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Erziehungsberatung – Eine Psychotherapie eigener Art

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In einem zweiteiligen Beitrag für die Zeitschrift für Kindschaftsrecht und Jugendhilfe hat Klaus Menne, Soziologe und lange Geschäftsführer der Bundeskonferenz für Erziehungsberatung e.V. die langjährige Auseinandersetzung darüber, ob Erziehungsberatung Psychotherapie sei oder psychotherapeutische Verfahren und Methoden einsetzen dürfe, nachgezeichnet und plädiert dafür, Erziehungsberatung als Psychotherapie eigener Art zu betrachten. Im abstract zum 1. Teil heißt es: „Entstanden aus dem Engagement von Psychiatern einerseits und Jugendfürsorgern andererseits hat Erziehungsberatung sich in ihrer Geschichte der Mittel der Psychotherapie bedient und ihre Praxis zugleich auf Pädagogik bezogen. Erst in den 1980er Jahren hat sich unter dem Eindruck eines möglichen Psychotherapeutengesetzes eine Debatte darüber entwickelt, ob Erziehungsberatung auch heilkundlichen Charakter habe. Die vorliegende Darstellung zeichnet ausgewählte Beiträge dieser Fachdiskussion und wesentliche fachpolitische Entwicklungen nach, die die Erziehungs- und Familienberatung im Ergebnis als eine Psychotherapie eigener Art konturiert haben“. Und im abstract von Teil 2: „Der erste Teil dieses Beitrags hat die durch die Heilpraktikererlasse ausgelöste Debatte um heilkundliche Anteile in der Praxis der Erziehungsberatung nachgezeichnet und das für Erziehungsberatung konstitutive Spannungsfeld zwischen elterlicher Erziehung und kindlicher Entwicklung beschrieben. Vor diesem Hintergrund zeichnet der zweite Teil die Debatte um klassifizierende Diagnosen nach, stellt die einschränkenden Bedingungen einer auf Krankheitsprozesse bezogenen heilkundlichen Psychotherapie dar und arbeitet die methodische Eigenständigkeit einer an der Entwicklung des Kindes in seiner Familie orientierten Psychotherapie in der Erziehungsberatung heraus.“

Im abschließenden Resümee schreibt Menne: „Erziehungsberatung ist heute mit dem Unkalkulierbaren des Alltags konfrontiert, das sich in den unterschiedlichen Familienformen manifestiert, und hat ihre Fachlichkeit von innen verwandelt (Kurz-Adam, 1997, S. 212). Die Beratungsfachkräfte lassen sich konzeptuell nicht von einer einzuhaltenden Methodik, sondern von der Situation und den Bedürfnissen der Ratsuchenden leiten (a.a.O., S. 230). Kurz- Adam hat diesen anderen Begriff von Fachlichkeit treffend als eine „innere Flexibilität des Handelns“ gekennzeichnet (a.a.O., S. 236).

Dabei knüpft Erziehungsberatung an den seelischen Beeinträchtigungen und Entwicklungsschwierigkeiten, die für Kinder im Prozess ihres Aufwachsens entstehen können, an – an Schwierigkeiten von Kindern, die durch Konflikte ihrer Eltern, welche diese in ihrer Paarbeziehung miteinander haben, hervorgerufen oder verstärkt werden können. Man kann auch sagen: Erziehungsberatung knüpft an den unterschiedlichen Formen (und Folgen) elterlicher Erziehung an und unterstützt die Kinder bei einer gelingenden Entwicklung. Zugleich fördert sie Eltern in der Wahrnehmung ihrer Elternschaft.

Gelegentlich wird auch von Erziehungsberatern und -beraterinnen in der Approbation und der damit verknüpften heilkundlichen Psychotherapie ein Qualitätsausweis gegenüber nicht zur Approbation führenden Therapieverfahren bzw. einer nicht heilkundlich orientierten Praxis der Erziehungsberatung gesehen. Doch solchen standespolitischen Erwägungen ist bereits Annemarie Dührssen entgegengetreten: Die Unterscheidung von „Beratung“ und „Behandlung“ ist „sachlich nicht gerechtfertigt. … Es kommt auf die zugrunde liegenden fachlichen Einsichten an, nach denen man sich orientiert und nach denen man seine Maßnahmen ergreift. Sofern man bei der Beurteilung eines Kindes … psychotherapeutische Einsichten benutzt und sich nach ihnen richtet, treibt man Psychotherapie. An dieser Tatsache ändert auch der Vorgang nichts, dass an vielen Arbeitsstätten … zwar faktisch mit psychotherapeutischen Einsichten gearbeitet, das Wort Psychotherapie aber vermieden wird“ (Dührssen, 1954, S. 307).

Auch wenn Erziehungsberatung die psychotherapeutischen Techniken vom Ziel der Heilung löst, bleibt ihre Praxis doch Psychotherapie. „Psychische Behandlung“ bedeutet nämlich nicht: „Behandlung der krankhaften Erscheinungen des Seelenlebens.“ Der Sinn ist vielmehr – so Freud: „Behandlung von der Seele aus“ (Kursivierung durch den Autor). Und zwar „mit den Mitteln, welche zunächst und unmittelbar auf das Seelische des Menschen einwirken. Ein solches Mittel ist vor allem das Wort“ (Freud, 1905, S. 289). Durch das treffende Wort, das Blockaden des Verstehens ebenso wie des Handelns in der Interaktion zwischen Eltern und Kind löst, unterstützt Erziehungsberatung im Alltag familiärer Konflikte und Krisen die seelische Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“

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