systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Arnold Retzer wird 65!

Heute feiert Arnold Retzer seinen 65. Geburtstag – und systemagazin gratuliert von Herzen. Arnold Retzer gehört zu den herausragenden Personen im deutschsprachigen systemischen Feld. Nach einem Studium der Medizin, Psychologie und Soziologie arbeitete er ab 1987 als wissenschaftlicher Mitarbeiter und Leitender Oberarzt in der „Heidelberger Gruppe“ um Helm Stierlin an der Abteilung für Psychoanalytische Grundlagenforschung und Familientherapie, dessen erster Ordinarius und ärztlicher Direktor Helm Stierlin von 1974 bis 1991 war. 1988 wurde er mit einer Arbeit über „Interaktionsphänomene im systemischen Familien-Erstgespräch“ promoviert, seine Habilitation 1993 beschäftigte sich mit dem Thema „Familie und Psychose“ und den Zusammenhang von Familieninteraktion und Psychopathologie bei schizophrenen, schizoaffektiven und manisch-depressiven Psychosen, ein Thema, zu dem die Heidelberger Gruppe eine Vielzahl von Arbeiten vorgelegt hat. Weitere Arbeits- und Veröffentlichungsschwerpunkte waren in der Folge Themen der Paardynamik und Paartherapie. 1996 übernahm Arnold Retzer gemeinsam mit Fritz B. Simon die Herausgeberschaft für die Zeitschrift Familiendynamik von Helm Stierlin und Josef Duss-von Werth, die er bis 2005 innehatte. Heute leitet er das Systemische Institut Heidelberg (SIH) und ist Lehrtherapeut bei der Internationalen Gesellschaft für systemische Therapie(IGST).

Einem breiteren Publikum außerhalb der systemischen Szene ist er durch philosophisch, soziologisch und politisch inspirierte Arbiten bekannt geworden, in denen er sich auch mit bedenklichen gesellschaftlichen Trends auseinandersetzt, etwa mit der neurobiologisch und -physiologisch sowie pharmakologisch unterfütterten Idee von der grenzenlosen (Selbst-)Optimierung von Befindlichkeiten, der er „ein Recht auf miese Stimmung“ entgegensetzt. Im Video spricht er ausführlich über seine sehr hörens- und lesenswerten Thesen zum Thema Hirndoping und Selbstoptimierung.

Lieber Arnold, zum 65. Geburtstag herzliche Glückwünsche, alles Gute, Gesundheit und auch weiterhin ungebrochene Schaffenskraft und kritische Impulse, die heute mehr denn je vonnöten sind!

Herzlich, Tom Levold
Herausgeber systemagazin

 

Ein Kommentar

  1. Lieber Arnold,

    daß Du heute Deinen 65. Geburtstag begehst, mag ich kaum glauben. Schwer scheint sich diese quantitative Numerik, die gemeinhin von Ruhestandsmythos umwabert wird, mit Deinen sehr vitalen Qualitäten zu vertragen, die Tom Levold schon unterstrichen hat, die sich mit einem bärig schwarzen Humor trefflich vereinen. Gerontologen lehren darum, kalendarisches Alter sei unspezifisch. Auf die Fülle kommt es an. Ich gratuliere ich Dir sehr herzlich mit vielen guten Wünschen! Zugleich danke ich Dir für manche systemische Kopfwäsche, die Du mir über die Jahrzehnte, die wir uns kennen, verabreicht hast, daß mit der Zeit auf meinem alten Theologenkopf kaum noch Haare geblieben sind. Manche meinten, die neue Frisur stehe mir. Ich habe mich daran gewöhnt, und wenn der Wind gelegentlich durch die Stoppeln streicht, finde ich das sehr speziell!

    An eine solcher Wäschen erinnere ich mich besonders gern. Nachdem es im 500. Jahr der Reformation kein Geheimnis mehr ist, daß Luthers reformatorischer Durchbruch, sein sog. „Turmerlebnis“, einem qualvollen Latrinen-Ereignis im Erker jenes Turmes geschuldet sein könnte, kann man auch darüber unverhohlen reden. Ganz beiläufig beim Austreten in einer Kongreßpause in der alten Heidelberger PH mutetest Du mir einmal in einem lockeren Gespräch, wie Männer in Reih‘ und Glied sie an solchen Orten gelegentlich zu führen pflegen, den Satz zu: „Wer Hoffnung hat, ist nur falsch informiert!“ Er traf mich wie ein Blitz, ich erschrak und versuchte verdattert, theologisch begründet zu protestieren. „So etwas sagst Du mir?!“ Du aber ließt mich stehen und gingst deiner Wege. Ich habe eine Weile gebraucht, bis er mir aufging. -Theologen unseres Alters sind seit Bloch und Moltmann oft verliebt in die Hoffnung, aus Prinzip.- Er ging seither wie ein Mantra mit mir samt einem Hadern bei jeder weiterer Begegnung mit Dir, was dazu geführt haben mag, daß ich in einer späteren Print-Version überraschenderweise ein „meist“ eingeführt fand. Ein Schmunzeln konnte ich nicht unterdrücken. Es war mir hinfort eine gewisse Genugtuung, wenn ich Dich gelegentlich in meiner eigenen therapeutischen Arbeit damit zitierte, und bei meinen Klienten ein ähnliches Herunterfallen der Kinnlade bemerkte wie seinerzeit bei mir. Denn wie es nach Bonhoeffer eine „billige Gnade“ gibt, gibt es auch eine Art fatalistische und „billige Hoffnung“.

    Damit aber nicht genug. Die Geschichte ging weiter. Vor ein paar Jahren traf ich bei einer Veranstaltung über die „Stadt als Ort der Hoffnung“ im Ludwigshafener Ernst-Bloch-Zentrum just den damals auf die 90 zugehenden Jürgen Moltmann, dem ich auf einer Weltkirchenkonferenz in Nairobi 1975 assistiert, ihn aber viele Jahre nicht mehr gesehen hatte. Wir begrüßten uns, gerieten in ein launiges Gespräch im Runde einiger Vertreter der pfälzischen Landeskirche… An einer Stelle konnte ich nicht widerstehen und sagte: „Lieber Herr Moltmann, ich habe da vor einiger Zeit von einem sehr renommierten Heidelberger Kollegen der systemisch-therapeutischen Zunft einen Satz gehört, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. Was halten Sie als Vater der „Theologie der Hoffnung“ davon, mit der Sie vor einem halben Leben Maßstäbe gesetzt haben?“ Dem betagten Jürgen Moltmann verlieh diese Frage eine überraschende Lebendigkeit. Er fuhr auf wie von einer Tarantel gestochen und rief unwirsch: „Was ist das für ein Unsinn?! Der tut ja gerade so, als könne er in die Zukunft sehen!“ Ich entgegnete: „Nun, das vermutlich nicht. Aber ich kann Ihnen versichern, ich habe erlebt, wie er aus der vollendeten Zukunft in die Gegenwart schaute! Und es ist ja ein therapeutischer Diskurs. Es grenzt ans Wunderbare, wie man mit Sprache zu spielen vermag. Es könnte ein großer Gewinn für die Seelsorge sein, sich hier ein paar Dinge gründlich an- und abzuschauen!“ Ich rühmte das Futur II und unsere differenzierte deutsche Sprache, und die Herren vom Landeskirchenrat lächelten. Moltmann blickte noch immer etwas finster unter buschigen Augenbrauen hervor, so daß ich vorschlug die wundersamen Dinge um Worte, die manchmal Fleisch werden, mithilfe einer Flasche Pfälzer Rieslings einfach einwirken zu lassen. Ich fand einen aus besten Forster Lagen aus dem Hause Spindler, und er trug den Namen „Philosophie“. Der Abend nahm erwartungsgemäß ein versöhnliches Ende, der Blick auf die Zukunft aber blieb -wie sie selbst- unhintergehbar offen.

    Nicht nur unsere therapeutische Zunft verdankt Dir viel Erhellendes, Überraschendes, nützlich Verstörendes und kritisch Scharfes. Es mag damit zusammen hängen, daß wir einer Zeit entstammen, in der wir unter den Bedingungen der alten, aber unverschulten Ordinarienuniversität für Interdisziplinarität auf eigenen Wegen noch selber sorgen mußten, was dann mit viel wissenschaftlichem Eros zu Doppel- und Tripelstudien führte und auf vielerlei Weise befruchtend war. Dein Wirken als Arzt, Therapeut und akademischer Lehrer ist ja nicht nur philosophisch, soziologisch und politisch inspiriert, wie Tom zu recht betont hat, sondern auch in beachtlicher Weise theologisch.

    All das hält die alte Lust auf gelegentliches „Waschen und Legen“ der Frisur unter Retzerschem Donnern und Geistesblitzen wach! Offenbarungen unter solchen Umständen sind Theologen ja nicht ganz fremd. Möge dem noch lange so sein, wo immer es passiere.

    Ich wünsche uns viele anregende Gelegenheiten, Dir aber noch viele gute Jahre und allzeit einen guten Wein im Keller!

    Sei herzlichst gegrüßt!

    Wolfgang Traumüller