könnte man dann noch von Professionalität reden? Oder wäre es nicht gleich besser, von Ideologie zu sprechen?

Dass jeder seinen Platz in der Gesellschaft hat, ist umstritten, aber ist dann dieser Platz kein Platz, wenn jemand im Gefängnis ist? Und kann man das Recht auf je eigene Lebensentwürfe einklagen? Ein oft vernehmbarer Einwurf: Ich halte mich an nichts. I would prefer not to … (Bartleby). Das ist wahrlich männlich/weiblich gesprochen, aber begründet keine Individualität, sondern führt nur vor die Schranken der Gerichte oder in die Landeskliniken, wo das Individuelle nicht so sehr geschätzt wird, wenn es die echten Rechte anderer verletzt.

All dies sind gewiss rhetorische Fragen, die man nicht stellen müsste, wenn man sie nicht zu stellen hätte in einem Kontext, der dogmatisch rhetorisch sich für vortrefflich hält.

„Darum bieten wir an: Sprachrohr zu sein, Lösungen im Dialog zu entwickeln, uns darauf einzulassen, individuelle Lebensgeschichten eine Zeit lang zu begleiten, Menschen als verantwortliche Akteure ihrer eigenen Entwicklung zu begreifen und Orientierung zu geben durch authentische, natürliche Betreuungsstrukturen.“

Die erste Metapher ist wolkig und heiter. ‚Wir‘ bieten an: Sprachrohr zu sein. Das ist erst einmal eine stilistische Entgleisung. Ein ‚Wir‘, ein Sprachrohr (Flüstertüte?), womöglich konisch geformt? Und wieso will und darf jemand für jemanden, gar für viele Jemande lauthals sprechen? Weil sie offenbar selbst nicht (richtig!) sprechen können? Jedenfalls scheint das ‚Wir‘ davon auszugehen, dies einfach zu können, vor allem: zu dürfen.

Lösungen werden im Dialog entwickelt. ‚Wir‘ Besonderen lassen uns sogar darauf ein. Das ‚Wir‘ ist so nett, es ist so freundlich, sich einzulassen (einzubringen); aber vielleicht ist es nur ‚herablassend‘. Dafür spricht auch, dass Begleitung angeboten wird, obwohl sie doch der Profession nach eigentlich nur – wenn schon, denn schon – reziprok möglich ist. Man begleitet sich doch immer gegenseitig, der Mandant also auch die Therapeuten. Man sollte aber hinzufügen, dass ‚Begleiten‘ ohnehin eine Pathosformel ist, zulässig höchstens, wenn man sein Kind auf dem Weg zum Kindergarten begleitet, mitunter ‚geleitet‘.

Eine Zeit lang …? Warum nicht gleich: ‚ein Stück weit‘? Danach wird der Mandant wieder freigegeben für seine individuelle Lebensgeschichte. Er ist schließlich ein verantwortlicher Akteur seiner eigenen Entwicklung, ein Satz, der nach Darwin, Freud und mit allen soziologischen Einsichten eigentlich nur noch lächerlich wirkt, aber auch nach all den Katastrophen, die die Menschheit hinter sich hat. Flüchtlinge, sind sie verantwortliche Akteure ihrer eigenen Entwicklung? Ich höre es wohl, jedoch …

Orientierung wird gegeben, das ist erfreulich, aber woher kommt sie? Wohin soll orientiert werden? Welche Dogmen stecken dahinter? Welche Methoden darf man erwarten?

Nun, die Methoden sind natürlich ‚natürlich‘, unbeschadet des Umstandes, dass noch nicht bekannt geworden ist, was denn ‚Natur‘ sei. Automatisch gut wie ein Vollwertkürbisbrötchen? Da muss man Vulkane, Haie, giftige Schlangen fragen. Aber sei´s drum. Es kommt ja noch unausweichlich das Wort ‚authentisch‘. Es kommt immer, man hat es gelesen (im Studium). Es wirkt überzeugend. Das Problem ist nur, dass Betreuungsstrukturen per definitionem nicht authentisch sein können. Jeder und jede (auch die Mandanten) wissen, dass für Betreuungen Zahlungen erfolgen müssen; wenn nicht, keine Leistungen dieser Art.

Allerdings hätte man mitsehen können (nach all dem authentischen Studium), dass jede Mitteilung, die authentisch sein soll, sich selbst dementiert. Das sage ich ‚natürlich‘ authentisch.

Und natürlich aufrichtig. Aufrichtig sage ich auch, dass ich niemanden verletzen wollte, allenfalls ein bisschen stutzig machen. Dass dies ein Satz ist, der im Genre eines Floskelwerks zur Bekundung von Nettigkeit spielt, ist klar. Natürlich und authentisch gesagt: Ich bin sehr wütend – als Choleriker, wie meine Frau formulieren würde, aus ethischen Gründen, wie ich es ausdrücken würde, was sich ja wiederum von selbst versteht in der Szene, die wir vor Augen hatten.

P.S.: Wenn jemand weitere Beispiele kennt, er oder sie möge sie mir schicken. Vielleicht wird ein Wörterbuch daraus. Satiren und Cartoons zum Thema gibt es ja schon genug.

 

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