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Online-Journal für systemische Entwicklungen

1968, die Sicht von oben und das Leben eines Fünfmarkstücks

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Dass die Türe zum systemischen Denken nicht nur von ausgewiesenen Systemikern, sondern auch in ganz anderen Zusammenhängen – und viel früher – aufgestoßen werden kann, beweist systemagazin-Leserin Lisa Reelsen in ihrem schönen Beitrag im heutigen Kalendertürchen:

“Ja, sie war´s. Ich glaube, sie war´s. Sie muss es gewesen sein! Ich bin mir sicher! Sie war die Person – nach der ja gefragt war – die mir wohl einen ersten Eindruck von systemischem Denken und Handeln vermittelt hat. Aber wann ist man schon sicher?
Eine Weile habe ich nachgedacht, ob ich dem diesjährigen Schreibimpuls für einen Beitrag zum Adventskalender im systemagazin würde nachgehen können. Es fielen mir viele wichtige Menschen und Begegnungen ein. Es können auch die Kunst und einige ihrer Vertreter gewesen sein, die mich immer wieder lehren und erfahren lassen, dass Umdenken notwendig ist, um Menschen, Dinge und Sachverhalte besser verstehen zu können. Auch viele gelesene Bücher waren inspirierend und ich kann mich auch daran erinnern, wer mir das ein oder andere Buch empfohlen hat. Meine Freundin aus Kindertagen, die nun Kinder- und Jugendpsychiaterin ist? Ganz sicher! Oder war es mein alter Studienfreund, der Psychologe ist und mir seinerzeit die Ausbildung zur systemischen Beraterin mit den guten Lehrtherapeuten im WISL empfahl? Ja, der auch! Außerdem war er es, der mir die bundesweite Tagung mit dem Thema „Die Schule neu erfinden“ empfohlen hatte, die im März 1996 in Heidelberg stattfand. Es ging um eine systemisch-konstruktivistische Annäherung an Schule und Pädagogik. Ich kann mich an Menschen und Vorträge erinnern, die mich beeindruckt haben. Heinz von  Foerster war wohl anwesend. Ernst von Glasersfeld auch? Da fängt es schon an mit den Erinnerungslücken. Auf jeden Fall war das für mich ein deutlicher Auftakt, mich mit systemischen Überlegungen und einer systemischen Betrachtungsweise auf die Schule, die Pädagogik und später auch auf die Lehrerbildung zu beschäftigen und mich mit dem „Unterricht als eine Konstruktion“ auseinander zu setzen. Aber wann fing es genau an?
Ich gehe noch einen Schritt weiter zurück in meiner Erinnerung. Denn sie war´s doch, denke ich, meine Grundschullehrerin im dritten Schuljahr! Nach meiner Einschulung 1966 in eine katholische Volksschule in einem kleinen Dorf bei Paderborn erlebte ich dort zunächst keine schönen Jahre. Die relativ alten Lehrer damals versuchten ihr Bestes, unterstelle ich ihnen mal, doch der Unterricht lief ausschließlich frontal ab, er bestand zu großen Teilen aus Abschreiben, im Chor lesen und Päckchen rechnen. Er blieb leider auch nicht frei von Demütigungen und Schmerzen, verursacht von „ausgerutschten Händen“. Außerdem erlebte ich den Unterricht meist als sehr langweilig und so kam ich auf allerhand „dummes Zeugs“, wie man sich die Zeit in der Schule dennoch irgendwie interessant gestalten konnte. Auf manche Lehrer wirkte ich vermutlich sehr anstrengend. Doch meist blieb ich angepasst und relativ brav.
1968 kam SIE, eine sehr junge, braungebrannte neue Lehrerin mit dunklen Haaren. Sie war vielleicht 20 Jahre alt, wohl noch in der Ausbildung, ja so wird es gewesen sein, denn oft saß der damalige Rektor mit im Unterricht. Sie strahlte uns an und fragte jeden einzelnen von uns nach seinem Namen. Ich fühlte mich das erste Mal in der Schule einfach direkt gesehen. Sie sorgte wohl in der Volksschule unseres kleinen Dorfes mit 1500 Einwohnern für kleine Revolutionen in der Unterrichtsführung, zumindest in dem von mir bis dahin so erlebten Unterricht. So peppte sie z.B. den Religionsunterricht mit Dias von ihrer Reise durch Israel auf, die sie uns nun zeigte. Dazu erzählte sie interessante Geschichten. Begeistert lauschte ich ihren Worten und die Bilder sorgten für Fernweh. Sie wohnte auch nicht im Dorf und fuhr täglich mit einem weißen VW Käfer vor die Schule. Manchmal nahm sie mich verbotenerweise mit. Ich wohnte etwas am Rande des Dorfes, der Heimweg ging bergauf und ich war stolz mitfahren zu dürfen.
Irgendwann fand sie wohl im Schulgebäude einen alten großen quadratischen Sandkastentisch auf Rollen, den sie etwas entstaubt hatte und eines Tages mitten ins Klassenzimmer schob. Tische und Stühle wurden an den Rand gestellt. Jedem gab sie ein kleines Holzhäuschen in die Hand, von der Sorte wie sie in Monopoly-Spielen zu finden sind. Ihr gestellter Arbeitsauftrag dazu lautete: „Stellt euch vor, der Kasten ist unser Dorf. Nun stellt jeder sein markiertes Häuschen an den Platz, wo er glaubt, dass das Haus steht, in dem er wohnt.“ Es gab Nachfragen, wie das denn gehe. Und sie sagte: „Stell dir vor, du bist ein Vogel und schaust von oben auf unser Dorf. Wo wohnst du denn nun? Kannst du das Haus sehen, in dem du wohnst? Stelle das Holzhäuschen an den Platz.“
Puh, wir waren mehr als 30 Kinder in der Klasse und es gab ein Gerangel, es wurde laut. Jeder wollte seinen Platz finden in dem großen Kasten. Sie ließ uns machen, reden, begründen, streiten und einigen, wo was zu stehen habe. Zum Schluss standen alle Häuser irgendwie irgendwo. Sie ließ sie so stehen. Erst am nächsten Tag ging es weiter. Wir lernten, dass Distanzen relativ sind, wir begriffen langsam die Himmelsrichtungen. Wir erfuhren die Notwendigkeit von Einigung auf etwas zur besseren Verständigung. Wir erlebten die veränderte Sichtweise von oben sowie den zeitlichen Abstand eines Tages, der den Streit weniger wichtig erscheinen ließ, etc. etc.
Heute könnte man sagen, das war ein genialer, an die Lebenswelt der Schüler/innen anknüpfender Einstieg in eine Unterrichtseinheit zur Kartenarbeit im Heimatunterricht, der schnell alle Schüler/innen aktiv werden ließ, in dem selbstentdeckendes Lernen ermöglicht wurde unter Berücksichtigung von Elementen des Kooperativen Lernens usw. oder so ähnlich. Auf jeden Fall sorgte er für diese intensive Erinnerung und Nachhaltigkeit, zumindest bei mir mit der eigentlich banal erscheinenden Erkenntnis:  Veränderungen von Sichtweisen führen oft zu Lösungen. Wenn ich an meinen mangelnden Orientierungssinn denke und an den unerschütterlichen Glauben an mein Navigationsgerät im Auto, muss ich allerdings schmunzeln. Es lässt mich aber auch lächeln bei dem Gedanken daran, dass ich schon oft das schöne Sternenbild der Südhalbkugel der Erde bestaunen durfte, welches sich anders präsentiert als das mir bis vor vielen Jahren bekannte.
In dem gleichen legendären Jahr 1968, in dem ich eben erst 8 Jahre alt war und von den politischen Entwicklungen nichts mitbekam, sorgte diese tolle Lehrerin, die wir „Frollein Rochell“ nannten, für eine ebenso nachhaltige Erfahrung im Deutschunterricht.  Sie forderte uns auf, eine Geschichte zu schreiben. Neben den langweiligen bis dahin anzufertigenden Aufsätzen mit eindeutigen einzuhaltenden textsortenspezifischen Kriterien (Rezepte schreiben, Erlebniserzählung mit Einleitung, Hauptteil, Schluss u.a.) hatte der folgende Schreibauftrag seinen besonderen Reiz. Das gestellte Thema lautete: „Aus dem Tag eines Fünfmarkstücks“. Ich weiß noch, ich fragte nach: „Wie geht das?“ Frollein Rochell meinte: „Na, du bist das Fünfmarkstück. Schreib auf, was du so an einem Tag erlebst“.
Und ich schrieb und schrieb, seitenweise und aus der Ich – Perspektive. Es machte unbändigen Spaß, mich in dieses Geldstück hineinzuversetzen und ich erzählte fast sein halbes Leben. Nun gut, es landete sogar in Kalkutta, das weiß ich noch. Zur gleichen Zeit las ich nämlich ein Kinderbuch, dessen Geschichte in Kalkutta spielte. Der Name der Stadt klang für mich nach der
großen weiten Welt. Die Autorin des Kinderbuches kam jedoch auch direkt mit erhobenem Zeigefinger daher. Wir sollten ja – vor allen Dingen beim Essen – oft an die armen Kinder auf der Welt denken, es gelang mir und meinen Mitschüler/innen aber nur wenig. Ob es das Fünfmarkstück geschafft hat, weiß ich nicht mehr.
Heute wäre der Schreibauftrag von damals dem Konzept des Kreativen Schreibens zuzurechnen, das sich u.a. den vielbeachteten Aspekten von Kaspar Spinner verpflichtet sieht, nämlich der Irritation, der Imagination und der Expression. Allerhand Kompetenzen können dadurch angebahnt werden. Herausfordernd war die Aufgabe, spannend und vermutlich für mich das erste Mal ein Anlass, mich in etwas hineinzuversetzen und deutlich die Perspektive zu wechseln.
Das Fünfmarkstück hat nun ausgedient, darf irgendwo auf seine alten Tage rumliegen und sich ausruhen. Vielleicht ist es auch eingeschmolzen worden und wieder als etwas anderes im Umlauf. 1968 führte die Aufforderung, die Perspektive zu wechseln, bei mir zu einer erhöhten Schreibmotivation, heute in meiner Arbeit meist zu unerwarteten interessanten Lösungen.
Frollein Rochell, die unsere Ressourcen, die wir als Kinder hatten, im durchgängig wertschätzenden Umgang mit uns so geschickt hervorlockte, verließ die Schule und uns – so habe ich es traurig erlebt – nach gut einem Jahr, heiratete, zog nur ins Nachbardorf, war jedoch dann für uns unendlich weit weg. Ich traf meine damalige Lehrerin, die nun anders heißt, tatsächlich zufällig nach 40 Jahren vor genau drei Jahren ausgerechnet bei der Beerdigung eines Menschen, der uns beiden wichtig war, in meinem Heimatdorf wieder. Wir erkannten uns und es freute uns beide. Es war nicht der richtige Ort, nicht die richtige Zeit und nicht der richtige Raum für ein längeres Gespräch. Auf jeden Fall konnte ich ihr bei dieser Gelegenheit persönlich danken.
Ja, sie war´s!”

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