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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Joachim Hinsch: Leichter wäre es gewesen, einen Beitrag zu schreiben, bevor ich die anderen gelesen habe. Aber dazu müsste man halt schneller sein

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Mein Lernen war immer eher durch persönliche Begegnungen und Nebensächliches geprägt, weniger durch die einsame Lektüre wichtiger Bücher. Der Wechsel von der psychoanalytischen zur strukturellen Familientherapie passierte mir dadurch, dass Welter-Enderlin den zentralen Begriff des Widerstandes der Psychoanalyse in ein anderes – systemisches – Licht setzte, das mich total faszinierte. Zum Verständnis des Problemsystems wiederum, das uns Kurt Ludewig in einem Seminar in Wien vermitteln wollte, kam ich nicht bei diesem Seminar, sondern weil ich Kurt im Rahmen einer „Dienstreise“ in meiner Heimatstadt Hamburg besuchen wollte, ihn sozusagen zu diesem Zwecke utilisierte und ihm dort bei seinen Therapien zuschauen konnte. Also quasi ein Heimaturlaub auf Kosten des Arbeitgebers. Den ersten Artikel, den ich gemeinsam mit Egbert Steiner in der Familiendynamik („Metaphern“) veröffentlichen konnte, entstand dadurch, dass Egbert hinterm Spiegel saß und in seiner großen Belesenheit entdeckte, was ich dort unter dem Aspekt eines systemischen Verständnisses praktizierte. So lernte ich durch mein eigenes Tun, weil er dieses Tun in eine systemische Sichtweise brachte. Ich war sehr stolz auf uns und unseren Artikel, auch wenn ihn offensichtlich außer dem Gutachter niemand gelesen hat. Ein anderer Artikel über das Jugendamt wurde von Tom Levold gelesen und in sein wunderbares Konzept vom Problembesitz gebracht. So hatte ich auch dazu einen Zugang. Unter diesem Aspekt konnte ich übrigens später die Trilogie von Stieg Larsson lesen, wo er das Leben der Lisbeth Salander einerseits aus der Sicht der Jugendamts- und Psychiatrieakten  und andererseits aus seiner eigenen Sicht erzählt. Zwei Welten, die sich aus  unterschiedlichem Problembesitz ergeben. Aber nie war und bin ich mir sicher, ob ich die großen Denker unserer Zunft wirklich verstanden habe. Doch da kam mir ein kleiner Beitrag von Fritz Simon im Internet über Fußball und System in die „Finger“, wo er verständlich macht, dass Regeln ein System machen, Menschen dessen Umwelt sind. So begriff ich Systeme jetzt wirklich (?) und freute mich, dieses Verständnis auch in meiner Erinnerung an die Kinderlektüre „Pinocchio“ wieder zu finden: die Marionette, die durch eine dumme Laune einer Fee sich ohne Fäden/Erwartungen bewegen konnte und dadurch in ziemlich viele Probleme geriet. Zum guten Schluss kommt er dann doch wieder an die Strippen menschlicher Erwartungen und wird ein braver Junge. Ganz anders als Hänsel und Gretel, die sich nicht an die Erwartungen halten. Gretel verstreut Brotkrümel, was jeder Erwartung an ein halbwegs vernünftiges Mädchen widerspricht. Deshalb streiten sich Hänsel und Gretel aber nicht, was man doch wohl erwarten könnte, sondern suchen sich eine reiche Frau, töten sie, klauen ihr Gold und gehen zum Vater zurück, was nur dadurch gerechtfertigt ist, dass die Mutter sich als die wahrhaft Böse herausstellt.
Die Liste von Romanen, Erzählungen, Märchen, Liedern und Gedichten, Filmen, die unser therapeutisches Tun bereichern können, ist unendlich, muss aber wohl von jeder TherapeutIn selbst entdeckt werden, obwohl ich große Lust hätte, viel mehr zu erzählen.
Natürlich haben mich auch manche Bücher inspiriert, besonders in den letzten Jahren Luhmann. Ich weiß nicht, ob ich ihn so verstanden habe, wie er es sich trotz aller Kontingenz wohl wünschen würde. Aber er hilft mir unglaublich, die Kommunikation, die Paare trennt und sich aufeinander beziehen lässt, zu verstehen, Ärger in Verstehen zu verwandeln, zu begreifen, dass der Anspruch von Paaren, einander zu verstehen, unerfüllbar ist und dass ich sie auch nicht verstehen muss, aber trotzdem hilfreich sein kann.

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