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Borderline

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Das aktuelle Heft der Familiendynamik ist dem Thema „Borderline-Persönlichkeitsstörungen“ gewidmet. In der Einleitung von Rieke Oelkers-Ax und Christina Hunger-Schoppe heißt es: „Mit dem Wort »Borderline« (engl. ›Grenzlinie‹) bezeichnete der Psychiater C. H. Hughes 1884 erstmals einen Bereich diagnostischer Grenzfälle zwischen Gesundheit und psychischer Krankheit. A. Stern beschrieb 1938 die meisten Merkmale der heutigen Borderline-Persönlichkeitsstörung unter dem Namen »border line group«. Damit wurde der Begriff in einer stark von psychoanalytischer Theorie beeinflussten Zeit geprägt für psychische Zustände an der Grenze (engl. ›border‹) von Neurose und Psychose. Dies war damals nicht nur eine Symptombeschreibung, sondern auch eine Einschätzung zu Therapiemöglichkeiten und Prognose: nämlich zwischen »behandelbar« (wie Neurosen durch die Psychoanalyse) und »unbehandelbar« (wie Psychosen).

Obwohl diese ursprüngliche Bedeutung nicht mehr gilt, hat sich der Begriff »Borderline« gehalten: Betroffene können sich oft gut mit der entsprechenden Metapher identifizieren: auf der Grenze zwischen Normalität und Krankheit, Nähe und Distanz, himmelhochjauchzend und zu Tode betrübt. Viele Menschen, die von sich oder anderen als »Borderliner« beschrieben werden, haben Grenzverletzungen erlebt, können schwer Grenzen setzen, überschreiten Grenzen, sind mit dem Thema der »Grenzlinie« lebenslang konfrontiert. Auch innerlich findet sich bei vielen Betroffenen diese scharfe, übergangslose »Grenzlinie«, die eine Spaltung im Selbstgefühl, Emotionserleben und der Beziehungsgestaltung markiert. Es gibt Gut oder Böse, Schwarz oder Weiß, Liebe oder Hass, oft binnen kürzester Frist von einem ins andere wechselnd, langsame Übergänge, Mischungen und Grautöne sind rar. Diese innere »Grenzlinie« geht oft einher mit starken Gefühlen von Zerrissenheit, Chaos, Leere und Selbstentwertung, aber auch mit besonderer Sensibilität, erhöhter Wachsamkeit und der Fähigkeit zu intensiven Gefühlen.

Die festen Grenzen des Erlebens infrage zu stellen, mit ihnen zu spielen, die beiden gegensätzlichen Pole stückweise zu integrieren – das ist auch das Anliegen der meisten Beiträge in diesem Heft.“

Systemische oder andere kritische Reflexionen zum Begriff der Persönlichkeitsstörungen (und seiner Problematik) findet man im Heft allerdings nicht. Im Zuge der Anerkennung der Systemischen Therapie als Richtlinienverfahren zur Behandlungen von „Störungen mit Krankheitswert“ erscheint das offenbar nicht mehr opportun oder notwendig zu sein.

Alle bibliografischen Angaben und abstracts gibt es hier…

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