systemagazin

Online-Journal für systemische Entwicklungen

Adventskalender 2019

| 2 Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser von systemagazin,

Foto: anonym

heute ist der 9. November, die Öffnung der Berliner Mauer – das Startsignal zur deutschen Wiedervereinigung – jährt sich zum 30. Mal. Ein Ereignis, dessen Folgen nicht nur für die beiden deutschen Teilstaaten, sondern auch für die Biografien ihrer Bewohner, auf jeden Fall für die Bürger der ehemaligen DDR, von existenzieller und nachhaltiger Bedeutung waren und heute noch sind. Hinter der allgemeinen Euphorie, dass „zusammenwächst, was zusammen gehört“ (Willy Brandt), wurde aber auch schnell deutlich, wie spannungs- und konfliktreich die Wiedervereinigung (oder der Anschluss?) bis heute war und ist. Welche Dynamiken hat die Vereinigung zweier so unterschiedlicher politischer, wirtschaftlicher und kultureller Systeme in Gang gebracht? Was verbindet, was trennt bis heute? Welche Symmetrien und Asymmetrien, Macht- und Größendifferenzen, Konfliktlagen und Mentalitätsunterschiede haben diese Dynamiken geprägt und sind von ihnen geprägt worden? Was war das Gute im Schlechten und das Schlechte im Guten?
Wie in jedem Jahr soll es mit Ihrer Mitwirkung auch wieder einen systemagazin-Adventskalender geben. Ich möchte Sie anlässlich dieses Jahrestages herzlich einladen, einen kürzeren oder längeren Beitrag zum Kalender beizusteuern, der sich mit diesen und den folgenden Fragen beschäftigt:
Wie haben Sie diesen Tag und das, was danach folgte, erlebt? Welche persönlichen und professionellen Begegnungen haben sich für Sie aus der Wiedervereinigung ergeben? Welche Unterschiede haben sich für Sie aufgelöst, welche erhalten oder sogar verstärkt? Welche erleben Sie als produktiv und spannend, welche als problematisch und besorgniserregend? Wie hat sich die Wiedervereinigung in der Entwicklung der systemischen Szene in Deutschland bemerkbar gemacht? Was bedeutet es, aus einer systemischen Perspektive auf diese Geschichte zu schauen – und welche Schlüsse lassen sich daraus ziehen?
Wie immer ist die Wahl des Formates völlig frei. Ob eine persönliche Geschichte oder Anekdote, die Sie besonders beschäftigt und berührt hat, einen persönlichen Rückblick auf 30 Jahre Wiedervereinigung, eine Reflexion der Systemdynamik von Spaltung, Trennung, Verbindung und Wiedervereinigung, oder ein Zukunftsbild der Wiedervereinigung aus dem Jahre 2030, alles hat Platz, wenn es in irgendeiner Weise auf das Thema Bezug nimmt.

Ich freue mich auf Ihre Antworten und Zusendungen!

Tom Levold
Herausgeber systemagazin

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2 Kommentare

  1. Die Wiedervereinigung – Ein systemisches Wunder?

    Ewald Johannes Brunner

    Tom Levolds Idee, im diesjährigen Adventskalender das 30jährige
    Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung zu reflektieren, halte
    ich für höchst angebracht. Vermutlich kommt da eine ganze Reihe
    von hochinteressanten Texten zusammen.

    Zwei komplett divergierende Staatsgebilde zu einem System zusammen-
    zubringen ist wahrlich ein gewagtes Unternehmen. Aus systemischer
    Sicht waren die (alte) Bundesrepublik und die DDR sehr schwierig zu
    vernetzen, ein Prozess, der ja bis heute andauert. Von dieser Prämisse
    aus grenzt es gelegentlich schon an Wunder, dass im administrativen
    Bereich die Systemgrenzen zum größten Teil überwunden sind. (Dass
    es im KleinKlein auch immer wieder klemmt, welchen Systemiker wird
    das wundern.)

    Ich schreibe aus persönlicher Erfahrung: Als Wessi wurde ich auf einen
    Lehrstuhl an der Universität Jena berufen, wo ich bis zu meiner Pensio-
    nierung tätig war. Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich durch meine
    Herkunft durchaus auch gelegentlich befangen war. Nur: Wenn ein Bewusstsein
    besteht sowohl bei den Wessis als auch bei den Ossis, dass die Wiedervereinigung
    zu differenzierten Systemveränderungen führt, die nicht ignoriert werden können,
    dann ist dies schon die halbe Miete (und man braucht nicht in den Chor der
    Verzweifelten einstimmen, dass das System West und das System Ost noch nicht
    perfekt zu einem neuen System zusammengewachsen ist).

  2. Lieber Tom Levold,
    Dein Newsletter ist jedesmal eine wunderbare Erinnerung an wichtige Dinge, die ich sonst durch Alltagsroutine verpasse…. Selbst dieses wichtige Datum wäre dieses Jahr unterm Radar verschwunden.
    Also vielen Dank zu aller erst für die Erinnerung.
    Ich habe eine kleine Geschichte zu erzählen, die letztendlich kaum etwas mit der Öffnung der deutsch-deutschen Grenze zu tun hat, aber eine nette Anekdote aus dieser Zeit ist.

    Ich bin in der DDR aufgewachsen. Zur Grenzöffnung war ich 22 Jahre, habe als Ingenieurin der Chemie (damals gab es ein 3-jähriges Fachschulstudium was man entweder mit Abitur oder mit einem passenden Berufsabschluss belegen konnte) in der Mikroelektronik-Forschung gearbeitet.
    Am 9.11.89 war ich in Guben, damals noch Wilhelm-Pick-Stadt Guben, eine Freundin besuchen, mit der ich gemeinsam die Chemielaborantin-Ausbildung Anfang der 80er absolviert hatte.
    Ich hatte Fernsehen geschaut und war sicher etwas Surreales gesehen zu haben. Da gab es Berichte von der Öffnung der Mauer. Als am Nachmittag meine Freundin von der Arbeit nach Hause kam, erzählte sie mir das Gleiche, das war natürlich das Thema auf Arbeit gewesen. Das war unglaublich… Aber wie schon bei Alice im Wunderland soll man an jedem Tag etwas Unglaubliches glauben. Das haben wir versucht.

    Da wir nicht in Berlin waren, sondern in Guben, dachten wir uns, wenn die Mauer auf ist, können wir doch einfach mal nach Polen rüber… Die Idee kam so spontan und wir dachten, dass dies toll sein würde, endlich mal Gubin sehen….
    Seit ca. 1980 (vielleicht ein bis zwei Jahre später) war die Grenze zu Polen wegen der Aufstände in der Bevölkerung geschlossen gewesen. Guben war eine geteilte Stadt, damals -in meiner Lehrzeit in den 80ern- war dies durch Grenzpolizei und den allgegenwärtigen Schlagbaum in der Stadt deutlich. Man konnte direkt in die polnische Stadt Gubin einsehen. Ich erinnere mich noch, dass ich zu Lehr-Zeiten gern in den Schallplatten-Laden gegangen bin, der direkt neben dem Schlagbaum war. Da bekam man mitunter Wünsche, von “unter dem Ladentisch” hervorgezauberten tollen Vinyls, erfüllt. Ich glaube die Amiga-LP von Simon & Garfunkel habe ich dort gekauft…. Naja, jedenfalls dachten wir, dass wenn die Mauer geöffnet ist auch die anderen Grenzen offen sein mussten. Das war, im Rückblick, natürlich naiv.
    Wir kamen also zum Schlagbaum und baten um Durchlass, weil ja die Mauer/ Grenze offen war. Die (deutschen) Grenz-Posten schauten uns ungläubig an und verstanden nichts von dem was wir wollten. Wir haben uns zusammen in eine kleine Diskussion verwickelt, die Grenzposten waren verwirrt aber nach Polen durften wir nicht. Das war enttäuschend. Den Rest des Abends haben wir vorm Fernseher staunend verbracht…

    Die Anfangszeit nach der Wende hatte etwas Faszinierendes und zugleich Abstoßendes.
    Man konnte plötzlich aus (mehr oder weniger) allen Zwängen heraus, konnte ausprobieren, neue Wege gehen. Aber wenn ich im Fernsehen die Leute in den Zügen Richtung Westen wegen der 100 Mark sah, wie sie noch auf überfüllte Züge aufsprangen, ihre Kinder im Stich ließen… war ich von den Menschen enttäuscht… wie schnell die ganzen “Rattenfänger” im Land waren, war auch erstaunlich und abstoßend.

    Aber alles -wirklich alles 😉 – hat seine guten Seiten. Für mich war das der Ausstieg aus der Chemie und der Einstieg in psycho-soziale Arbeit. Tolle Bekanntschaften weltweit und im eigenen Land machten es mir möglich neue Träume zu verfolgen und Realität werden zu lassen. Das habe ich dieser Zeit und den Menschen dieser Zeit zu verdanken.

    Viele Grüße
    Anne Lorenz

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