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Online-Journal für systemische Entwicklungen

Andreas Wahlster: Lesen und Denken und was wird mehr?

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Ende der Siebziger (vergangenes Jahrhundert!) wurde die beschauliche Welt (m)einer kleinen Fachhochschule für Sozialarbeit und Religionspädagogik in der Südwest-BRD von einer sechsköpfigen Gruppe von Studentinnen und Studenten ordentlich aufgerüttelt, vielmehr als durch die schon zum Alltag gehörenden unzähligen Demos, Sit ins, Vollversammlungen und sonstigen politischen Aktionen damals. Die KommilitonInnen hatten eine Gruppenarbeit geschrieben, die sich mit der pragmatischen Kommunikationstheorie von Paul Watzlawick auseinandersetzte und zudem anhand dessen fünf Axiome die Kommunikation in der Hochschule (natürlich kritisch) beleuchteten. Das war mal was, eine echte Abwechslung in Einerlei der Vorlesungen und wenn es zudem noch kräftig was zu kritisieren gab am Lehrbetrieb, hatte das schon mein Interesse geweckt. Dass ich nicht mal wusste, wer Watzlawick ist (bei der damals aktuellen Bundesligatabelle hätte ich deutlich mehr punkten können) habe ich tunlichst wie so viele andere verschwiegen und heimlich bewunderte ich die KommilitonInnen, dass sie sich mit so schwierigen Theorien befassten.
Und doch sollten noch einige Jahre ins Land gehen, bis mich die nächste systemische Infektion befiel. Eines Tages in den Achtzigern ( immer noch vergangenes Jahrhundert) fand ich mich in einem prall gefüllten Hörsaal ( nein, diesmal keine studentische Vollversammlung) der medizinischen Psychologie an der Uni Heidelberg wieder. Die damals auch noch ziemlich jungen Wilden namens Fritz Simon und Gunther Schmidt boten eine Vorlesung mit dem Thema: Einführung in die systemische Familientherapie oder so ähnlich an. Ich arbeitete damals als Sozialpädagoge in einer psychiatrischen Klinik und war zunehmend neugierig auf die Arbeit mit Familien. Ausgestattet mit viel Engagement und stabilem Unwissen, wie Familientherapie „ so überhaupt funktioniert“ , besuchte ich die Vorlesung. Und was musste ich sehen: Loriotfilme! Was, bitte schön, hatte das mit Familientherapie zu tun? Ich war ziemlich sauer, fühlte mich kräftig verarscht und verließ vorzeitig den Hörsaal. Aber die Auswirkungen waren nicht mehr zu vermeiden, es war um mich geschehen. Kollegen, die schon systemisch sattelfester waren, erzählten was von Neutralität, was mich gleich wieder in den Widerstand trieb: „Ich bin nicht neutral“. Als politisch denkender Mensch mit reichlich Demonstrationskompetenz und Kreativität beim Fertigen von Sandwiches, Plakaten und Flugblättern war ich um das Formulieren von eindeutigen Statements selten verlegen und nun das. Meine Entscheidung, die Familientherapie-Weiterbildung ( dass diese auch systemisch ausgerichtet war, realisierte ich im 1. Seminar) zu machen, geriet wieder ins Schwanken. Ach und die viele Fachliteratur ( da standen tatsächlich mehr als fünf Bücher auf einer ersten Literaturliste) –  fast vergessen.
Doch meine Neugier machte mir einen Strich durch die Rechnung, die Bücher ließen sich immer weniger leicht auf die Seite schieben, zumal ich weitere Bücher erwarb.  So begann ich mehr zu lesen, mehr zu verstehen und parallel mit Familien zu arbeiten, Fehler zu machen und fast unmerklich zu lernen. Gleichwohl waren die Lücken noch erheblich und wohlmeinende Freunde haben sich getraut, mir das zu sagen. Denn mittlerweile war ich zum Lehrtherapeuten geworden und jetzt hatte ich den Salat. Also: Lesen und Denken und was wird mehr? Die Neugier und die Lust auf Bücher, Gespräche mit Kollegen und Freunden quer durch die Berufe – um mit Peter Fuchs zu sprechen, es wird transdisziplinär. Und das Schreiben? Ich habe damit begonnen, mit Spaß und Passion, neue Ideen entstehen und ein wohliges Gefühl, etwas verstanden zu haben, obwohl die Lücken nicht weniger, sondern mehr werden. Das Suchen geht weiter…

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