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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Cornelia Tsirigotis wird 65

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Cornelia Tsirigotis

Cornelia Tsirigotis wird heute 65 Jahre alt – ein schöner Anlass, ihr von Herzen zum runden Geburtstag zu gratulieren. Als Expertin für eine lösungs- und ressourcenorientierte Arbeit mit Gehörlosen und sprachbehinderten Kindern und Jugendlichen hat sie in der Pädagogik, Weiterbildung und Publizistik gleichermaßen maßgeblich dazu beigetragen, systemische Perspektiven in diese Arbeit hineinzutragen und das systemische Feld dafür zu sensibilisieren.

Nach dem Studium der „Sondererziehung und Rehabilitation der Gehörlosen und Sprachbehinderten” von 1973 bis 1979 in Köln absolvierte sie ihr Referendariat an der damaligen Rheinischen Schule für Gehörlose Düsseldorf und arbeitete anschließend 25 Jahre in verschiedenen Funktionen an der Aachener David-Hirsch-Schule. 2010 bis 2014 leitete sie eine Schule mit dem Förderschwerpunkt Hören in Frankfurt am Main, von 2014. bis zu ihrer Pensionierung war sie Schulleiterin der LVR-Förderschule in Köln.

Neben ihrem eigentlichen Fachgebiet hat sie sich in der systemischen Szene vor allem einen Namen mit ihrem unermüdlichen Engagement für die Themen Migration, Integration, interkulturelle Begegnung und die damit verbundenen Herausforderungen gemacht, die vielen Themenhefte hierzu in der Zeitschrift für systemische Therapie und Beratung, die sie seit 2010 im Alleingang betreut, sprechen Bände.

Zum 60. Geburtstag von Cornelia Tsirigotis hat Wolfgang Loth in der Zeitschrift systhema eine wunderbare Würdigung ihrer Person und ihrer Arbeit geschrieben, die zu diesem Anlass hier noch einmal erscheint – an Aktualität hat sie nichts verloren.

Liebe Cornelia, für alle diese vielfältigen Aktivitäten und Initiativen sei von Herzen bedankt! systemagazin wünscht mit vielen Kolleginnen und Kollegen alles Gute zum Geburtstag, verbunden mit der Hoffnung, dass wir auch weiterhin von dir wichtige Impulse erwarten dürfen und dem Wunsch, dass die Zeit nach den zahlreichen beruflichen Verpflichtungen für dich mit Gesundheit, Entspannung und weiterhin vielfältigen Anregungen verbunden sein wird.

Tom Levold
Herausgeber systemagazin

Wolfgang Loth, Niederzissen: Auf eine eigene Weise 

(Publiziert 2015 in Systhema 29 (1): 126-133)

„Offener Horizont“

Natürlich ist es müßig, aus dem zeitlichen Zusammentreffen von Ereignissen mehr zu machen als eine gedankliche Verbeugung vor der schöpferischen Kraft von Zufällen. Doch wäre es wohl schade, darüber hinwegzugehen, dass am 23. Februar 1953 eine Festschrift für den an diesem Tag 75 Jahre alt werdenden Karl Jaspers erschien, die den schönen Titel „Offene Horizonte“ trug (Piper, 1953). Hannah Arendt ist darin finden, Albert Camus, Jeanne Hersch, Paul Ricoeur, und viele mehr. Was da zu lesen ist, und wie sich das zum Lesen präsentiert, könnte für heutige LeserInnen fremd wirken. Das sind Texte, die in Ruhe gelesen werden wollen, durchdacht, nachbedacht. Sie wollen die Auseinandersetzung, nicht das Bewundern von Hochglanz und dem sich darin Spiegelnden. Das „Erkenne Dich selbst“ ist ja durchaus mehrdeutig, immer schon. Wer möchte so etwas heute noch wissen: „Immer handelt es sich darum, wie das Philosophieren das existenziell Wesentliche uns als Wahrheit, das heißt als wahre Denkform und als erkennendes Nichtwissen zuteil werden lässt“?! Das schreibt Ernst Mayer in dieser Festschrift (S.66), Schwager von Jaspers und einer seiner engsten Vertrauten. Wahrheit und Nichtwissen, welche Karriere diese beiden Begriffe im Bereich des Systemischen gemacht haben! Der eine out, der andere mega-in, und ich fürchte, dass der Umgang mit diesen beiden Begriffen in unserer Profession hinsichtlich einer „wahren Denkform“ eher zu wünschen übrig lässt.
Und die Koinzidenz, das zeitliche Zusammentreffen? Er geht um das Datum 23. Februar. An diesem Tag hat auch Cornelia Tsirigotis Geburtstag […]. Mir scheint, dass Cornelia zu denen gehört, die dem, was mit „wahrer Denkform“ heutzutage gemeint sein könnte, immer wieder Zuflucht gewährt haben. Das geschieht sowohl in der zunehmenden Fülle ihrer Beiträge im letzten Jahrzehnt als auch in der Fülle ihrer Einladungen zu Publikation und Erfahrung, die sie mit der Zeit für andere bewirkt hat. Nicht nur das gilt es zu würdigen.

Schreiben und Herausgeben

Systhema…

Zum ersten Mal wurde ich auf Cornelia Tsirigotis durch einen kleinen Aufsatz aufmerksam, den sie für das Systhema-Themenheft zum zehnten Todestag von Virginia Satir geschrieben hatte (1998). Wie sie in diesem Text persönliche Entwicklungen, familiäre Begleitumstände und fachliche Überlegungen zusammenbrachte, und das Ganze sprachlich und stilistisch ebenso frisch wie klar beschrieb, empfahl sie als Kollegin für unsere Redaktionsrunde. Ihren Platz in der Redaktion hat Cornelia Tsirigotis dann schnell gefunden. Da schien jemand innerlich vorbereitet zu sein ohne nach etwas geschielt zu haben. Authentisches Interesse.

Neben vielen Einzelbeiträgen und einer reichen Ausbeute an Buchbesprechungen – eigenen wie bei anderen angeregten: sie betreut den Rezensionsteil der Systhema seit vielen Jahren – brachte Cornelia Tsirigotis immer wieder Themenschwerpunkthefte auf den Weg, die mit ihrer besonderen Note und ihrem Tiefgang zu berühren wussten: „Behinderung, Krankheit, Tod“ (3/2000 und 1/2003), „Intuition“ (3/2001), „Den Umständen zum Trotz“ (3/2008 und 1/2009), sowie „Auf den Spuren hilfreicher Veränderungen – Die Suche nach dem Sinn“ (2/2011).

… et al.

Mit den Jahren hat Cornelia Tsirigotis dann nicht nur in Systhema veröffentlicht, ihre Beiträge und Anstöße finden sich mittlerweile weit gestreut, sowohl in Zeitschriften (insbesondere in HörPäd, wie auch in der Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie und in der Psychotherapie im Dialog) als auch in Herausgeberbänden. Mittlerweile ist sie selbst gefragt als Mitherausgeberin, mit Arist von Schlippe und Jochen Schweitzer (2006), mit Manfred Hintermair (2008, 2010), mit Michael Grabbe und Jörn Borke (2013). Seit dem Jahr 2010 ist sie nun auch verantwortliche Schriftleiterin der Zeitschrift für Systemische Therapie und Beratung und folgt darin Jürgen Hargens und Klaus Deissler. Steile Karriere könnte man das nennen. Doch ginge diese Bemerkung wohl an dem vorbei, was da tatsächlich passierte. Karriere muss man machen wollen, dann kann das stattfinden oder auch nicht. Wenn jedoch etwas, was so aussieht wie Karriere, stattfindet, ohne dass jemand dies zum Lebenszweck macht, dann scheint mir das nicht Karriere, dann scheint mir das vielmehr ein interessanter Weg. Was heißt das? Zunächst einmal hat es wohl mit einem Kennzeichen des Bedeutsamen zu tun: man kann es sich nicht selbst zuschreiben ohne die Konsequenz, dass es peinlich wäre. Gilbert K. Chesterton hat „drei Stände“ erwähnt, „die sich ihren Namen nicht selbst geben können: der Heilige, der Weise und der Dichter“ (Butor, 2000, S.29). Dies gehe deswegen nicht, weil denjenigen, die über das Potenzial dazu verfügen, grundlegend bewusst sei, dass sie nur auf dem Weg dahin sein können, sie sich dem Ziel nur annähern können. Eine Gewissheit in dieser Hinsicht „zur Schau zu stellen würde heißen, sich den zu überwindenden Schwierigkeiten, der Tiefe der Abgründe, an deren Rand man sich bewegt, nicht bewußt zu sein“ (ebd. S.29). Nun sollen weder das Publizieren von Fachtexten noch Schriftleitung mit dichterischem Anspruch überhöht werden, in der Regel reicht es da aus, seine Arbeit gut und sorgfältig zu machen. Doch gibt es schon eine Querverbindung. Sie scheint mir darin zu bestehen, dass sowohl beim Karrierefokus wie bei eigenhändigen Etikettierungen der angedeuteten Art das Bezogensein auf Andere verloren geht. Karriere kann man „für sich machen“, selbst wenn sie von anderen beklatscht wird. Ein interessanter Weg entsteht dagegen erst mit und aus der „erweiterten Denkungsart“, die das eigene Wagen und Bewegen stets in einen Kontext stellt, in dem auch die Anderen zählen. Was auf das eigene Bemühen erfolgt, ist keine Selbstdekoration, sondern ein Gewinn für eine Gemeinschaft – interessant eben als Eigenschaft eines „inter esse“, eines Miteinanderseins.

Non scholae, sed vitae

Dazu passt wohl, dass Schule ein zentrales Leitmotiv in Cornelias Leben zu sein scheint, dies stets verbunden mit einem zweiten Leitmotiv: Fördern. In ihren Publikation wird immer wieder deutlich, wie sehr sie sich auf Menschen einlässt, ihre Bereitschaft zur Nähe und ihr daraus resultierendes Handeln reflektiert (beispielhaft: 2005a), und die jeweilige Institution, in der und für die sie arbeitet, als einen Hort von Möglichkeiten begreift, aufgreift und ausbaut, Hilfesuchenden neuen Boden unter ihren eigenen Füßen spüren zu lassen.

Seit Mitte der 1980er Jahre arbeitete Cornelia Tsirigotis als Sonderpädagogin an der David-Hirsch-Schule für Hörgeschädigte in Aachen. Aus ihren Erfahrungen in der Frühförderung für hörgeschädigte Kinder und später Pädagogisch/therapeutische Koordinatorin des Cochlear-Implant-Rehabilitationszentrums Rheinland in Aachen hat sie immer wieder Konzepte, Erfahrungsberichte und Reflexionen beigesteuert, die nicht nur erhellend sind für das spezifische Thema, sondern darüber hinausweisen. Wer diese Texte liest, erhält einen unmittelbaren und nachhaltigen Eindruck davon, was mit dem Begriff „störungsspezifisches Ressourcenwissen“ gemeint ist. Später leitete sie als Rektorin ein Überregionales Beratungs- und Förderzentrum, eine Schule mit Förderschwerpunkt Hören in Frankfurt am Main. Die aus dieser Arbeit erwachsenden Themen und Fragestellungen gehen noch einmal ein gutes Stück über die fachspezifischen Probleme hinaus, um die es in Aachen ging. Aktuell leitet  sie eine Förderschule in Köln mit dem Schwerpunkt: Körperliche und motorische Entwicklung. In ihren Berichten und Reflexionen aus ihrer Arbeit gelingt es Cornelia Tsirigotis immer wieder, aus dem Allgemeinen ein Besonderes herauszufiltern, etwas, das jeweils benannte Menschen wahrnimmt, sich in deren Bedeutungswelt begibt und dabei einen Fuß im Ressourcenmöglichkeitsland behält.

Leitthemen

Mir scheint, es lassen sich in diesem Zusammenhang einige Leitthemen benennen, die sich in Cornelia Tsirigotis‘ Publikationen immer wieder auf ihren Gehalt abgeklopft sehen. Gehalt hier durchaus auch im kinästhetischen Sinn: Halt gebend, Haltung fördernd.

Ein Leitthema lässt sich beschreiben als Hören und seine Grenzen als Hinweis auf Ressourcen und im weiteren Sinn: „Störungen“ als spezifische Hinweise auf spezifische Ressourcen und Möglichkeiten. Wie in den einschlägigen Publikation der „Mr. Hörschaden“ im Verein mit anderen Beteiligten nicht nur „Gehör findet“, sondern in seinem und durch sein Dazutun zu einem wichtigen Mitspieler im Geschehen wird, in einem Geschehen, in dem sich auf erstaunliche Weise Spielräume für alle erschließen, das hat etwas Befreiendes (z.B. Tsirigotis 2004b, 2005a, 2006b, 2009). Als Merksatz kann hier gelten: „Auf dem Weg zur Entfaltung eines breiten Ressourcenspektrums mit und für KlientInnen gehe ich von einer respektvollen Haltung, von Empathie und eigener Ressourcenerfahrung aus. Auch oder sogar besonders in einem störungsfokussierten Kontext ist eine von den Anliegen der Klienten getragene und geleitete Arbeitsethik von Nöten, die getragen ist von einem an Ressourcen und an Stärken orientierten Menschenbild“ (2004b, S.97).

Bei einem weiteren Leitthema geht es um Gruppe und Schule als Kontexte hilfreicher Kommunikation (z.B. Tsirigotis 2002, 2004a, 2008, 2011d). Ein Merksatz hier: „Es geht mir nicht darum, das gesamte Störungswissen über Hörschaden und die damit verbundenen Probleme aus der Kommunikation zu verbannen. Vielmehr geht es mir darum, dass dieses Wissen von Fachleuten nicht als Kompetenzwaffe gebraucht wird, die sich gegen Eltern richtet und die Wichtigkeit der Fachleute hervorhebt, sondern dass es für die Familien und von den Familien hilfreich eingesetzt werden kann“ (2004a, S.35). Ein starkes Wort: „Kompetenzwaffe“, und doch kommt es so häufig vor, dass eine als hilfreich gemeinte Kompetenz sich in ihr Gegenteil verkehrt, wenn sie nicht – ich wiederhole mich – inter-essant für andere ist, d.h. sie zur Teilnahme nicht nur auffordert, sondern so einlädt, dass Mitmachen noch nicht mal eine Kunst ist, sondern ein Wie-von-selbst-Entstehendes.

Migration und Anderes als Grund-Lage und Ressource ist ein weiteres Leitthema (z.B. 2005b, 2006a). „Eigentlich sind wir immer unterwegs“, so überschreibt sie ihren Beitrag im programmatischen Reader von Hans Schindler und Arist von Schlippe (2005). Unterwegssein ist einer dieser Begriffe, die schillern und die Vielfalt der Perspektiven wie von selbst in sich tragen. Auf eine Art gilt das auch für Migration. Das Unterwegssein kann sowohl als Kennzeichen von Pilgerschaft verstanden werden wie auch als Begleiterscheinung säkularer Getriebenheiten, entweder in Form von Reisekonsum oder in Form von notwendigem Pendeln von und zur Arbeitsstelle. Migration betont  heutzutage eher das unfreiwillige Verändern von Lebensumständen aus einer Not heraus, lässt grundsätzlich jedoch auch nachvollziehen, dass es viele Beweg-Gründe geben kann, an anderer Stelle einen Lebensort zu finden. Auch als Notwendigkeit beinhaltet Migration die Fähigkeit Not zu wenden. „Solvitur ambulando“  – die Lösung ergibt sich im Umhergehen – eine Lebensweisheit, die mittlerweile schon mehr als anderthalbtausend Jahre trägt[1]
Über alle Daseins-Notlösungen hinaus scheint auch ein existenzieller  Bezug auf, ein enges Verbundensein von Aufbrechen, Lösen und umfassenderer Heimat.  Ivan Illich (1991) kommt in seiner Studie über Hugo de St. Victoire und dessen Schlüsselwerk Didascalion, einer Anfang des 12. Jahrhunderts verfassten Auseinandersetzung mit der Kunst des Lesens, besser: mit der Aufgabe zu Lesen, auch auf folgende Regel zu sprechen: „Und endlich muß die ganze Welt zur Fremde werden für die, welche vollendet lesen wollen“, und etwas später: „Der Leser soll sich ins Exil begeben, um seine ganze Aufmerksamkeit und all sein Verlangen auf die Weisheit richten zu können, die dann zum ersehnten Zuhause wird“ (S.23). Das ist natürlich eher – wenn überhaupt –  nur Kontext für unsere Arbeit, keine Richtschnur mehr, wir wären wohl heillos überfordert damit und verließen die logische Buchhaltung, auf die Kurt Ludewig unmissverständlich hinweist (1986). Doch scheint es mir angemessen, das zur Sprache zu bringen, wenn es um die Verdienste einer Person geht, die mit ihrem Schreiben und ihren Einladungen zum Schreiben den Perspektivenwechsel nicht als hippe Technik verkauft, sondern im Inneren nachvollzieht und in ihr eigenes Leben integriert hat (z.B. Tsirigotis 2012).

Als eine Art Gesamtkomposition kann dann weiter das Leitthema Empowerment und Ressourcen-Finde-Perspektivegelten (neuere Überblicke und Zusammenfassungen ihres Ansatzes: 2011a,b,  2013). Cornelia Tsirigotis hat in ihrem Beitrag in Albert Lenz‘ Empowerment-Handbuch eine umfassende Darstellung des dazu vorhandenen Rüstzeugs aus systemischer Sicht beigesteuert. Sie hat darüber hinaus sehr anschauliche Beschreibungen geliefert, wie die von Schiepek formulierten Generischen Prinzipien zur Reflexion beraterischen und therapeutischen Geschehens genutzt werden können (2005a, 2011b). Und sie bleibt dabei kritisch und aufmerksam: „Zu Empowerment kann jedoch aus meiner Sicht nur hilfreich beigetragen werden, wenn eine grundsätzlich partizipative Haltung der Person wie auch der beratenden Einrichtung dem professionellen Hilfeangebot zugrunde liegen. Das bedeutet darüber hinaus, dass die Eigenständigkeit der KlientInnen nicht nur gefördert, sondern auch ausgehalten werden muss. Ressourcenorientierte systemische Arbeitsweisen allein machen noch kein Empowerment“ (2011a, S.162). Das ist m.E. das Besondere: die Möglichkeiten systemischer Ansätze herausarbeiten und sich dennoch nicht davon blenden lassen. Etwas zum Nachdenken zur Verfügung stellen. Orientierung geben, nicht Festhalten. 

Last, but not least: Cornelia Tsirigotis als eine wunderbare Erzählerin von Geschichten über Hoffnung, Trost, Bewähren trotz alledem, Zuversicht und Versöhnung (z.B. 2007, 2011c). Ihre unerschütterliche und unverdrossene Bereitschaft, auf Ressourcen zu achten – und dies bei jedem einzelnen, erst recht unter erschwerten Bedingungen, kommt in diesen Geschichten zum Tragen. Ihre Fähigkeit, ihre vielfältigen Erfahrungen aus einem herausfordernden Arbeitsumfeld bis zum Punkt der unmittelbaren Berührung zu verdichten, ist ungemein. Daraus erwächst dann nicht nur der bildhafte Eindruck, wie das denn nun genau gehen kann mit diesen vielfältigen Ideen, die aus dem systemischen Denken erwachsen, es bildet sich nicht nur ein „know how“, nicht nur, wie man sich auf dem Weg bewegt, sondern wie bewegend es ist, auf einem Weg zu sein, der sich für einen öffnet – und einen Horizont freigibt, der ein Weiter erahnen lässt. Und das kann vordergründig auch ein Umweg sein, der dann jedoch bei näherer Betrachtung nichts anderes ist als das ebenso präzise wie luzide Aufmerksamsein für das, „was geht“: „Das erste Frühförderkind, das ich betreute, war ein zweijähriger hörgeschädigter Zwilling. Er mochte mich nicht und zu meinen Spiel- und Förderangeboten hatte er keine Lust. Er saß lieber bei seiner Mutter auf dem Schoß. Sein hörender Zwillingsbruder jedoch freute sich, dass auf meinem Schoß Platz für ihn war. Währenddessen beobachtete ich die Mutter und stellte fest, dass sie ganz natürlich mit ihren Kindern sprach und dabei die Kommunikation viel mehr förderte, besser als alles, was ich aus hörgeschädigtenpädagogischer Sicht hätte „beraten“ können. Ich bestärkte sie also „nur noch“ in ihren natürlichen Stärken“ (2013, S.41). Sprudelnde Quellen.

Kern und Horizont

Der „Offene Horizont“ war das Ausgangsmotiv und ich möchte zum Ende diesen Offenen Horizont mit dem berührbaren Kern verbinden. Das wäre für mich das Besondere, wenn ich hier Cornelia Tsirigotis zur bislang bewältigten Strecke von 60 Jahren gratuliere. Mir scheint, dass sie in ihrem Wirken und in dem, was sie durch dieses Wirken an Erwartungen an ihre Person zugelassen hat, diese beiden Pole verbindet: das Ausgehen von einem berührbaren Kern und das Hinwenden zum Offenen Horizont. Das ist nicht einfach und vermutlich gelegentlich eine Zumutung an sich selbst. Es ist, bei aller von Cornelia bislang entwickelten Kunst der anschaulichen und berührenden Beschreibung, auch nicht ohne Anspruch an eine Bereitschaft zu verstehen, das Auseinandersetzen mit „den Dingen“ und wie man sie sieht und sehen möchte ernst zu nehmen. Sich und anderen keinen Sand in die Augen zu streuen, und allerdings auch: über die Anstrengung nicht die Freude zu vergessen. So mag denn ein Zitat aus dem bereits erwähnten Essay von Ivan Illich über Hugo und dessen Didascalion diesen Geburtstagsgruß beschließen: „Hugo weist seinem Leser den Weg in ein fremdes Land. Er verlangt aber nicht von ihm, daß er seine Familie und seine gewohnte Umgebung verläßt, um von Ort zu Ort in Richtung Jerusalem oder Santiago zu wandern. Er erwartet vielmehr, daß sich der Leser ins Exil begibt, um seine Pilgerreise durch die Seiten eines Buches anzutreten. Er spricht vom Höchsten, zu dem sich der Pilger hingezogen fühlen sollte, und für die Pilger der Feder ist das nicht, wie für die Pilger des Stabs, die himmlische Stadt, sondern die Gestalt der vollendeten Güte“ (Illich, 1991, S. 30).

Viele weitere Jahre, Cornelia!

Literatur:

Butor, M. (2000). Die Lampe und das Parfum. Über On Kawara. In: Wilmes, U. (Hrsg.) On Kawara. Horizontality/Verticality. Köln: Verlag der Buchhandlung Walther König, S.28-39.

Grabbe, M., J. Borke & C. Tsirigotis (Hg.)(2013). Autorität, Autonomie und Bindung. Die Ankerfunktion bei elterlicher und professioneller Präsenz. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht

Hintermair, M. & C.Tsirigotis (Hrsg.)(2008). Wege zu Empowerment und Ressourcenorientierung in der Zusammenarbeit mit hörgeschädigten Menschen. Heidelberg: Median.

Illich, I. (1991). Im Weinberg des Textes. Als das Schriftbild der Moderne entstand. Ein Kommentar zu Hugos „Didascalicon“. Frankfurt/M.: Luchterhand.

Ludewig, K. (1986) Von Familien, Therapeuten und Beschreibungen. Vorschläge zur Einhaltung der “logischen Buchhaltung”. Familiendynamik 11(1): 16-28.

Mayer, E. (1953). Philosophie und philosophische Logik bei Jaspers. Ihr Verhältnis zueinander. In: Piper, K. (Hrsg.), S. 63-72.

Piper, K. (Hrsg.)(1953). Offener Horizont. Festschrift für Karl Jaspers. München: R. Piper.

Tsirigotis, C. (1998). Aufgespürt: Virginia Satir, mein Vater und ich. Gedanken zu Todestagen oder Spuren von Virginia Satirs entwicklungsorientierter Familientherapie in meiner Arbeit mit Eltern und Kindern in der Frühförderung hörgeschädigter Kinder. Systhema 12(2): 139-142.

(2002). Die Stärken der anderen nutzen – die Probleme an ihren Platz verweisen. Systemisch-lösungsorientiertes Arbeiten in Gruppen mit Eltern und ihren behinderten Kindern: das Erweitern von Handlungsspielräumen unterstützen! In: Hargens, J. & H. Molter (Hrsg.): Ich – du – wir – und wer sonst noch dazu gehört. Perspektiven systemischen Arbeitens mit und in Gruppen. Dortmund: borgmann, S. 55-86.

 (2004a). Gruppen mit Eltern behinderter Kinder – Störungswissen und elterliche Kompetenzen als Ressource in der Gruppe nutzen. Systhema 18 (1): 31-43.

(2004b). Ressourcen wirken – eine Gratwanderung zwischen wissenschaftlichem Anspruch, therapeutischem Alltag und einer Haltung, ohne die es nicht geht. Systhema 18 (1): 93-98.

(2005a). “Sie hat mir einfach ihr Gehör geschenkt.” Ein Beratungsprozess im Kontext von Hörschädigung und CI-Rehabilitation zwischen Intuition und Selbstorganisation. In: Hargens, J. (Hrsg.): “…und mir hat geholfen …” Psychotherapeutische Arbeit – was wirkt? Perspektiven und Geschichten der Beteiligten. Dortmund: borgmann, S.99-121.

(2005b). Eigentlich sind wir immer unterwegs – systemische Gruppenarbeit mit Eltern hörgeschädigter Kinder aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. In: Schindler, H. & A.v.Schlippe, (Hrsg.): Anwendungsfelder systemischer Praxis. Ein Handbuch. Dortmund: Borgmann, S. 217-234.

(2006a). Ethische Herausforderungen und interkulturelle Kompetenz in der Arbeit mit Familien hörgeschädigter Kinder aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. In: Hintermair, M. (Hrsg.): Ethik und Hörschädigung – Reflexionen über gelingendes Leben unter erschwerten Bedingungen in unsicheren Zeiten. Heidelberg: Median-Verlag, S.141-170.

 (2006c). “Er/sie hört mich ja nicht” – Stärkung der elterlichen Stimme und Präsenz angesichts von Hörschaden und Behinderung. In: Tsirigotis, C., A.v. Schlippe & J. Schweitzer (Hrsg.)(2006), S.172-182.

(2007). Geschichten vom Unerschrockenen Respektieren. Jürgen Hargens zum 60. Systemagazin: http://www.systemagazin.de/bibliothek/texte/Tsirigotis-unerschrockenerRespekt.pdf

 (2008). Empowerment und Ressourcenorientierung unter erschwerten Bedingungen? – Überlegungen zur professionellen Haltung für die Alltagspraxis in Frühförderung und Schule. In: Hintermair, M. & C. Tsirigotis (Hrsg.): Wege zu Empowerment und Ressourcenorientierung in der Zusammenarbeit mit hörgeschädigten Menschen. Heidelberg: Median-Verlag, S.45-62.

(2009). Von Autonomie und Eigensinn ausgehen und Ressourcen ans Licht bringen – Arbeit mit Eltern angesichts Behinderung oder Krankheit ihrer Kinder. Psychotherapie im Dialog 10(4): 336-340.

(2011a). Empowermentprozesse anregen – fördern – begleiten: Systemische Arbeitsweisen. In: Lenz, A. (Hrsg.)(2011) Empowerment. Handbuch für die ressourcenorientierte Praxis. Tübingen: DGVT-Verlag, S.161-182.

 (2011b). Beobachtungsstreifzüge im Stärkenland – mit Eltern besonderer Kinder neues Terrain entdecken. In: Schindler, H., W. Loth & J.v. Schlippe (Hrsg): Systemische Horizonte. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, S. 155-166.

(2011c). Geschichten vom „Beisteuern zum Erfahren von Sinn” – den Umständen zum Trotz. Systhema 25(2): 140-151.

(2011d). „All inclusive“ heißt nicht „Entweder – Oder“, sondern „Sowohl als Auch“ – Mit welchen professionellen Haltungen in Beratung und Schule gelingen Streifzüge ins Inklusions(träume)land? In: Hintermair, M. (Hrsg.) Inklusion und Hörschädigung. Diskurse über das Dazugehören und Ausgeschlossensein im Kontext besonderer Wahrnehmungsbedingungen. Heidelberg: Median, S.197-219.

(2012). Antidoron – die Geschichte vom gesegneten Brot. In: Der systemagazin-Adventskalender 2012, S.29-31, im web: http://www.systemagazin.de/serendipity/uploads/systemagazinAdventskalender2012.pdf

(2013). Ressourcenarbeit in der Praxis zwischen Ressourcenfindeperspektive und Bewältigung. In: Schaller, J. & H. Schemmel (Hrsg.): Ressourcen … Ein Hand- und Lesebuch zur psychotherapeutischen Arbeit (vollkommen neu bearbeitete Auflage). Tübingen: DGVT-Verlag, S.33-46

Tsirigotis,C. & M. Hintermair (Hrsg.)(2010). Die Stimme(n) von Betroffenen. Empowerment und Ressourcenorientierung aus der Sicht von Eltern hörgeschädigter Kinder von erwachsenen Menschen mit einer Hörschädigung. Heidelberg: Median.

Tsirigotis, C., A.v. Schlippe & J. Schweitzer (Hrsg.)(2006). Coaching für Eltern. Mütter, Väter und ihr “Job”. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme.


[1]          Siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/Solvitur_ambulando

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5 Kommentare

  1. Liebe Cornelia,

    herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag UND lassen Sie es sich richtig gut gehen!
    Ich freue mich auf ein Wiedersehen irgendwo/irgendwann!

  2. Liebe Cornelia,
    mögen deine Schaffenskraft und dein aussergewöhnliches Engagement noch lange anhalten, auf dass du das systemische Geld weiterhin weiterhin bereicherst und entwickelst.
    Laß es dir gut gehen, laß dich feiern.
    Herzliche Glückwünsche aus Bochum sendet dir
    Andreas Brenneke

  3. Ü65 sollte es heißen!

  4. Liebe Cornelia,
    mein erster Beitrag wurde gerade wohl verschluckt (Google bestätigte meine Daten nicht und der Text war weg). Das nur, falls er doch wieder auftaucht, dann bekommst Du doppelt Glückwünsche! Ich gratuliere Dir zum besonderen Geburtstag und heiße Dich im Club der U65 willkommen. Der Würdigung von Wolfgang kann ich mich nur anschließen, Danke für Deinen Beitrag zur Weiterentwicklung des systemischen Denkens!
    Herzlichst
    Dein
    Arist

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